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The Lives and Afterlives of Amateur Soldier-Photography in World War II

Eine Veranstaltung des Deutschen Forums für Kunstgeschichte Paris / Max Weber Stiftung

30. Juni 2025, Centre Marc Bloch, Berlin (interner Workshop)

1. Juli 2025, Museum für Kommunikation Berlin (Tagung)

Im Jahr 1995 organisierte das Hamburger Institut für Sozialforschung eine Wanderausstellung, die sich mit dem nationalsozialistischen „Vernichtungskrieg“ und den Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Osteuropa befasste. Gezeigt wurden überwiegend private Amateuraufnahmen von Soldaten. Die Ausstellung erreichte rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland und Österreich und löste heftige, teils kontroverse Debatten aus. Seither hat sich ein interdisziplinäres Forschungsfeld entwickelt, das den heuristischen Wert und die materielle Wirkung von Amateurfotografien als historische Quellen untersucht. In der zweitägigen Berliner Veranstaltung The Lives and Afterlives of Amateur Soldier-Photography in World War II wurde an diese Erkenntnisse angeknüpft. Zugleich ging es darum, die Debatten achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für transnationale Perspektiven zu öffnen.

20 Expert*innen sitzen bei einer Veranstaltung des Centre Marc Bloch gemeinsam an einem Tisch und lachen in die Kamera.
© Martin Dammann
Eine Person fotografiert die Runde der Expert*innen.
© Elissa Mailänder

Am ersten Tag kamen rund zwanzig Expert:innen aus Geschichts-, Kunst-, Film-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie aus der Anthropologie zu einem nicht-öffentlichen Workshop im Centre Marc Bloch zusammen. In jeweils zehnminütigen Beiträgen stellten die Teilnehmer:innen Bildmaterial aus ihrer Forschung zur Debatte – darunter japanische, sowjetische, US-amerikanische, australische, französische und deutsche Soldaten-Amateurfotografie aus dem Zweiten Weltkrieg. Diskutiert wurde u. a., wie sich transnational verbreitete Bildmotive zu kulturell geprägten Praktiken des Fotografierens verhalten oder welche Bildtypen in welchen Phasen des Kriegs dominieren; aber auch wie sich die widersprüchlichen Affekte, die diese Fotografien auslösen – von Kameradschaft und Humor bis zu Gewalt und Leid – analytisch fassen lassen. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand immer wieder der Umgang mit der unauflösbaren Spannung zwischen der Ästhetik der Aufnahmen und ihrer historischen Funktion als Zeugnisse von Machtausübung, Gewalt und Völkermord. Damit gerieten auch Fragen nach der Möglichkeit visueller Archive in den Blick, die marginalisierte Perspektiven einbeziehen, die Rassismus, Kolonialismus und Geschlecht sichtbar machen und die auf diese Weise der hegemonialen Sicht des militärischen Eroberers etwas entgegensetzen. Nicht zuletzt wurde über eine Ethik des Zeigens und Sehens diskutiert – darüber, wie mit Bildern von Gewalt und Völkermord gearbeitet werden kann, sodass in ihrem Nachleben die Würde der Abgebildeten gewahrt bleibt.

Am zweiten Tag standen im Rahmen der öffentlichen Tagung im Museum für Kommunikation zunächst künstlerische Perspektiven im Zentrum. Der Berliner Künstler Martin Dammann, bekannt für seine großformatigen Aquarelle und die Publikation Crossdressing in der Wehrmacht (2018), sprach über die Wechselwirkungen zwischen seiner künstlerischen Praxis und seiner Arbeit als Foto-Scout für das Archive of Modern Conflict (AMC) in London. Die in Wien lebende französische Künstlerin Tatiana Lecomte präsentierte ihren Film Ein mörderischer Lärm (2015), in dem ein ehemaliger französischer Gefangener mit einfachen Mitteln die Geräuschkulisse einer geheimen unterirdischen Fabrik im Konzentrationslager Gusen II rekonstruiert. Der Film macht so eine Form der Erinnerungsarbeit erfahrbar, die sich der erlebten Vergangenheit über den Klang annähert. Abschließend stellte Clemens von Wedemeyer seine Ausstellung P.O.V. (Point Of View) (2016) vor, die auf dokumentarischem Filmmaterial des Wehrmachtshauptmanns Freiherr Harald von Vietinghoff-Riesch basiert und dieses in Hinblick auf Bildräume und Grenzen der subjektiven Kamera im Krieg befragt.

