{"id":4200,"date":"2025-04-24T15:04:46","date_gmt":"2025-04-24T13:04:46","guid":{"rendered":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/?p=4200"},"modified":"2025-04-24T15:04:48","modified_gmt":"2025-04-24T13:04:48","slug":"die-tragoedie-in-der-luebecker-bucht-3-mai-1945-cap-arcona-und-die-verbrechen-der-kriegsendphase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/4200","title":{"rendered":"Die Trag\u00f6die in der L\u00fcbecker Bucht (3. Mai 1945): Cap Arcona und die Verbrechen der Kriegsendphase"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Als am Nachmittag des 3. Mai 1945, wenige Tage vor Kriegsende, die britische Royal Air Force Schiffe in der L\u00fcbecker Bucht bombardierte, wussten die Piloten nicht, dass sich an Bord von drei Schiffen etwa 9000 KZ-H\u00e4ftlinge befanden. Die <em>Cap Arcona<\/em>, ein luxuri\u00f6ses Kreuzfahrtschiff, und der Frachter <em>Thielbeck<\/em> waren von der SS beschlagnahmt worden, um angesichts des schnellen Vorr\u00fcckens der britischen Truppen in Norddeutschland Gefangene aus den Konzentrationslagern zu \u00bbevakuieren\u00ab. Beide Schiffe ankerten in der Bucht und wurden versenkt. Von 7000 Menschen \u00fcberlebten etwa 400. Die <em>Athen<\/em>, ein von der SS beschlagnahmter Frachter war in den Hafen zur\u00fcckbeordert worden und hatte dort die wei\u00dfe Flagge gehisst: sie entging den Bomben und mit ihr rund zweitausend Deportierte. Ein viertes Schiff, die <em>Deutschland<\/em>, die gerade erst zu einem Lazarettschiff umgebaut worden war, wurde versenkt, ohne dass es Opfer gab: auf ihr befanden sich keine H\u00e4ftlinge, die Mannschaft war gefl\u00fcchtet.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"383\" height=\"500\" src=\"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Cap_Arcona1-383x500.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4210\" style=\"width:345px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Cap_Arcona1-383x500.jpg 383w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Cap_Arcona1-230x300.jpg 230w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Cap_Arcona1.jpg 459w\" sizes=\"auto, (max-width: 383px) 100vw, 383px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Die brennende \u00bbCap Arcona\u00ab am 3. Mai 1945; Luftbild der Royal Air Force (Stiftung Hamburger Gedenkst\u00e4tten und Lernorte, F 1995-1688).<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Menschen starben eingeschlossen in den Lader\u00e4umen der brennenden Schiffe oder sie ertranken in der eiskalten Ostsee; manche Schwimmende wurden von britischen Bordkanonen, andere von den deutschen Wachmannschaften erschossen, die sich selbst auf den wenigen Rettungsbooten zu retten versuchten. Die Versenkung der <em>Cap Arcona<\/em> gilt als eine der schwersten Schiffskatastrophen seit Menschengedenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ereignisse der L\u00fcbecker Bucht waren am 22. September 2023 Thema eines <a href=\"https:\/\/www.dhi-paris.fr\/de\/veranstaltungsdetails\/seminare\/SeminarTime\/detail\/online-und-vor-ort-3-mai-19453982.html\">vierst\u00fcndigen Roundtable am Deutschen Historischen Institut Paris<\/a> (DHIP). Die <a href=\"https:\/\/campmauthausen.org\/2023\/10\/officialisation-de-luamcn\/\">Union des associations de m\u00e9moire des camps nazis (UAMCN)<\/a>, ein 2023 gegr\u00fcndeter Dachverband der traditionsreichen Vereine franz\u00f6sischer Deportierter und ihrer Familien, war auf das DHIP zugekommen und hatte das Thema vorgeschlagen. Die Ereignisse und deren Kontext wurden durch zwei deutsche Vortragende in franz\u00f6sischer Sprache pr\u00e4sentiert: <a href=\"https:\/\/www.hsu-hh.de\/nng\/team\/eckel\">Dr. Christine Eckel<\/a>, eine ehemalige Doktorandin des DHIP, ist in der Stiftung Hamburger