Digital resources in the Social Sciences and Humanities OpenEdition Our platforms OpenEdition Books OpenEdition Journals Hypotheses Calenda Libraries OpenEdition Freemium Follow us

Übersehene Orte der Vernichtung

Text: Till Hein

Die Kultursoziologin Magdalena Saryusz-Wolska vom Deutschen Historischen Institut (DHI) Warschau erforscht die unzähligen, wenig bekannten Massenerschießungen während des Holocaust in Polen – und die spärliche Erinnerungskultur daran.

Hinweisschild zum Denkmal für das Massengrab bei Tylawa in polnischer Sprache: „Jüdisches Grab 500 Meter”. Obwohl es sich um ein jüdisches Grab handelt, wird das christliche Kreuz als Symbol für die „Friedhofsanlage” genutzt.

Als Magdalena Saryusz-Wolska im Sommer 2021 in der Gebirgsregion Niedere Beskiden, in Südostpolen, wanderte, fiel ihr bei der Ortschaft Tylawa ein Straßenschild auf. „Mogiła Żydowska 500 m“ steht darauf – „Jüdisches Grab 500 m“. Sie folgte dem Wegweiser und gelangte auf einem sandigen Pfad zu einem Denkmal: 25 Meter lang, fünf Meter breit, und von einem kniehohen Mäuerchen begrenzt. Der Erinnerungsort an eine Massenerschießung.

Am 13. August 1942 sind hier mehr als 500 Jüdinnen und Juden „durch deutsche Hand“ ermordet worden, so die Inschrift einer Steintafel. Magdalena Saryusz- Wolska ließ dieser Ort der Vernichtung nicht mehr los. Und die Kultursoziologin vom Deutschen Historischen Institut (DHI) Warschau entdeckte bei ihren Nachforschungen in den Niederen Beskiden bald weitere Massengräber, die weitgehend unbekannt sind. Manche bestehen nur aus einer verwitterten Gedenktafel oder zerbröckelnden Mauerresten irgendwo im Wald.

„Das Gedenken an den Holocaust konzentriert sich in Polen bisher stark auf wenige zentrale Erinnerungsorte“, sagt Magdalena Saryusz-Wolska. Insbesondere die Museen und Gedenkstätten der großen Vernichtungslager wie Auschwitz, Bełżec, Treblinka oder Majdanek stehen dabei im Fokus. „Und diese Beschränkung trägt zur Vorstellung bei, dass der Holocaust an wenigen ausgewählten Orten stattgefunden habe: hinter hohen Mauern, weit weg von der nicht-jüdischen polnischen Bevölkerung, die nicht involviert gewesen sei.“ Jüngere Forschungsstudien haben aber gezeigt, dass Massenmorde an Jüdinnen und Juden in Polen keineswegs ausschließlich in den Vernichtungslagern stattfanden, so die Forscherin, „sondern fast überall in den von den Deutschen besetzten Gebieten.“

Während der „Aktion Reinhardt“, deren Ziel die Ermordung aller polnischen Jüdinnen und Juden war, wurden im Sommer 1942 in den Niederen Beskiden zwar die meisten jüdischen Frauen, Männer und Kinder in das Vernichtungslager Bełżec (nahe der heutigen Grenze zur Ukraine) deportiert. Tausende aber fanden auch in direkter Nähe ihrer Dörfer und Siedlungen den Tod. „Über diese Massenerschießungen ist noch viel zu wenig bekannt“, sagt die Kultursoziologin.

Seit dem Sommer 2021 hat sie die Gedenkstätte bei Tylawa achtmal besucht. Sie wertet Archivquellen aus, führt Interviews mit Zeitzeuginnen und -zeugen. Allein in den Niederen Beskiden stieß sie auf zwölf weitere Denkmäler für jüdische Massengräber. Die Zahl der Erschießungsopfer in jener Region schätzt sie auf mindestens 5000. „Und es gibt in Polen noch Hunderte – wenn nicht gar Tausende – weiterer Massengräber des Holocaust, die kaum jemand wahrnimmt.“

