Menschen meiner Generation pflegen die Achtzigerjahre zu glorifizieren: Es ist die Zeit, in der wir aufwuchsen, das Jahrzehnt, in dem Hollywood Film als pures Entertainment perfektionierte. Aber damit nahmen ja auch viele Probleme, mit denen sich Filmseher heute herumschlagen müssen, ihren Anfang: Film als Marke, als Franchise, als Trigger für Merchandising-Verkäufe, Sequels, Remakes, Reboots, Computerspiel-, Comic- und Serienverfilmungen ohne Ende in Sicht. Als Gegenentwurf, ja geradezu als real gelebte Utopie werden demgegenüber die Siebziger verklärt, die Zeit des New Hollywood, als die Studios in einer kurzen Phase der Orientierungs- und Ratlosigkeit begannen, anspruchsvolle, mutige und erwachsene Filme zu produzieren, die dann auch noch auf ein interessiertes Publikum stießen. Für viele sind die Siebzigerjahre schlicht das beste amerikanische Filmjahrzehnt, doch bei all der Verehrung, die seine geliebtesten Exponate hervorrufen, wird oft vergessen (oder geflissentlich verschwiegen), dass es auch eine Kehrseite zum großzügig subventionierten künstlerischen Ausdruck gab: Für jeden BRING ME THE HEAD OF ALFREDO GARCIA erschien garantiert ein mit derangierten Altstars zugepflasterter Katastrophenfilm aus Irwin Allens „Erfolgsschmiede“. Und bekanntermaßen legten dann ausgerechnet einige der wichtigsten Protagonisten des New Hollywood auch den Keim für das im Folgejahrzehnt zur vollen Blüte reifenden Eventkino.
Was für ein rückblickend seltsames Jahrzehnt die Siebzigerjahre für Hollywood waren, kann man sehr gut an diesem Film erkennen. 99 AND 44/100% DEAD: Nur damals konnte dieser absolut unaussprechliche, beinahe wortlose, monströs klobige Titel durchgewunken werden (es handelt sich um einen leicht abgewandelten Werbeslogan für Procter & Gambles Ivory Soap). In Deutschland entschied man sich für eine griffigere Variante und nannte den Film in einem Anfall von Witzischkeit KÖNIG BALLERMANN, was ziemlich scheußlich, aber immerhin unfallfrei aussprechbar ist. Aber dieser ostentativ nichtssagende Originaltitel passt durchaus zum Film, der kaum weniger merkwürdig und neben der Spur ist. Angeblich ahnte Regisseur Frankenheimer schon während des Drehs, dass er hier einen kapitalen Flop zu seinen Händen hatte: „I hated that picture while I was working on it. I knew a third of the way into it that we were in trouble. That is the worst experience that anyone could have“ Und auf die Frage, warum er das Projekt überhaupt angenommen hatte: „I don’t know. I guess I just wanted the work. I never really had a grip on that film. I didn’t know what the hell it was. I knew it wasn’t a comedy. i guess I thought it was a parody.“ Tja, wenn es nicht einmal der Regisseur weiß …
99 AND 44/100% DEAD beginnt mit der Titlesequenz und Grafiken, die deutlich an das Werk Roy Lichtensteins erinnern: ein erster Hinweis auf die Künstlichkeit des Folgenden. Expressiv geht es dann weiter: Ein paar Gangster – mit schwarzen Anzügen und schwarzen Hüten bekleidet – versenken einen armen Tropf mit Betonschuhen in einem Hafenbecken. Während der Voice-over des Protagonisten Harry Crown (Richard Harris) von den unzähligen Opfern des organisierten Verbrechens spricht, die auf dem Grund des Hafens liegen, fängt die Kamera das gleichermaßen unheimliche wie irgendwie anmutige Bild dieser aufgedunsenen, bleichen Körper ein, die da vom Wasser hin- und hergeschaukelt und von der einfallenden Sonne in ein geradezu mystisches Licht getaucht werden, dazu muntere Pianomusik, wie man sie in einem Speakeasy der Dreißigerjahre hören konnte. Danach geht die Geschichte los: Crown wird vom Mafiaboss Onkel Frank (Edmond O’Brien) gerufen, um ihm im Kampf gegen seinen Rivalen Big Eddie (Bradford Dillman) beizustehen. Für beide sei die Stadt zu klein, sagt Frank. Eine ziemlich gewöhnliche Mafiageschichte eigentlich, aber was Frankenheimer nach dem Drehbuch von Robert Dillon daraus macht, ist ebenso kurios wie schwer zu beschreiben.
