Globaler Transit nach 1930: Fluchtwege nach Indien, Neuanfänge in China
Text: Eva Murašov
Gemeinsam organisieren vier Institute der Max Weber Stiftung im Februar 2025 eine internationale Konferenz in Mumbai, die weniger bekannte Fluchtrouten jüdischer Emigrantinnen und Emigranten vor dem Nationalsozialismus beleuchtet. Ein Blick auf die geplanten Konferenzbeiträge zeigt die Verflechtungen globaler und lokaler Konflikte.

Fluchtrouten: Das Schlagwort dürfte für viele Europäerinnen und Europäer heute das Bild einer Karte aufrufen, deren Pfeile, wenn auch auf Umwegen, von Süd(ost) nach Nord(west) zeigen. Und werden Deutsche nach den Ländern gefragt, in die es jüdische Emigrantinnen und Emigranten auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus verschlug, fallen ihnen wohl als erstes die Schweiz, Großbritannien, die USA, Argentinien oder Palästina ein.
Dieses vereinfachte Schema von Migration gilt es nicht nur angesichts der Tatsache zu korrigieren, dass bis heute rund um den Globus Binnenmigration dominiert, also die allermeisten Vertriebenen zunächst im Nachbarland, in der Region Zuflucht suchen.
Auch waren die Flucht- und Transitgeschichten von europäischen Jüdinnen und Juden weitaus vielfältiger, als den meisten bekannt ist: Sie führten etwa bis nach Indien, China, ins südliche Afrika, ja bis in die Karibik. Die Forschenden vom Projekt „In Global Transit“ widmen daher eine ganze Konferenz jenen Weltregionen, die zwischen den 1930er und 1950er Jahren von massiven Migrationsbewegungen geprägt waren, aus europäischer Perspektive in diesem Kontext bislang aber kaum wahrgenommen wurden.
Das Team, das die Tagung organisiert, kooperiert selbst von verschiedenen Standorten aus: Simone Lässig ist Direktorin am Deutschen Historischen Institut (DHI) in Washington, Sebastian Schwecke leitet das Max Weber Forum (MWF) für Südasienstudien in Delhi, während Swen Steinberg an der Queenʼs University in Kingston lehrt und am DHI Washington assoziiert ist. Als Konferenzort haben sie bewusst die Metropole an der indischen Westküste Mumbai gewählt. Denn im Februar 2025 werden Geopolitik, Kolonialkonflikte und Kriege in den Dekaden um 1940 aus dem Blickwinkel des sogenannten Globalen Südens betrachtet. Auch die Orient-Institute Beirut und Istanbul der Max Weber Stiftung sind an der Ausrichtung beteiligt.
Neue Perspektiven auf die Geopolitik um 1940
„Das Thema hat einen Nerv getroffen“, sagt Simone Lässig: 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter auch viele aus Indien stammende, hätten Bewerbungen eingereicht, um ihre Forschungen auf der Konferenz zu präsentieren. Die Auswahl der 15 Personen, die nun ihre Arbeit in insgesamt sechs Panels vorstellen werden, sei entsprechend schwergefallen.
In den letzten Jahren habe der Trend zugenommen, so Lässig, „Forschungsstränge zum 20. Jahrhundert zusammenzubringen, die lange Zeit unverbunden nebeneinander existiert haben“. Zum Beispiel sähen immer mehr Forschende Gewinn darin, nicht mehr zwischen der Geschichte des British Empire bis hin zur Entstehung eines indischen Nationalstaats hier, und Europa, der NS-Zeit und dem Holocaust dort zu unterscheiden. Mit der Konferenz wolle man die Forschung zum Ende des Zweiten Weltkriegs um einen neuen, multiperspektivischen Ansatz bereichern.
Ein Blick auf die geplanten Konferenzbeiträge verdeutlicht, wie die Schicksale von Geflüchteten und „Displaced Persons“ den verschiedensten Kräften, globalen wie lokalen Konflikten ausgesetzt waren. Die Transitgeschichten waren ebenso geprägt von den Folgen des deutschen Faschismus wie auch von sozialistischen Allianzen, die weit über Europa hinausreichten, und nicht zuletzt den globalen Herrschaftsstrukturen des Kolonialismus und lokalem Widerstand dagegen.
Rosa de Jong etwa, eine Historikerin aus Amsterdam, richtet den Blick auf die Karibikinseln Jamaika, Kuba und Curaçao sowie Suriname, einen kleinen Staat an der Nordküste Südamerikas und ehemalige niederländische Kolonie. Wie die dem Holocaust entkommenen jüdischen Flüchtlinge mit der Bevölkerung interagierten und ihre Identität in der Diaspora rekonstruierten, untersuchte de Jong an Quellen wie Tagebüchern oder Staatsakten, die sie überwiegend aus einer Synagoge in Suriname und aus dem Nationalarchiv Jamaikas bezog, und die auf Niederländisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch verfasst sind.
