Von den Unwägbarkeiten des Sieges
1945 aus amerikanischer Sicht: Wie die Vereinigten Staaten das Kriegsende erlebten
Von Philipp Gassert
Als Präsident Harry S. Truman am 15. Juli 1945 auf dem Flughafen Berlin-Gatow landete, um an der Potsdamer Konferenz teilzunehmen, hatte sich die Lage im Vergleich zum letzten Treffen der „Großen Drei“ fünf Monate zuvor in Jalta dramatisch gewandelt. Kriegspräsident Franklin D. Roosevelt war am 12. April verstorben, was dessen plötzlich ins Präsidentenamt aufgerückten Vize recht unerwartet in eine komplexe Verhandlungssituation warf, über die er nicht recht auf dem Laufenden war. Noch war das Ende der Kampfhandlungen unabsehbar: Deutschland war zwar besiegt, aber Japan kollabierte nicht. Am 16. Juli gelang dann unweit von Alamogordo der erste Atomwaffentest: Truman erfuhr vom Erfolg des streng geheimen Experiments am Vorabend der Potsdamer Beratungen. Pessimistisch notierte er in sein Tagebuch, er fürchte, dass „Maschinen der Moral um ein paar Jahrhunderte vorausgeeilt sind“.
Mit dem Sieg in Europa hatte sich das Verhältnis zur Zukunft geändert: Im Kommuniqué von Jalta (11. Februar) war die „Einheitlichkeit der Zielsetzungen“ als Basis der künftigen Kooperation der Siegermächte beschworen worden. Konflikte um freie Wahlen in Polen und deutsche Reparationen hatte man in Jalta mit Formelkompromissen übertüncht. Angesichts der schon in den Wochen zuvor offen aufgebrochenen Streitigkeiten hängte die US-Presse im Sommer 1945 die Erwartungen niedrig: In Potsdam gehe es um praktische Lösungen für die Nachkriegszeit. Auch Truman wünschte sich eine solide Partnerschaft mit Moskau, Frieden und Prosperität. Doch sah sich der Ex-Senator als ein „altbekannter Pferdehändler aus Missouri“ primär den Interessen seines Landes verpflichtet – nicht der Menschheit oder der globalen Demokratie wie Roosevelt oder einst Woodrow Wilson in Versailles 1919.
Gedämpfte Erwartungen: Truman in Potsdam
Trumans Weg nach Potsdam war zurückhaltend inszeniert, um übertriebene Hoffnungen auf eine „bessere Welt“ zu dämpfen. Wilson war vor Eröffnung der Versailler Konferenz im Triumph durch Europa gezogen. Doch dann war der Visionär des Weltfriedens ganz banal am US-Senat gescheitert, der die Völkerbundsakte schlicht nicht ratifiziert und so dem Friedenswerk die Grundlage entzogen hatte. Truman ging in Antwerpen geräuschlos an Land, fuhr nach Brüssel, hielt eine knappe Rede und flog nach Berlin. Am 16. Juli ließ er sich unauffällig durch das zerstörte Berlin kutschieren. Durch die Ruinen sah er teilnahmslos wirkende Frauen, Kinder, alte Leute und Kriegsversehrte stapfen. Er habe an „Karthago, Baalbek, Jerusalem“ gedacht, an Babylon und Ninive, an Scipio, Dschingis-Khan, Alexander und Darius den Großen.
In der US-Öffentlichkeit war Potsdam weniger präsent als die von Hoffnungen überfrachtete Konferenz von San Francisco, zwischen dem 25. April und dem 26. Juni, wo mit großem Tamtam die UN aus der Taufe gehoben worden waren. Im Kontrast hierzu produzierte Potsdam auch aufgrund einer Nachrichtensperre wenige aussagekräftige Bilder und Berichte: ein Arbeitstreffen, um längst getroffene Grundsatzentscheidungen umzusetzen. Die Aufmerksamkeit des Durchschnittsamerikaners war auf den Endkampf im Pazifik fixiert. Die erwartete Invasion der japanischen Hauptinseln betraf sehr konkret das Schicksal von Hunderttausenden GIs und ihrer Familien. Angesichts des erbitterten japanischen Widerstands erhoffte man sich von Truman, dass er einen raschen Kriegseintritt der UdSSR gegen Japan verhandeln würde.