Harris spielt seinen Killer als weltgewandten, modebewussten Gentleman, der immer dann gerufen wird, wenn es hart auf hart kommt. Während er den Kampf mit den Killern Big Eddies aufnimmt – unter ihnen der einhändige Claw Zuckermann (Chuck Connors), der auf seiner Prothese zahlreiche Folterinstrumente installieren kann -, lässt er die Liebesbeziehung zu seiner Ex-Freundin Buffy (Ann Turkel) wiederaufleben. Es gibt Schießereien, Verfolgungsjagden, Explosionen und mit der Prostituierten Dolly (Constance Ford) eine weitere Frau, die immer wieder in missliche Situationen gerät, aus denen sie von Harry und seinem Sidekick Tony (Zooey Hall) befreit werden muss. Alles nicht weiter ungewöhnlich, aber der Tonfall, mit dem diese Geschichte erzählt wird, sorgt für Verwunderung bis Schluckauf. Einmal flüchten Harry und Tony durch die Kanalisation, in der die aus zahlreichen Urban Legends bekannten Alligatoren leben, die irgendwelche Eltern im Klo heruntergespült haben, als die possierlichen Mitbringsel zu groß wurden. Eines trägt sogar noch seine Geschenkaufschrift: „Souvenir from Florida“. Dann ist da als Höhepunkt der Sonderbarkeit Big Eddie, den Bradford Dillman angeblich nach seinem damals noch im Kleinkinderalter befindlichen Sohn modellierte. Eddie zieht ständig alberne Grimassen, lacht affektiert oder heult wie ein Baby, wenn er das Zeitliche segnet: Ein totaler Psychopath, bei dem man sich fragt, wie er an die Spitze einer erfolgreichen Organisation gelangen konnte.
99 AND 44/100% DEAD ist seiner Zeit einerseits weit voraus: Er nimmt die Ironie der Neunzigerjahre, das Pastiche aus popkulturellen Versatzstücken und Zitaten, das etwa Tarantinos Filme kennzeichnet, vorweg, verbindet dies andererseits aber mit der damals noch sehr lebendigen Hardboiled- und Crime-Kultur. In den Sechzigerjahren hatten sich Don Siegel mit THE KILLERS und John Boorman mit POINT BLANK in ähnliche Gefilde begeben, ohne dass ihre Filme dabei jedoch diesen fast parodistischen, comichaften Zug angenommen hätten. Aber 99 AND 44/100% DEAD ist auch nicht wirklich komisch oder gar lustig, lediglich skurril und offbeat. Mike Hodges PULP bietet sich vielleicht zum Vergleich an, aber der war eine echte Komödie. Den Protagonisten von 99 AND 44/100% DEAD ist hingegen gar nicht zum Lachen zumute und dem Zuschauer auch nicht. Töten und Sterben ist immer noch ein höchst schmutziges Geschäft und mit echten Schmerzen verbunden. Frankenheimer etabliert ein krasses Missverhältnis von Innen- und Außenperspektive: Der Zuschauer wird durch die zahlreichen bizarren Verfremdungseffekte auf Distanz gehalten, es fällt schwer, die Welt des Films für bare Münze zu nehmen. Aber die Figuren bekommen nicht mit, dass sie sich in einer Kunstwelt bewegen, für sie ist das alles grausame Realität, egal wie unwahrscheinlich sich diese darstellt. 99 AND 44/100% DEAD ist so fucking seltsam, weil er für eine Komödie unfassbar trostlos und grausam ist, ohne echte Sympathie für seine Charaktere, ohne ihnen eine Chance auf Erlösung zu gewähren. Frankenheimer hat etliche bessere Filme gedreht, aber wahrscheinlich keinen, der so singulär ist, wie dieser.
Der „Lawman“ ist Jared Maddox (Burt Lancaster) und er reitet auf seinem Pferd zielstrebig und unaufhaltsam in dem Westernnest Sabbath ein. Die Leute beäugen den Fremden, der zudem einen Toten mit sich führt, misstrauisch, wie sie das in solchen Orten immer zu tun pflegen. Er registriert es, aber er stört sich nicht weiter daran, lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen und strahlt eine stoische Ruhe aus. In genau abgemessenen Schritten betritt das Büro von Sheriff Cotton Ryan (Robert Ryan) und bittet ihn in klaren, unmissverständlichen Sätzen um Mithilfe: Im Örtchen Bannock haben ein paar betrunkene Cowboys auf der Durchreise für einen Tumult gesorgt, bei dem ein Mann ums Leben gekommen ist. Die Verantwortlichen wurden identifiziert und sollen nun vor Gericht aussagen. Er ist gekommen, um sie fest- und mitzunehmen. Es soll keine Vorverurteilungen geben, die Männer erwartet ein fairer Prozess, kein Lynchmob. Aber wenn sie sich dem Haftbefehl verweigern, müssen sie mit den Konsequenzen rechnen. Wie er das sagt, weiß man, dass es keine leere Drohung ist, keine aufgesetzte Pose einer bloß behaupteten Stärke. Auch Ryan weiß das. Aber eben auch, dass Maddox seinen Willen so einfach nicht bekommen wird. Einer der Gesuchten ist der Großgrundbesitzer Vince Bronson (Lee J. Cobb), dem nahezu die ganze Stadt ihre Existenz verdankt. Und die Männer, die er um sich geschart hat, sind ebenso loyal wie zupackend …
