Halbherzige Verbannung
Text: Stefanie Hardick
Zwischen 1944 und 1946 inhaftierte die Türkei Deutsche und Österreicher in drei anatolischen Kleinstädten. Am Orient-Institut (OI) Istanbul erforscht Richard Wittmann die widersprüchliche Internierungspolitik und das Zusammenleben von Verbannten und Einheimischen.

Istanbul, 5. August 1944. Drei Tage ist es nun her, dass die Türkei ihre Neutralität aufgegeben und ihre Beziehungen zum Deutschen Reich beendet hat. Drei lange Tage, in denen die deutschsprachige Gemeinde am Bosporus bangt, was diese Entscheidung für ihr Schicksal bedeutet. Als die Zeitungen dann die Nachricht bringen, spricht sie sich schnell herum: Es bleibt nur eine Woche! Dann müssen alle Besitzer eines deutschen Passes das Land verlassen. Wer sich weigert, wird in Internierungslager verbannt, als Feind der Türkei. Panik breitet sich aus. Viele Betroffene sind Emigranten, die vor dem NS-Regime geflohen waren, Juden, politisch Verfolgte. Dazu kommen Personen österreichischer Abstammung und Familien, die seit Generationen in Istanbul ansässig sind. Wohin sollten sie gehen? In Europa wütet der Krieg, die deutsche Niederlage ist absehbar.
„Das Ultimatum der türkischen Regierung war ein alarmierender Moment“, sagt Richard Wittmann. „Als die Leute das Wort Internierung hörten, dachten sie an deutsche Konzentrationslager, sowjetische Gulags. Sie gerieten in Panik, es gab sogar Suizide.“ Als Stellvertretender Direktor des OI Istanbul erforscht Wittmann die Internierung der Deutschen und Österreicher zwischen 1944 und 1946. Es ist ein wenig bekanntes Thema, zu dem auch er über Umwege gekommen ist.

Als Spezialist für autobiografische Quellen beschäftigt sich Wittmann seit Jahren mit dem Nachlass des deutschen Exilwissenschaftlers und Künstlers Traugott Fuchs, dessen reichhaltiges Archiv vom OI Istanbul betreut wird (s. Artikel in Weltweit vor Ort 2/2021). Traugott Fuchs war einer der internierten Deutschen – seine zahlreichen Bilder, Skizzen und Briefe aus der Zeit der Verbannung in der anatolischen Kleinstadt Çorum bilden das Herzstück des Archivs. „Wir wollten mit einer Ausstellung Einblick in das Archiv geben, da boten sich Fuchsʼ Bilder aus Çorum als Einheit an“, erläutert Richard Wittmann. „Weil ich aber schon länger in Istanbul lebe, kenne ich auch viele andere Menschen, die selbst interniert waren oder deren Eltern beziehungsweise Großeltern betroffen waren. Ihre Geschichten interessierten mich, und ihre Zeugnisse ergänzen Fuchsʼ Bilder sehr gut.“ Als Glückstreffer erweist sich das Tagebuch von Siegfried Pruczsinsky. Der österreichische Geistliche dokumentierte die Verbannung handschriftlich und mit kleinen Skizzen. „Diese Quelle bringt erst jetzt ans Tageslicht, welch verdienstvolle Rolle die Mitglieder des katholischen St. Georgs Klosters in Istanbul bei der Versorgung der Internierten gespielt haben.“
22. August 1944. Seit dem Morgen gehen türkische Polizisten von Haus zu Haus. Ihre Listen verzeichnen Namen und Adressen von 626 Deutschen und Österreichern, die sich noch im Land befinden. Sie sollen sich am nächsten Morgen um 8 Uhr am Bahnhof Haydarpaşa im asiatischen Teil Istanbuls einfinden. Erlaubt ist nur kleines Gepäck: ein Koffer pro Person. Die Schlinge zieht sich zu. Doch als sich die Menschen am nächsten Morgen auf den Weg machen, erwartet sie eine Überraschung: Freundlich weisen die türkischen Beamten ihnen den Weg zu den Sonderzügen, Personenwagen zweiter Klasse. Am Bahnsteig stehen Schweizer Diplomaten und verteilen Schokolade. Die Fahrt von Istanbul in die 600 Kilometer entfernten Verbannungsorte dauert einen ganzen Tag. Der Zug hält jedoch regelmäßig für Essenspausen in den Bahnhofrestaurants.
„Von Anfang an war alles ein Missverständnis“, sagt Richard Wittmann. „Auf Türkisch hatte der Regierungserlass ‚sürgün‘ angeordnet. Das Wort heißt zwar Verbannung, aber es bedeutet nur, dass man für einige Zeit von seinem Heimatort weggeschafft wird und irgendwann zurückkehren darf. Es soll niemand körperlich zu Schaden kommen, man bekommt nur einen Maulkorb verpasst.“ Eine solche Verbannung war im deutschsprachigen Raum seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr üblich, weshalb die deutsche Übersetzung ‚sürgün‘ mit „Internierung“ verwechselte.