Gedenkst\u00e4tten und Lernorte f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/stadthaus.gedenkstaetten-hamburg.de\/de\/\">Geschichtsort \u201eStadthaus\u201c<\/a> zust\u00e4ndig, den ehemaligen Sitz der Gestapo in Hamburg. Dr. Lars Hellwinkel, Lehrer und p\u00e4dagogischer Leiter der <a href=\"https:\/\/www.stiftung-lager-sandbostel.de\/\">Gedenkst\u00e4tte Lager Sandbostel<\/a> war ebenfalls Stipendiat des Instituts und ist ein anerkannter Spezialist f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.dhi-paris.fr\/de\/aktuelles\/detailseite\/news\/detail\/News\/lars-hellwinkel-erhaelt-eine-medaille-der-academie-de-marine.html\">Geschichte der Marine<\/a> im Zweiten Weltkrieg. <a href=\"https:\/\/www.dhi-paris.fr\/institut\/team\/wissenschaft\/juergen-finger.html\">Dr. J\u00fcrgen Finger (DHIP)<\/a>, Abteilungsleiter Zeitgeschichte, moderierte die Veranstaltung im vollgef\u00fcllten Saal des Instituts, der eine gro\u00dfe Zahl Interessierter online folgte.<\/p>\n\n\n\n<p>Videomitschnitt: <a href=\"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/1254\">https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/1254<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Cap Arcona, <\/em>Neustadt i.H. und die Verbrechen der Kriegsendphase<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie kam es, dass Tausende KZ-H\u00e4ftlinge und Kriegsgefangene auf Schiffe in der L\u00fcbecker Bucht gepfercht wurden, in Kabinen und Staur\u00e4umen, ohne ausreichende Verpflegung und Wasserversorgung und unter schrecklichen hygienischen Zust\u00e4nden?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Vorr\u00fccken der Alliierten von allen Seiten hatte die SS begonnen, die Konzentrationslager und deren Au\u00dfenlager zu r\u00e4umen. Die H\u00e4ftlinge sollten nicht in die H\u00e4nde der Alliierten fallen. Schon gar nicht in Hamburg: Der NSDAP-Gauleiter von Hamburg, Karl Kaufmann, und die lokalen Industriellen, die die Arbeitskraft der H\u00e4ftlinge in den ihren Fabriken zugeteilten Kommandos ausbeuteten, wollten um jeden Preis vermeiden, dass das Elend der H\u00e4ftlinge mit ihnen und ihrer Stadt in Verbindung gebracht w\u00fcrde. Neuengamme war deshalb das einzige KZ reichsweit, das tats\u00e4chlich vollst\u00e4ndig ger\u00e4umt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Preis waren die vielen Toten der \u201eSterbelager\u201c Bergen-Belsen, Sandbostel und W\u00f6bbelin und der Transport der H\u00e4ftlinge des Stammlagers mit dem Zug nach L\u00fcbeck, wo sie auf die Schiffe \u201everfrachtet\u201c und unter elendigen Bedingungen festgehalten wurden. Die <em>Cap Arcona<\/em>, die <em>Thielbeck<\/em> und die <em>Athen<\/em> geh\u00f6ren zu den letzten Kapiteln der Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager und sind damit auch Teil einer Geschichte der radikalisierten \u201eVolksgemeinschaft\u201c am Ende des Zweiten Weltkriegs: W\u00e4hrend manche KZ-H\u00e4ftlinge schon zu schwach zum Abtransport waren und erschossen oder zum Sterben in den Lagern zur\u00fcckgelassen wurden, wurden die anderen von der SS im April\/Mai 1945 auf \u201eTodesm\u00e4rschen\u201c \u00fcber oft weite Strecken in die Mitte des Deutschen Reichs und Richtung Alpen getrieben, von Lager zu Lager, manchmal ohne Ziel \u2013 und vor den Augen der Deutschen. Viele starben an Ersch\u00f6pfung, Krankheiten oder mangels Verpflegung und wurden von den Wachmannschaften auf dem Weg erschossen. So gelangten auch H\u00e4ftlinge des KZ Stutthof bei Danzig und des oberschlesischen KZ F\u00fcrstengrube, eines Au\u00dfenlagers des KZ Auschwitz, nach Neustadt in Holstein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed aligncenter is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<div class=\"video-container\"><iframe