Gestern ist Bud Spencer gestorben. Ich erfuhr davon unmittelbar nach der Fußballübertragung und war glücklicherweise schon ein wenig angeschickert, sodass mich die Nachricht nicht mehr mit voller Wucht traf. Ich habe Angst gehabt vor diesem Tag, weil mir klar war, dass der Tod von Bud wie kein zweiter das endgültige Ende von Kindheit und Jugend signalisieren würde. Spencer hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Fotos von ihm in der BRAVO meines Onkels machten mich zum Fan, noch bevor ich einen Film von ihm gesehen hatte, sein 
Obwohl Michael Winner Ende der Achzigerjahre noch einige prestigeträchtige Filme gedreht hatte – die Agatha-Christie-Verfilmung APPOINTMENT WITH DEATH mit Peter Ustinov in der Rolle des Meisterdetektivs Hercule Poirot sowie den mit Jeremy Irons und Anthony Hopkins hochkarätig besetzten A CHORUS OF DISAPPROVAL -, war seine große Zeit fraglos vorbei. Mehr noch: Sein Output in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren hatte seinen in den Sechzigern erworbenen Ruf als „Wunderkind“ des britischen Kinos mehr oder weniger zerstört (wenn auch gewiss nicht zu seinem finanziellen Nachteil), spätestens mit dem grellen Exploiter
NIGHT OF THE LEPUS wird gern herangezogen, wenn es um die absurden Auswüchse des Horrorfilms im Allgemeinen und die des Tierhorrors im Speziellen geht. Ein Film über mörderische Kaninchen – geht’s noch bescheuerter? Tatsächlich ist NIGHT OF THE LEPUS aber gar nicht bescheuert, sondern sehr effektiv, und die Idee, die putzigen, langohrigen Nager durch Mutation zu riesenhaften, blutgierigen Bestien zu machen, ziemlich clever. Die Natur fragt einen ja nicht, was man gruselig findet, bevor sie einem in den Arsch beißt, und auch ein Kuscheltierchen kann zur tödlichen Bedrohung werden, sofern es die nötigen Zähne hat. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das der wahre Horror ist: Ein Krokodil ist schon in normaler Größe ausreichend gefährlich, ein Riesenkroko bedeutet lediglich eine quantitative Veränderung. Das Killerkaninchen ist da schon eine andere Hausnummer. Das, was wir normalerweise als niedlich-harmloses Schmusetierchen betrachten, wird plötzlich zum Monster, das uns nach dem Leben trachtet. Leider gibt es nicht allzu viele Filme, die sich dieser Idee annehmen, und wenn doch, dann handelt es sich meist um solche ironisierenden Funsplatter-Dinger wie BLACK SHEEP, die das verstörende Potenzial, das ihnen innewohnt, zugunsten blöder Scherze vergeuden.
BUG wurde produziert vom großen Showman William Castle – letzter Akt eines ereignisreichen Lebens – und handelt deshalb auch nicht von irgendwelchen Käfern, sondern – wie es der deutsche Titel in einem typischen Fall von Spielverderberei vorwegnimmt – von Feuerkäfern, also von kleinen Krabblern, die in der Lage sind Büsche und Haare, aber auch Autos und Häuser in Brand zu setzen. Schön bescheuert, aber jetzt kommt die große Überraschung: Diese Idee wird nämlich nicht etwa für einen absurden Tierhorror-/Katastrophenfilm-Quatsch ausgeschlachtet, sondern von Regisseur Jeannot Szwarc als ernstes Wissenschaftlerdrama mit deutlichen Ambitionen Richtung Psychogramm inszeniert. Das ist an sich schon wieder so kurios, dass man BUG dafür lieben muss, auch wenn der Film selbst einem leider nicht allzu viele Gründe dafür liefert.
In einer Kleinstadt in Kentucky hilft Richter Priest (Will Rogers) seit über 20 Jahren mit seiner Vernunft, gesundem Menschenverstand, Empathie und jener Altersweisheit, die ihm sagt, wann es besser ist, die Leute reden zu lassen und wegzuhören, die Harmonie zu wahren. Ein aktueller Fall birgt jedoch Sprengstoff, weil sein Konkurrent Senator Horace Maydew (Berton Churchill) die Neutralität von Priest in Frage stellt und ihn zwingt, den Platz am Pult an einen Vertreter zu übergeben. Es geht um eine Körperverletzungsfall: Bob Gillis (David Landau), ein einfacher Mann, der in der Stadt aufgrund einer Vorstrafe keinen guten Ruf genießt, verletzt den großmäuligen Barbier Flem Talley (Frank Melton), der die schöne Ellie May Gillespie (Anita Louise) beleidigt hat. Was außer Priest und Gillis niemand weiß: Ellie ist die Tochter des Angeklagten, der seine Vaterschaft stets verheimlicht hat, um sie vor Ressentiments zu schützen. Und Ellie ist auch die große Liebe von Priests Neffe Rome (Tom Brown), seinerseits frisch gebackener Anwalt, der Gillis‘ Verteidigung übernommen hat.
Es gab eine Zeit, da war ein Film von Nicolas Winding Refn für mich ein Grund zur grenzenlosen Vorfreude und mit
THE WICKED LADY war nach