Die lange Befreiung
Das Ende des Zweiten Weltkriegs umfasst aus französischer Perspektive viel mehr als den 8. Mai
Von Jürgen Finger und Klaus Oschema
„ARRIVEE À 8 MAI 1945 DANS 5 MINUTES“ – in fünf Minuten kommen wir am 8. Mai 1945 an. Diese Anzeige liest man nicht in einer der „Zeitmaschinen“, die vielerorts mit Mitteln der Virtual Reality zum angeblich ungebrochenen Erleben der Vergangenheit einladen. Nein, sie erscheint im Bus 249 auf dem Weg von Aubervilliers nach Pantin, zwei Vororten von Paris. Straßen, Plätze oder Kreisverkehre, die den Namen des 8. Mai tragen, besitzen keineswegs Seltenheitswert. In ganz Frankreich sind nicht weniger als 1909 davon zu finden. Doch häufig genug handelt es sich um wenig herausragende Orte, die gegenüber den verbreiteten „Avenues du Général Leclerc“ (insgesamt 1503) weniger prominent und zentral sind. Außerdem täuscht die Allgegenwart des „8 mai“: Während sich in Deutschland das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs stark auf dieses schicksalhafte Datum konzentriert, an dem Deutschland kapitulierte, legt der Blick aus Frankreich andere Zeitlichkeiten und damit auch andere Fixpunkte nahe.
Befreiungskampf im Stadtbild
In Paris beginnt die Avenue du Général Leclerc an der Porte d’Orléans, wo Leclerc 1944 Paris erreichte. Im Süden der Avenue liegt der Square du serment de Koufra: Im lybischen Koufra hatte Leclerc am 2. März 1941 geschworen, die Waffen nicht eher niederzulegen, bis die Trikolore über dem Straßburger Münster wehe. Am 23. November 1944 war dieser Schwur erfüllt. Im Norden endet die Avenue an der Place Denfert-Rochereau, wo eine Nachbildung des Löwens von Belfort an die Verteidigung der Stadt gegen die Preußen 1870 erinnert. Hier befindet sich nicht nur der Eingang zu den Katakomben, sondern auch ein Museum mit dem etwas umständlichen Namen Musée de la Libération de Paris – musée du général Leclerc – musée Jean Moulin. Es zeichnet die Lebenswege des Generals und des von der Gestapo ermordeten Widerständlers nach und verschränkt sie mit der Befreiung von Paris. In einem Schutzraum unter dem Platz, verbunden mit den Katakomben, befand sich im August 1944 das Hauptquartier des Widerstandskämpfers Henri Tanguy, besser bekannt als Rol-Tanguy. Der Kommunist befehligte in den letzten Tagen der deutschen Besatzung den Aufstand der Pariser bis zum Eintreffen der Truppen Leclercs. Die Hauptstadt war am 25. August 1944 befreit.
Hier und an vielen anderen Orten wird im Pariser Stadtbild deutlich: Ist vom Kriegsende die Rede, steht neben dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland der lange Prozess von Résistance und Befreiung im Zentrum. Entsprechend war der Terminkalender Emmanuel Macrons seit 2023 gefüllt mit Gedenkveranstaltungen im ganzen Land, die der Geographie der Befreiung folgen, von der Landung alliierter Verbände auf Korsika im September und Oktober 1943 über die Landungsoperationen in der Normandie und der Provence bis zur Befreiung von Paris und Straßburg. In wenigen Tagen werden die Unterzeichnung der deutschen Kapitulation am 7. Mai in Reims (eine zweite Zeremonie fand auf Wunsch Stalins am nächsten Abend in Berlin-Karlshorst statt) und die üblichen Feierlichkeiten am 8. Mai in Paris die Reihe der Memorialakte abschließen. Koordiniert wird der landesweite Gedenkmarathon von einer „Mission Libération“, die Macron 2023 einrichten ließ, und die tausenden Veranstaltungen im ganzen Land ein offizielles Label verlieh, darunter auch zwei Veranstaltungen des Deutschen Historischen Instituts Paris.
