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readme.txt: “Kriegskindheiten im besetzten Belarus (1941–1944): Erfahrungen, Erinnerungen, Folgen“

Lesen, Schreiben und Publizieren sind die Essenz von „Geisteswissenschaften als Beruf“. In der Rubrik readme.txt stellen wir die Publikationen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Max Weber Stiftung vor. Vier kurze Fragen und Antworten machen Lust aufs Lesen!

In dieser Folge beantwortet Yuliya von Saal vier Fragen zu ihrem Buch “Kriegskindheiten im besetzten Belarus (1941-1944): Erfahrungen, Erinnerungen, Folgen”.

Welche Frage kann der Leser Ihres Buches nach der Lektüre beantworten?

Das Buch thematisiert die sich wandelnde NS-Politik gegenüber Kindern und Jugendlichen in der besetzten BSSR (1941-1944) und zeigt die überraschend vielfältigen Kriegserfahrungen von sowjetischen Kindern unter Besatzung und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Lektüre des Buches hilft zu verstehen, dass Minderjährige keineswegs nur eine randständige Opfergruppe des NS-Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion waren. Je nach Alter, Geschlecht und NS-„Rassenhierarchie“ partizipierten Kinder am Kriegsgeschehen. Kinder wurden früh erwachsen, sie entdeckten Handlungsspielräume und entwickelten Überlebensstrategien, über die Erwachsenen oft nicht verfügten. Zugleich demonstriert das Buch, dass es keine homogene sowjetische Kriegskindheit gab, da Erfahrungen der Kinder je nach Raum und Zeit sehr unterschiedlich waren. Während einzelne Kinder in den westlichen zivilverwalteten Landesabschnitten noch im letzten Jahr der Besatzung 1944 Schulen besuchten oder an einem „Weißruthenischen Jugendwerk“ partizipierten, waren Kinder desselben Alters in den östlichen Gebieten den schlimmsten Kriegsverbrechen der sich zurückziehenden Wehrmacht ausgesetzt. Das Buch zeigt außerdem, wie wichtig es ist, Kinder als Subjekte mit eigenen Verhaltensweisen in unser Verständnis von Vergangenheit zu integrieren.

Buchcover mit dem Titel „Kriegskindheiten im besetzten Belarus 1941–1944“ von Yuliya von Saal. Darunter steht der Untertitel „Erfahrungen – Erinnerungen – Folgen“. Im unteren Teil zeigt ein historisches Schwarz-Weiß-Foto mehrere Kinder in einem offenen Auto; eines trägt eine große Schirmmütze.

Was war die überraschendste Erkenntnis oder der verblüffendste Fund im Entstehungsprozess des Buches?

Zum einen wurde meine Vorstellung davon revidiert, dass Kinder im Unterschied zu Erwachsenen kaum Quellen hinterlassen und das Schreiben ihrer Geschichte deshalb kaum möglich und zumindest mit großen Herausforderungen verbunden ist. Kinder produzieren keine ministeriellen Akten, sie führen keine Verhandlungen und in der Regel nur selten Tagebücher oder Korrespondenzen. Daraus die Schlussfolgerung abzuleiten, es sei deshalb kaum möglich eine Geschichte der Kindheit zu schreiben, hat sich jedoch als falsch erwiesen. Ich habe zu meiner eigenen Überraschung viele Quellen von Kindern und über Kinder zusammentragen können.

Zum anderen war die herausgearbeitete agency der Kinder, d.h. deren Akteursschaft, für mich überraschend. Kinder erwiesen sich in manchen Kriegssituationen sogar handlungsfähiger als die Erwachsenen. Kinder verfügten über andere Ressourcen als deren Eltern, waren viel flexibler in der Weltwahrnehmung und daher auch anpassungsfähiger. Selbst die zum Tode verurteilten jüdischen Kinder erwiesen sich oft nicht nur handlungsfähiger als ihre Eltern, sondern konnten sogar ihre kranken Mütter und Geschwister als Versorgende am Leben erhalten. Die flexible Identität der Kinder, ihre Anpassungsfähigkeit, ihre Schlagfertigkeit und oft Frechheit, aber auch ihre hohe Verletzlichkeit, die sie auszunutzen wussten, waren hierfür zentrale Ressourcen.

Von welchem Autor, welcher Autorin würden Sie sich ein Vorwort wünschen?

Vielleicht von Swetlana Alexijewitsch, einer belarusischen Schriftstellerin, die als eine der ersten im russischsprachigen Raum von Kriegskindern als „Letzten Zeugen“ in ihrem gleichnamigen Werk geschrieben hat. Dieses Buch stand gewissermaßen am Anfang meiner Forschung und hat mein Interesse für das Thema geweckt.

Welche drei Hashtags fassen Ihr Buch am besten zusammen?

Es ist kaum möglich in drei Begriffen das Buch zusammenzufassen. #Kriegskindheiten steht definitiv an erster Stelle. + #NS-Besatzung und #Sowjetunion.


von Saal, Yuliya: “Kriegskindheiten im besetzten Belarus 1941-1944: Erfahrungen, Erinnerungen, Folgen”, Wien/Köln 2026

Yuliya von Saal ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Zeitgeschichte in München und war Feldman Fellowship-Stipendiatin der Max Weber Stiftung.

Max Weber Stiftung
Max Weber Stiftung
The Max Weber Foundation promotes global research, focused on the areas of social sciences, cultural studies and the humanities. Our… Weiterlesen

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Max Weber Stiftung (9. Juni 2026). readme.txt: “Kriegskindheiten im besetzten Belarus (1941–1944): Erfahrungen, Erinnerungen, Folgen“. [gab_log] Geisteswissenschaft als Beruf. Abgerufen am 19. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16d8u


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