Neumond

Neumond, und nie ist die Nacht so dunkel wie jetzt, und nie ist die Nacht so kalt wie bei Dämmerung. Du wirst dich falsch erinnern an den Geruch meiner Haut oder meiner Haare, wenn sie nach draußen rochen. Die Straßenmalkreide klebt staubförmig an den Fingern meiner Kindheit; Inliner fahren und rote Haut von Brennnesseln. Manche Erinnerungen gehören nur mir. Wenn du besser zugehört hättest, würdest du mich in allen Versionen kennen, es reichte aber nur für die Kälte im Brustkorb und auf deinen Lippen. Dein Mund sagte so viele schöne Wörter, aber dein Herz meinte nur dich. Der Mond wird voller, jeden Monat aufs Neue, du wirst das nie verstehen, das mit Zyklen, das mit Kommen & Gehen, das mit Geben & Nehmen. Du bist eine Einbahnstraße.

Ab wann ist eine Lüge eine Lüge

Lügen sind noch immer die Sprache, die du am besten beherrschst, und Beherrschen ist das Wort, das du am besten verstehst. Vergleiche: Sehnsucht.
Suchen kannst du auch besonders gut, nach der großen Liebe, nach Ablenkung, nach Vergebung. An Gott glauben wir beide nicht, du aber an die ewige Liebe, ich auch, aber ich glaube auch an Zweifel und daran, dass man an sich selbst arbeiten muss. Du glaubst mehr an große Versprechen, die sich als Lügen entpuppen werden, wenn man genau hinsieht oder lange genug wartet, aber so weit dachtest du noch nie.
Ab wann ist eine Lüge eine Lüge, und nicht mehr ein Versprechen, das nicht gehalten werden konnte?

taumeln

Halt geben konnte ich noch nie, festhalten nicht einmal mich selbst. Weiche Knie und Schweiß an den Händen, kalter Schweiß. Die Griffkraft fehlt an Felswänden und bei Lebensentscheidungen. Eigentlich immer. Wer hat das Erwachsenwerden erfunden, und hat es schon jemals ein Mensch gemeistert?
Sollbruchstellen und Abbruchkanten, Prinzipien, die nicht verstehbar und nicht vertretbar sind. Auch vertreten kann ich nicht einmal mich selbst.
In tanzlosen Träumen taumeln wir, stolpern, stürzen, bis etwas uns auffängt. Es bin nie ich.

träumen

Wie soll das nur
weitergehen?
wie soll das nur?
Luftlöcher und Lichtlöcher
und Schlüsselmomente
wie die Märzenbecher
im Februar.
Aber das ist auch
Schnee ohne Glöckchen
und geballte Fäuste
und zusammengebissene Zähne
bis irgendwas reißt.
Wie soll das nur
besser werden?
Aber jeder Tag wird
heller und länger
und irgendwann ist
Äquinoktium
und irgendwann ist
auch dieser Winter zu Ende.
Komm, wir träumen uns den Frühling.

Wer ich eigentlich bin

Ich verbringe viel Zeit allein und will endlich herausfinden, wer ich eigentlich bin. Denn schon lange bin ich nicht mehr ich. Mindestens seit meiner Kindheit. Vielleicht war ich es noch nie.
Doch je weiter ich in meinen Brustkorb hineinhöre, desto weniger weiß ich. Ich finde Zerrissenheit vor und all die Versionen von mir, die andere Menschen erwarten. Diese Versionen sind nicht schlecht, im Gegenteil. Sie sind stark und hilfsbereit, clever und geduldig.
Aber sie sind nicht das, was ich wirklich bin.

Von Enden

Nichts endet romantisch. Kein Ende ist jemals poetisch.
Etwas geht zu Ende und wir romantisieren es. Etwas endet und wir machen Poesie daraus.
All das Leid war niemals gut. Es war schmerzhaft und grauenvoll.
All das Blut war niemals schön. Es war einfach nur rot.

In den guten Fällen lernen wir daraus.
In den besten Fällen machen wir Kunst daraus.

What is bad for your heart is good for your art.

Letzte Male

Wann bist du das letzte Mal über deinen eigenen Schatten gesprungen? Wann hast du dich das letzte Mal selbst priorisiert, und wann einem Menschen, der dir wichtig ist, eine Freude gemacht? Wann bist du das letzte Mal für dich selbst eingestanden, für deine Träume und deine Freunde? Wann hast du das letzte Mal laut gelacht, und wann auch über dich selbst?
Wann hast du dich das letzte Mal selbst vergessen, und wann hast du dich gefunden?

Darkness

Darkness is this thing with claws, darkness is this thing full of opportunity. Don’t blame it on the absence of light or on the wine or on any of the circumstances that happen to align with your feelings. I feel reckless sometimes, but I tend to do the sensible thing, and I feel confused about how many people I can love and in how many different ways.
And it still doesn’t change anything. And it still doesn’t matter.

Träume

Du schreibst mir »ich habe von dir geträumt«, und ich will antworten »der Mann neben mir hat Augen wie du« und »ich sehe dich ständig und merke zu spät, dass es doch nicht du bist« und »ich denke zu oft an dich«.
Aber ich schicke nichts davon ab.
Manchmal ist es besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Ich habe Angst vor allem

Ich habe Angst vor allem, das ich nicht bin, Angst vor allem, was noch kommt, Angst vor allem. Es wird kalt draußen und es schneit, lass die Tür zu, lass es nicht herein.
Winter ist ein fehlerhaftes Konzept. Wie sollen wir das überleben? Wie sollen wir genug Kerzen anzünden? Wie hat der Mensch das Feuer gezähmt? Das Feuer in meinen Augen stirbt. Aber zum Glück glaube ich an mehrere Leben.