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Geteilte Staaten, geteilte Erinnerungen

In Ostasien sind die Narben des japanischen Imperialismus noch nicht verheilt

Von Dolf-Alexander Neuhaus und Torsten Weber

Der 8. Mai 1945 ist ein trauriger Tag für die Menschen in Imabari. Die japanische Kleinstadt auf der Insel Shikoku, bekannt für ihre hochwertige Handtuchproduktion, wird an jenem Dienstagmorgen zum Ziel amerikanischer Luftangriffe. 29 Menschen sterben, darunter elf Schülerinnen aus der Imabari-Oberschule für Mädchen. Als der Fliegeralarm ertönt, verlassen sie ihren Schulweg, um auf den nahegelegenen Himesaka-Berg zu flüchten. Genau hier fällt eine der tödlichen Bomben auf die 14- und 15-Jährigen. Jedes Jahr am 8. Mai legen Schülerinnen Blumen an einem Mahnmal in der Schule ab, um der Opfer zu gedenken.

In den folgenden Wochen und Monaten kommen bei ähnlichen Angriffen auf Tokyo, Yokohama und andere Städte mehrere Zehntausend Zivilisten ums Leben. Während in Europa die Waffen längst schweigen, fordern allein die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August mindestens 150.000 Tote. Erst jetzt ist Japans Führung bereit aufzugeben. Vierzehn Wochen nach der Kapitulation Deutschlands verkündet Kaiser Hirohito am 15. August die berühmten Worte, man müsse nun „das Unerträgliche ertragen“. Gemeint war damit die Niederlage Japans und die Besatzung durch die von der Propaganda verteufelten Amerikaner. Hundertausende Menschen wären indes am Leben geblieben, hätte die japanische Führung angesichts der aussichtslosen Lage früher kapituliert. Die Niederlage galt seit der Schlacht um Midway (1942) als wahrscheinlich, spätestens seit der Landung amerikanischer Truppen in Okinawa Anfang April 1945 als unabwendbar.

Okkupation Japans, Teilung Asiens

Mit Japans bedingungsloser Kapitulation begann eine siebenjährige Besatzung durch die USA. Das zerstörte Land besaß in dieser Zeit zwar eine eigene Regierung aus liberalen Kräften der Vorkriegszeit, die tatsächliche Befehlsgewalt lag jedoch bis zum Inkrafttreten des Friedensvertrags von San Francisco 1952 bei der Besatzungsbehörde (GHQ) unter dem alliierten Oberkommandierenden US-General Douglas MacArthur. Anders als Deutschland und die ehemalige Kolonie Korea entging Japan der Teilung in Besatzungszonen. Zu Beginn der Okkupation stießen die Amerikaner weitreichende demokratische Reformen an, wie die Einführung des Frauenwahlrechts und von Gewerkschaften, eine Wirtschafts- und Bodenreform und die Demilitarisierung der Gesellschaft. Letztere ließen sie neben den neuen bürgerlichen Freiheiten auch in der japanischen Verfassung von 1947 festschreiben: Im Artikel 9 verzichtet Japan de iure auf die Aufstellung einer Armee und das Recht Krieg zu führen. De facto unterhält das Land seit 1954 eine moderne Armee, die gemäß der Verfassungsbestimmung als Selbstverteidigungsstreitkräfte bezeichnet werden. Bis heute streiten die politischen Lager in Japan über den Erhalt oder die Abschaffung des Artikels 9. Insgesamt war die Demokratisierung ein Erfolg, auch wenn die japanische Bürokratie, die große personelle Kontinuität zur Zeit vor 1945 aufwies, nicht alle liberalen Reformen mit letzter Konsequenz umsetzte und einige später sogar wieder zurücknahm.

