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Neubeginn im Indischen Ozean

Das Kriegsende im Herzen des britischen Kolonialreichs

Von Sebastian Schwecke

In Indien wird es weder am 8. Mai noch am 2. September 2025 (dem tatsächlichen Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs) bedeutende Feierlichkeiten geben. Indische Medien werden keine Leitartikel veröffentlichen, die das Kriegsende als Beginn einer neuen Weltordnung feiern. Und indische Minister werden keine feierlichen Reden zum Gedenken an die Verbrechen des Kriegs und des Holocausts halten. Unter den großen Kriegsparteien (und dazu ist Indien eindeutig zu zählen) wird Indien im internationalen Gedenken an das Kriegsende somit eine eigentümliche Rolle spielen, die in Deutschland und Europa bisher nur unzureichend wahrgenommen wird. Zugleich beleuchtet diese Position einen zentralen Aspekt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts , dessen gerade wir Deutschen uns in unserer Erinnerungskultur gewahr werden sollten: Der Weltkrieg stellt nur einen von vielen Faktoren der globalen Neuordnung in der Mitte des letzten Jahrhunderts dar. Das bedeutet nicht, dass Krieg und Kriegsende keine historische Bedeutung für Indien hätten. Vielmehr geht diese Bedeutung unter im historischen Bewusstsein eines Landes, für dessen weitere Entwicklung andere Geschehnisse der 1940er Jahre weitreichendere Folgen hatten.

Indien im 2. Weltkrieg

Am 3. September 1939, erklärte der britische Vizekönig von Indien, Lord Linlithgow, in Reaktion auf den deutschen Angriff auf Polen Deutschland und Italien den Krieg. Im Gegensatz zur späteren britischen Kriegserklärung gegen Japan, bei der Britisch-Indien am 8. Dezember 1941 nur noch implizit als Teil des britischen Imperiums in den Krieg eintrat, hatte diese separate Kriegserklärung des Landes direkte Folgen auf die indischen Unabhängigkeitsbewegung. Die erst seit 1937 bestehenden und durch ein eingeschränktes Wahlrecht hervorgegangenen Provinzregierungen unter Führung des Indischen Nationalkongresses (INC) traten aus Protest gegen die fehlende Konsultation zurück. Indirekt förderte dieser Schritt die spätere Teilung Britisch-Indiens in Indien und Pakistan, da Provinzregierungen unter Führung der Indian Muslim League ihm nicht folgten. Sie konnten in den Kriegsjahren als Partner der Briten ihre Macht ausbauen.

Doch es wäre falsch, den indischen Kriegsbeitrag selbst zu ignorieren – oder ihn nur als Beitrag einer Kolonie des britischen Imperiums zu werten. Die britisch-indische Armee war bereits im 19. Jahrhundert eines der wichtigsten Machtinstrumente Großbritanniens nicht nur in Indien selbst, sondern als führende militärische Stütze des Imperiums in Asien und Afrika. Ihr Ausbau im Verlauf des Kriegs auf eine Truppenstärke von etwa 2,5 Millionen zeigt die Bedeutung Indiens im Zweiten Weltkrieg. Eingesetzt wurde sie unter anderem in Südostasien bei der Verteidigung gegen den japanischen Vormarsch. Darüber hinaus aber auch auf einer Vielzahl anderer Kriegsschauplätze: in Äthiopien und Somalia sowie im Sudan gegen italienische Truppen, in Nordafrika gegen Italiener und Deutsche, im Irak und Iran, in Syrien und Libanon, in Griechenland 1944 und schließlich bei der Verteidigung Indiens gegen Japan. Darüber hinaus waren zahlreiche Inder in die britischen Streitkräfte in Europa selbst eingegliedert, wie indische Kriegsgräber in Europa bis heute belegen.

Ebenso wichtig war aber auch der wirtschaftliche Beitrag Indiens zum Krieg: Angesichts der Bedrohung durch die Achsenmächte gewann die Industrialisierung der britischen Kronkolonie plötzlich strategische Bedeutung für die britischen Kriegsanstrengungen. Die britisch-indische Kriegswirtschaft schuf die Grundlagen für die spätere Wirtschaftsplanung des unabhängigen Indiens. Indisches Kapital und eine rasch wachsende Industriearbeiterschaft leisteten einen substanziellen Beitrag zur „britischen“ Kriegsproduktion, der wiederum überwiegend von indischen Seeleuten als größter Gruppe der britischen Handelsmarine verschifft wurde. Der Fokus in der historischen Erinnerung auf das Militärische verschleiert den tatsächlichen Kriegsbeitrag der britischen Kolonien ebenso wie die Unterordnung der Kolonien unter die Metropole Großbritannien.

Und dann waren da noch jene Kriegshandlungen indischer Soldaten, die besonders geeignet sind, um die Komplexität des globalen Umbruchs Mitte des 20. Jahrhunderts aufzuzeigen, über die das europäische Gedenken heute erst recht schweigt: Zum einen die Beteiligung indischer Soldaten auf der Seite der Achsenmächte, zum anderen der Einsatz indischer Streitkräfte bei der Wiederherstellung der europäischen Kolonialreiche in den japanisch besetzten Gebieten Südostasiens.