1945 wird gern als der Wendepunkt der internationalen Beziehungen der USA gezeichnet. Eher dürfte es aber wohl ein retardierendes Moment in einem längeren Prozess gewesen sein, der um 1937 begann. Damals hatte Roosevelt öffentlich auf den japanischen Angriff auf China reagiert und eine „Quarantäne“ der Friedensbrecher Japan, Italien und Deutschland gefordert. Der Historiker Klaus Schwabe nennt diesen 10-jährigen Übergang die „kopernikanische Wende“ der US-Außenpolitik. Traditionell hatten die USA „isolationistisch“ auf Abstand zu Europa gesetzt. Nun gewann der „internationalistische“ Ansatz Oberhand, beschleunigt durch den Schock von Pearl Harbor 1941 und die anschließende deutsche Kriegserklärung. Weil ab 1947 die UdSSR Deutschland und Japan als strategische Bedrohung ersetzten, wurde der Internationalismus dominant. Ob Donald Trump das zurückdrehen kann, steht zu bezweifeln.
Zukunftsängste: Amerika Anno ‘45
Die USA hatten aus dem Zweiten Weltkrieg den relativ größten Nutzen gezogen. Deutschland, Italien und Japan waren als Großmächte ausgelöscht. Die anderen Siegermächte UdSSR, Großbritannien, Frankreich und China waren ebenso ausgeblutet und von US-Unterstützung abhängig wie die einstigen Gegner. Amerika hatte erstaunlich geringe militärische Verluste zu beklagen: 400.000 gefallenen US-Soldaten standen 15 Millionen tote Sowjetbürger, sechs Millionen tote Polen, vier Millionen tote Deutsche und zwei Millionen tote Japaner gegenüber. Selbst der Amerikanische Bürgerkrieg war mit 620.000 Gefallenen verlustreicher gewesen. Wirtschaftlich hatte der Krieg den USA nicht geschadet – sie erfreuten sich des höchsten Lebensstandards der Welt.
In den 1990er Jahren wurde der Zweite Weltkrieg zumeist als good war zelebriert und dessen altgewordene Veteranen als greatest generation gefeiert. So war die Stimmung 1945 aber nicht. Die vielfach reproduzierten Bilder jubelnder Massen auf dem Times Square in New York verzerren die Perspektive. Zwar brachen nach den Kapitulationen Deutschlands und Japans starke Gefühle spontan hervor. Doch die kurzen Freudenszenen verdecken ambivalente Erwartungen. Amerika schwankte zwischen Optimismus, banger Hoffnung, Enttäuschung und Angst. Würden Spaltung und Misstrauen auch 1945 den Frieden vergiften wie nach 1919? Wie würde das Land die sozialen Umbrüche meistern können, die der Krieg ausgelöst hatte?
Seit 1944 hatte sich z. B. der Literaturkritiker Bernard De Voto in einer monatlichen Kolumne im Harper’s Magazine Gedanken darüber gemacht, wie es nach dem Krieg weitergehe: So schlimm der Krieg sei, die Probleme des Friedens würden schlimmer. Lasse der äußere Zwang nach, drohe Kollaps im Inneren: „Während uns der Krieg Hoffnung brachte, wird der kommende Frieden Verzweiflung bringen.“ Würde die Integration von Millionen Veteranen in die Wirtschaft gelingen? Drohe wieder Arbeitslosigkeit wie in den 1930er Jahren? Wie stehe es um das Verhältnis von Männern und Frauen angesichts des Zusammenbruchs der Sexualmoral im Krieg? Hellsichtig prophezeite er ein Erstarken von Rassenhass, „Jim Crow“ und Antisemitismus.