Ähnlich wie Deutschlands Zusammenbruch in Europa veränderte Japans Niederlage die Landkarte in Ostasien und der Pazifikregion grundlegend. Der Untergang des japanischen Kolonialreichs, das seit dem späten 19. Jahrhundert Taiwan und Korea, später auch vormals deutsche Kolonien im Pazifik und den Marionettenstaat Manchukuo umfasste, führte zur Neuordnung Ostasiens. Nationale Teilung und Vertreibung waren vielerorts die Folge. Die japanischen Siedler wurden als ehemalige Besatzer aus Korea und der Mandschurei repatriiert und oft nur schwer in die Gesellschaft des Mutterlandes reintegriert. Bis heute leben viele koreanisch-stämmige Menschen in Japan, deren Vorfahren während der Kolonialzeit eingewandert waren oder während des Krieges zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. Bei Kriegsende hielten sich 2,4 Millionen Koreaner in Japan auf; etwa 650.000 von ihnen kehrten aufgrund von Teilung, Krieg oder wirtschaftlichen Erwägungen nicht in ihre Heimat zurück. Als Untertanen des Kaisers waren sie Bürger Japans gewesen, wenn auch zweiter Klasse; nun aber verloren sie die japanische Staatsbürgerschaft und wurden staatenlos.

Während in Europa schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Eiserne Vorhang niederging, konsolidierten sich die Blöcke in Asien langsamer und bisweilen gewaltsam. In China flammte ohne den äußeren Feind Japan erneut der Bürgerkrieg zwischen den Kommunisten und den Nationalisten auf, der mit der Gründung der Volksrepublik China und dem Rückzug der Nationalisten nach Taiwan endete. Dorthin flohen mindestens zwei Millionen Chinesen vor Maos kommunistischer Revolution. Auch Dekolonisationskriege wie der Indochinakrieg, in dem sich die vietnamesischen Kommunisten mit chinesischer Unterstützung ab 1946 gegen die Restitution der französischen Kolonialherrschaft wehrten, waren eine Folge des Abzugs des japanischen Militärs.

Von großer Tragik ist der Fall Koreas. Das Volk, das schon nach dem Ersten Weltkrieg massenhaft gegen die japanische Kolonialherrschaft demonstriert hatte, erlangte mit Japans Niederlage seine Unabhängigkeit, wurde jedoch entlang des 38. Breitengrades in eine amerikanische und eine sowjetische Zone geteilt. Die Politik der Besatzungsmächte vertiefte bereits bestehende ideologische Bruchlinien und führte 1948 schließlich zur Gründung zweier Staaten, die beide die Wiedervereinigung unter ihrem jeweiligen Regime anstrebten.

Nachdem es schon mehrfach zu Schusswechseln an der Demarkationslinie gekommen war, überfiel die nordkoreanische Armee mit Zustimmung Stalins 1950 den Süden. Kim Il-sung brach einen Krieg vom Zaun, der in drei Jahren fast drei Millionen Opfer forderte. Die Intervention der UN-Truppen unter US-Führung auf Seiten des Südens sowie das chinesische Eingreifen zugunsten des Kim-Regimes gaben dem Konflikt eine globale Dimension und führten die Region an den Rand eines Flächenbrandes. Die Folgen prägen die koreanische Halbinsel und die Region bis heute.

Korea-Boom und Kursumkehr

Für Japan erwies sich der brutale Krieg im Nachbarland „als ein Geschenk der Götter“, wie Premierminister Shigeru Yoshida es ausdrückte, kurbelte er doch die Nachfrage nach industriellen Exportgütern massiv an. Die japanische Schwerindustrie, die schon die militärische Aufrüstung in den dreißiger Jahren ermöglicht hatte, befeuerte nun das japanische Wirtschaftswunder der fünfziger und sechziger Jahre mit jährlichen Wachstumsraten von zehn Prozent.

Doch Japan war mehr als nur ein stiller wirtschaftlicher Profiteur. Das besetzte Land diente als Operationsbasis der US-Streitkräfte in Korea, die MacArthur anfangs ebenfalls befehligte. Die Gründung der Volksrepublik China und der Krieg in Korea schürten in der japanischen Regierung und im GHQ die Angst vor einer kommunistischen Revolution. Mit Argwohn betrachteten sie die japanischen Kommunisten und die koreanische Minderheit, die mehrheitlich mit dem Norden sympathisierte. Das GHQ initiierte daher ab Sommer 1950 eine Kursumkehr und verstärkte die antikommunistischen Säuberungen des öffentlichen Sektors, der Medienanstalten, von Universitäten und Industrieunternehmen. Zugleich verzichtete es auf die weitere Verfolgung von mutmaßlichen Kriegsverbrechern, von denen viele ins öffentliche Leben reintegriert wurden. Nobusuke Kishi, Minister in Hideki Tojos Kriegskabinett, wurde 1957 sogar Premierminister.