Von links nach rechts: Daniel H. Magilow, Elissa Mailänder, Elizabeth Edwards, Oder Ashkenazi und Sophie-Charlotte Opitz.
Von links nach rechts: Daniel H. Magilow, Elissa Mailänder, Elizabeth Edwards, Oder Ashkenazi und Sophie-Charlotte Opitz. © Franziska Solte

In der von Daniel H. Magilow moderierten Podiumsdiskussion am Nachmittag, an der Ofer Ashkenazi, Elizabeth Edwards, Elissa Mailänder und Sophie-Charlotte Opitz teilnahmen, wurden zentrale Fragen aus dem Workshop des ersten Tages für die Öffentlichkeit aufgegriffen und vertieft: Diskutiert wurde, welche Funktionen private Soldatenfotografien während des Krieges erfüllten und welche Rollen sie heute in einer globalen, digitalen Welt spielen. Dabei ging es auch um die Frage, wessen Macht wir in diesen Bildern sehen – und ob sich darin Gegenblicke identifizieren lassen. Erörtert wurde, welche Wirkung die Fotografien auf das fotografierende Subjekt hatten und welche Wirkung sie heute auf uns entfalten. Auch Begriffe standen zur Debatte – etwa, ob zur Analyse verbreiteter Bildmotive der Soldatenfotografie eher der Begriff des Transkulturellen oder des Transnationalen greift. Weitere Themen waren die Rolle privater Fotografien als Schnittstellen zwischen Mikro- und Makrogeschichte sowie die ethischen Verantwortlichkeiten und Implikationen, die sich für Wissenschaftler:innen, Lehrende und Kurator:innen ergeben. Abschließend wurde diskutiert, wie sich ethische Normen für das Zeigen von Gewaltbildern in Ausstellungen, Publikationen und der Lehre im Laufe der Zeit verändern.

Konzeption:
Peter Geimer (Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris), Arno Gisinger (Université Paris 8), Elissa Mailänder (Sciences Po Paris / Centre Marc Bloch Berlin)

Teilnehmer:innen:
Ofer Ashkenazi (Hebrew University Jerusalem)
Petra Bopp (unabhängige Wissenschaftlerin und Kuratorin, Hamburg)
Martin Dammann (Künstler, Berlin)
Elizabeth Edwards (De Montfort University, Leicester / Oxford University)
Frances Guerin (University of Kent, Canterbury)
Iain Johnston (Groeningen University)
Tatiana Lecomte (Künstlerin, Wien)
Daniel H. Magilow (University of Knoxville, Tennessee)
Sophie-Charlotte Opitz (Bucerius Kunst Forum Hamburg)
Ulrich Prehn (Technische Universität Berlin)
Mary Louise Roberts (University Wisconsin Madison)
Sven Saaler (Sophia University Tokyo)
Oksana Sarkisova (Zentraleuropäische Universität Wien)
Olga Shevchenko (Williams College, Williamstown MA)
Tom Streuber (Sciences Po Paris / Centre Marc Bloch Berlin)
Clemens von Wedemeyer (Künstler, Berlin)

Organisation:
Peter Geimer (DFK Paris), Arno Gisinger (Université Paris 8), Corinna Kranig (Université Paris 8 / Universität Konstanz), Elissa Mailänder (Sciences Po Paris / Centre Marc Bloch Berlin), Franziska Solte (DFK Paris)

Bericht: Franziska Solte


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Max Weber Stiftung (9. Oktober 2025). The Lives and Afterlives of Amateur Soldier-Photography in World War II. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/14vq7


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