Lose Yourself

(Eminem)

Bas Jan Ader, ein Künstler, der sich mit dem menschlichen Scheitern beschäftigt. Auch einer mit vergleichsweise kleinerem Bekanntheitsgrad oder, wie ihn die Kuratorin der Hamburger Ausstellung von 2025 bezeichnete, ein artist’s artist, also einer, der wohl in Kunstkreisen bekannt viele Zeitgenossinnen und -genossen beeinflusste. Sein Werk erschließt sich den Laienbetrachtenden wohl am ehesten über die gemeinsame menschliche Erfahrung. Nun bin ich keine Auskennerin, was moderne Kunst anbelangt. Mein Ansatz, mein Zugang zu den Werken der Moderne ist folgender: ich sehe ein Kunstwerk und suche nach der menschlichen Komponente. Welche Erfahrung, welchen emotionalen Zustand des oder der Schaffenden bildet diese Kunst ab und spüre ich eine Resonanz bei der Betrachtung? Gibt es etwas, das mir in der Verarbeitung eigener Erfahrungen vergleichbar bekannt vorkommt? Ist das Kunstwerk in seinem Ausdruck von mir nachvollziehbar? Sicher ist so ein Ansatz streitbar, wie überhaupt jede persönliche Meinung. Ich behaupte nicht, das Werk in seiner Gesamtheit so erfassen zu können, ziehe aber für mich eine große Befriedigung und auch Erstaunen aus der Betrachtungsweise. In der Hinsicht fühle ich mich dem Künstler Bas Jan Ader sehr nah, denn auch ich habe mich im Leben, wie bestimmt viele meiner Mitmenschen, mit dem menschlichen Scheitern auseinandersetzen müssen.

Zunächst sei mir ein Verweis auf die Ausführungen von Dr. Brigitte Kölle gestattet. Ihre Worte und die von nahen Menschen Aders finden sich hinter diesem Link. Als weitere Bereicherung hörte ich einen Podcast über die letzte große Aktion Aders, seinen in aller Radikalität inszenierten Tod bei der Überquerung des Atlantiks in einem kleinen Segelboot. Die Aktion war ursprünglich vielleicht nicht als Suizid geplant, wobei man damals spekulierte, sondern gehörte zu einer Werkreihe mit dem Namen in search of the miraculous.

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In diesem 15m Segel-Boot habe ich 2012 selbst mal einen Ozean überquert. Bild: Michaela Huss

Und genau dieses Suchen nach dem rätselhaften, nach dem wundervollen, ist uns Menschen doch allen eigen. Eine Kontingenzerfahrung, wie sie in der Psychologie genannt wird. Was die Menschheit eint, ist das Erleben von Glück, Schmerz, Liebe und Leid, da unterscheiden wir uns nicht. Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern, dass mein Gegenüber so unterschiedlich von mir nicht ist. Gerade wenn ich mich im Ärger oder Schmerz abwenden will, mich abgrenzen und selbst als besser gelten, dann ist es wichtig, sich daran zu erinnern. Wir sind alle aus demselben Holz geschnitzt, wir sitzen alle im selben Boot, das Leben heißt und das am Ende unweigerlich kentern wird. In unserer Zeit ist so eine Botschaft wichtiger denn je, denn wir sind gerade mal wieder dabei, uns auf vielfältige Weise selbst zu vernichten. Ein Lösungsansatz im Aussen wird da nicht viel helfen, denn die Lösung gesamtgesellschaftlicher Konflikte liegt in uns, in jedem Einzelnen. Wer das begriffen hat, wird sowohl beginnen, sich mit seinen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen als auch sehr viel gütiger im Umgang mit den Unzulänglichkeiten Anderen zu werden.

Bas Jan Ader hat sich in ein kleines Boot gesetzt, um der Menschheit eine Botschaft zu überbringen. Wir werden alle über kurz oder lang scheitern. An den Umständen, an unseren Ansprüchen, an uns selbst. Den Stern des Südens fest im Blick, steuern wir trotzdem in unser Verderben oder eben in den Tod, denn der gehört untrennbar zum Leben. Das Wunderbare, das Rätselhafte, sollten wir dennoch nie aus den Augen verlieren, selbst im Scheitern. Denn dann tut es vielleicht nicht mehr ganz so weh. Die Wirkung ist eine völlig andere als bei reiner Fokussierung auf den Schmerz. Die Wirkung ist die der Vergebung. In diesem Sinne bin ich Team Ader. Ich kann mir selbst und danach auch meinen Mitmenschen für ihr Scheitern vergeben. Danach setzt ein Gefühl von Befreiung ein, ich hab’s selbst erlebt. Jesus, der Mann, um den sich so viele Mythen ranken, hat kein Boot gebraucht, denn der konnte über’s Wasser gehen. Verzeihung, dieser Kalauer drängt sich allein schon durch das Datum, Karfreitag, auf. Aber die Message ist eigentlich über die Jahrtausende immer die gleiche geblieben: “Life is short, break the rules, forgive quickly, kiss slowly, love truly, laugh uncontrollably, and never regret anything that made you smile.” In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein geruhsames Osterwochenende.

Nachtrag: Es gibt eine Dokumentation auf YT über Bas Jan Ader

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