Die Schatten des Krieges
Text: Felix Bohr
Seit nunmehr 25 Jahren untersucht der Historiker Lutz Klinkhammer die nationalsozialistischen Besatzungsverbrechen in Italien und deren Nachgeschichte. Damit trägt er dazu bei, dass kein „Schlussstrich“ unter die komplizierte deutsch-italienische Vergangenheit gezogen wird.
Am Mittag des 24. März 1944 hielten mehrere Lastwagen vor den Ardeatinischen Höhlen am südlichen Stadtrand Roms. Auf den Ladeflächen saßen die Gefangenen, die Hände auf den Rücken gebunden. SS-Männer trieben sie in Fünfergruppen ins Innere des stillgelegten Tuffsteinbergwerks. In dem nur schwach mit Fackeln ausgeleuchteten Tunnelsystem wurden die Opfer nacheinander mit Schüssen ins Genick ermordet. Insgesamt starben 335 Männer, der jüngste 15 Jahre alt.
Das Massaker in den Fosse Ardeatine war ein Racheakt der NS-Führung. Am Tag zuvor hatten italienische Partisanen im Zentrum der Ewigen Stadt 32 SS-Ordnungspolizisten bei einem Anschlag getötet. Für jeden von ihnen sollten zehn Italiener erschossen werden. Als ein weiterer SS-Mann während der Tötungsaktion seinen Verletzungen erlag, erhöhte der deutsche Kommandant die Anzahl der Opfer. Außerdem erschoss das Exekutionskommando im Eifer fünf Menschen „zu viel“.
Es war einer der grausamsten Massenmorde, die deutsche Einheiten auf der Apenninhalbinsel begingen. Bis heute sind die Ardeatinischen Höhlen der Symbolort für NS-Kriegsverbrechen in Italien. Jährlich legt der italienische Staatspräsident dort einen Kranz nieder. An dem Gedenken zum 80. Jahrestag im März nahm auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth teil. „Wir müssen und wir wollen erinnern“, sagte sie. Es dürfe keinen „Schlussstrich“ geben.
Die Traumata überwinden
Einer, der dazu beiträgt, dass kein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen wird, ist Lutz Klinkhammer. Seit nunmehr 25 Jahren untersucht der Zeithistoriker und Vizedirektor des Deutschen Historischen Instituts in Rom die deutschen Besatzungsverbrechen und deren Nachgeschichte. „Die Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit bleibt ein wichtiger Bestandteil der Beziehungen zwischen beiden Ländern“, sagt der 63-Jährige.
In seinem Projekt „Die Last von Achsenbündnis und Besatzung. Nationale Erinnerungskulturen und deutsch-italienische Beziehungen 1945 bis heute“ bündelt Klinkhammer nun seine Forschungsinteressen. Gleichzeitig leistet er auch praktische Hilfe, um die Traumata des Krieges zu überwinden. Oft erhält Klinkhammer Anfragen von Italienerinnen und Italienern, die mehr über das Schicksal ihrer Vorfahren unter deutscher Besatzung wissen möchten. Durch Vor-Ort-Recherchen und Archivbesuche trägt er zur Aufklärung bei.
Wer wie Klinkhammer die deutsch-italienische Perspektive einnimmt, muss das einzigartige Verhältnis beider Länder beachten. Es resultierte aus der zeitweiligen Achsenpartnerschaft im Zweiten Weltkrieg und dem 1943 geschlossenen Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten. In dessen Folge besetzten deutsche Truppen Nord- und Mittelitalien. Unter Führung des „Duce“ Benito Mussolini entstand die „Repubblica Sociale Italiana“, ein faschistischer Satellitenstaat mit Sitz in Salò am Gardasee. Italien war nun ein besetzter Verbündeter. Zwischen 1943 und 1945 ermordeten Wehrmacht und SS etwa 15.000 Menschen.
Eine halbe Wiedergutmachung
Für die Jahrzehnte nach dem Krieg muss der jeweilige Umgang in beiden Ländern mit der nationalsozialistischen und faschistischen Vergangenheit berücksichtigt werden. Wie komplex die Nachgeschichte war, macht Klinkhammer am Beispiel seiner Forschungsfelder deutlich. Da ist zum Beispiel die Geschichte der Wiedergutmachung. Am 2. Juni 1961 schloss die Bundesregierung mit Italien ein Abkommen über eine Einmalzahlung in Höhe von 40 Millionen D-Mark, nach heutiger Kaufkraft gut 104 Millionen. Dafür verpflichtete sich die Regierung in Rom, die Ansprüche italienischer Bürgerinnen und Bürger aufgrund von NS-Verfolgungsmaßnahmen abzugelten.