Ausschnitt aus der geplanten, noch unvollständigen, Karte der Erschießungsorte sowie der Massengräber des Holocaust im
besetzten Polen.
Beim Gedenkstein, der an den Massenmord bei Tylawa im August 1942 erinnert, legen vereinzelte Besuchende jüdischen oder christlichen Glaubens mitunter auch in jüngster Zeit wieder Blumen oder kleine Steine nieder, oder sie zünden kleine Laternen, die sogenannten „ewigen Lichter”, an.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen polnischen Hochschulen und Wissenschaftsinstituten will Magdalena Saryusz-Wolska das Thema nun systematisch aufarbeiten und eine breite Öffentlichkeit dafür sensibilisieren. Unter anderem sollen digitale Landkarten mit einem Ortsverzeichnis der Massengräber sowie Hintergrundinformationen dazu verfügbar gemacht werden. Auch Führungen für Schulklassen und andere Interessierte sind geplant. Die Forschenden haben für das umfangreiche Projekt bereits Drittmittel in Höhe von 90.000 Euro eingeworben und weitere Fördergelder beantragt.

Doch wie liefen solche Massenerschießungen ab? Die Inschrift der Gedenktafel beim Dorf Tylawa liefert nur einige Eckdaten: „Am 13. August“, „500 Juden aus Dukla und Rymanów getötet“ und: „durch deutsche Hand“. In einer Monografie über den Holocaust im Bezirk Krakau fand Magdalena Saryusz-Wolska ein paar weitere Details: „Am 13. August siedelten die Deutschen die Juden um“, heißt es da. Und: „Nach der Selektion wurden 100–400 Personen in den Wald in der Nähe von Tylawa gebracht und dort erschossen; über 200 Personen wurden für zwei Arbeitslager bestimmt. Die anderen etwa 1600 Personen, wurden nach Bełżec deportiert.“

Der Historiker Dariusz Libionka aus Lublin wiederum schreibt zur „Aktion Reinhardt“ im heutigen Südostpolen: „Das Szenario aller Deportationen war überall gleich: die brutale Konzentration, Selektion und schließlich die Deportation nach Bełżec oder in ein Zwangsarbeitslager. (…) Die endgültige Deportation erfolgte nach ein paar Wochen, manchmal nach ein paar Monaten. Die Juden wurden an Ort und Stelle ermordet oder deportiert. (…) Hilfsarbeiten wurden an Feuerwehrleute und den Baudienst delegiert.“ Wahrscheinlich haben also auch Polen – freiwillig oder unter Zwang – unterstützend an den Massenerschießungen mitgewirkt.

Mitglieder des Forschungsteams bei Arbeiten an dem Massengrab in Hałbów, wo am 7. Juli 1942 deutsche Polizisten über 1200 Jüdinnen und Juden erschossen.

Magdalena Saryusz-Wolska und ihr Team fanden zum Beispiel einen Brief des polnischen Bürgermeisters der nahen Stadt Dukla an den Judenrat des lokalen Ghettos. In diesem Schreiben vom 30. Juli 1942 werden die jüdischen Mitmenschen angewiesen, sechs Betten „in sehr gutem Zustand“ mit Bettwäsche, sechs Stühle, zwei Schränke und zwei Waschbecken für „sechs deutsche Gendarmen“ bereitzustellen, die bald anreisen würden. „Offensichtlich mussten die Opfer vor ihrer Erschießung noch die Wohnungseinrichtung für ihre Mörder vorbereiten“, sagt die Wissenschaftlerin.

Weshalb aber ließen die deutschen Besatzer nicht alle Jüdinnen und Juden aus der Region in Vernichtungslager deportieren, sondern Tausende gleich vor Ort erschießen? Manche Fachleute vermuten, die schwache Verkehrsinfrastruktur habe den Transport von Menschenmassen erschwert. Landkarten aus den frühen 1940er
Jahren zeigen jedoch, dass gerade das Eisenbahnnetz im Bezirk Krakau damals vergleichsweise gut ausgebaut war. Dennoch kam es insbesondere hier häufig zu Massenerschießungen vor Ort.