loading=\"lazy\" title=\"J. Triffet - La trag\u00e9die de la Baie de L\u00fcbeck\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/sDxCGaHJ-4s?feature=oembed&#038;wmode=opaque\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/div><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Erinnerungen von <\/em><a href=\"https:\/\/fortunoff-testimonies.be\/fr\/triffet-jules\/\"><em>Jules Triffet<\/em><\/a><em> (*1916), Drucker, Gewerkschafter und belgischer R\u00e9sistant. Nach seiner zweiten Festnahme Ende 1942 wurde er auf dem Umweg \u00fcber verschiedene Gef\u00e4ngnisse im Januar 1944 nach Neuengamme deportiert. Triffet geh\u00f6rte zu den \u00dcberlebenden der <\/em>Athen<em>; er und seine Kameraden wurden noch am 3. Mai, dem Tag des Bombardements, von britischen Truppen befreit.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Unter den H\u00e4ftlingen in der L\u00fcbecker Bucht waren auch franz\u00f6sische Widerstandsk\u00e4mpfer, politische Gefangene und Personen, die sich dem franz\u00f6sischen Arbeitsdienst STO und der Zwangsarbeit f\u00fcr das Deutsche Reich entzogen hatten und in den Untergrund gegangen waren. Die meisten von dieser Gruppe hatten Gl\u00fcck: Sie wurden unter Vermittlung des schwedischen Roten Kreuzes befreit und noch vor Kriegsende nach Schweden gebracht. KZ-H\u00e4ftlinge aus Deutschland und anderen besetzen L\u00e4ndern Europas geh\u00f6rten dagegen zu den Opfern der Katastrophe in der L\u00fcbecker Bucht.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"368\" src=\"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Hrdlicka_Gegendenkmal_Detail1-500x368.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4214\" style=\"width:434px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Hrdlicka_Gegendenkmal_Detail1-500x368.jpg 500w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Hrdlicka_Gegendenkmal_Detail1-300x221.jpg 300w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Hrdlicka_Gegendenkmal_Detail1-768x566.jpg 768w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Hrdlicka_Gegendenkmal_Detail1-1536x1131.jpg 1536w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Hrdlicka_Gegendenkmal_Detail1-2048x1508.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Detail des \u201eMahnmals gegen den Krieg\u201c (1985\/86) von Alfred Hrdlicka. Die Marmorgruppe stellt die Opfer des Untergangs der <\/em>Cap Arcona<em> dar, die von einer Welle erfasst werden. Das Kunstwerk am Hamburger Dammtor ist als Gegendankmal zum alten Kriegerdenkmal von 1936 konzipiert. Lizenz: ChristianSW, CC-BY-SA.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Weniger Gl\u00fcck hatten die H\u00e4ftlinge aus dem rund 700&nbsp;km entfernten KZ Stutthof. Sie waren angesichts des Vorr\u00fcckens der Roten Armee von den SS-Mannschaften quer durch das verschneite Polen getrieben worden, mussten in Schuten die Ostsee \u00fcberqueren und sollten nun ebenfalls auf den Lagerschiffen unterkommen: Wegen \u00dcberf\u00fcllung wurden sie abgewiesen, die Lastk\u00e4hne trieben ans Ufer, wo die fl\u00fcchtenden H\u00e4ftlinge von Marinesoldaten, Volkssturm und B\u00fcrgern Neustadts i.H. gejagt wurden. Zwischen zweihundert und dreihundert von ihnen wurden ermordet. Dieses Verbrechen steht exemplarisch f\u00fcr die Mischung aus Selbsterm\u00e4chtigung (Michael Wildt) und Sicherheitsdenken, die gerade die NS-Verbrechen der letzten Monate vor dem Krieg pr\u00e4gte und weit \u00fcber den engeren Zirkel von Sicherheitsapparat und NS-Funktion\u00e4ren hinausreichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wie den Weg der \u201eTodesm\u00e4rsche\u201c heute Gedenksteine und Gr\u00e4ber s\u00e4umen, finden sich rund um die L\u00fcbecker Bucht und in ganz Schleswig Holstein Denkm\u00e4ler und (Massen-)Gr\u00e4ber auf