Aus heutiger Sicht war das eine lächerliche Summe. „Die Geschichte der Wiedergutmachung ist eine halbe Wiedergutmachung“, formuliert es Klinkhammer. Die Abwicklung der Ansprüche italienischer NS-Opfer übernahmen italienische Stellen in Absprache mit der bundesdeutschen Regierung. „In den 1960er Jahren stellten Betroffene fast 330.000 Anträge an die italienische Regierung“, sagt Klinkhammer. Lediglich italienische KZ-Opfer erhielten eine einmalige Zahlung. „Nur gut 12.000 wurden positiv beschieden. Die Höhe der Entschädigung bemaß sich nach den im Lager verbrachten Tagen.“
Hunderttausende italienische Zwangsarbeiter, darunter in NS-Deutschland gefangengehaltene Militärinternierte, erhielten keine Wiedergutmachung. 1998 verklagte dann der zu Kriegszeiten nach NS-Deutschland verschleppte und dort als Zivilist zur Arbeit gezwungene Italiener Luigi Ferrini die Bundesrepublik vor dem Amtsgericht im toskanischen Arezzo. Im März 2004 gab das Oberste Gericht Italiens der Klage statt.

Für viele Opfer kam die Entschädigung zu spät
„Daraufhin forderten italienische NS-Opfer von der Bundesrepublik Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe“, sagt Klinkhammer. „Ein juristisches Tauziehen zwischen Deutschland und Italien begann.“ Die Bundesregierungen verweigerten eine finanzielle Wiedergutmachung mit dem Hinweis auf das erwähnte Abkommen von 1961. Als in der Folge die Zwangsversteigerung deutschen Staatseigentums wie des Deutschen Historischen Instituts in Rom drohte, rief die Berliner Regierung den Internationalen Gerichtshof an.
Die Haager Richter urteilten 2012, solche Pfändungen verletzten die Staatenimmunität der Bundesrepublik. Darüber hinaus hafte Deutschland für begangene Kriegsverbrechen nicht gegenüber Einzelpersonen und habe folglich auch keine Zahlungen an sie zu leisten. Das italienische Verfassungsgericht wiederum erklärte die Ansprüche der Opfer für wichtiger als den Haager Urteilsspruch. Erst nachdem die italienische Regierung 2022 einen Fonds für Schadenersatzforderungen von NS- Opfern eingerichtet hatte, wurde der Streit beigelegt.
Für 2023 umfasste der Fonds 20 Millionen Euro, in diesem Jahr sind es gut 11,8 Millionen Euro. Für unzählige bereits verstorbene Ex-Zwangsarbeiter und Militärinternierte kommt die Beilegung des deutscherseits unwürdigen Rechtsstreits indes zu spät. Sie erhielten für ihr Leid nie einen Pfennig Entschädigung von der Bundesrepublik. An die Stelle der ausgebliebenen finanziellen Wiedergutmachung trat mit der Zeit das Gedenken. Die Erinnerung an die zahlenmäßig größte Opfergruppe, die sogenannten „Militärinternierten“, wird unter anderem im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin wachgehalten.
„Provisorische Archivierung“
Dafür starkgemacht hatte sich die 2008 von den Außenministern in Berlin und Rom ins Leben gerufene deutsch-italienische Historikerkommission, deren Mitglied Klinkhammer war. „Ich beobachte historische Prozesse, bin aber auch Akteur in der Gegenwart“, sagt er. „Ich darf die eigene Perspektive nicht absolut setzen.“ Klinkhammer, der auch in den italienischen Medien sehr präsent ist, nahm bereits mehrfach eine Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft und Politik ein. Bereits 2006 hatte ihn das italienische Parlament zum Sachverständigen in einer Untersuchungskommission zur Aufarbeitung von NS-Taten berufen – als einzigen Deutschen.
Die Untersuchungskommission beschäftigte sich mit Hunderten ungesühnten deutschen Kriegsverbrechen. Die dazugehörigen Akten waren 1994 im Zuge von Ermittlungen gegen den ehemaligen SS-Mann Erich Priebke, der am Massaker in den Fosse Ardeatine beteiligt gewesen war, im Keller der Allgemeinen Militäranwaltschaft in Rom gefunden worden. Es stellte sich heraus, dass der zuständige Militärgeneralstaatsanwalt die Dokumente 1960 im Rahmen einer „provisorischen Archivierung“ in einem Schrank hatte wegsperren lassen.
