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Erinnerung als Staatswerkzeug

Die umkämpfte Erinnerung ans Kriegsende in Osteuropa

Von Sandra Dahlke und Matthias Uhl

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist in Osteuropa bis heute hart umkämpft. Sie hat nach dem Ende der Sowjetunion und des Ostblocks eine zentrale Funktion für das nationale Selbstverständnis und die internationale Selbstverortung der einzelnen Staaten und – im Falle Russlands – für die Legitimierung von Putins autoritärem Herrschaftssystem und dessen geopolitischen Ansprüchen. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat seit 2014 und insbesondere seit der Vollinvasion im Februar 2022 die erinnerungspolitischen Kontroversen verschärft und in Folge der von Russland begangenen Kriegsverbrechen teilweise vollkommen neu justiert. Er hat aber auch wie im Falle der erinnerungspolitischen Konflikte zwischen Polen und Ukraine zu einer, wenn auch schwierigen, Annäherung geführt.

In Polen konzentriert sich heute die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, in dem 17 Prozent der damaligen Bevölkerung ihr Leben verloren, vor allem auf den Widerstand gegen die deutsche Okkupation. Im Zentrum der Erinnerungskultur stehen die Verteidigung der Westerplatte bei Danzig im September 1939 und der Warschauer Aufstand 1944. Die Erinnerung an das Kriegsende ist in Polen ambivalent. Der Erinnerungsort Warschau symbolisiert das polnische Doppeltrauma des Kriegsendes – die planmäßige Zerstörung der Hauptstadt durch die Deutschen, das Nichteingreifen der Roten Armee, die auf der anderen Seite der Weichsel verharrte, und die anschließende Besetzung des Landes durch die Sowjetunion. Während der 8. Mai vor allem den militärischen Schulterschluss mit den Westalliierten gegen das Deutsche Reich symbolisiert, bleibt der Einsatz von über 300.000 polnischen Soldaten an der Seite der Roten Armee in der offiziellen Erinnerungskultur unerwähnt. Die kommunistische Fremdherrschaft wird in Polen heute wie auch in den baltischen Staaten als totalitär gedeutet und mit der NS-Besatzungsherrschaft auf eine Stufe gestellt. Die scharfen erinnerungspolitischen Kontroversen zwischen Polen und der Ukraine über die von ukrainischen Nationalisten an der polnischen Bevölkerung Wolhyniens und Ostgaliziens begangenen Massaker konnten hingegen 2024 beigelegt werden. 

Auch in Estland, Litauen und Lettland wird das Kriegsende als Beginn einer neuen sowjetischen Besatzung gesehen, der 8. Mai ist hier kein Feiertag. Das Jahr 2005 stellt eine besondere geschichtspolitische Zäsur dar. Während in Russland am 9. Mai der 60. Jahrestag des „Sieges über den Faschismus“ gefeiert wurde, richtete sich die erinnerungspolitische Aufmerksamkeit in den 2004 der EU beigetretenen baltischen Staaten noch stärker als zuvor auf die Geschichte der gewaltsamen sowjetischen Besatzung. Der relativ hohe Anteil der russischen Bevölkerung in den drei Ländern führte dabei zu heftigen Konflikten. So kam es 2007 in Tallinn zu gewaltsamen Protesten gegen die Verlegung der 1947 im Stadtzentrum aufgestellten Bronzestatue eines sowjetischen Soldaten an den Stadtrand. Solche Ereignisse führten zu einer „Erinnerungsgesetzgebung“ in den baltischen Staaten, die den geschichtsrevisionistischen Einfluss Russlands juristisch zurückzudrängen versucht.

Der Forderung der baltischen Staaten, die eigenen Gewalterfahrungen während der sowjetischen Besatzung vor und nach 1945 in den Kanon der europäischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg aufzunehmen, ist in Westeuropa lange mit Skepsis begegnet worden. 2019 erkannte das Europäische Parlament schließlich die historischen Erfahrungen der ostmitteleuropäischen Staaten an, die sich gleichermaßen als Opfer deutscher und sowjetischer Kriegführung, Besatzung und kommunistischer Diktatur sehen und heute durch ein aggressives Russland bedroht werden. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 wurden im Baltikum hunderte sowjetische Kriegsdenkmäler entfernt und das Georgsband als Symbol russischer und sowjetischer Fremdherrschaft verboten. Der Fokus der Erinnerung verlagerte sich damit endgültig auf die völkerrechtswidrige Okkupation durch die Sowjetunion.