Ein schwieriger 8. Mai
Bei alldem war der 8. Mai vor allem in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in Frankreich ein schwieriger Gedenktag. Am 8. Mai 1945 war fast ganz Frankreich schon längst befreit, meist seit Monaten. Zudem waren die Erfahrungen von Krieg und Befreiung ebenso unterschiedlich wie die Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen, die sich an das Kriegsende knüpften – je nachdem, ob man ein Anhänger von Marschall Pétain gewesen war, ein Kollaborateur gar, ein Kämpfer des freien Frankreich, eine Widerständlerin im Innern des Landes oder Teil der Mehrheit der Abwartenden. Am 8. Mai, so der Historiker Robert Frank, hatte das eine, das freie Frankreich nicht nur über die Deutschen, sondern auch über das andere Frankreich gesiegt, jenes von Vichy.
Zu dieser schwierigen Gemengelage passt der verworrene Weg des 8. Mai als Feiertag: Laut Gesetz no 46-934 vom 7. Mai 1946 sollte der Sieg der französischen und alliierten Armeen jeweils am 8. Mai gefeiert werden – wenn dieser auf einen Sonntag fiel. Ansonsten wich man auf den nächstfolgenden Sonntag aus. Erst 1953 wurde der 8. Mai zum arbeitsfreien Feiertag – verlor diesen Status aber bereits 1959 unter Präsident Charles de Gaulle wieder. Im Rahmen der deutsch-französischen Wiederannäherung erschien der allzu triumphalistische Akzent wenig opportun, die Feiern fanden nun wieder am zweiten Mai-Sonntag statt. Valéry Giscard d’Estaing verlegte das zentrale Gedenken ab 1975 sogar auf den 9. Mai, den Tag der Schuman-Erklärung von 1950, und verschob damit den Fokus auf den Prozeß der europäischen Einigung. 1981 ließ Präsident Mitterand dann das Datum ohne weiteren Kommentar wieder in die Liste der arbeitsfreien Feiertage aufnehmen.
„Das Freie Frankreich war afrikanisch“
Man kann die Geschichte von Befreiung, Kriegsende und Erinnerung auf die eben präsentierte Weise erzählen. Allerdings fehlt dann mindestens die Hälfte der Geschichte, denn mit dem europäischen Geschehen ist die globale und koloniale Dimension des Zweiten Weltkriegs aufs engste verflochten. Wie im Ersten Weltkrieg kämpften viele Kolonialsoldaten für „das Mutterland“. Gleich 1940 zahlten sie einen hohen Preis: Während des Frankreichfeldzugs wurden mehrere tausend schwarze Soldaten von der Wehrmacht massakriert, rund 69.000 Soldaten wurden von ihren „weißen“ Kameraden isoliert und in Front-Stalags auf französischem Territorium unter teils elendigen Bedingungen interniert.
Der Beitrag kolonialer Kämpfer für die Verteidigung Frankreichs war damit nicht beendet. Wie der kanadische Historiker Eric T. Jennings 2014 prägnant im Titel einer einschlägigen Studie formulierte: „Das freie Frankreich war afrikanisch“. Die kolonialen Eliten standen vor einer schwierigen Entscheidung: Sollten sie den Krieg verloren geben und zu Maréchal Philippe Pétain und seinem „État Français“ in Vichy halten? Oder sich auf die Seite de Gaulles schlagen, der vom Londoner Exil aus den Widerstand zu organisieren versuchte?
In Tahiti führte die Verwaltung eine Volksbefragung durch, die nahezu einstimmig zugunsten de Gaulles ausfiel. Komplexer entwickelte sich die Situation in Indochina: Nach einer militärischen Invasion kontrollierte Japan faktisch das Territorium, gestand aber Vichy-Frankreich und seiner Kolonialverwaltung die Souveränität über das Land zu. Entscheidend war aber die Entwicklung in Afrika: Während Französisch-Westafrika (AOF) Pétain die Treue hielt, gelang es den Männern de Gaulles, allen voran Philippe Leclerc de Hauteclocque (der spätere Général Leclerc) und René Pleven, im August 1940, die zentralafrikanischen Gebiete (AEF) auf ihre Seite zu ziehen. Dem aus Französisch-Guyana stammenden Gouverneur des Tschad, Félix Éboué, kam dabei eine zentrale Rolle zu. Deshalb war er 1949 der erste Farbige (sieht man vom „métis“ Alexandre Dumas ab), dessen Leichnam in den Panthéon überführt wurde. Die Bedeutung der Ereignisse in der AEF wurde jüngst in einem 1000seitigen Bericht über die Rolle Frankreichs in Kamerun erneut ausführlich gewürdigt.