Entsprechend verwirrt sind die Verbannten, als sie in den drei Internierungsorten Yozgat, Kırşehir und Çorum ankommen. Pater Pruczsinsky wird von einem Polizisten von Kırşehir nach Çorum überführt, doch unterwegs besinnt sich der Mann: Sein Gefangener ist schließlich so etwas wie ein Imam und kann unmöglich unterwegs auf der Pritsche der Polizeiwache nächtigen, er muß im Hotel untergebracht werden. Später notiert Pruczsinsky: „Nur weil ich Religionsvertreter bin, hat er mich gestopft wie eine polnische Gans. Ich musste unentwegt essen und mich länger im Zimmer ausruhen, als ich wollte.“ Derweil veranstaltet im Nachbarort Çorum der Bürgermeister ein großes Fest für die „kultivierten Gäste“ aus Istanbul.
„Die Bevölkerung konnte nicht nachvollziehen, warum die Deutschen und Österreicher auf einmal Feinde sein sollten. Die ältere Generation hatte mit ihnen noch als Waffenbrüder im Ersten Weltkrieg gekämpft“, sagt Richard Wittmann. Hinzu kommt, dass sürgün für die Einwohner der Verbannungsorte Normalität war – und ein Wirtschaftsfaktor. Seit der Terrorherrschaft von Sultan Abdülhamid II. in den 1880er Jahren gab es eine Reihe von Städten, in die Unliebsame für die Dauer ihrer sürgün abgeschoben wurden. Die Verbannten mussten ihre Unterkunft selbst zahlen, und so vermieteten nicht wenige Einwohner Zimmer oder Wohnungen. „Für viele Familien war es vermutlich normal, wechselnde Untermieter zu haben. Mal war es ein Kommunist, mal ein Vertriebener vom Balkan, und jetzt waren es eben die Deutschen.“
Wittmann erläutert, dass es trotz markiger Regierungsrhetorik nie ganz klar war, welche Regeln für die deutschsprachigen Internierten galten. In der Ausstellung ist eine Petition zu sehen, in der 32 Verbannte darum bitten, ihren Verwandten Briefe schreiben zu dürfen. Mindestens fünf Beamte haben die Petition handschriftlich kommentiert: Die Meinungen reichen von „Natürlich darf jeder mit seiner Familie kommunizieren“ bis hin zu „Aber nein! Das ist der Feind!“ Für diese Widersprüchlichkeit stehe der Ausstellungstitel „Halbherzige Verbannung“, so Wittmann. Sinnbildlich steht hierfür auch das große Gruppenphoto im Eingangsbereich. Zu sehen sind etwa 120 Personen – dabei waren Zusammenkünfte von mehr als drei Personen eigentlich strikt verboten. „Zum Gottesdienst jedoch durfte man sich treffen. Also gingen alle in die Kirche: Katholiken, Protestanten, Juden, Kommunisten, Atheisten. Sogar einige Einheimische wurden neugierig und fragten, ob sie mal kommen dürften.“

Die katholische Kirche in Çorum wurde so zum Ort, an dem Kontakte, Netzwerke, Freundschaften geknüpft wurden. Die Ärmsten und Bedürftigsten unter den Verbannten wurden dort betreut und versorgt. „Die Behörden haben die Menschen lediglich nach Anatolien gebracht und sie dort zunächst sich selbst überlassen“, sagt Wittmann. Pater Pruczsinsky und die Schwestern des Klosters St. Georg mieteten deshalb in Çorum ein altes Herrenhaus, kümmerten sich um die Kranken und bauten mit Freiwilligen einen Gastronomieofen, um allen Bedürftigen eine warme Mahlzeit anbieten zu können. „Eine Woche später gab es mitten in der Türkei österreichische Küche: Fleischlaibchen, Erdäpfelschmarren und eingebrannte Fisolen.“
Ihre Kontakte nutzten die Schwestern auch, um Traugott Fuchs Pinsel und Farben zu besorgen. Der 37-jährige Dozent für Germanistik und Romanistik an der Universität in Istanbul hatte in Anatolien seine Leidenschaft für das Malen entdeckt. Seinen Bildern merkt man die große Sympathie an, die er für die Menschen in Çorum und ihren Alltag hatte. Aber Details zeigen auch, wie hart das Leben in der Verbannung war: Schwerkranke Menschen, das Grab eines Deutschen am Wegesrand. Fuchsʼ Bilder sind deshalb eine einzigartige Quelle für diese wenig erforschte Zeit. Seine Tagebücher hingegen seien für diese Zwecke leider unbrauchbar, sagt Wittmann: „Fuchs hat sich in die Innerlichkeit geflüchtet. Auf seine Umwelt nimmt er mit keinem Wort Bezug, stattdessen schreibt er über Philosophie und seine ureigensten Seelennöte.“
Auch neue Forschungsfragen ergeben sich. Etwa aus einem Brief, den Fuchs direkt nach der Ankunft an seine Bekannte Fikret Elpe schreibt: „Gib meinem Milchmann weiterhin Geld! Er kann ja nichts dafür, dass ich jetzt auf Kosten des türkischen Staates vierzehn Tage lang in der Sommerfrische bin. Und bitte füttere auch meine Katze.“ Die Rückkehr verschiebt sich immer wieder, aber die beiden bleiben in Kontakt, malen Porträts voneinander. Elpe wird später eine bekannte Malerin in der Türkei und Mitglied der 1946 gegründeten „Gruppe der Zehn“ (Onlar Grubu). Das OI Istanbul konnte den Briefwechsel für das Archiv erwerben und veranstaltet im Herbst eine Vortragsreihe zum Einfluss Traugott Fuchsʼ auf die türkische Kunst dieser Zeit.
