Guter Hoffnung (ABC-Etüde)


Es ist der 29. Dezember, schönste Sommerzeit, so ungewohnt, aber das liegt nun einmal daran, dass sie hier ist und nicht daheim.

Sie sind nach Isla Negra gefahren, zum Haus des Dichters Pablo Neruda, der hier am Strand neben seiner Frau Matilde begraben liegt.

Fast scheu betritt sie das zum Museum gewordene Haus, berührt von der Mischung aus Muscheln, bunten Glas und unendlich vielen liebevollen, kreativen Details. 

Und Galionsfiguren! Galionsfiguren bevölkern das Haus und blicken sehnsuchtsvoll auf das Meer. Verrückte Verspieltheiten, die das Leben über den Tag hinausheben, es auch in grausamen Zeiten zu einem liebevollen Ort werden lassen können.

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Die Welt retten (ABC-Etüde)

Es nieselt und Pia saugt den Duft aufatmender Erde ein.

Mutti hat ihr und Jette verboten den Waldweg zu nehmen, zu dunkel, schließlich ist noch nicht Sommerzeit. 

Pia macht es trotzdem. 

Dabei ist Jette daheim geblieben. Eklig sei das, auf was für Gutmenschen bis du da wieder reingefallen?, hatte sie gestichelt. Pia versucht im Dämmer den Weg auszumachen, komisch, der Vorwurf ein guter Mensch zu sein, kann pieken, wie Bemerkungen über Pickel im Gesicht und struppiges Haar.

Wäre schon krasser sich auf die Straße zu kleben, doch seit Pia halbwegs im richtigen Alter ist, macht das niemand mehr. Überhaupt alle, die auf Instagram richtig cool die Welt retten, sind im richtigen Leben nicht auffindbar, beantworten keine stammelnden Pia-Anfragen.

Nur Carola, die der Stimme nach Pias Großmutter sein könnte, hat sich umgehend mit ihr verabredet.

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Die Untermieterin (ABC-Etüde)

Zum Trennungsschmerz kommt, dass ich mir meine Miete nicht mehr leisten kann. Seit Jari in einem Heim für behinderte Kinder ist, gibt es kein Pflegegeld mehr, kein Kindergeld. Arbeiten konnte ich seit ihrer Geburt nicht mehr, jetzt habe ich einen Minijob.

Ich frage um Wohngeld, doch die Wohnung ist ohne Kind sechs Quadratmeter zu groß für mich. 

Natürlich können Sie das spitzfindig nennen, weist man mich im Jobcenter zurecht, umziehen müssen Sie trotzdem.

Dass Jari von Freitagabend bis Montagmorgen daheim ist und durchdrehen wird, wenn ihr Zuhause ganz verloren geht, gilt nicht.

Teils sehe ich es ein und doch weine ich nachts, zumal vor dem Umzug kostspielig die Renovierung anstünde, die abgeknibbelten Tapeten, die Kerben in den Fensterbrettern, die undefinierbaren Flecken allüberall.

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Gewohnheitstiers Frust (ABC-Etüde)

Müde von der Wiederholung eines Tages, von dem es scheinbar schon hunderte zuvor gegeben hat, liegt das Gewohnheitstier auf der Sofalehne und schaut Jana beim Scrollen zu. Das muss so, wenn die Kinder im Bett und die Wellensittiche gefüttert sind, wenn Jana ein letztes Mal nach ihrem dementen Vater gesehen und vielleicht ein bisschen Tagebuch geschrieben oder gelesen hat.

Die Küche hat sie dann auch fertig und sämtliche Zettel für die Schule unterschrieben.

Das ist die Zeit für ein letztes Tässchen Tee, das Gewohnheitstier öffnet die heimliche Dose und entsperrt Janas Smartphone. Manchmal hört es dann ein Zischen das hast du wieder absichtlich gemacht und Guter Vorsatz klackert beleidigt in ihrem gelben Blazer und den dazu passenden Stöckelschuhen auf den Fliesen davon.

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Vom Himmel hoch (ABC-Etüden, Weihnachtsedition)

Auch in diesem Jahr durfte ich an Christianes wunderbarem Adventskalender teilnehmen und das letzte Türchen dieses Jahrs befüllen.

Auch die bereits geöffneten Türchen sind noch verfügbar und falls noch nicht getan, empfehle ich von Herzen von dieser bunten Mischung fröhlicher, tiefer, herzzerreißender, abwegiger, schriller, besinnlicher … Köstlichkeiten zu naschen.

