{"id":264,"date":"2015-08-19T07:00:20","date_gmt":"2015-08-19T05:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/?p=264"},"modified":"2015-08-06T16:06:23","modified_gmt":"2015-08-06T14:06:23","slug":"wer-ist-der-eigentliche-feind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/264","title":{"rendered":"Wer ist der eigentliche Feind?"},"content":{"rendered":"<p><em>Lea Griesing<\/em><\/p>\n<p>Vor und zu Beginn des Ersten Weltkrieges herrschte in Deutschland eine patriotische Hochstimmung, ja eine \u201eAtmosph\u00e4re sich \u00fcberbietender Vaterlandsliebe\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die unterschiedlichsten Autoren verfassten patriotische Lieder, Gedichte, B\u00fccher und gestalteten Brosch\u00fcren und Plakate. Die deutsche Propaganda setzte dabei visuell ganz auf Bilder entschlossener und siegesgewisser Soldaten, in denen der eigene Ehemann, Sohn oder Vater wiedererkannt werden sollte. Und mehr noch:<\/p>\n<p>\u201eIn Deutschland dienten die propagandistischen Bilder \u2013 auch [die] f\u00fcr das feindliche Ausland bestimmten \u2013 fast ausschlie\u00dflich der Best\u00e4tigung des deutschen Selbstbildes als \u00fcberlegenes Kulturvolk das sogar noch im Krieg seinen Feinden Gerechtigkeit widerfahren lie\u00df; ein unschuldiges Opfer, das gerade aufgrund seiner \u00dcberlegenheit angegriffen wurde.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die eigene Selbst\u00fcberh\u00f6hung brachte bei erfolgreicher Propagandawirkung zugleich mit sich, dass das Gegen\u00fcber als untergeordnet angesehen wurde und Feindbilder entstanden. Die selbst zugeschriebene Opferposition verst\u00e4rkte im ,Idealfalle\u2018 die \u00fcbersteigerte Abwehrhaltung gegen\u00fcber dem Feind. Stereotype Feindbilder wurden propagiert und sollten Teil der deutschen Mentalit\u00e4t werden. In Heinrich Echtermeyers Briefen jedoch finden sich solche den propagierten Vorstellungen entsprechenden Feindbilder nicht. Es gibt keine Passagen, in denen Echtermeyer den Feind beleidigt oder sich selbst \u00fcber diesen erhebt. Wenn er vom aktuellen Geschehen berichtet, schreibt er ganz neutral vom \u201eFeind\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Berichtet er dagegen \u00fcber das Agieren des Gegners und von der aktuellen Kriegssituation, schreibt er h\u00e4ufig von \u201edem\u201c oder \u201eden Ru\u00dfen\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Nie aber verwendet er im unmittelbaren Zusammenhang abwertende Adjektive. So hei\u00dft es in einem der Briefe Echtermayers: \u201eder Ru\u00dfe mach fast nichts und er uns nur in Ruhe l\u00e4\u00dft wir ihn auch nicht\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Diese Aussage verdeutlicht, dass Heinrich Echtermeyer seine eigene Situation relativ n\u00fcchtern reflektiert, da er nicht, um der Frustration zu entkommen, herabw\u00fcrdigend \u00fcber den Feind schreibt. Vielmehr ist er sich bewusst dar\u00fcber, wie sehr sich die Lage der Soldaten auf beiden Seiten gleicht.<\/p>\n<p>Durch den Stellungskrieg und seine jeweiligen Aufgaben im Stellungsbau bekam er sein Gegen\u00fcber, gegen das er k\u00e4mpfen sollte, vermutlich pers\u00f6nlich zu Gesicht. Zumindest erw\u00e4hnt er in keinem seiner Briefe einen solchen Kontakt. Dennoch ist \u201eder Feind\u201c in seinem Bewusstsein durchaus pr\u00e4sent: \u201eWir und der Feind sollen wohl so um 1000 Meter aus einander liegen\u201c,<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> vermutet er in einer seiner Feldpostkarten.<\/p>\n<p>Seine Wut richtet Heinrich Echtermeyer denn auch nicht gegen den Feind aus dem Aus-, sondern vielmehr aus dem Inland. So beschwert er sich in seinem Brief vom 26. Januar 1918 \u00fcber die Gesamtsituation des Krieges, vor allem aber \u00fcber den Hunger, den seine Angeh\u00f6rigen zu Hause erleiden m\u00fcssen:<\/p>\n<p>\u201eer doch mahl zu Ende geht, der Krieg, man wird\u2019s doch auch leid, den Elenden Mist, und Schwindel. Bei Euch mit den abgaben, und nachsehen, wird auch ja immer strenger, aber seit doch nicht so dumm sind doch selbst die N\u00e4chsten, [\u2026] nichts wie lug und Betrug\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_265\" aria-describedby=\"caption-attachment-265\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-265\" src=\"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-1-230x300.jpg\" alt=\"Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26. Januar 1918. \" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-1-230x300.jpg 230w, https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-1.jpg 356w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-265\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26. Januar 1918.<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_266\" aria-describedby=\"caption-attachment-266\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-266\" src=\"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-2-224x300.jpg\" alt=\"Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26. Januar 1918.\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-2-224x300.jpg 224w, https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-2.jpg 341w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-266\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26. Januar 1918.