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Lange Wege zur Unabhängigkeit

Text: Nora Lessing

Im Zweiten Weltkrieg kämpften die Résistance und das „Freie Frankreich“ um Charles de Gaulle für die Befreiung von der NS-Besatzung. Soldaten aus den französischen Kolonien spielten dabei eine zentrale Rolle. Danach stellte sich Frankreich immer wieder gegen Freiheitsbestrebungen der Menschen in den Kolonien. Darüber, wie Dekolonisation und Zweiter Weltkrieg zusammenhängen, sprach „Weltweit vor Ort“ mit den Historikern Jürgen Finger und Alexandre Bibert vom Deutschen Historischen Institut (DHI) in Paris.

Das Wandbild „Au Planteur“ entstand 1890 und warb für einen Kaffeehändler. Die koloniale Hierarchie einer Kaffeeplantage wird offen gezeigt und idyllisch in Szene gesetzt. Das Bild ziert bis heute eine Fassade in Paris. © Par JLPC – Travail personnel, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Frankreichs Einfluss über den europäischen Kontinent hinaus zu erweitern, war Ziel französischer Kolonialbestrebungen seit dem 16. Jahrhundert. Ob in Amerika, auf dem afrikanischen Kontinent oder später in Südostasien – über mehrere Jahrhunderte drang der französische Staat systematisch in ferne Territorien vor, schuf intensive Handelsbeziehungen, stationierte Marine und Armee. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galt dieses Vorgehen als legitim, auch wenn sich Kolonisation und lokaler Machterhalt immer wieder gewaltvoll vollzogen und mit der Entrechtung und Ausbeutung kolonisierter Völker einhergingen.

Immer standen machtpolitische und wirtschaftliche Interessen im Zentrum, gleichzeitig begriff man Kolonisation ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch als ein Projekt, dass dazu diene, ferne Erdteile zu „zivilisieren“. In Anlehnung an Darwins Evolutionstheorie priesen Gelehrte und Politiker nun verstärkt die vermeintliche Überlegenheit der europäischen Völker. „Es galt als plausibel, dass es kulturell niedriger stehende Menschen gäbe, die auf einen höheren Zivilisationsstand gebracht werden könnten und müssten“, kommentiert Jürgen Finger, Experte für deutsche und französische Sozialgeschichte am DHI Paris. Offiziell sei die Verwaltung ferner Erdregionen damals mit dem Auftrag verknüpft worden, die Menschen vor Ort in europäischen Formen des Handels und der Arbeit zu unterweisen und die Werte der Aufklärung an sie heranzutragen.

Die Kolonien galten als wichtiger Machtfaktor. In der Kolonialpropaganda (hier 1938) kämpfen europäische und koloniale Soldaten Seite an Seite für die „Verteidigung des Empire“. © Paris Musées, musée de la Libération, Dist. GrandPalaisRmn / image ville de Paris

Der europäische Kolonialismus wurde zur Zivilisierungsmission umgedeutet

Dieses Narrativ erlebte im zweiten französischen Kolonialreich eine Blütezeit. Bereits in den 1830er Jahren hatte die Julimonarchie begonnen, Algerien zu erobern, in den Folgejahrzehnten brachte Frankreich dann weite Teile Zentral- und Westafrikas und schließlich auch Gebiete im heutigen Kambodscha, Laos und Vietnam unter seine Kontrolle. Auch die Dritte Republik, nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 errichtet, hielt an der Expansionspolitik fest. Hernach stabilisierte sich die parlamentarische Demokratie in Frankreich, doch in den Kolonien war bis ins 20. Jahrhundert hinein wenig demokratischer Geist zu spüren. „In der Regel waren die Kolonisierten Untertanen, Bürgerrechte genoss nur eine kleine Minderheit“, erklärt Jürgen Finger. „Stattdessen galten spezielle Gesetze und sogenanntes indigenes Recht.“

Die Kolonialpolitik, die andere Völker zu den Untergebenen Europas erklärte, trugen weite Teile des politischen Spektrums in Frankreich mit. Darunter auch Vertreter sozialistischer Strömungen. „Letztlich war man auch in der demokratisch verfassten Republik der Meinung, dass nicht alle das Recht haben, Rechte zu haben, wie das Hannah Arendt genannt hat. Es gab abgestufte Formen der Zugehörigkeit, vom Untertanen bis zum Bürger, die französischen Gesetzbücher und Freiheiten galten nicht für alle.“ Blieben die Kolonien so auch in der Zwischenkriegszeit noch selbstverständlicher Teil der französischen „kolonialen Republik“, begann die Stimmung in Europa zu kippen.