Die Priorisierung der sowjetischen Verbrechen stieß aus jeweils unterschiedlichen Gründen in Russland, aber auch im Westen auf Kritik. In Deutschland und Israel sah man die Gefahr einer Relativierung der NS-Verbrechen. Russland warf den baltischen Historikern nichts weniger als Geschichtsfälschung vor und geht sogar so weit, den Esten, Letten und Litauern eine fortgesetzte „Nazi-Kollaboration“ zu unterstellen, ein Propagandamotiv, mit dem Putin auch den Krieg gegen die Ukraine legitimiert. In den drei baltischen Staaten hatte man sich hingegen erfolgreich bemüht, die Täter der stalinistischen Besatzungsherrschaft strafrechtlich zu verfolgen. In Lettland traf es einen ehemaligen Rotarmisten, der an der Erschießung von Zivilisten beteiligt gewesen war. In Litauen kam es zu Verurteilungen wegen Beihilfe zum Völkermord. Die Betroffenen hatten sich in den 1950er Jahren an Erschießungen und Verhaftungen von Widerstandskämpfern gegen die sowjetische Besatzungsherrschaft beteiligt. Das Gericht argumentierte, dass deren Verfolgung das Überleben der litauischen Nation untergraben sollte und daher als Völkermord im Sinne der UN-Völkermordkonvention zu werten sei.

Die erinnerungskulturelle Landschaft der Ukraine war lange durch innere, von regionalen Erfahrungen geprägte erinnerungspolitische Kontroversen gekennzeichnet. Im Westen des Landes wurde seit Beginn der Unabhängigkeit 1991 der Kampf der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) und der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) gegen die Rote Armee als nationaler Unabhängigkeitskampf gedeutet, während in der Ostukraine der sowjetische Befreiungsmythos fortlebte und UPA und OUN als Kollaborateure der deutschen Besatzungsmacht galten. Die Orangene Revolution von 2004 führte zur Aufnahme der Nationalisten unter Stepan Bandera in den gesamtukrainischen Erinnerungskanon. Gleichzeitig verlagerte sich der Schwerpunkt des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg auf die acht bis zehn Millionen ukrainischen Opfer der NS-Besatzungsherrschaft. Auch der Holocaust fand nun Eingang in die Erinnerungskultur der Ukraine. Zwischen 2010 und 2014 versuchte die nach Russland orientierte Regierung Janukowitsch, diese Entwicklung rückgängig zu machen. Mit ihrem Scheitern durch den Euro-Maidan setzte sich die neue Sicht auf den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine endgültig durch. 2015 unterzeichnete Präsident Petro Poroschenko ein Gesetzespaket zur Entkommunisierung der Ukraine, die endgültig mit ihrer sowjetischen Vergangenheit brechen wollte. Aus dem Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ wurde offiziell der Sieg über den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg 1939–1945. Zum bestehenden Gedenktag des 9. Mai kam der 8. Mai als Tag der Erinnerung und Versöhnung. Gleichzeitig sorgte das 2006 gegründete Ukrainische Institut für Nationales Gedenken dafür, die besondere Rolle der UPA und der OUN im ukrainischen Unabhängigkeitskampf gesetzlich zu verankern.