Dorffriedh\u00f6fen, die an die toten H\u00e4ftlinge erinnern. Die einen waren bereits auf dem Weg zur L\u00fcbecker Bucht ermordet worden, die Leichen anderer wurden an Land gesp\u00fclt oder bei der Verschrottung der Schiffe in den 1950er-Jahren aus dem Schiffsrumpf der <em>Cap Arcona<\/em> geborgen. Noch f\u00fcr viele Jahre wurden am Strand Skelettteile angesp\u00fclt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eVolksgemeinschaft\u201c und Kriegsende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Warum die H\u00e4ftlinge eingeschifft worden waren, kann bis heute nicht mit Sicherheit gesagt werden: die Quellenlage ist l\u00fcckenhaft und die Aussagen der deutschen Verantwortlichen sind widerspr\u00fcchlich und unglaubw\u00fcrdig sind. Denkbar ist, dass die T\u00f6tung der H\u00e4ftlinge von vornherein geplant war&nbsp;(so insbesondere Wilhelm Lange); wahrscheinlicher scheint, dass die Schiffe nur eine Notl\u00f6sung waren, ohne konkrete Vorstellung, was danach kommen sollte (so u. a. Karin Orth). Die Behauptung, man habe den Weitertransport nach Schweden geplant, um die H\u00e4ftlinge als Arbeitskr\u00e4fte und Faustpfand f\u00fcr Verhandlungen mit den Alliierten zu sichern, ist die unwahrscheinlichste: dazu waren die Schiffe nicht geeignet, die <em>Cap Arcona<\/em> war man\u00f6vrierunf\u00e4hig.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Denkmal_Woebbelin1-500x375.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4218\" style=\"width:484px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Denkmal_Woebbelin1-500x375.jpg 500w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Denkmal_Woebbelin1-300x225.jpg 300w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Denkmal_Woebbelin1-768x576.jpg 768w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Denkmal_Woebbelin1-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/files\/2025\/04\/Denkmal_Woebbelin1-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Denkmal f\u00fcr die Opfer der KZ-Todesm\u00e4rsche im April 1945, gestaltet von Jo Jastram (1960), auf dem Gel\u00e4nde der Mahn- und Gedenkst\u00e4tte in W\u00f6bbelin. Zu Fu\u00dfe des Reliefs liegen Blumengestecke zu Ehren belgischer und franz\u00f6sischer H\u00e4ftlinge des KZ Neuengamme. Quelle: Mr. Pommeroy~dewiki, <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\"><em>CC BY-SA 4.0<\/em><\/a><em>, via <\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:W%C3%B6bbelin_KZ-Gedenkst%C3%A4tte_Denkmal_Todesm%C3%A4rsche_100_5830_17.jpg\"><em>Wikimedia Commons<\/em><\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz: Die SS betrieb einen erheblichen Aufwand, um die H\u00e4ftlinge in diese schwimmenden KZ zu bringen. Nach unseren heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben mag das schwer verst\u00e4ndlich und wenig rational sein. Doch war es folgerichtig, wenn man als Ma\u00dfstab die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der vorangegangenen Kriegsjahre nimmt: die Ausbeutung der Arbeitskraft ohne R\u00fccksicht auf das Leben der H\u00e4ftlinge; der Wille, den Zugriff auf diese Arbeitskraft bis zum Schluss zu behalten; ein extremes Sicherheitsbed\u00fcrfnis und der Kampf gegen einen imaginierten Feind von Innen; der unbedingte Wille, die Kontrolle zu behalten \u2013 auch wenn zunehmend unklar war, zu welchem Ziel; der Wunsch nach einem Endkampf mit den \u00e4u\u00dferen Feinden und der letzten \u201eAbrechnung\u201c mit inneren Feinden; Fantasien vom R\u00fcckzug in \u201eFestungen\u201c in den Alpen oder Skandinavien, wo der Kampf weitergef\u00fchrt werden k\u00f6nnte; die gezielte oder in Kauf genommene Vernichtung aller \u201eFeinde\u201c. Aus Sicht der SS war es letztlich egal, ob die Schiffe in der L\u00fcbecker Bucht von den Deutschen im Brand gesetzt w\u00fcrden, Ziel von alliierten Luftangriffen w\u00fcrden oder die H\u00e4ftlinge schlicht verdursteten und an Ersch\u00f6pfung st\u00fcrben.