Das subsaharische Afrika war die Ausgangsbasis für das „Freie Frankreich“ (France libre) und sein Vordringen auf dem afrikanischen Kontinent und Richtung Maghreb. De Gaulle, der sich regelmäßig in Afrika und in „seiner“ Hauptstadt Brazzaville aufhielt, verfügte nun über ein Territorium, eine Verwaltung, Soldaten, Rohstoffe und Einkünfte – und damit auch über Legitimität. Die effektive Organisation eines französischen Beitrags zu den alliierten Kriegsanstrengungen wäre ohne die Kolonien undenkbar gewesen.
Weißmachen
Die afrikanischen Soldaten kämpften in der Colonne Leclerc (später: Zweite Panzerdivision) bei Koufra, im Fezzan und in Tunesien. Nach der Eroberung des Maghrebs, der zunächst Pétain die Treue gehalten hatte, stießen Kolonialtruppen aus Marokko, Algerien und Tunesien dazu und nahmen am Italienfeldzug 1943 und der Landung in der Provence am 15. August 1944 teil. Für die amerikanischen und britischen Alliierten war der hohe Anteil kolonialer Truppen bei der Vorbereitung der Landung in der Normandie allerdings ein Problem. Sie forderten das „blanchiment“ der Truppen, die nach Großbritannien verlegt werden und möglichst „weiß“ sein sollten. Entsprechend der amerikanischen Praxis einer segregierten Armee, sollten Schwarze nicht in Kampftruppen eingesetzt werden.
Die französische Seite kam diesen Forderungen ohne größere Gegenwehr nach, hatte aber erhebliche personelle Schwierigkeiten: Mehr als die Hälfte der freifranzösischen Bodentruppen im Sommer 1944 stammte aus den Kolonien, darunter vor allem Infanteristen, sogenannte tirailleurs aus den verschiedenen afrikanischen Territorien. Das „blanchiment“ betraf allerdings nur die Soldaten aus dem subsaharischen Afrika. Tirailleurs aus Marokko, Algerien und Tunesien und das Bataillon du Pacifique mit Soldaten aus Neukaledonien und Polynesien „durften“ in Nordfrankreich kämpfen. Die Division Leclerc bestand immer noch zu etwa einem Viertel aus Soldaten aus dem Maghreb. Nur ein schwarzer Soldat kämpfte mit ihnen bei der Befreiung von Paris und schaffte es später bis nach Berchtesgaden zu Hitlers Berghof, denn er fiel durchs rassistische Raster: Claude Mademba Sy war nicht nur ein erfahrener Panzerkommandant, sondern in Versailles geboren und französischer Staatsbürger.
Ein zweites „blanchiment“ erfolgte nach der Befreiung Frankreichs: Die Soldaten aus dem subsaharischen Afrika wurden demobilisiert und entwaffnet, nach Afrika eingeschifft und durch Angehörige der Forces Françaises de l’Intérieur ersetzt. Oft schlecht ausgebildete und wenig kampferprobte Kämpfer des inneren Widerstands bildeten das Gros der Armee Rhin et Danube, die den Rhein im Süden überquerte, der Donau folgte und bis Österreich vorstieß.