Auf der falschen Seite der Geschichte?

Ende März 1941 erreichte Subash Chandra Bose, eine der bedeutendsten Führungspersönlichkeiten der indischen Unabhängigkeitsbewegung und lange ein Gegenpol Gandhis, nach seiner Flucht aus einem indischen Gefängnis Moskau. Die Sowjetunion, noch in Allianz mit Deutschland, sah in Bose einen Alliierten im Kampf gegen den westlichen Imperialismus und ermöglichte ihm die Weiterreise nach Berlin. Dort angekommen widmete er sich dem Aufbau der Indischen Legion, einer Streitmacht aus indischen Kriegsgefangenen, die auf Seiten der Achsenmächte und gegen die englische Kolonialherrschaft kämpfen sollten. Doch Nazi-Deutschland war bestenfalls ein halbherziger Unterstützer. Der Ausbau der Indischen Legion krankte an rassistischen Ressentiments, vor allem aber an der noch geringen Zahl indischer Kriegsgefangener in deutschen Lagern. Eingesetzt wurde sie vor allem später, beim Rückzug der deutschen Truppen aus Frankreich im Jahr 1944: Inzwischen war die Legion in die Waffen-SS eingegliedert worden. Bose war bereits zuvor in einem deutschen U-Boot nach Tokio gereist.

Der japanische Vormarsch in Südostasien führte zu einer massiven Vergrößerung der Rekrutierungsbasis und Bose setzte sich an die Spitze der Indian National Army (INA). Zugleich stand der japanische Imperialismus in seiner Eigendarstellung, aber auch in der Fremdwahrnehmung in den Kolonien, dem Kampf gegen den Kolonialismus erheblich näher als der europäische Faschismus. Der japanische Sieg über Russland 1905 galt als Anfang vom Ende europäischer Kolonialherrschaft und der rasche Sieg über die europäischen Kolonialarmeen ab 1940 hatte diese Wahrnehmung weiter beflügelt. Bose bildete eine indische Exilregierung, die im Oktober 1943 den Alliierten den Krieg erklärte. Die INA, zeitweise auf eine Truppenzahl von 50.000 angewachsen, wurde im heutigen Myanmar und in den nordöstlichen Provinzen des heutigen Indiens eingesetzt. Bose selbst starb kurz nach der japanischen Kapitulation.

Sein Tod ermöglichte der vom INC angeführten Unabhängigkeitsbewegung den Brückenschlag zwischen der weitgehend gewaltfreien Strategie Gandhis und der militärischen Strategie seines einstmaligen Gegenspielers. Der Versuch der britischen Kolonialmacht, die Offiziere der INA in Schauprozessen zu verurteilen, führte zu einem Aufschrei in Indien, an dessen Spitze sich der Indische Nationalkongress setzte. Das Recht auf Widerstand gegen das Unrecht des Kolonialismus legitimierte demnach auch die Kollaboration mit dem deutschen und japanischen Militarismus. Diese Perspektivverschiebung wirkt bis heute: wenn in Indien der INA gedacht wird, ist das mediale Interesse häufig größer als beim Gedenken an die Toten der britisch-indischen Armee.

Doch die Verwirrungen der globalen Neuordnung Mitte des 20. Jahrhunderts, die sich in den widersprüchlich anmutenden Beweggründen zum militärischen Kampf gegen den Faschismus, aber auch gegen den westlichen Kolonialismus in Asien und Afrika spiegelten, waren mit den Prozessen gegen die INA nicht beendet. Die japanische Besetzung Südostasiens hatte dort den Zusammenbruch der Kolonialreiche der Briten, Franzosen und Niederländer zur Folge gehabt. Nun richtete sich das Augenmerk dieser Länder auf die Wiederherstellung der Kolonien – und das wesentliche Instrument dafür war die britisch-indische Armee.

Noch vor dem Kriegsende im September 1945 waren britisch-indische Streitkräfte in das damalige Burma und nach Singapur geschickt worden. Indische Truppen übernahmen die Kontrolle über Thailand und Französisch-Indochina und ein Kontingent der britisch-indischen Armee unterstützte die US-Besatzung in Japan. Die Tatsache, dass die Armee eines Landes, das in großen Schritten auf seine eigene Dekolonialisierung zuschritt, in anderen Gebieten der Welt zur Wiederherstellung der Kolonialreiche eingesetzt wurde, war der indischen Öffentlichkeit ein Dorn im Auge. Besonders sichtbar wurde dies in der damals niederländischen Kolonie Indonesien.