Schwere Ausschreitungen in Paris waren ein Weckruf für die französische Linke

„In Frankreich gab es in der Zwischenkriegszeit eine Krise des politischen Systems“, erklärt Jürgen Finger. Streiks und Demonstrationen wurden regelmäßig gewalttätig niedergeschlagen, am 6. Februar 1934 eskalierte die Lage. In Paris organisierten gewaltbereite rechte Gruppierungen eine Großdemonstration vor dem Parlament. „Einige Gruppen sahen die Chance, das Parlament zu stürmen“. Teile der Rechten jedoch zögerten: Sie fürchteten die Folgen eines gescheiterten Putschs. „Am Ende konnte der Aufstand von republiktreuen Polizisten und dem Militär niedergeschlagen werden.“

Während in Deutschland ab 1933 der Nationalsozialismus regierte, gelang es in Frankreich autoritäre Strömungen einzuhegen. 1936 kam hier eine linke Volksfrontregierung an die Macht. An der Kolonialpolitik aber änderte das nur wenig. „Die deutsch-französischen Beziehungen beruhten damals nicht komplett auf Feindschaft“, sagt Alexandre Bibert. In einem aktuellen Forschungsprojekt zu den europäischen Banden der Demokratie befasst sich der Historiker mit Solidaritätsgefühlen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. „Zum Teil gingen französische Akteure davon aus, dass man sich mit Deutschland arrangieren könnte.“

Das Vichy-Regime setzte die französische Verfassung außer Kraft

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann 1939 der Zweite Weltkrieg. Nur zwei Monate später überfiel die Sowjetunion Finnland. „In der französischen Öffentlichkeit wurden starke Solidaritätsgefühle geäußert“, so Alexandre Bibert. Es gab Demonstrationen und Sachgüter wurden zur Unterstützung des finnischen Volkes gesammelt. „Hier waren offenbar auch Werte im Spiel, die in der demokratischen Gesellschaft tief verwurzelt sind – Freiheit, Demokratie, Selbstbestimmung“, verdeutlicht Alexandre Bibert. Alsbald jedoch gerieten diese Werte in Frankreich selbst maßgeblich unter Druck.

1940 drang die Wehrmacht auf französisches Territorium vor. Nur sechs Wochen dauerte die Schlacht, dann gab sich Frankreich geschlagen. Weite Teile des Landes wurden nun von Deutschland kontrolliert. Der neue Staatschef Philippe Pétain schaffte das parlamentarische System und mit ihm die Verfassung der III. Republik ab. Zu weitreichender Kooperation mit dem Deutschen Reich bereits sorgte sein Vichy-Regime dafür, dass rund 75.000 Menschen jüdischer Abstammung, ebenso wie Widerstandskämpfer, Oppositionelle und Arbeitsdienstverweigerer aus Frankreich deportiert wurden. Ein Großteil der Juden wurde in den deutschen Vernichtungslagern ermordet.

Der Beitritt des Tschad zum Freien Frankreich verschaffte dem politischen Anspruch de Gaulles eine territoriale Basis. Die Entscheidung traf der Gouverneur des Tschad, Felix Eboué (links). © Library of Congress, Prints & Photographs Division, FSAOWI Collection
Kampfeinheiten aus dem französischen Kolonialreich kämpften im Zweiten Weltkrieg Seite an Seite mit den Franzosen, wie diese Tirailleurs sénégalais. Im August 1944 marschierten sie durch das befreite Paris. © Paris Musées, musée Carnavalet, Dist. GrandPalaisRmn / image ville de Paris

Den Kolonien stellte das „Freie Frankreich“ mehr Selbstbestimmung in Aussicht

Als Gegenspieler des Vichy-Regimes etablierte sich der französische Brigadegeneral Charles de Gaulle. Aus dem Londoner Exil rief er zum Widerstand gegen die Deutschen auf und begründete das „Freie Frankreich“. De Gaulle musste sich gegenüber den Alliierten legitimieren, benötigte ein Territorium, Einnah men und Soldaten. Unterstützung sicherte er sich in den Kolonien. „De Gaulles Einfluss verbreitete sich bald im französischen Äquatorialafrika. Dort rekrutierte er einen Teil seiner Truppen“, sagt Alexandre Bibert. „De Gaulle machte durchaus Versprechungen, dass man die Kolonien künftig im Rahmen einer französischen Union besser einbinden, es zu größerer Selbstbestimmung kommen würde.“

Etwa 40 Prozent der französischen Armee rekrutierten sich 1944 aus Kolonialsoldaten. Als der Krieg gewonnen war, dankte man ihnen in öffentlichen Ansprachen. Als die Soldaten jedoch in ihre Heimatländer zurückkehrten, war von mehr Freiheit im Kolonialreich erstmal wenig zu spüren. In rascher Abfolge kam es in mehreren Kolonien zu heftigen Ausschreitungen – aus vielfältigen Gründen. Im Senegal etwa gerieten 1944 Einheiten der Tirailleurs sénégalais in Streit mit ihren Vorgesetzten. „Die Truppen stammten aus Französisch-Westafrika“, sagt Jürgen Finger. „Sie waren zeitweise in deutscher Kriegsgefangenschaft, wurden befreit und nach Afrika zurückgeschickt unter dem Versprechen, den ausstehenden Sold zu bekommen.“ Die Erwartungen der rund 1600 Mann starken Truppe wurden jedoch nicht erfüllt.

