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Das leere Album

Text: Carmela Thiele

Das Deutsche Forum für Kunstgeschichte (DFK) plant eine Tagung zu den Fotografien von Angehörigen der deutschen Wehrmacht und deren Nachleben 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. An der von DFK-Direktor Peter Geimer zusammen mit der Historikerin Elissa Mailänder (SciencesPo, Paris und Centre Marc Bloch, Berlin) konzipierten Veranstaltung nehmen sowohl Forschende als auch Künstlerinnen und Künstler teil. Einer von ihnen ist Arno Gisinger, der sich mit den Erinnerungsbildern seines Vaters aus jener Zeit auseinandersetzt. Für Ausstellungen vergrößerte der Fotograf Ausschnitte der Albumseiten und montierte die Fragmente zu einer weiteren, neuen Erzählung zusammen.

Das leere Fotoalbum des Vaters. © Arno Gisinger

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Eigentlich klar, was dieser Satz sagen soll, nämlich, dass Bilder etwas zeigen, was nicht in Worte zu fassen ist. Darf man sich mit dieser Feststellung zufriedengeben? Kunstgeschichte als moderne Bildwissenschaft setzt an dieser Stelle an und befasst sich mit dem, was angeblich nicht gesagt werden kann. Um dem Rätsel der Bilder, ihren kulturellen Prägungen und historischen Kontexten, aber auch ihrer Wirkungsmacht nachzugehen, ist die Kriegsfotografie zu einem produktiven Feld interdisziplinärer Forschung geworden. Zentral ist dabei nicht so sehr die Frage, was dargestellt ist, sondern warum und wie das Motiv in den Blick genommen wurde – und was, aus welchen Gründen nicht gezeigt wurde.

Das vermutlich Jahrzehnte nach dem Krieg angefertigte Fotoalbum des Vaters (ATLAS). © Arno Gisinger

Was sehen wir? Ein junger Mann vor der Akropolis, am Mittelmeer, auf Skiern im Schnee. Er ist Österreicher und nach dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 bei der Gebirgs-Division der Deutschen Wehrmacht. Die Aufnahmen zeigen ihn in Badehose, im weißen Tarnanzug und – in Uniform. Wenig deutet auf die Schrecken des Krieges hin. Es könnte auch eine Übung sein, wie die Männer da mit dem Gewehr in der Hand auf einer Anhöhe liegen. Ansonsten Land und Leute, alte Männer in traditioneller Kleidung, ein griechisch-orthodoxer Pope, Frauen mit Schürze, die vor einem Haus posieren, Kinder, die Soldaten die Stiefel putzen. Allein die zerstört im Fluss liegende Brücke lässt auf Kriegshandlungen schließen.

Der Vater erzählt dem Sohn anhand dieser Bilder von seinen Erlebnissen im Krieg, die zugleich seine erste Reise ins Ausland darstellen. Nun ist der junge Gebirgsjäger alt. Sein Sohn studiert Geschichte und stellt Fragen über Nationalsozialismus und Krieg. Sie blättern die Klarsichtfolien des Ringbuchs durch – an langen Abenden und oftmals auch am Sonntagvormittag vor dem Mittagessen. Der Vater stirbt und der Sohn erbt dieses Album, das er Jahrzehnte später „Atlas“ nennen wird. Denn versteckt in einer Schachtel kam das ursprüngliche Album zum Vorschein, ein Querformat, in braunem Leder gebunden, mit Reichsadler und abgebrochenem Hakenkreuz und dem Aufdruck „Aus meiner Dienstzeit“. Es ist leer.

Die Banalität der Bilder

Arno Gisinger setzte sich erst Jahrzehnte später als Künstler mit den Alben seines Vaters auseinander. In seiner Videoarbeit „ALBUM / ATLAS double projection” brachte er das leere und das gefüllte Fotoalbum zueinander in ein Verhältnis. Für das Video blätterte er langsam Seite für Seite um, die leeren und die bebilderten Seiten. Das alte Album zeigt nichts weiter als dünne Pergamentseiten mit Spinnennetz-Muster. Die Kartonseiten sind entfernt worden und womöglich für das neue Album, ein Hochformat, verwendet worden. Leerstellen hier und dort. „Die Banalität dieser einfachen Souvenir-Bilder von damals steht in verstörendem Kontrast zum historischen Wissen unserer Zeit“, resümiert Arno Gisinger. „Sie verkörpern ein Nichtwissen und transportieren eine Form von politischer Naivität.“

