Der Ehemann im Ersten Weltkrieg
Jennifer Hake
Da mit der Einberufung in den Ersten Weltkrieg „den Familien der Ernährer, Berater, Vater [und] hauptsächliche Träger des sittlichen Zusammenhalts entzogen“ wurde,[1] änderte sich vielfach auch das klassische Bild des Mannes. Dessen Aufgabe war es von nun an, für das Vaterland zu kämpfen. Während die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Soldaten im Vergleich zu ihren früheren Leben stark abnahmen, nahmen die der Frauen mehr und mehr zu. Birte Kundrus, die über die Kriegerfrauen des Ersten und Zweiten Weltkrieges geforscht hat, schreibt „aufgrund der Übernahme von Mannesarbeit und ihres eigenständigen Handelns“[2] wie beispielsweise das Tätigen von Geschäften gar von einer „Vermännlichung“. Aus den Briefen des Soldaten August Jasper geht hervor, dass er seine Frau Bernhardine mit ihren neuen Aufgaben nie ganz allein ließ. Er war nicht nur Soldat, sondern versuchte auch aus der Ferne weiterhin ein fürsorglicher Vater und liebender Ehemann zu sein, in dem er seiner Familie in seinen Briefen mit Rat und Tat bei Seite stand. So gab er seiner Frau beispielsweise Ratschläge, wie sie das Geschäft führen, was sie kaufen sollte oder benötigte: „Ich glaube aber die vierte Sorte tut es jetzt genug. Denn das andere ist jedenfalls doch zu teuer. Einen kleinen Kübel Kitt mußt du dann aber ja auch wohl holen.“[3] Auch ließ er sich Rechnungen zuschicken, um sie auszufüllen, damit Bernhardine solche Aufgaben nicht selbst ausüben musste.[4]
Jedoch lässt sich hinsichtlich seiner Ratschläge und Hilfe ein Wandel erkennen. Gibt er ihr noch 1915 immer wieder genaue Anweisungen, was die Abwicklung von Geschäften anbelangt, und regelte so zahlreiche Angelegenheiten noch selbst, scheint ihm im Verlauf des Krieges bewusst zu werden, dass Bernhardine Verhandlungsgeschick aufweist. Daher traut er ihr in geschäftlichen Aufgaben immer mehr zu. Bemerkungen wie „Wie es scheint kannst du wohl ganz gut damit“[5] oder „Es freut mich, daß du das Geld von Stapenhorst auch geholt hast“,[6] zeigen, dass er ihr geschäftliches Handeln schätzt.
Zugleich war er stets um das Wohlergehen seiner Familie besorgt, erkundigte sich nach seinen Kindern,[7] stand Bernhardine Jasper in Erziehungsfragen zur Seite und teilte die Sorgen des Alltags mit ihr:
„Was Du mit Erich seiner Brandwunde machst, weiß ich auch nicht, mir deucht aber, wenn Du etwas Salbe hättest zum heilen, das wäre wohl jetzt das beste, denn der Brand ist doch heraus, ich glaube nicht, daß das Öl jetzt noch gut ist darauf.“[8]
![Geschrieben, den 8.6.17 Mein einzig liebes Frauchen! Mein Lieb! Deinen lieben Brief vom 5ten habe ich auch soeben erhalten. Wie ich auch gesehen, geht es Euch noch gut, wie mir auch. Gestern mein Herzchen, sind wir auch wieder umgezogen. Wir sind etwas nach rechts gerückt, das ist eine herum Wanderei, das ist schrecklich. Wenn man sich etwas eingerichtet hat, und man hat einigermaßen ein Dach überm Kopfe, dann heißt es [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; erste Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-1-199x300.jpg)
![[...] wieder umziehen, wenn das doch mal bald aufhören würde. Wie ich heute auch in der Zeitung gesehen, haben die Engländer jetzt in Flandern eine Offensive versucht, und schließlich kommen wir da auch noch hin. Wie ich auch aus deinem Briefe gesehen, mußt Du jetzt öfters nach Oßlagen hin, ja mein Liebling es wird dir dann dann ja nicht so langweilig, aber wenn es bei Euch noch so heiß ist, dann ist es ja auch nichts genaues für mein liebes Herzchen. Du schreibst auch mein Lieb, das Auguste Dir auch eine neue Bluse genäht hat, da wird mein Liebling aber wohl fein sein, wenn ich in Urlaub komme. Ach Herzchen könnte ich doch endlich mal fahren, denn es wird mir doch jetzt bald zu langweilig, ach mein Herz, es geht mir auch wie Dir, die Sehnsucht nach Dir mein Liebling und die lieben Kinder ist doch zu groß. Ach mein Lieb wenn ich mal wieder in deinem Schoße schlafen kann. Das ist doch auch zu herrlich, [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; zweite Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-2-300x221.jpg)
„Ach Herzchen könnte ich doch endlich mal fahren […], ach mein Herz, es geht mir auch wie Dir, die Sehnsucht nach Dir mein Liebling und die lieben Kinder ist doch zu groß.“[11]
![[...] nicht wahr? Aber wenn ich gegen den 23ten fahren kann, dann gehen diese vierzehn Tage ja auch noch bald um. Aber wenn man so eine Sehnsucht danach hat, dann ist es doch noch lange. Gestern und heute hat es hier tüchtig geregnet, und es ist auch ziemlich abgekühlt. Sonst meine liebe Seele kann ich Dir heute nicht viel schreiben. Morgen mehr! Und nun liebe Seel verbliebe ich mit viele vielen Herzl Grüßen und Küssen Dein liebes liebes treues Männchen Dein Herzblättchen August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; dritteSeite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-3-186x300.jpg)
Anmerkungen und Verweise
[1] Birthe Kundrus, Kriegerfrauen. Familienpolitik und Geschlechterverhältnisse im Ersten und Zweiten Weltkrieg (= Hamburger Beiträge zur Sozial-und Zeitgeschichte, Bd. 32). Hamburg 1995, S. 203.
[2] Ebd.
[3] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 2. September 1915.
[4] Beispielsweise August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 1. September 1915.
[5] Jasper August an Bernhardine Jasper, vom 7. Februar 1918.
[6] Jasper August an Bernhardine Jasper, vom 14. Februar 1918.
[7] Beispielsweise Jasper August an Bernhardine Jasper, vom 15. Dezember 1915: „Wie geht es den Kindern?“
[8] Jasper August an Bernhardine Jasper, vom 19. August 1917.
[9] Vgl. Jasper August an Bernhardine Jasper, vom 26. Mai 1917.
[10] Kundrus, Kriegerfrauen, S. 207.
[11] Jasper August an Bernhardine Jasper, vom 8. Juni 1917.
[12] Kundrus, Kriegerfrauen, S. 201.
[13] Ute Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 84). Göttingen 1989, S. 126.
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moellering (21. August 2015). Ein Soldat war nie nur ein Soldat. Schreiben vom Krieg. Abgerufen am 26. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/opmx
