readme.txt: “Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht”
Lesen, Schreiben und Publizieren sind die Essenz von „Geisteswissenschaften als Beruf“. In der Rubrik readme.txt stellen wir die Publikationen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Max Weber Stiftung vor. Vier kurze Fragen und Antworten machen Lust aufs Lesen!
In dieser Folge beantwortet Matthias Uhl vier Fragen zu seinem Buch “Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht”.
Welche Frage kann der Leser, die Leserin Ihres Buches nach der Lektüre beantworten?
Seit dem Angriff auf die Ukraine prägt die Angst vor einem militärisch übermächtigen Russland die politische Debatte in Europa. Immer wieder ist von einer unaufhaltsamen Militärmaschine die Rede, die auch für die NATO zur Bedrohung werden könnte. Das Buch unterzieht deshalb die militärische Leistungsfähigkeit Russlands einem Realitätscheck. Es analysiert dafür die Stärken, Schwächen und strukturellen Probleme der russischen Streitkräfte und ihrer Rüstungsindustrie. Dabei zeigt sich: Das verbreitete Bild von einer unbezwingbaren russischen Armee hält einer genaueren Prüfung nicht immer stand. Es zeigt sich, wie leicht Propaganda, Fehlwahrnehmungen und vereinfachte Narrative die Wahrnehmung militärischer Stärke verzerren können.
Wer der russischen Aggression wirksam begegnen will, muss nicht nur die Stärken, sondern vor allem auch die Schwächen von Putins Streitmacht genau kennen. Nur eine realistische Einschätzung der militärischen Fähigkeiten Russlands ermöglicht es, die fatalen Folgen einer Rüstungsspirale zu vermeiden. Westeuropa und die USA haben den Kalten Krieg gerade deshalb gewonnen, weil sie ihre Länder nicht in Militärlager verwandelten. Wir sollten nicht versuchen, quantitativ mit Russland mitzuhalten, sondern auf unsere technische Überlegenheit und Innovationskraft setzen.

Was war die überraschendste Erkenntnis oder der verblüffendste Fund im Entstehungsprozess des Buches?
Erschüttert hat vor allem die Gewalt der russischen Militärführung gegenüber den eigenen Soldaten. Hier ist die sogenannte „Obnulenie“, also die Praxis, missliebige Soldaten auf Missionen zu schicken, von denen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zurückkehren werden, eine völlig neue Erscheinung. In meinem Buch beschreibe ich beispielsweise einen prominenten Fall, der sich im Herbst 2024 zugetragen hat. Es ging um zwei Oberstleutnante mit den Tarnnamen „Ernst“ und „Gudwin“, die ihren Regimentskommandeur beschuldigten, Hilfsgüter zu verschieben und in der Einheit einen Drogenhandel aufgebaut zu haben. Beide wurden daraufhin vom Kommandeur zur Sturminfanterie versetzt. Am nächsten Tag sind sie von einer ukrainischen Drohne getötet worden. Nach Bekanntwerden des Falls kündigte der russische Verteidigungsminister Andrej Beloussow eine umfassende Untersuchung des Vorgangs an. Doch wie nicht selten bei derartigen öffentlichen Ankündigungen geschah einfach nichts.
Frappierend ist zudem, wie wenig Zeit das russische Militär für die Ausbildung der für den Krieg gegen hohe Geldsummen angeworbenen Soldaten aufwendet. Ich habe den Fall eines Rekruten gefunden, der am 9. Januar 2026 eingezogen wurde und bereits am 18. Januar an der Front ums Leben gekommen war. Er hatte vor seinem ersten Einsatz ein militärisches Training von weniger als einer Woche bekommen. Was kann man in dieser kurzen Zeit lernen? Das zeigt, wie egal der Militärführung Russlands Menschenleben sind.
In der Ukraine hingegen werden die Soldaten 51 Tage auf ihren Einsatz an der Front vorbereitet, weil das ukrainische Oberkommando erkannt hatte, dass sich so die Überlebenschancen der Rekruten erhöhen, indem sie mehr Wissen darüber erhalten, wie man sich u. a. bei Drohnenangriffen verhält oder sich bei einer Verwundung medizinisch selbst notdürftig versorgt.
Von welchem Autor, welcher Autorin würden Sie sich ein Vorwort wünschen?
Diese Frage lässt sich relativ leicht beantworten. Für ein Vorwort wäre der österreichische Historiker und Offizier des Bundesheeres, Oberst Dr. Markus Reisner, mein Wunschkandidat. Er informiert seit 2022 kontinuierlich über den Krieg in der Ukraine und besticht durch seine kompetenten Analysen.
Welche drei Hashtags fassen Ihr Buch am besten zusammen?
#Ukrainekrieg, #russische Streitkräfte, #russische Rüstungsindustrie
Uhl, Matthias: “Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht”, Freiburg 2026.
Matthias Uhl ist seit 2024 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max Weber Netzwerk Osteuropa.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Max Weber Stiftung (3. Juli 2026). readme.txt: “Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht” [gab_log] Geisteswissenschaft als Beruf. Abgerufen am 18. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16iah