Seinerzeit wollte die italienische Regierung die Verbrechen vertuschen. Rom befürchtete in den Nachkriegsjahrzehnten unter anderem, eine allzu konsequente Verfolgung deutscher Delinquenten könne zugleich die Forderungen nach einer Ahndung faschistischer Kriegsverbrechen verstärken, etwa im einst von Italien besetzten Griechenland. Deshalb verschleppte die italienische Justiz die Ahndung über Jahrzehnte. „Nachdem die Akten 1994 wiedergefunden worden waren, fingen die Ermittlungen von vorne an“, sagt Klinkhammer. Er bezeichnet das als „italienische Anomalie“.
Ungesühnte Verbrechen
In der Folge kam es zu zahlreichen weiteren, auch von der deutschen Justiz durchgeführten Ermittlungen, etwa im Fall des Massakers von SantʼAnna di Stazzema. In dem toskanischen Bergdorf hatten SS-Männer im August 1944 über 400 italienische Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder, ermordet. In Italien wurde der Prozess in Abwesenheit der Angeklagten geführt und endete mit lebenslänglichen Haftstrafen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelte zehn Jahre lang gegen noch lebende mutmaßliche Täter, ehe sie im Oktober 2012 entschied, das Verfahren aus Mangel an Beweisen einzustellen. Der damalige italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano kritisierte den Beschluss, Bundespräsident Gauck reiste zu einem Versöhnungsbesuch nach Italien.
Ein weiterer historischer Komplex, den Klinkhammer in seinem aktuellen Projekt erforscht, ist der Schutz von Kunstwerken, Archiven und Bibliotheken unter deutscher Besatzung in Italien. Auch die Schatten dieses Themas reichen bis in die Gegenwart. Ein Beispiel dafür ist die 2019 erfolgte Rückgabe des 1944 von den Nationalsozialisten entwendeten Gemäldes „Blumenvase“ von Jan van Huysum (1682–1749) an die Gemäldegalerie des Palazzo Pitti in Florenz. Das kostbare Bild befand sich jahrzehntelang im Besitz der Familie eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten.
Klinkhammer interessiert sich für die Handlungsspielräume der damaligen Akteure. Auf Seite der Besatzer waren es unter anderem deutsche Kunsthistoriker, die bereits vor dem Krieg an deutschen Instituten in Italien gearbeitet hatten. Zahlreiche Kunstobjekte wurden etwa aus Rom in ländliche Gebiete in Depots ausgelagert. Die zuständige römische Denkmalschutzbehörde arbeitete mit den Deutschen zusammen, um die Kunstschätze nach Rom zurückzubringen und im Vatikan sicherzustellen.
Hunderte Kunstwerke bleiben verschollen
Doch die Kontrolle war den italienischen Behörden vielerorts längst entglitten. „Sie mussten sich auf die Zusagen der Besatzungsmacht verlassen, deren Agieren zwischen Kunstschutz und Kunstraub oszillierte“, sagt Klinkhammer. Im Oktober 1943 etwa beschlossen deutsche Offiziere der Division „Hermann Göring“ eigenmächtig den Abtransport der 70.000 Bände umfassenden Bibliothek der Abtei Montecassino. Die Dokumente gelangten auf Umwegen nach Rom und wurden so vor der Zerstörung gerettet.
Zeitgleich ließ ein im Auftrag von NS-Reichsmarschall Hermann Göring tätiger Kunsthändler ebenfalls aus Montecassino „gerettete“ Kisten ins Reich abtransportieren. Darin befanden sich wertvolle Gemälde aus neapolitanischen Museen, unter anderem von Breughel und Tizian. Die Stücke wurden erst nach dem Krieg in einem Stollen des Salzbergwerks Alt-Aussee wiedergefunden. Andere Kunstschätze sind bis heute nicht aufgetaucht. Schätzungen zufolge könnten Hunderte von geraubten Objekten bis heute nicht nach Italien zurückgekehrt sein.

Lutz Klinkhammer ist Stellvertretender Direktor und Referent für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am Deutschen Historischen Institut in Rom. Außerdem ist er als Privatdozent an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig.
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Max Weber Stiftung (20. Juni 2025). Die Schatten des Krieges. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/145vi