Der Krieg hatte traditionelle Geschlechterrollen untergraben. Millionen Frauen hatten in der Kriegswirtschaft „ihren Mann gestanden“. Wenige wollten zu Küche und Kindern zurück. Traditionalisten prophezeiten den Untergang der amerikanischen Familie. Für Unruhe sorgte die künftige Stellung der Afroamerikaner. Schwarze Soldaten hatten loyal Kriegsdienst geleistet. Sie wollten als Bürger nun endlich gleichgestellt werden. Der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal brachte es als „amerikanisches Dilemma“ auf den Punkt: Viele Weiße bejahten die Demokratie, doch sie fänden nichts daran, ihre afroamerikanischen Mitbrüder und -schwestern zu diskriminieren. Führende Bürgerrechtler wiederum forderten, dass mit dem Untergang der europäischen Imperien auch in Amerika die Stunde der Marginalisierten schlagen solle. Diese müssten an den Früchten des Sieges fair beteiligt werden.
Eine neue Perspektive auf die Welt
Millionen amerikanische Männer und Frauen hatten auf fernen Kriegsschauplätzen gedient. Sie brachten neue Erfahrungen in Amerikas Wohnstuben, Farmen und Fabriken. Doch das „dort drüben“ Erlebte förderte den Wunsch nach „Normalität“. Zwar hatten Militärdienst und wirtschaftliche Mobilisierung von Frauen die Bevölkerung vordergründig „gleicher“ gemacht. Auch hatten die Angriffe Deutschlands und Japans das Volk darauf vorbereitet, dass es künftig eines starken Militärs bedürfe. Trotzdem regten sich zumal in Trumans Heimat im Westen sofort isolationistische Reflexe: Eine steile Aufgabe für die Regierung, Amerika zum permanenten Internationalismus zu erziehen.
Auch der Abwurf der ersten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wurde nicht bejubelt, obwohl der Krieg so auf einen Schlag beendet war. Das Opfer der beiden japanischen Städte hat vermutlich Millionen Menschen Leid und Tod erspart. In die US-Kulturgeschichte sind die ersten Nachkriegsjahre als „Zeitalter der Angst“ eingegangen, nach dem gleichnamigen, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Gedicht von W. H. Auden. Den meisten Amerikanern dämmerte nun allmählich, dass sie trotz ihrer geographischen Isolation nicht mehr so sicher vor Angriffen von außen sein würden wie früher, obwohl sie vorerst noch im Alleinbesitz der Atombombe waren.
Roosevelts Nachkriegsvision, wonach die gestärkten USA im gedeihlichen Miteinander mit der UdSSR, begleitet von einer friedlichen Dekolonisierung der europäischen Imperien, eine Weltfriedensordnung beaufsichtigen würden, bröckelte schon vor seinem Tod. Truman wiederum schwankte zwischen „Härte“ und Kooperation gegenüber Moskau. Öffentlich gab er sich konziliant: Er fahre mit den „freundlichsten Gefühlen für Russland“ nach Potsdam. Trotz frenetischer Entgegnungen von Churchill hielt er an der in Jalta vereinbarten Demarkationslinie fest und befahl den Rückzug der US-Truppen aus Thüringen, Westsachsen sowie den norddeutschen und oberösterreichischen Gebieten, die in der künftigen Sowjetzone lagen.
Die langen Schatten des Pazifikkriegs
„Wie ich diesen Trip hasse“, schrieb Truman, bevor er nach Potsdam aufbrach. Dennoch schipperte er pflichtschuldigst über den Atlantik. Oberstes Verhandlungsziel war der sowjetische Kriegseintritt gegen Japan. Zweitens sollte Europa stabilisiert werden, ein den typischen US Taxpayer brennend interessierender Punkt, da die Besatzungskosten in die Höhe zu schießen drohten. Daher war dringend die „deutsche Frage“ zu klären. Den Kriegseintritt gegen Japan konzedierte Stalin noch vor Konferenzbeginn. Indes wurde dieses Zugeständnis von der technologischen Entwicklung überrollt: „Japan fällt zusammen, bevor Russland einsteigt […], sobald Manhattan über ihrem Heimatland aufsteigt”, notierte Truman unter Bezug auf das Atombombenprojekt am 18. Juli.