Gisinger versteht das Ringbuch-Album seines Vaters als späte Verarbeitung seiner Zeit als Soldat. Die bei Alben dieser Art in der Regel eingehaltene Chronologie spielt keine Rolle, herausgearbeitet sind die Etappen seiner Reise: Griechenland, Bulgarien, Finnland. Der Krieg wird zu einer Abenteuerfahrt. Für die Nachfahren sind solche Alben oftmals Anlass, sich mit der Geschichte ihrer Väter und Großväter zu befassen. Arno Gisinger: „Wir alle fragen uns, wo sind die Horrorbilder? Gibt es sie? Was hat mein Vater erlebt, was hat er getan? Die Frage des Fehlenden, des Abwesenden spielt eine wichtige Rolle. Das leere Album ist für mich eine große formgebende Metapher.“

Arno Gisinger, ALBUM / ATLAS Double Projection (2023). © Arno Gisinger

Wehrmachtsfotografie als Propaganda

Die Produktion von Alben mit Adler und Hakenkreuz für die Wehrmacht war Teil einer ausgeklügelten Strategie des NS-Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Bereits im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war die Fotografie zur Volkskunst erklärt worden. Die Darstellung der NS-Wirklichkeit in privaten Erinnerungsbildern verwob die Ideologie des Regimes mit dem Leben eines jeden Einzelnen. Da lag es nahe, auch die Wehrmachtsangehörigen zu ermuntern, unterwegs zur Kamera zu greifen. Fotozeitschriften veröffentlichten Sonderbeilagen mit Anleitungen und Tipps, u. a. zu bevorzugten Motiven etwa „Volkstypen“, alltäglichen Verrichtungen im Camp und sogar zur Anordnung der Fotos im Album. Die belichteten Filme wurden in den Fotoläden der besetzten Länder entwickelt und vergrößert. Auf diese Weise entstanden in Deutschland Millionen von oftmals harmlos erscheinenden persönlichen Erinnerungsalben an einen von den Deutschen entfesselten Krieg, der Europa und die ganze Welt erschütterte.

Erkenntnisse wie diese förderte 2009 die Ausstellung „Fremde im Visier, Fotoalben aus dem Zweiten Weltkriegzutage. Das an der Universität Oldenburg erarbeitete Forschungsprojekt der Kunsthistorikerin und Ethnologin Petra Bopp befasste sich mit sechzehn Alben, deren Urheber sie zum Teil noch befragen konnte. Bopp ging es darum „die Schau- und Fotografierlust der Soldaten“ zu untersuchen, ohne jedoch den Kontext des „ideologisch aufgeladenen Rassen- und Vernichtungskrieg außer Acht zu lassen.“ Ins öffentliche Bewusstsein gedrungen war das Thema der Wehrmachtsfotografie bereits zuvor, als die Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944“ des Instituts für Sozialforschung in Hamburg 1996 eine hitzige Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht ausgelöst hätte.

Karte eines Teils von Finnland aus dem Fotoalbum des Vaters (ATLAS). © Arno Gisinger

Internationale Perspektive

Die vom DFK geplante Tagung schließt an diese Meilensteine der Erforschung der Wehrmachtsfotografie an. „Wir wollen danach fragen, wie private Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg auch 80 Jahre nach dem Ende des Krieges noch immer wirkungsmächtig sind“, sagt Peter Geimer, Direktor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris. Noch immer würden im Umfeld der Familien Fotoalben von Wehrmachtssoldaten auftauchen, welche die Nachkommen mit diesem schwierigen Erbe konfrontierten. „Zugleich zirkulieren solche Bilder aber auch in ganz neuen Zusammenhängen wie kommerziellen Tauschbörsen im Internet.“

Die in Kooperation mit der Historikerin Elissa Mailänder konzipierte Tagung soll vor dem Hintergrund neuer Phänomene einer globalen und digitalen Welt den Blick auf die Wehrmachtsbilder aus dem Zweiten Weltkrieg neu justieren. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutieren die Affekte und Wirkungen, die hinter den fotografischen Bildern stehen und fragen sich, wie das infolge der NS-Propaganda einseitige Geschichtsbild dieser Ära durch den Aufbau visueller Archive korrigiert werden kann, um der engen Perspektive und dem militärischen Blick der Eroberer etwas entgegenzusetzen. Der Blick soll auch geografisch geweitet werden und das Nachleben der Kriegsfotografie in Japan, der Sowjetunion und den USA einbeziehen. Solche Erkenntnisse sollen helfen, so Peter Geimer, die Frage zu beantworten, „auf welche Ethik des Zeigens und Sehens wir uns einlassen müssen, wenn wir Bilder von Gewalt und Völkermord betrachten, sie zeigen oder mit ihnen arbeiten.“