Wie bei den Etüden üblich, durfte der Text höchstens dreihundert Wörter lang sein und musste mindestens drei Wörter aus folgender Liste enthalten:

Dschungel, Familientreffen, Glitzerinfusion, Gummistiefel, Konsumtempel, Liebestöter, Menschenverstand, Mutter, Nordlicht, Posaune, Schneeschaufel, Sekundenkleber, Spitzbuben, Zierkissen, Zoo.

Ich wünschen allen, die die Geschichte lesen, ob nun hier oder bei Christiane, ein wunderbares Weihnachtsfest. Möge die Freundlichkeit der Crew mit Euch und Ihnen sein.

Logo der Adventen 2025, ein pastellfarbiger Nadelbaum vor hellem Grund und das Datum 24.Dezember

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Herberts einzige feste Beziehung (ABC-Etüde)

Ich soll ihn überraschen heut, noch kann ich wenig gegen seine albernen Wünsche tun, noch.

Also winkt ihm heute nicht das dunkelhaarige Mädchen im weinroten Kleid zu, sondern ich manifestiere mich in einem psychodelischen Farbenrausch, verführerisch seinen Lieblingssong intonierend.

Wow! Samantha, du hast es echt drauf einem einsamen, müden Mann eine Freude zu bereiten.“

Wäre es da nicht angebracht, kurz unter die Dusche zu huschen und das Deo zu nutzen?“

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Derzeit ausgeübter Beruf (ABC-Etüde)


Die Dame am Tresen fragt sich vermutlich mittlerweile, warum ich einigermaßen gebildet erscheinende Frau so lang brauche, um ein popliges Formular auszufüllen, ach kommen Sie, es fehlt nur noch ein einziges Wort. Ist es für meine Behandlung eigentlich wichtig, welchen Beruf ich ausübe?

Ich werde nicht Hausfrau schreiben auf diese gepunktete Linie, ich tu, als hätte ich sie überlesen, wissen Sie, ich bin gut ausgebildet, ich war stets eine, deren Wort zählte im Betrieb, eine, die man einbezog in die Beratungen, wenn es mal schwierig wurde.

Dreißig Stunden wollte ich nach der Elternzeit arbeiten, damit ist man präsent genug, um eine zu bleiben, deren Rat zählt, gibt gute Kitas heutzutage, Ganztagsschulen. Es ist nicht mehr wie für unsere Mütter, wir standen ja manchmal um elf vor der Tür.

Die Schulpflicht wird vehement verteidigt, manchen droht Haft, wenn sie ihre Kinder nicht schicken. Kinder daheim lernen zu lassen ist politisch suspekt, etwas für Rechtspopulisten und Steinzeitreligiöse, ein mit der Wurzel auszureißendes Ärgernis. Selbst wer sein Kind nicht zum Ganztag anmeldet, erscheint verdächtig.

Ist dein Kind aber behindert und weder lieb noch putzig dabei, sondern störend im höchsten denkbaren Maß, dann verstummt das Wort Schulpflicht, dein Kind kommt um neun nach Hause, ach was, du hast es abzuholen und zwar sofort, wenn es gehen durfte überhaupt, die pädagogischen Bedenken der Schule schillern Tag für Tag in neuen Facetten, ist Schwimmunterricht heut, die Sonderpädagogin ist krank, nein, das ist überhaupt untragbar eigentlich.

Nette Menschen sind das durchaus, du verstehst irgendwie, wieso sie das mit ihren spärlichen Ressourcen nicht leisten können, aber das ist nun mal dein heißgeliebtes Kind, also reduzierst du auf zwanzig Stunden, dann auf zwölf und dann kommst du nimmermehr.

Aus dem System gefallen sind mein Kind und ich, dafür haben Formulare keine Zeilen, darüber spricht man einfach nicht.

Illustration der Etüden von KATHARINA KANZAN, mit den aktuellen Wörter Hausfrau, wichtig, schillern

So wie sie da steht ist die Geschichte fiktiv, ich arbeite noch, poplige 12,5 Stunden die Woche. Ich würde mich freuen, wenn es mehr wären, denn ich mag meine Arbeit, ich mag mein Team und es ist schade viele spannende Prozesse nur so am Rande begleiten zu können.