Noch Anfang August war für die amerikanische Öffentlichkeit unabsehbar gewesen, ob und wann der Krieg enden würde. Doch am Morgen des 7. August beherrschte die Nachricht vom Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima die Schlagzeilen. Der bereits extrem brutale Luftkrieg hatte eine weitere Steigerung erfahren. Dann endeten die Kampfhandlungen erstaunlich rasch. Schon am 2. September wurde an Bord der USS Missouri die japanische Kapitulation unterzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt waren die Außenminister der „Großen Drei“ damit beschäftigt, sich für das erste Treffen ihres in Potsdam geschaffenen Rats zu präparieren, der vom 12. September bis 21. Oktober in London tagte.
In London verhinderten die USA die Mitbesetzung Japans durch die Rote Armee. Anfang 1947 war es mit der allliierten Einheit endgültig vorbei. Die in Jalta, San Francisco und Potsdam geschaffenen diplomatischen Instrumente versagten. Mit der Truman-Doktrin vom März 1947 sowie dem Marshallplan im Juni 1947 war der Übergang vom Weltkriegsbündnis zu einer Politik der „Eindämmung“ der UdSSR vollzogen. Angesichts Moskauer Intransigenz in der deutschen Reparationsfrage arbeitete die US-Regierung nun gezielt auf die Gründung des späteren bundesrepublikanischen Weststaats hin, während Stalin noch bis in die frühen 1950er Jahre ein neutralisiertes Gesamtdeutschland für möglich hielt.
1945 als retardierendes Moment
Retrospektiv steht Potsdam, das große europäische Konferenzereignis des Jahres 1945, das es in jedes Schulbuch schafft, für das Scheitern der Zusammenarbeit der Big Three. Jalta indes wird wahlweise zum Höhepunkt der alliierten Kriegskameradschaft und zur Chance auf eine bessere Welt friedlicher Mächtekooperation verklärt, die Truman naiv verspielt habe. Andere finden hier Belege amerikanischer Blauäugigkeit gegenüber Stalin. Spätere Kritiker wie der französische Präsident Charles de Gaulle überhöhten Jalta zum Symbol westlichen Verrats an Polen und Osteuropa. Übrigens: Über „Hiroshima“ wurde 1945 bemerkenswert wenig geredet. Atomwaffen wurden erst im Kalten Krieg zum politischen game changer.
1945 ist kein harter Einschnitt in der Geschichte der USA, sondern lässt sich als ein Moment des Innehaltens angesichts einer unsicheren Zukunft interpretieren. Im Inneren überwog institutionell-politische und gesellschaftliche Kontinuität. Auch außenpolitisch standen die Zeichen vorerst nicht auf Wandel. Die in Jalta, San Francisco und Potsdam versammelten Politiker und ihre Berater hatten Deutschland, Polen, Reparationen, den Wiederaufbau Europas und die Beendigung des Kriegs im Pazifik im Kopf. Kaum einer erwartete den Kollaps der Great Alliance innerhalb weniger Jahre. Im Gegenteil. Als die Big Three am 1. August auseinander gingen, hofften sie auf ein weiteres Treffen womöglich in Washington, wie Truman vorschlug: „So Gott will“ antwortete Stalin. Er sollte sich irren, denn mit dem Streit um Deutschland bahnte sich ab dem Herbst 1945 eine neuerliche „Spaltung der Welt“ an.
Philipp Gassert ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats sowie ehemaliger stellvertretender Direktor des DHI Washington. Er lehrt an der Universität Mannheim.
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Max Weber Stiftung (3. Mai 2025). Von den Unwägbarkeiten des Sieges. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/147rq