Dort hatten die japanischen Streitkräfte sich zumindest partiell der Order zur Übergabe ihrer Waffen widersetzt und stattdessen zur Bewaffnung der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung beigetragen. Die Niederschlagung dieser Bewegung oblag britischen Kolonialstreitkräften und damit besonders indischen Soldaten, deren Disziplin angesichts dieser Gemengelage zunehmend schwand. Genauso wichtig für den Verlauf des indonesischen Unabhängigkeitskampfes war allerdings das britische Vorgehen gegen einen Boykott aller niederländischen Handelsschiffe durch indonesische und australische Seeleute und Hafenarbeiter im August 1945. Diese behinderten in erheblichem Maße die Versorgung und Verlegung der kolonialen Truppen in Indonesien über Australien. Das britische Kolonialreich reagierte mit dem Einsatz chinesischer, vor allem aber auch indischer Seeleute, die das Gros der Besatzungen der britischen Handelsmarine bildeten. Doch auch diese schlossen sich dem Boykott an. Zwischenzeitlich griff der Streik der Seeleute sogar auf Bombay, den wichtigsten Hafen Indiens, über. Die Bewegung hielt etwa neun Monate an und behinderte die Rückeroberung Indonesiens ausreichend lange, um den Beginn eines Guerilla-Kampfes zu ermöglichen, der 1949 zur Unabhängigkeit der Republik Indonesien führte.

Ein komplexes Kriegsende

Wenn dieses Jahr in Indien also keine großen Gedenkfeierlichkeiten stattfinden, so ist dies zum einen auf eine wesentlich komplexere moralische Gemengelage zurückzuführen als wir dies in Deutschland vielleicht erwarten würden. Zum anderen wird das Kriegsende durch Entwicklungen überlagert, die aus indischer Perspektive bedeutender erscheinen. Die indische Kriegswirtschaft hatte einen substanziellen Beitrag zur Verteidigung Großbritanniens geleistet, verursachte aber auch hohe Inflation. Wie auch Großbritannien schlitterte Indien 1945 nach dem Ende der Kriegswirtschaft und der Demobilisierung in eine Wirtschaftskrise. Die soziale Unzufriedenheit bestärkte die Unabhängigkeitsbewegung. Hatte Churchill noch vom Wiederaufbau des britischen Kolonialreichs geträumt, erbte die neue Regierung unter Clement Attlee ein Kolonialreich in Auflösung zu einem Zeitpunkt, als Großbritannien selbst keineswegs mehr über die Mittel zur Aufrechterhaltung des Imperiums verfügte und die zentralen Machtinstrumente Großbritanniens in Asien sich als zunehmend unzuverlässig erwiesen.

Attlee verordnete die Flucht nach vorne: Die Machtübergabe in Indien wurde für 1948 verkündet, dann aber aufgrund des Zerfalls britischer Autorität auf 1947 vorverlegt. In der Eile des britischen Abzugs blieb allerdings weder die Zeit noch die Durchsetzungskraft, die schwelenden Probleme der indischen Kolonie zu lösen – den Gegensatz zwischen dem INC und der Muslim League sowie die Eingliederung der nur indirekt regierten indischen Fürstenstaaten, insbesondere von Jammu und Kaschmir. Die Folge dieses Versagens war ein schlecht vorbereiteter Plan zur Teilung Britisch-Indiens in Indien und Pakistan – und eine Welle der Gewalt. Schätzungen über das Ausmaß des Leids variieren: von mehreren hunderttausend bis zu etwa zwei Millionen Toten, von 10 bis zu 20 Millionen Vertriebenen.

Wenn in Europa des Kriegsendes gedacht wird, schwingt darin immer auch der Verweis auf den Holocaust und die aus ihm zu ziehenden Lehren mit. In Südasien dagegen wird diese Erinnerung zwar respektiert, jene an die Opfer der Teilung Britisch-Indiens aber ist als historisches Trauma wirkmächtiger. Gerade die Betonung auf Krieg und Holocaust im deutschen Diskurs wird verstanden, doch wird ihm auch immer das westliche Vergessen anderer Verbrechen in der Welt gegenübergestellt. Der Sieg über den Faschismus ist eingebettet in die Befreiung vom europäischen Kolonialismus und in die Exzesse der Teilung Indiens. Letztlich sollte nicht vergessen werden, dass es auch in Indien und anderswo ebenfalls starke Sympathien für den Nationalsozialismus gab und gibt. Wenn wir uns in Deutschland an den 80. Jahrestag des Kriegsendes erinnern, sollten wir eines im Gedächtnis behalten: Die wichtigste Lehre, die wir zu ziehen haben, ist es, den Auswüchsen menschenfeindlicher Politiken bereits in ihrer historischen Entfaltung entgegenzutreten, damals in Deutschland genauso wie heute und in jedem anderen Land der Welt.

Sebastian Schwecke ist Direktor des Max Weber Forum für Südasienstudien (MWF) in Neu-Delhi.


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Max Weber Stiftung (3. Mai 2025). Neubeginn im Indischen Ozean. Ends of War. Abgerufen am 5. April 2026 von https://doi.org/10.58079/147ro


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