Bildwissenschaft und Artistic Research

Aufnahme aus dem Fotoalbum des Vaters (ATLAS), der vor dem Krieg eine Friseurlehre absolviert hatte. © Arno Gisinger

Kein Foto könne aus sich heraus seinen ganzen Kontext erzählen, der müsse rekonstruiert werden. Trotzdem gebe es einen Eigenwert der Bilder, betont Geimer. „Was sie zeigen, ist nicht einfach durch Sprache ersetzbar.“ Das sei oftmals die Auseinandersetzung, die er mit Historikerinnen und Historikern führe. „Es geht uns nicht nur um die pure Information historischer Fotos, sondern auch um ihre affektive Wirkung, beispielsweise wenn es sich um Darstellungen äußerster Gewalt handelt.“ In der Debatte um die vier Bilder aus dem KZ Auschwitz habe es Stimmen gegeben, die gesagt haben: Damit können wir nichts anfangen. Da ist gar nichts richtig abgebildet.

Mit den „vier Bildern“ sind die vier Fotos gemeint, die in der Nähe des Krematoriums V. im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von dort internierten jüdischen Arbeitskräften heimlich aufgenommen und dem polnischen Widerstand zugespielt wurden. Private Aufnahmen waren in den Konzentrationslagern verboten. Die ver- wackelten, aus einem Versteck aufgenommenen Bilder bezeugen den Holocaust eben nicht durch das präzise Ablichten des NS-Verbrechens. Der Kunsthistoriker und Philosoph Georges Didi-Huberman habe, so Geimer, in seinem Buch „Bilder trotz allem“ gezeigt, dass diese Fotos etwas Wichtiges sichtbar machten: Nämlich den vom NS-Regime begangenen systematischen Völkermord an Jüdinnen und Juden. Diese Bildfragmente bezeugten eben gerade aufgrund der Umstände ihrer Entstehung die „Mechanismen der Entbildlichung“ historischer Wahrheit.

Eine interdisziplinäre Bildwissenschaft fördert Erkenntnisse zu tage, die sich der funktionalen Bedingtheit der Fotografie entziehen oder sie kritisch hinterfragen. Eine ähnliche Perspektive nimmt Arno Gisinger ein. Er nähert sich den Wehrmachtsbildern seines Vaters auf dem Wege von Artistic Research. „Für uns ist wichtig, dass künstlerische Forschung nicht nur diskursiv ist. Vielmehr ist sie aktiv und produziert neue Bilder und neues Wissen. Es geht um das Tun, das aktive Arbeiten mit den Bildern, das Herauskommen aus der Situation des bloßen Analysierens einer Bildquelle. Das Bild wird zum Agens, zur treibenden Kraft.“

Als Arno Gisinger sich vor der Pandemie beruflich in Griechenland aufhielt, ergab sich für ihn die Gelegenheit, jene Orte in Athen aufzusuchen und aufzunehmen, an denen sein Vater auf den Auslöser gedrückt hatte. Für ihn, den ausgebildeten Fotografen wurde die Kamera nun auch in diesem persönlichen Projekt zu einem Erkenntnisinstrument. „Der Blick mittels einer Gerätschaft, eines Instruments ist ein anderer als der rein physiologische Blick“, sagt er. Die Idee des Fotoapparats als Mittel des genauen Hinschauens sei zugleich ein Instrument des Verstehens und der Distanzierung.

Arno Gisinger © Romain Darnaud
Blick in die Ausstellung „Voir lʼhistoire? (Album / Atlas et LʼAnnée terrible)“ von Arno Gisinger, Galerie Commune, Tourcoing, 2023. © Arno Gisinger

Peter Geimer ist Direktor des DFK Paris und Professor für Kunstgeschichte an der FU Berlin (z. Z. beurlaubt). Zu seinen Forschungsgebieten gehören die Geschichte und Theorie der Fotografie, die Darstellung von Geschichte im Bild sowie Wissenschaftsgeschichte. Seine letzte Buchveröffentlichung trägt den Titel „Die Farben der Vergangenheit, Wie Geschichte zu Bildern wird“ und erschien 2023 im Beck Verlag in München.

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Arno Gisinger studierte Geschichte und Germanistik in Innsbruck sowie Fotografie in Arles. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Frankreich und unterrichtet künstlerische Fotografie an der Universität Paris 8. In seinem Werk verbindet er Recherchen zu Figuren, Orten oder Ereignissen mit metafotografischen Fragen. Auf diese Weise untersucht er die Verwandlung der Realität durch das fotografische Bild.

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Max Weber Stiftung (18. Juni 2025). Das leere Album. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/145d0


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