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Vergleich mit seinen \u00fcbrigen Briefen, in denen Echtermeyer stets sehr gefasst oder zumindest um Fassung bem\u00fcht wirkt, gleicht diese Passage einem regelrechten \u201eAusbruch\u201c der Gef\u00fchle, in dem er seinem \u00c4rger nahezu freien Lauf l\u00e4sst. Allein auf \u201elug und Betrug\u201c gr\u00fcndend, vermag er dem Krieg keinen Sinn zu verleihen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_267\" aria-describedby=\"caption-attachment-267\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-267\" src=\"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-3-227x300.jpg\" alt=\"Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26. Januar 1918.\" width=\"227\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-3-227x300.jpg 227w, https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-3.jpg 349w\" sizes=\"auto, (max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-267\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26. Januar 1918.<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_268\" aria-describedby=\"caption-attachment-268\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-268\" src=\"http:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-4-250x300.jpg\" alt=\"Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26.  Januar 1918.\" width=\"250\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-4-250x300.jpg 250w, https:\/\/feldpost.hypotheses.org\/files\/2015\/06\/Echtermeyer-4.jpg 342w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-268\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26. Januar 1918.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bereits im Juli 1917 hatte Echtermeyer in einem Brief einen vergleichbaren \u201eAusbruch\u201c niedergeschrieben und dabei ein ganz pers\u00f6nliches Feindbild entworfen. Doch auch dieses bezieht sich nicht auf den eigentlichen \u201eFeind\u201c, den Gegner im Krieg, sondern richtet sich ebenfalls nach innen. Denn Echtermeyer f\u00fchrt Deutschland selbst als eigentlichen Feind an, benennt die ausschlie\u00dflich negativen Auswirkungen, die der Krieg mit sich bringe und von denen er, aber auch seine Familie in der Heimat, direkt betroffen ist. Er beschreibt seine gr\u00f6\u00dften Sorgen, die alle auf den Krieg zur\u00fcckzuf\u00fchren sind: \u201egeht man kaput von unregel Leben, und die Kugel gefahr und das Geld dir armen Frauen das noch nicht g\u00f6nnen.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Die Ursache f\u00fcr die st\u00e4ndig andauernde Lebensgefahr, derer sich die Soldaten an der Front ausgesetzt sehen, aber auch der Armut und Hungersnot der Familien zuhause in Deutschland, sieht Heinrich Echtermeyer einzig und allein im \u201eungerechte[n] Deutschland\u201c.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Schon unmittelbar zuvor, Anfang Juli 1917, hat er daher seine Frau aufgefordert, keine weiteren Abgaben zu leisten: \u201edie la\u00dfen doch machen was sie wollen, die s m\u00fc\u00dften in Sch\u00fctzengraben, so bekomen sie ander Verstand\u201c.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Sein Groll richtet sich dabei gegen die in seinen Augen f\u00fcr den Krieg verantwortlichen Akteure: die deutsche Regierung. Je l\u00e4nger der Krieg andauert, desto weniger \u00fcberzeugt ist Echtermeyer von Sinn und Zweck des Krieges, von diesem \u201eElenden Mist\u201c.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Seine bereits kurz nach seinem Kriegseinsatz zum Ausdruck gebrachte Unsicherheit \u2013 \u201ewas das alle noch werden soll, wei\u00df ich nicht\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> \u2013 hat sich in Wut gewandelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen und Verweise<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0 Arnulf Scriba, \u201eErster Weltkrieg. Kriegspropaganda\u201c, in: Lebendiges Museum Online\u00a0(Lemo), online abrufbar unter <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ersterweltkrieg\/propaganda.html\">https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ersterweltkrieg\/<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ersterweltkrieg\/propaganda.html\">propaganda.html<\/a> [22.1.2015].<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0 Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0 Siehe beispielsweise Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostkarte vom 6. September 1916.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0\u00a0 Siehe dazu den Kommentar von Laura Maring.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0 Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 20. September 1916.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0 Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostkarte vom 15. Oktober 1916.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a0 Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Januar 1918.\u00a0Siehe zu August Jaspers Haltung bez\u00fcglich der Feinde den Kommentar von Lisa Peters.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0 Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 25. Juli 1917.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a>\u00a0\u00a0 Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 1. Juli 1917.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 26.\u00a0Januar 1918.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief vom 25. November 1916.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lea Griesing Vor und zu Beginn des Ersten Weltkrieges herrschte in Deutschland eine patriotische Hochstimmung, ja eine \u201eAtmosph\u00e4re sich \u00fcberbietender Vaterlandsliebe\u201c.[1] Die unterschiedlichsten Autoren verfassten patriotische Lieder, Gedichte, B\u00fccher und gestalteten Brosch\u00fcren und Plakate. 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