Poroschenkos Nachfolger Wolodymyr Selenskyj versuchte, dieses neue nationale Erinnerungsnarrativ um multiethnische und zivilgesellschaftliche Inhalte zu erweitern. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sorgte jedoch für die erneute Betonung des ukrainisch-nationalen Elements, das für die heutige Gesellschaft des Landes überlebenswichtig ist; das Sowjetische bzw. Russische in der ukrainischen Erinnerungskultur ist hingegen diskreditiert. Sichtbares Symbol war die Abschaffung des 9. Mai als Tag des Sieges und seine Umwidmung als Europatag analog zur Praxis der EU-Länder (Schumann-Erklärung). Im Gegenzug wurde der 8. Mai 2024 als Tag des Sieges über den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg ein Feiertag. Beides bezeugt das Bestreben der Ukraine, sich in eine gesamteuropäische Erinnerungskultur einzureihen. Wichtiger als das Erinnern an das Ende des Zweiten Weltkrieges ist in der Ukraine jedoch die Erinnerung an den Holodomor, die Hungersnot der Jahre 1932 und 1933, der zwischen drei bis sieben Millionen Menschen zum Opfer fielen. Der Umgang mit dem Holodomor entwickelte sich zu einer Kernfrage ukrainischer nationaler Identität. Seit ihrer Unabhängigkeit bemühte sich die Ukraine um die internationale Anerkennung des Holodomor als bewusst durch die sowjetische Regierung herbeigeführten Genozid an den Ukrainern. Seit 1998 wird jedem vierten Sonnabend im November seiner Opfer gedacht. 2022 erkannten das Europäische Parlament und der Bundestag ihn als Völkermord an.

In Russland und in Belarus wird das Kriegsende zum 80. Jahrestag als „Befreiung Europas vom Faschismus“ gedeutet. Aus dem Sieg der Sowjetunion und den 27 Millionen sowjetischen Toten leitet die russische Regierung heute ihre aggressiven außen- und geopolitischen Ansprüche her. Der Mythos vom „Großen Vaterländischen Krieg“ erwies sich seit 2000 als zentral für das System Putin. Mit der Glorifizierung des sowjetischen Sieges machte dieser ein Identifikationsangebot, das in der russischen Gesellschaft auf fruchtbaren Boden fiel. Der 9. Mai wurde zu einem Tag, an dem der Nimbus der militärischen Unbesiegbarkeit und der russischen Befreiungsmission gefeiert wurde. Zugleich ergänzte Putin die sowjetischen Kriegssymbole durch das noch im Zarenreich gestiftete Georgsband und die russische Trikolore. An die Stelle des Gedenkens an die Schrecken des Krieges trat „Schützengrabenromantik“, die das Erinnern an die Millionen Opfer in ein patriotisches Happening verwandelten.

Dabei war gerade das Gedenken an die Toten lange Zeit in den Familien der Kerngedanke des 9. Mai. Doch selbst dieses Erinnern musste erst erkämpft werden. Zwar hatte Stalin 1945 den 9. Mai zum arbeitsfreien Feiertag erklärt, doch der beginnende Kalte Krieg sorgte dafür, dass dieser Beschluss bereits Ende 1947 wieder aufgehoben wurde. Nicht der gewonnene, sondern der neue Krieg sollte die Menschen in der Sowjetunion beschäftigen. Für Nöte, menschliche Schwächen und Tragödien blieb kein Platz.

Obwohl Parteichef Leonid Breschnew den 9. Mai 1965 wieder zum arbeitsfreien Feiertag erklärte und 1965, 1985 und 1990 Paraden auf dem Roten Platz stattfanden, blieb dieser Tag in den Familien ein stiller Gedenktag für die Kriegstoten. Das offizielle Gedächtnis verdrängte weiterhin Leid, Entbehrung, Tod und Vernichtung. Noch härter traf es die Millionen ehemaliger Kriegsgefangener und Ostarbeiter, die nach ihrer Repatriierung strafrechtlich verfolgt und diskriminiert wurden sowie die vielen verstümmelten Kriegsinvaliden, die ein tristes Dasein am Rande der Gesellschaft fristen mussten. Von offizieller Seite setzte seit Ende der 1960er Jahre eine Heroisierung und Monumentalisierung der Kriegserinnerung ein, die sich in der Errichtung von Gedenkkomplexen – wie der Mutter-Heimat-Statue auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd – und in der Wiederholung sakraler Erinnerungsrituale ausdrückten. So wollte die sowjetische Führung den stetig verblassenden Legitimationsmythos der Oktoberrevolution 1917 durch einen Kult des Sieges im „Großen Vaterländischen Krieg“ 1945 ersetzen.

