Eine Reise zurück in die eigene Kindheit: Aus dem Fernsehen aufgenommen, illustrierte dieser Traum in Technicolor das imaginäre, mittelalterliche Persien, das ich aus den Märchen aus 1001 Nacht kannte. Ferne, fremde und magische Orte wie Bagdad (das man heute mit ganz anderen, weniger farbenfrohen Bildern assoziiert) und Basra erhielten plötzlich eine greifbare Gestalt, ohne dabei die eigenen, farbenfrohen Vorstellungen zu entzaubern: Vielmehr bestätigten sie mich in meiner Überzeugung, dort wüchsen prächtige, ornamental verschnörkelte Paläste in den Himmel, überschatteten Straßen, in denen das pure Leben wimmelte wie in einem Ameisenhaufen. Hinter jeder Ecke konnte dort das Abenteuer lauern, ein Händler den ersehnten fliegenden Teppich feilbieten oder vielleicht die Wunderlampe, der dann ein gutmütiger Flaschengeist entweichen würde, um einem drei Wünsche zu erfüllen. Dort konnte man ebenso der wunderschönen Prinzessin in Not begegnen wie dem finsteren Magier, dessen böser Blick ausreichte, um einen mit einem gefährlichen Fluch zu belegen.
Tatsächlich weiß ich gar nicht mehr so genau, was zuerst da war: diese Bilder eines exotischen Persiens als einem Ort der wahr gewordenen Träume, der Abenteuer und Sehnsucht oder aber THE THIEF OF BAGDAD, der als Treibstoff zur Befeuerung der eigenen Fantasie bis heute unübertroffen ist. Das Regie führende Triumvirat – laut IMDb ergänzt durch die nicht gecrediteten Alexander und Zoltan Korda sowie Wiliam Cameron Menzies – erzählt die komplexe Geschichte als nicht abreißende Abfolge prächtiger Bilder und Set Pieces. Mehr als durch einen narrativen roten Faden wird der Film durch die Vision eines Ortes zusammengehalten, an dem alles möglich ist, alles große, den Horizont erfüllende Emotion, die Grenze zwischen Realität und Traum vollkommen durchlässig. Gegenwart und Vergangenheit verschmilzen zu einem unauflöslichen Zustand der Sehnsucht: Der Film beginnt mit dem blinden Bettler Ahmad (John Justin) und seinem treuen Freund, einem klugen Hund. Doch Ahmad ist, wie er erzählt, eigentlich ein König und der Hund sein Freund Abu (Sabu), ein kleiner, tapferer Dieb. Beide fielen sie einem Fluch des bösen Magiers Jaffar (Contad Veidt) zum Opfer, der den König in den Kerker werfen ließ. Gemeinsam mit dem ebenfalls dort gefangenen Abu gelang ihm die Flucht nach Basra, wo die Liebe zuschlug: Ahmad verliebte sich unsterblich in die Prinzessin (June Duprez), auf die jedoch auch der böse Jaffar ein Auge geworfen hatte. Mit seinem Zauber geschlagen, bemühen sich die beiden Helden, erst ihre menschliche Gestalt zurückzuerlangen, die Prinzessin zu befreien, den Bösewicht zu besiegen und schließlich den Urzustand wiederherzustellen. Dabei begegnen sie einem Djinn (Rex Ingram), nehmen den Kampf mit einer Riesenspinne auf und stellen sich schließlich Jaffar und seiner Armee.
Das Wiedersehen mit THE THIEF OF BAGDAD ist mit Wehmut verbunden. Zum einen darüber, dass sich die Unschuld und Naivität, mit der ich den Filmen vor rund 30 Jahren zum ersten Mal gesehen habe, nicht lückenlos wiederherstellen lässt. Der Zauber wird durch das Wissen um die Gemachtheit des Films gemindert: Wo ich früher den mächtigen Djinn seinem Flaschengefängnis entweichen sah, sehe ich heute Doppelbelichtungen und Rückprojektionen. Größeren Schmerz bereitet aber die Gewissheit, dass es Filme wie diesen nie wieder geben wird. Die Lust an der Farbe, an Welten, die nicht den schnöden Gesetzen der Logik unterworfen sind, ist im heutigen Kino längst einem ernüchternden Zwang zum Realismus und der Authentizität gewichen. Während THE THIEF OF BAGDAD den direkten Weg zum Herzen wählt, müsste er heute den Umweg über das Hirn machen – und würde dabei genau das verlieren, was ihn auszeichnet. Andererseits sollte man diese heutige Perspektive, der man den Film unterzieht, vielleicht auch nicht überschätzen: Auch wenn seine Effekttechnik heute etwas rührend und unzulänglich anmuten mag, so war der Film zu seiner Zeit doch nicht zuletzt ein technischer Triumph. Die schiere Menge unterschiedlichster Effekttechnologie, die darin zum Einsatz kommt, macht THE THIEF OF BAGDAD zu einem Vorfahren von Kubricks 2001. Beide haben, was Spezialeffektkunst im prädigitalen Zeitalter angeht, enzyklopädischen Charakter.