Das Kriegsende in Europa bedeutet für die Internierten in der Türkei nicht sofort die Freiheit. Da die Alliierten Österreich als „erstes Opfer der Nazis“ bereits 1945 anerkannten, kommen zunächst alle Menschen mit österreichischer Abstammung frei. Damit könnten auch Pfarrer Pruczsinsky und die Schwestern von St. Georg abreisen. Doch sie entscheiden sich zu bleiben, um sich weiter um die Versorgung der Internierten zu kümmern. Als Universitätsdozent hat Traugott Fuchs das Glück, zusammen mit anderen Angestellten des türkischen Staats zum Semesterbeginn im Herbst 1945 nach Istanbul zurückkehren zu dürfen. Als zum Jahreswechsel 1945/46 immer mehr Internierte freikommen, vor allem NS-Flüchtlinge und Juden, beschließen die Ordensangehörigen von St. Georg nach Istanbul zurückzukehren und dort ihre Aufgaben in Kloster, Schuldienst und bei der Armenspeisung wieder aufzunehmen.
Zum Jahresende 1945 kommen die letzten weiblichen Internierten mit ihren Kindern frei. „Das weitere Schicksal der deutschen Männer ist eine verrückte Geschichte, die ich nur ansatzweise recherchieren konnte“, erzählt Richard Wittmann. Gleichgültig, ob es sich um ehemalige Nazis, alteingesessene „Bosporus-Germanen“ oder Flüchtlinge vor dem NS-Staat handelte, wurden alle im August 1946 an einen Mittelmeerhafen gebracht und den Alliierten übergeben. Die brachten sie zunächst in ein Gefangenenlager in Pisa und anschließend nach Dachau. „Im ehemaligen Konzentrationslager hatten die Amerikaner Verdächtige aus ganz Europa zusammengeführt, um ihnen als Kriegsverbrecher den Prozess zu machen. Die Verbannten wurden also ausgerechnet mit den schlimmsten Nazi-Schergen eingepfercht.“ Nach einer Woche klärte sich der Irrtum und die Verbannten aus Çorum wurden nach Ludwigsburg verbracht, wo sie schließlich bis Weihnachten 1946 freikamen.
„Angesichts des Holocaust ist die Geschichte der Verbannung in der Türkei natürlich geradezu eine Lappalie. Sie betraf nur wenige hundert Menschen, von denen fast alle überlebt haben“, sagt Wittmann. Dennoch: Das Thema zeigt, wie unterschiedlich sich politische Entscheidungen auswirken konnten. Wie wichtig persönliches und institutionelles Engagement für das Überleben der Betroffenen war. Und es zeigt, dass die plötzliche Umorientierung in der türkischen Außenpolitik die positive Grundhaltung der Bevölkerung gegenüber Deutschen und Österreichern nicht per Dekret verändern konnte.
Richard Wittmann ist Stellvertretender Direktor des OI Istanbul. Er studierte Rechtswissenschaften, Islamwissenschaft und Turkologie in München und Berlin. 2008 promovierte er an der Harvard-Universität in den Fächern Geschichte und Nahostwissenschaften. Wittmanns Forschungsinteresse gilt der Rechts- und Sozialgeschichte, Fragen der Identität und des Zusammenlebens im osmanischen Vielvölkerstaat und der Republik Türkei. Er betreut die Forschung zum Protestantischen Friedhof Feriköy, auf dem sich auch das Grab von Traugott Fuchs befindet. 2023 produzierte er zusammen mit dem Filmemacher Dirk Schäfer einen Dokumentarfilm über Leben und Nachlass von Traugott Fuchs, aktuell baut er die Forschung zu Selbstzeugnissen aus der osmanischen Zeit aus und vernetzt Forschende, die mit diesen Quellen arbeiten.
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Max Weber Stiftung (23. Juni 2025). Halbherzige Verbannung. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/146ig