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise ist die Frage nach einem konkreten Plan und nach eindeutigen und \u201erationalen\u201c Zielen in der zunehmend chaotischen Kriegsendphase falsch gestellt: Die Kontrolle behalten und den inneren und \u00e4u\u00dferen Feind vernichten, das war ein \u00fcber Jahre einge\u00fcbtes Programm. Auch wenn die Befehlswege zusammenbrachen, konnte das NS-Regime darauf vertrauen, dass vor Ort die passenden Entscheidungen ad hoc getroffen w\u00fcrden. Das zeigt die Forschung zu den sogenannten Endphasenverbrechen, an denen Wehrmacht, Polizei, SS und Volkssturm, aber auch \u00fcberzeugte Nationalsozialisten, zivile Amtstr\u00e4ger und Zivilisten beteiligt waren. Das beweist das Funktionieren des SS-Apparates vor Ort, in der L\u00fcbecker Bucht im Mai 1945, selbst nach Aufgabe des Lagers Neuengamme, ebenso wie die Erschie\u00dfung der Stutthof-H\u00e4ftlinge in Neustadt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erinnerung und Gedenken im 21. Jahrhundert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00fcbecker Bucht und die lokalen Denkmale waren schon oft Ziel von Erinnerungsreisen von \u00dcberlebenden, ihren Familienmitgliedern, Sch\u00fcler:innen und Interessierten aus Frankreich. Diese <a href=\"https:\/\/www.campneuengamme.org\/connaitre-lamicale\/les-pelerinages\/\">\u201ePilgerfahrten\u201c (<em>p\u00e8lerinages<\/em>) zu den Konzentrationslagern<\/a> und an die Orte nationalsozialistischer Verbrechen, denen <em>R\u00e9sistants<\/em>, politische H\u00e4ftlinge, Verweigerer des Arbeitsdienstes, Juden und andere Menschen aus Frankreich zum Opfer fielen, sind Teil einer lebendigen franz\u00f6sischen Erinnerungskultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Der inzwischen zweite Generationswechsel in den Organisationen der \u00dcberlebenden und ihrer Familien, von der Generation der Kinder auf die Enkel, ist derzeit im Gang und die Vereine suchen neue Wege der Transmission von Wissen und Erinnerung. Zusammen mit den anderen nationalen und internationalen Gefangenenorganisationen der einzelnen KZ sind sie wichtige Akteure der europ\u00e4ischen Erinnerung und Ansprechpartner der Gedenkst\u00e4tten. Davon zeugen die oben erw\u00e4hnte Gr\u00fcndung der <a href=\"https:\/\/campmauthausen.org\/2023\/10\/officialisation-de-luamcn\/\">UAMCN<\/a> und deren erste Veranstaltung, die am Deutschen Historischen Institut Paris (DHIP) die Katastrophe in der L\u00fcbecker Bucht thematisierte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterf\u00fchrende Lekt\u00fcre<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Daniel Blatman, Die Todesm\u00e4rsche 1944\/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2011, insb. S. 609\u2013672 zu den T\u00e4tern.<\/li>\n\n\n\n<li>Marc Buggeln, Arbeit &amp; Gewalt. Das Au\u00dfenlagersystem des KZ Neuengamme, G\u00f6ttingen (Wallstein) 2009, insb. S. 625\u2013657.<\/li>\n\n\n\n<li>Herbert Diercks, Michael Grill: Die Evakuierung des KZ Neuengamme und die Katastrophe am 3. Mai 1945 in der L\u00fcbecker Bucht. Eine Sammelrezension, in: Kurt Buck u.a., Kriegsende und Befreiung (= Beitr\u00e4ge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 2), Bremen (Temmen) 1995, S. 175\u2013183.<\/li>\n\n\n\n<li>Detlef Garbe, Neuengamme \u2013 Stammlager, in : Wolfgang Bent, Barbara Distel (Hg.), Angelika K\u00f6nigseder (Red.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 5, M\u00fcnchen (C.&nbsp;H. Beck) 2007, S.&nbsp;315\u2013346.