Judentum in China, Sozialismus in Indien
Welche Erfahrungen Jüdinnen und Juden machten, die es aus Deutschland und Österreich bis in die Mandschurei – im heutigen Norden Chinas – verschlagen hat, stellt Susanne Hillmann (San Diego) anhand von Zeitzeugenaufnahmen vor. Die Stadt Harbin, dessen jüdische Diaspora Hillmann untersucht, war schon lange multikulturell: Sie wurde 1898 von Russland, das damals die Mandschurei besetzte, gegründet und war durch die Eisenbahn gen Westen ans Zarenreich angebunden.
Nach der Oktoberrevolution war Harbin bereits Fluchtort für viele Russen. Als zwischen 1933 und 1949 jüdische Flüchtlinge aus Europa hinzukamen, war Harbin jedoch bereits von japanischen Truppen besetzt, die in der Mandschurei einen Marionettenstaat gegründet hatten und 1932 die Stadt einnahmen. Unter diesen unsicheren politischen Umständen stellte Harbin für die Geflüchteten, wie Hillmann feststellt, eine Übergangslösung dar – die sich dennoch über Jahre hinzog.
Auch anhand von historischen Fotografien erkundet die Konferenz in Mumbai Migrations- und Transitgeschichte. In Vorträgen und einer gemeinsamen Ausstellung zeichnen Mohamed El Chamaa, Forscher in Beirut und Korrespondent für die Washington Post, und Jens Hanssen, Direktor des Orient-Instituts in Beirut, nach, wie Palästina ab 1939 zum sicheren Hafen für europäische Jüdinnen und Juden wurde, nachdem ihre Flüchtlingsschiffe von anderen Häfen abgewiesen worden waren.
(Bild)Geschichten vom Fluchtort Palästina
Die Historikerin Julia Hauser (Kassel) greift in diesem Kontext das Schicksal von Georg Goldstein auf, einem jüdischen Chirurgen und Hobbyfotografen, der sich vor der Naziherrschaft nach Israel retten konnte. War er zunächst in zionistischen Organisationen aktiv, kehrte er 1953 wieder nach Düsseldorf zurück. Die Briefe und Fotos zeugen laut der Forscherin von einem nicht konfliktfreien Verhältnis Goldsteins zu seiner Wahlheimat Israel.
Spannend ist auch das Kapitel der Globalgeschichte, das Ninad Pandit (New York) vorstellen wird: Er erforschte anhand von Archivmaterial auf Englisch und Marathi, Amtssprache der indischen Region Maharashtra, wie englische und deutsche Kommunisten ab 1920 zur Entstehung der Arbeiterbewegung in Bombay, dem früheren Mumbai, beitrugen.
Besonders freut das Organisationsteam, dass es die US-Historikerin Atina Grossmann für eine Keynote gewinnen konnte. Die in New York geborene Grossmann ist eine mit diversen Preisen ausgezeichnete Historikerin mit Schwerpunkt auf deutsch-jüdischer Geschichte im 20. Jahrhundert – und Transit ist Teil ihrer eigenen, vom Holocaust gezeichneten Familiengeschichte. Beide Großmütter kamen um, ihr Großvater überlebte die Judenverfolgung in einem Berliner Versteck. Das Exil führte Grossmanns Eltern in den Iran, den Vater auch nach Indien – bevor diesem 1946 die Emigration in die USA gelang.

Simone Lässig ist Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Washington. Die Kultur- und Sozialhistorikerin mit Schwerpunkt auf dem 19. und 20. Jh. wurde mit ihrer Forschung zum jüdischen Bürgertum bekannt. Sie fokussiert sich auf Aspekte wie Religiosität, Unternehmer- und Mäzenatentum, Wissensgeschichte und Digital History. Aktuell arbeitet sie zu Migrations- und Transiterfahrungen, auch von Kindern und Jugendlichen.
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Sebastian Schwecke ist Politikwissenschaftler und Direktor des Max Weber Forums in Delhi. Er forscht vor allem wirtschaftsanthropologisch, etwa zu Märkten, Finanzspekulation und Schuldenpolitik. Zuletzt erschien von ihm „Debt, Trust, and Reputation“, eine Studie zu extra-legalen Finanzen in Nordindien.
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Max Weber Stiftung (27. Juni 2025). Globaler Transit nach 1930: Fluchtwege nach Indien, Neuanfänge in China. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/1484o