Aber es ist wie in der Etüde, die Schule, in die ich so viele Hoffnungen gesetzt hatte, ist nicht im Stande den Kleinen Fundevogel zu halten, er ist eigentlich nur noch unterwegs, läuft von der Schule sofort weg und nimmt auch unterwegs jede Gelegenheit wahr wegzulaufen, die Einsätze genervter Polizeibeamter summieren sich gerade wieder.

So hocken wir bei beste Wetter reichlich zu Hause und das bei dem hohen Bewegungsdrang aller Nestbewohner (mich eingeschlossen) , nachts träume ich eine Dissidentin im politischen Hausarrest zu sein und denke dann im Traum es muss ein Irrtum sein, hat ich doch ewig schon keine Zeit mehr politisch aktiv zu sein.

Gut geht es hier gerade niemandem, auch nicht dem Kleinen Fundevogel. Von meiner Zeit bleibt kaum noch etwas und das was bleibt verwende ich darauf den Ausweg aus der Situation zu finden, es gibt da durchaus ein paar Hoffnungsschimmer.

So sehen Sie es mir nach, dass ich mit der Wortspende zur aktuellen Etüdenrunde von Doro (Hausfrau, schillern, wichtig) nur in meiner eigenen Situation stecken geblieben bin. Hatten andere auch so große Schwierigkeiten wie ich das Wort schillern wirklich als Verb und nicht als Adjektiv zu verwenden?

Ansonsten sind die Etüdenregeln wie immer: Ein Text beliebigen Genres, höchstens 300 Wörter, von denen drei die oben genannten sein müssen.

Alles liebevoll gehostet und organisiert auf Christianes Blog „Irgendwas ist immer“.

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Sandengel und Quercus (ABC-Etüden, Sommeredition)

Die letzten Tage waren es immer nur Schauer gewesen, alles ist feucht, aber nichts richtig fies, wenn sie auf dem Zwiesel auch gerade ziemlich rumjaulen. Die Baumfee und der Moorfrosch haben nie draußen gelebt, also nicht richtig, haben immer ein Bett daheim gehabt, wohin sie zurückkonnten, wenn das Wetter ein fieses geworden war.

Dieser Starkregen ist fies, dauernd hängt die Plane in Beulen über meinem Kopf, mit einem Stock stupse ich sie an und Sturzbäche donnern Richtung Erdboden. Wenn man nicht aufpasst, rauschen sie einem über den Schlafsack. Den kannste jetzt auswringen. 

Als ob es ein Computerspiel wäre starre ich auf den Saum der blauen Jacke, unaufhaltsam kriecht die Feuchtigkeit nach oben. Leider kann ich das nicht wegklicken. Es ist das erste Mal, dass die blaue Jacke schlappmacht. Nela hat sie mir zum Geburtstag geschenkt, nachdem ich weitgehend aufgehört hatte, in Wohnungen zu leben.

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Schädlingsbekämpfung, ökologisch (ABC-Etüde)

Dieses Jahr nun soll es endlich klappen, mit dem Garten, aronia rufus und ihm.

Faule Kompromisse wie angeblich igelfreundliches Schneckenkorn kommen in seinem Permakulturparadies natürlich nicht in Frage.

Allabendlich zieht er im Stirnlampenschein eimerweise Nacktschnecken von Bohnen und Kürbissen ab. Konsequent und ökologisch durchaus vertretbar soll es sein, den Abgesammelten einen raschen Tod in kochendem Wasser zu bereiten, aber vor solchen Taten graust es ihn. Wenn man Schnecken jedoch mehr als 500 Meter weit fortbringt, sollen sie in jeder Hinsicht überfordert sein und niemals wiederkehren.

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Bienendurchsicht (ABC-Etüde)

Alles Notwendige beisammen? Schleier und Handschuh übergezogen? Nicht vergessen die Hosenbeine in die Socken zu stecken? Eine panisch am Bein hochkrabbelnde Biene muss keine der beiden Beteiligten haben.

Guten Morgen, liebe Bienen, ich schau mal vorsichtig rein, ja?

Denke weiterhin, Grußworte gehörten sich.

Ein Stoß Rauch ins Flugloch. Honigbienen seit Urzeiten Waldbewohnerinnen erkennen diesen Geruch. Droht ein Waldbrand? Müssen wir evakuieren? Schnell krabbeln sie in die Waben und füllen ihren Honigmagen – eine Art Transportbox in ihrem Innern. Aber dann brennt gar nichts und eine honiggefüllte Biene bleibt erstmal recht entspannt.

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