Enttäuschte Hoffnungen
Die Kolonien und ihre Einwohner hatten Frankreich im Kampf befreit und den Widerstand gegen Deutschland ökonomisch wie finanziell getragen. All das weckte Hoffnungen auf Unabhängigkeit oder zumindest größere Autonomie und politische Teilhabe – Hoffnungen, welche die wiedererrichtete Republik enttäuschte. Zaghafte kolonialpolitische Reformen, wie sie etwa auf der Konferenz von Brazzaville (30. Januar bis 8. Februar 1944) angekündigt worden waren, wurden verzögert, halbherzig oder gar nicht umgesetzt und stießen auf den Widerstand der Siedler.
Doch in vielen Kolonien und Protektoraten hatte der Krieg wie ein Katalysator gewirkt: Die Mandatsgebiete in Libanon (1943) und Syrien (1945) wurden unabhängig – in Syrien gegen den vehementen militärischen Widerstand der Franzosen. Die gewaltsame Niederschlagung von Demonstrationen am 8. Mai 1945 im Constantinois, im Norden Algeriens, und die darauffolgenden Pogrome durch Polizei, Militär und bewaffnete Siedler bilden ein Scharnier zwischen Weltkrieg und Vorgeschichte des Algerienkriegs, wie Jens Hanssen in diesem Dossier genauer erläutert.
In Indochina gewann Frankreich nur mit britischer Hilfe ansatzweise wieder die Kontrolle, bevor das Bombardement von Haïphong zum Auftakt für den Indochinakrieg wurde. Dieser endete erst an einem anderen 8. Mai, nämlich 1954, als in Diên Biên Phu die letzten französischen Soldaten kapitulierten. Die Niederschlagung des madegassischen Aufstands 1947 forderte wohl über zehntausend Tote. Die Opferzahlen sind bis heute umstritten – bezieht man die an Hunger und Krankheit Verstorbenen ein, erscheinen mehrere Zehntausend plausibel.
Die Geschichte des Weltkriegs kann also nur als verflochtene Geschichte geschrieben werden, zu der auch die Prozesse der Dekolonisation gehören. Das gilt auch für die Nachgeschichte des Krieges. Trotz aller Forschungen dominiert in der Öffentlichkeit immer noch die Erfolgsgeschichte von Versöhnung und europäischer Einigung als Lehren aus dem Krieg. Das ist sicher nicht falsch, unterschlägt aber die fortbestehende koloniale Dimension, worauf Alexandra Kemmerer in dieser Zeitung (19.6.2024) hinwies. So sah der Vertrag über die EWG 1957 einen Sonderstatus für Algerien vor. Die anderen französischen, niederländischen, belgischen und italienischen Territorien sollten assoziiert werden. Genau genommen brachten nur Deutschland und Luxemburg keine außereuropäischen Territorien in das europäische Projekt mit. Aus französischer Perspektive gehörten dagegen das neue Europa und das Kolonialreich zusammen.
Späte Anerkennung
Auch die Tirailleurs sind übrigens im öffentlichen Raum präsent. Ihnen sind insgesamt 40 Straßen und Plätze in ganz Frankreich gewidmet, wobei sich manche Benennungen auf den Ersten Weltkrieg beziehen, andere auf Massaker wie etwa in Erquinvillers (Oise), wo Wehrmachtssoldaten 1940 mehrere Hundert afrikanische Kriegsgefangene erschossen. Die Pariser Place des tirailleurs sénégalais wurde erst 2023 eingeweiht, eine gepflasterte Fläche mit Straßenbahnhaltestelle an der nördlichen Peripherie der Stadt. Ein Transit-Ort ohne Aufenthaltsqualität, aber bedeutsam, weil in den umliegenden Quartieren afrikanische Veteranen des Weltkriegs und der Kolonialkriege lebten und leben. Die Tirailleurs und andere kolonisierte Soldaten erfahren damit eine späte Anerkennung dafür, dass sie erst gegen die Deutschen und für die Befreiung Frankreichs, dann für den Erhalt des Kolonialreichs kämpften und starben: morts pour la France.
Klaus Oschema ist Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris (DHIP).
Jürgen Finger leitet dort die Abteilung Neueste Geschichte und Zeitgeschichte.
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Max Weber Stiftung (3. Mai 2025). Die lange Befreiung. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/147rl