Kriegsgefahr im Urlaubsparadies?

Der Koreakrieg gab auch unmittelbar Anstoß zur Wiederbewaffnung Japans. Ein bilaterales Verteidigungsbündnis, im Junktim mit dem Friedensvertrag geschlossen, band das Land als tragenden Eckpfeiler fest in die US-Sicherheitsarchitektur im Pazifik ein. Gegenwärtig unterhalten die USA allein in Japan 15 große Militärstützpunkte. Die Hauptlast schultert ausgerechnet Japans südlichste Präfektur Okinawa. Die Inselgruppe symbolisiert die Komplexität von Verantwortung und Schuld, Täterschaft und Opferrolle, die verbunden mit geopolitischen Zwängen bis heute die Dreiecksbeziehung zwischen Okinawa, der Zentralregierung in Tokyo und den USA belastet. Der Kampf um den Archipel hatte von April bis Juni 1945 über 200.000 Todesopfer gefordert, auch weil das japanische Militär in den letzten Kriegsmonaten den überlegenen Alliierten schlecht bewaffnete Zivilisten als Kanonenfutter in die Arme trieb. Viele, darunter Frauen und Kinder, begingen aus Furcht vor den amerikanischen „Bestien“ Selbstmord. Die politische und militärische Mitschuld Japans am Tod der Okinawaner ist mittlerweile zwar gut erforscht. Aber erst seit Kurzem ist die Problematik durch die Medienberichterstattung stärker im Bewusstsein der japanischen Bevölkerung angekommen, die bis weit in die Nachkriegszeit auf das angeblich rückständige Inselvolk herabgeblickt hatte.

Heute boomt der Tourismus im Urlaubsparadies Okinawa, das erst 1972 wieder eine Präfektur Japans wurde, als sein Besatzungsstatus endete. Die Regionalregierung protestiert regelmäßig in Tokyo, um eine gerechtere Verteilung der US-Basen zu erreichen. Doch diese sind in der japanischen Bevölkerung unbeliebt, so dass kein Gouverneur freiwillig neuen Stützpunkten in seiner Präfektur zustimmt. Also bleiben sie in Okinawa und mit ihnen die Angst, bei einem Angriff Chinas auf Taiwan erneut die größten Opfer bringen zu müssen. Zumal die von China beanspruchten Senkaku-Inseln Teil der Präfektur sind, deren Hauptstadt Naha näher an Shanghai liegt als an Tokyo.

Geschichtsstreit mit Japans Nachbarn

Während Japan nolens volens gute Beziehungen zu den USA pflegt, ist das Verhältnis zu den Nachbarn in Ostasien angespannt. Laut Meinungsumfragen haben 92 Prozent der Japaner kein gutes Bild von China, während mehr als die Hälfte der Südkoreaner und fast zwei Drittel der Chinesen Japan negativ sehen. Die Ursachen dafür liegen auch im Erbe des japanischen Imperialismus. Für viele Koreaner und Chinesen sind die ungelösten Geschichtsstreitigkeiten das größte Hindernis für eine dauerhafte Aussöhnung; Japan müsse sich endlich ehrlich entschuldigen. Aus japanischer Sicht hingegen ist der Vorwurf mangelnder Reue und Wiedergutmachung ein Hauptgrund für negative Einstellungen gegenüber Korea und China. Anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsendes wiederholte Premierminister Shinzo Abe 2015 zwar Entschuldigungen seiner Vorgänger, ergänzte aber sinngemäß, die junge Generation müsse sich nicht mehr entschuldigen. Immerhin seien vier Fünftel der Bevölkerung Japans nach dem Krieg geboren und hätten daher „nichts mit dem Krieg zu tun“.