<\/li>\n\n\n\n<li>Katharina Hertz-Eichenrode (Hg.), Ein KZ wird ger\u00e4umt: H\u00e4ftlinge zwischen Vernichtung und Befreiung. Die Aufl\u00f6sung des KZ Neuengamme und seiner Au\u00dfenlager durch die SS im Fr\u00fchjahr 1945. Katalog zur Wanderausstellung, 3 Bde., Bremen 2000, insb. die Beitr\u00e4ge von Karin Orth (Planungen und Befehle der SS F\u00fchrung zur R\u00e4umung des KZ-Systems) und Wilhelm Lange (Neueste Erkenntnisse zur Bombardierung der KZ Schiffe in der Neust\u00e4dter Bucht am 3. Mai 1945: Vorgeschichte, Verlauf und Verantwortlichkeiten).<\/li>\n\n\n\n<li>Sven Keller, Volksgemeinschaft am Ende. Gesellschaft und Gewalt 1944\/45 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, 97), insb. S. 217\u2013324 (\u201eOrdnung und Sicherheit \u2013 Angst und Rache: Gewalt gegen \u201aVolksfeinde\u2018 und \u201aRassefeinde\u2018\u201c).<\/li>\n\n\n\n<li>Wilhelm Lange, Cap Arcona. Das tragische Ende der KZ-H\u00e4ftlings-Flotte am 3. Mai 1945, Neustadt i. Holstein 2014 (4. Aufl.).<\/li>\n\n\n\n<li>Michael Wildt, Volksgemeinschaft als Selbsterm\u00e4chtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen. Provinz 1919 bis 1939, Hamburg (Hamburger Edition) 2007.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als am Nachmittag des 3. Mai 1945, wenige Tage vor Kriegsende, die britische Royal Air Force Schiffe in der L\u00fcbecker Bucht bombardierte, wussten die Piloten nicht, dass sich an Bord von drei Schiffen in der Bucht etwa 9000 KZ-H\u00e4ftlinge befanden. Die Cap Arcona, ein luxuri\u00f6ses Kreuzfahrtschiff, und der Frachter Thielbeck waren von der SS beschlagnahmt worden, um angesichts des schnellen Vorr\u00fcckens der britischen Truppen in Norddeutschland Gefangene aus den Konzentrationslagern zu \u00bbevakuieren\u00ab. Beide Schiffe ankerten in der Bucht und wurden versenkt. Von 7000 Menschen \u00fcberlebten etwa 400. Die Athen, ein von der SS beschlagnahmter Frachter war in den Hafen zur\u00fcckbeordert worden und hatte dort die wei\u00dfe Flagge gehisst: sie entging den Bomben und mit ihr rund zweitausend Deportierte. Ein viertes Schiff, die Deutschland, die gerade erst zu einem Lazarettschiff umgebaut worden war, wurde versenkt, ohne dass es Opfer gab: auf ihr befanden sich keine H\u00e4ftlinge, die Mannschaft war gefl\u00fcchtet.<\/p>\n","protected":false},"author":9393,"featured_media":4225,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_license":"","publish_to_discourse":"","publish_post_category":"","wpdc_auto_publish_overridden":"","wpdc_topic_tags":"","wpdc_pin_topic":"","wpdc_pin_until":"","discourse_post_id":"","discourse_permalink":"","wpdc_publishing_response":"","wpdc_publishing_error":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[157,195,246],"ppma_author":[473],"class_list":["post-4200","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-dhi-paris","tag-erinnerungskultur","tag-zweiter-weltkrieg"],"authors":[{"term_id":473,"user_id":9393,"is_guest":0,"slug":"moraleconomy","display_name":"J\u00fcrgen Finger","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/14ce676ae4977d1eaa3268e6c7ef60b3edc9c573507d1261bf1942f98f8ebed5?s=96&d=blank&r=g","1":"","2":"","3":"","4":"","5":"","6":"","7":"","8":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4200","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9393"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4200"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4200\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4651,"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4200\/revisions\/4651"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4200"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4200"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4200"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/endsofwar.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=4200"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}