Als irgendwann in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts die Nachricht umging, dass
Nur um das einmal in aller Deutlichkeit gesagt zu haben: THE WICKER MAN ist ohne Frage einer der mit Abstand originellsten Horrorfilme überhaupt. Er ist so originell, dass die Etikettierung „Horrorfilm“ ihn nur noch sehr, sehr unzureichend beschreibt. Der Plot kreuzt zwar Elemente des Kriminalfilms, des Mysterythrillers, des Backwood-Films und natürlich des Okkultschockers, doch anstatt diese unheimlichen Elemente zu akzentuieren, verzerrt Regisseur Hardy (dessen nächster Spielfilm danach über zehn Jahre auf sich warten ließ) sie zu einer grellen Farce. THE WICKER MAN provoziert weniger Gänsehaut als Gelächter, wenn er seinen selbstgerechten, biederen und puritanischen Protagonisten mit dem frivolen paganistischen Treiben auf der Insel konfrontiert.
Zum xten Mal, dank Blu-ray und neuem, großem 60-Zoll-Fernseher aber doch fast zum ersten Mal gesehen: John Carpenters Remake von Howard Hawks‘ gleichnamigem Film, ein Klassiker des modernen Horror- und Splatterfilms, der in den 30 Jahren, die seit seiner Premiere vergangen sind, nichts, aber auch gar nichts von seinem Reiz verloren hat. Während die Latex-Effekt-Orgien anderer Horrorfilme dieser Zeit seitdem an Wirkung eingebüßt haben, lassen einem Rob Bottins Kreationen auch heute noch die Kinnlade gen Süden klappen: Dass THE THING damals keine Revolution auslöste, sondern an den Kinokassen enttäuschte, kann ich mir eigentlich nur so erklären, dass das Publikum für das Gebotene noch nicht bereit war: Der zu einer amorphen Masse geschmolzene Leichnam, das sich aus einem Huskie herausschälende Tentakelmonster, der aufbrechende, gefräßige Brustkorb, der sich in eine Spinne verwandelnde Menschenkopf – alle werden sie mit größter Freude für das glitschige Detail realisiert, setzen die Idee eines andere Gestalten imitierenden, fremden Organismus in sichtbare, glaubwürdige Realität um.
Wenn man als Außenstehender etwas über die Realität des Drogenhandels in den USA jenseits statistischer Werte erfahren will, ist Rap ein guter Einstieg. Der „daily struggle“ in den Armutsvierteln der Metropolen führt Unterprivilegierte seit Jahrzehnten in das Dilemma, mit dem Drogenhandel auf der einen Seite den Ausweg aus der Armut zu schaffen, dabei aber auf der anderen die eigenen „Brüder“ in die Sucht und den Tod zu führen. Die vor allem in den letzten 10 Jahren reüssierende „Trap Music“ – meist aus den Südstaaten stammender Rap über den Alltag des Drogendealers, vorgetragen von Künstlern mit mehr oder weniger authentischen Drogenbiografien, wie Young Jeezy, The Clipse, Yo Gotti, Gucci Mane, T.I. und zahlreichen weiteren – zeichnet sich neben der genreüblichen Prahlerei über die eigene Tollkühnheit und die so erworbene Affluenz immer wieder auch durch die ernüchterte Reflektion darüber aus, zu welchem Preis letztere eigentlich erworben wurde – und wie vergänglich der „Ruhm“ des Dealers ist: Jeden Tag kann er selbst der Verlierer des Spiels sein.
Das als „postmodern“ apostrophierte Kino, wie es in den Neunzigerjahren vor allem durch den kometenhaften Aufstieg Tarantinos zum Trendthema wurde, hatte seine Credibility schon wenig später fast vollständig verloren: Weil zu viele einfältige Pendants es lediglich für hohle Witzchen und das unproduktive Zurschaustellen des vorgeblichen Popkultur-Wissens missbrauchten, war der anfänglich noch vorhandene Witz bald dahin. Der Rückzug in eine durch und durch künstliche Welt, in der nichts so gemeint war, wie es schien, und selbst das ironische Augenzwinkern noch ironisch gebrochen wurde, führte geradwegs in die moralische Obdachlosigkeit. Der Horrorfilm (der sein postmodernes Coming-out möglicherweise 1997 mit Wes Cravens SCREAM hatte) litt besonders unter dieser Entwicklung: Weil sein Erfolg von der vollständigen emotionalen Immersion des Zuschauers abhängt, davon, dass der sich darauf verlassen kann, nicht verschaukelt zu werden, musste er in eine schwere Krise geraten, wenn die Gräueltaten, die er abbildete, in Gänsefüßchen gesetzt wurden. All die Splatterkomödien, die seit den späten Achtzigerjahren die Videotheken und Festivalleinwände fluteten, bezogen sich nicht mehr auf eine wie auch immer geartete Wirklichkeit und die Angst vor ihr, sondern nur noch auf andere Filme. Es stand nichts mehr auf dem Spiel, weder für die Protagonisten noch für den Zuschauer: Der Todesstoß für ein Genre, das seinen Zuschauern eigentlich Angst machen will.
TAKEN