Gestritten wurde über den Wechselkurs und die Höhe des Solds. Als sich die Soldaten weigerten, ohne den vollen Sold abzuziehen, demonstrierten französische Vorgesetzte ihre Macht. „Wer den ersten Schuss abgab, ist umstritten“, sagt Jürgen Finger. „Am Ende waren 35 bis 70 Soldaten tot und 34 wurden als Meuterer verurteilt.“ Auf politischen Druck hin wurden verurteilte Soldaten schließlich amnestiert. „Eine öffentliche Reaktion, einen Aufschrei aber gab es nicht.“ Seit den 1990er Jahren wird dieser Zwischenfall als Kolonialmassaker angesehen. In ihm deutet sich an, dass die französische Führung nicht vollumfänglich bereit war, den Beitrag der Kolonialsoldaten zur Befreiung Frankreichs zu würdigen.

In Sétif eskalierte am 8. Mai 1945 die Gewalt: Tausende kommen ums Leben

Ein besonders symbolträchtiger Zwischenfall ereignete sich im algerischen Sétif am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes. Schon in den Vorjahren hatte die algerische Unabhängigkeitsbewegung Momentum gewonnen. Nun nutzte sie die Gunst der Stunde. „Demonstriert sollte eigentlich werden, um den Sieg der Alliierten zu feiern“, sagt Alexandre Bibert. „Es gab jedoch auch unterschwellige Bestrebungen in der Bevölkerung, für Freiheit und Gleichheit einzutreten.“ Als im Siegeszug eine algerische Flagge, ein Symbol für die Unabhängigkeit Algeriens, auftauchte, reagierten das französische Militär und die Polizei mit heftigster Repression. In den Folgewochen eskalierte die Gewalt. Rund hundert Franzosen und Tausende Algerier kamen ums Leben.

Einen Monat nach dem Haiphong-Zwischenfall brach der Indochinakrieg aus

Auch in Südostasien schwelten in den Jahren nach Kriegsende heftige Konflikte. Unter der Führung von Hồ Chí Minh hatte die lokale Unabhängigkeitsbewegung der Việt Minh zunächst gegen das Vichy-Regime und die japanischen Besatzer gekämpft. Als Frankreich ab 1945 seine Autorität über die Kolonie zurückerlangen wollte, stieß es auf Widerstand. Hồ Chí Minh rief im September 1945 die Unabhängigkeit Vietnams aus.

Ein Abkommen von 1946 sah vor, Indochina innere Unabhängigkeit zu gewähren. „Die dazu erforderlichen Maßnahmen aber wurden von Frankreich nur schleppend erfüllt“, so Alexandre Bibert. Am 20. November 1946 wollten Vertreter der Kolonialmacht in Haiphong ein Schiff kontrollieren und wurden von Einheimischen daran gehindert. Schüsse fielen, Häuser von Europäern wurden geplündert, die Franzosen begannen, die Stadt von Kriegsschiffen aus zu bombardieren. Bis zu 6000 Menschen sollen hierbei ums Leben gekommen sein. Etwa einen Monat später brach der Indochinakrieg aus.

„All die gewaltvollen Zwischenfälle kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs und die in den Folgejahren ausbrechenden Unabhängigkeitskriege zeigen, dass das Kriegsende nicht das Ende der Gewalt war“, resümiert Jürgen Finger. Die bitteren Erfahrungen Frankreichs zur Zeit der Besatzung, sein erneuertes Bekenntnis zur Demokratie nach Ende des Krieges führten zunächst nicht dazu, globale Machtansprüche preiszugeben. „In den Kolonien dagegen hatte der Zweite Weltkrieg einen bewusstseinsbildenden Effekt: Frankreich ist nicht unbesiegbar, im Krieg sogar auf unsere Hilfe angewiesen.“ Der Zweite Weltkrieg könne so als Voraussetzung dafür gelten, dass in den 1950er Jahren zahlreiche Kolonien ihre Unabhängigkeit erkämpften. Das Fanal: Die Schlacht um Điện Biên Phủ im heutigen Vietnam. Sie endete am symbolträchtigen Datum des 8. Mai 1954 – genau neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Von den Việt Minh schlugen die französischen Truppen hier vernichtend. Vom ehemals zweitgrößten Kolonialreich der Welt bleiben heute noch einige wenige Überseegebiete.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs brach der Indochinakrieg aus. In der Schlacht von Điện Biên Phủ wurden die Franzosen 1954 schließlich vernichtend geschlagen. Den französischen Nachschub auf dem Luftweg zu verhindern, war ein zentrales Ziel der Việt Minh. © ECPAD/Défense: Jean Péraud – Daniel Camus

Jürgen Finger leitet die Abteilung Neuste Geschichte und Zeitgeschichte am Deutschen Historischen Institut in Paris. Der Experte für die deutsche und französische Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts interessiert sich besonders für wirtschaftsgeschichtliche Zusammenhänge und moralische Normen im 20. Jahrhundert.

Kontakt

Alexandre Bibert promovierte zu deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Bevor er 2022 ans Deutsche Historische Institut in Paris wechselte, befasste er sich mit der Geschichte europäischer Arbeiterbewegungen. Aktuell forscht er zu emotionaler Verbundenheit zwischen den europäischen Nationen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

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Max Weber Stiftung (25. Juni 2025). Lange Wege zur Unabhängigkeit. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/1479h


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