Diesen Versuch, einen Schlussstrich zu ziehen, kritisierten Japans Nachbarn als verfrüht. Denn neue Erkenntnisse über Japans Verbrechen, wie sexuelle Ausbeutung und Zwangsarbeit, die in den Normalisierungsverträgen mit Südkorea (1965) und China (1972) noch unberücksichtigt geblieben waren, sowie der gleichzeitig wachsende Einfluss revisionistischer Kräfte in Japan haben den Geschichtsstreit verschärft. In einer pluralistischen Gesellschaft wie Japan mag die Existenz divergenter Interpretationen der eigenen imperialen Vergangenheit zwar nicht verwundern – die klaffende Lücke zwischen wissenschaftlicher Forschung und Teilen des publizistischen Diskurses hingegen schon. Führte Japan einen gerechten Befreiungskrieg gegen den westlichen Imperialismus oder beutete es seine Nachbarn kolonial aus? Ist das Nanking-Massaker im Winter 1937/1938 mit mutmaßlich bis zu 300.000 Toten nur chinesische Propaganda? Waren die „Trostfrauen“, denen seit 2020 auch in Berlin ein Denkmal gewidmet ist, Sexsklavinnen oder „gut bezahlte“ Prostituierte? Die historische Forschung in Japan hat diese Fragen weitgehend geklärt und die Geschichtsklitterung rechtspopulistischer Politiker und Publizisten entlarvt, zu denen auch der ehemalige Premierminister Abe zählte: der Enkel des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Kishi unterstützte notorische Leugner des Nanking-Massakers und betrieb die Diskreditierung der „Trostfrauen“.

Woher kommt die beschönigende Sicht vieler Japaner auf ihre Vergangenheit? Vergleiche mit Deutschland, das einen systematischen Völkermord beging, aber keine Atombombenabwürfe erlitt und nach dem Krieg in Europa schnell günstige Voraussetzungen für eine Aussöhnung mit ehemaligen Kriegsgegnern fand, führen nicht weit. Stattdessen hilft auch hier ein Blick in die frühe Nachkriegszeit. Im Tokioter Prozess wurden zwar sieben militärische und zivile Führer zum Tode verurteilt, unter ihnen Kriegspremier Tojo und der für das Nanking-Massaker verantwortliche General Iwane Matsui. Erschien es jedoch politisch opportun, verhinderten die USA die Aufarbeitung vieler Verbrechen und verschonten etwa Kaiser Hirohito und seine Familie von der Strafverfolgung. Auch heute noch verehren Japans Rechte den Tenno als gottgleich, obwohl er laut Verfassung nur noch das „Symbol“ des Staates ist. Die USA schützten auch Anführer der Einheit 731, die in der Mandschurei biochemische Experimente an Menschen vollzog, im Austausch für die dort gesammelten Daten. Ähnlich wie in Deutschland verhinderte eine Mischung aus Verfolgung und Verschonung eine stringente juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung.

So gedenken die Japaner heute vor allem der eigenen Opfer. Mit dem Personal der Kriegsjahre, allen voran dem Kaiser, wurden auch Ideen jener Zeit wieder salonfähig, wie die Propaganda vom panasiatischen Befreiungskrieg zur Schaffung einer „Großostasiatischen Wohlstandssphäre“. Kronzeuge des populären Nachkriegsmythos von Japans legitimen Krieg ist der indische Richter Radhabinod Pal, der im Tokioter Prozess als Einziger alle Angeklagten freisprach. Ihm ist ein Denkmal am umstrittenen Yasukuni-Schrein gewidmet, wo mitten in Tokyo verurteilte Kriegsverbrecher verehrt werden und der üblicherweise als Asiatisch-Pazifischer Krieg bezeichnete Teil des Zweiten Weltkriegs auch heute noch als „Großostasiatischer Krieg“ firmiert – wie vor 80 Jahren.

Dolf-Alexander Neuhaus und Torsten Weber sind wissenschaftliche Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Japanstudien (DIJ) in Tokio.


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Max Weber Stiftung (3. Mai 2025). Geteilte Staaten, geteilte Erinnerungen. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/147rp


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