Der während der Perestroika begonnene Versuch, die Erinnerung an die traumatischen Erlebnisse weiter Teile der Gesellschaft sowie die Fehler und Verbrechen des Regimes zum Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses eines neuen Russlands zu machen, musste scheitern. Spätestens seit Putins zweiter Amtszeit setzte der Staat sein Machtmonopol über die Erinnerung an den Krieg wieder durch. An die Stelle des Totengedenkens und der Ehrung der immer weniger werdenden Veteranen traten ab 2005 immer pompösere, nun jährliche Siegesparaden, die der Welt den allumfassenden Machtanspruch Russlands demonstrierten.

Das Beispiel des „Unsterblichen Regiments“ zeigt, wie der Staat jeden Versuch einer Erinnerungskultur von unten vereinnahmt, wenn sie ihm nützlich erscheint. 2012 gingen in Sibirien Menschen am 9. Mai mit den Porträts ihrer Angehörigen, die im Krieg gekämpft oder ihr Leben verloren hatten, auf die Straße. 2013 fand die Aktion bereits in 120 russischen Städten statt, 2014 in über 500. Damit war die Schwelle zur „feindlichen“ Übernahme durch den Staat erreicht. 2015, am 70. Jahrestag seit Kriegsende und ein Jahr nach der Annexion der Krim, setzte sich Putin selbst an die Spitze des Demonstrationszugs in Moskau.

Gegenwärtig bestimmt der russische Angriff auf die Ukraine wesentlich die Erinnerung an das Kriegsende in Russland. Putin versucht, diesen Krieg mit dem „Kampf gegen den Faschismus“ zu rechtfertigen und unterstellt, dass in Kyiv Neonazis, Russenhasser und Antisemiten an der Macht seien. Diese Stoßrichtung der russischen Geschichtspolitik, die auf eine Militarisierung der Gesellschaft und das Schüren eines aggressiven Patriotismus setzt, wurde seit Beginn von Putins dritter Amtszeit im Jahr 2012 durch die Gründung patriotischer historischer Gesellschaften zentral vorbereitet und gesteuert. Heute stellen die Präsidialadministration, der Inlands- und der Auslandsgeheimdienst die geschichtspolitischen Weichen.

Über geschichtspolitische Fragen entscheiden zudem immer öfter die Gerichte. In St. Petersburg versuchte die Staatsanwaltschaft seit 2021, das Aushungern der Bevölkerung von Leningrad durch die Wehrmacht als Völkermord anerkennen zu lassen und war damit erfolgreich. Die Bevölkerung Leningrads wurde zum Opfer eines „gesamteuropäischen“ Faschismus stilisiert, dem Spanier, Finnen, Italiener, Niederländer, Belgier, Norwegern, ja sogar „einzelne Vertretern“ aus Österreich, Lettland, Polen, Frankreich und Tschechien angehört hätten. Zur Verankerung des Genozidbegriffs in der neuen russischen Geschichtspolitik weihten Putin und der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko am 27. Januar 2024 in Gatschina bei St. Petersburg ein Denkmal für die Opfer des Genozids am sowjetischen Volk ein und bekräftigten damit ihren Schulterschluss bei der Neuausrichtung der Erinnerungspolitik an den Zweiten Weltkrieg.

Auffällig ist, dass Moskau heute Analogien aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs für die Legitimierung seines Kriegs gegen die Ukraine nutzt. So war im Herbst 2024 in vielen russischen Medien von einer neuen „Panzerschlacht bei Kursk“ die Rede. Gleichzeitig zerstört die brutale Realität des russischen Angriffskriegs endgültig den „Befreier-Mythos“ Russlands, der in Osteuropa ohnehin stets umstritten war.

Sandra Dahlke ist Direktorin des dezentralen Max Weber Netzwerk Osteuropa, das seit 2023 der historischen Osteuropaforschung neue Möglichkeiten der Vernetzung bietet.
Matthias Uhl ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Netzwerks.


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Max Weber Stiftung (3. Mai 2025). Erinnerung als Staatswerkzeug. Ends of War. Abgerufen am 3. April 2026 von https://doi.org/10.58079/147rn


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