Über die tatsächlichen Gründe kann auch Magdalena Saryusz-Wolska bisher nur Vermutungen anstellen. „Denkbar erscheint mir zum Beispiel, dass das Töten in den Vernichtungslagern aus Sicht der deutschen Besatzer nicht effizient genug ablief und sie es auf diese Weise beschleunigen wollten“, so die Kultursoziologin. Außerdem konnten die lokalen NS-Kreishauptleute, wie etwa der für besondere Brutalität gegen Jüdinnen und Juden berüchtigte Bonner Jurist Walter Gentz, viele Dinge eigenmächtig entscheiden. „Vielleicht war es manchen ein Anliegen, möglichst nah dabei zu sein, wenn Gebiete ‚judenfrei‘ gemacht wurden.“ Recherchen ergaben zudem, dass die Täter bei solchen Massenerschießungen meist keine SS-Leute waren, die kamen und gingen, sondern lokale Besatzer, allen voran die Gestapo, die Schutzpolizei und die Grenzpolizei. Männer also, die oft seit 1939 vor Ort stationiert waren und ihre Opfer namentlich kannten.

Die Form des Denkmals – ein Rechteck von 25 mal fünf Metern – lässt vermuten, dass es die Grube mit den Leichen überdeckt. Und theoretisch können in einer Vertiefung mit diesen Maßen in der Tat bis zu 100 Tote „in einer Schicht“ Platz finden, ergaben physikalische Berechnungen. Vielleicht also mussten sich die Opfer eng nebeneinander auf den Boden der Grube legen, wurden dort erschossen – und anschließend kam die nächste Gruppe an die Reihe. Um insgesamt gut 500 Leichen – die Zahl der Opfer bei Tylawa – fassen zu können, müsste die Grube dann bis zu zehn Schichten von Leichen enthalten.

Vieles spricht gegen dieses Szenario: Zeitzeugen berichteten, dass die Opfer im August 1942 gezwungen wurden, einzeln auf ein Holzbrett zu treten, dass wie eine schmale Brücke über die Grube gelegt worden war. Nach dem tödlichen Schuss stürzten sie von dort hinab. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass die Mulde mehrere Meter tief war. Im sumpfigen Boden wäre sie sonst schnell instabil geworden. Magdalena Saryusz-Wolska vermutet daher inzwischen, dass das eigentliche Massengrab deutlich geräumiger gewesen sein muss.

Lediglich diese grobe Skizze aus dem Jahr 1963 verweist beim Polnischen Amt für Denkmalpflege bisher auf den Standort des Monuments zur Erinnerung an die Massenerschießung bei Tylawa. © Archiv Neuer Akten, Warschau, Sign. 2/3055/0/1/93

Das Forschungsteam interessiert sich auch für die Jahrzehnte nach den Massenerschießungen: Wie wird und wurde in Polen an die Verbrechen erinnert? Und wer engagiert sich in dem Bereich? Auch diese Fragen lassen sich nicht leicht beantworten. Immerhin: Auf der Gedenktafel bei Tylawa steht zu lesen, dass das Denkmal vom Jüdischen Komitee Dukla gestiftet wurde. Und obwohl nicht erwähnt wird, wann es errichtet wurde, deutet vieles darauf hin, dass es sich um ein frühes Nachkriegsdenkmal handeln muss – schon weil bereits Anfang der 1950er Jahre die letzten Menschen jüdischen Glaubens aus jener Region abwanderten und sich solche Komitees auflösten.

An der Rückseite der Tafel entdeckten die Forschenden zudem Reste einer früheren Inschrift. „Offensichtlich wurde das Monument aus einem ehemaligen Grabstein hergestellt“ so Saryusz-Wolska. Ein Hinweis auf knappe Ressourcen – was insbesondere für die Nachkriegszeit typisch wäre. Und der recycelte Gedenkstein ist kein Einzelfall: Saryusz-Wolska stieß bei ihren Recherchen bei mindesten vier weiteren Massengräbern auf diese Praxis. Gesichert scheint inzwischen: Am 9. November 1948 gründeten sieben Überlebende aus Dukla das Jüdische Komitee, und das Denkmal wurde kurz nach diesem Treffen errichtet.

Magdalena Saryusz-Wolska machte eine weitere Entdeckung: Wahrscheinlich wurden die Leichen bei Tylawa kurz nach dem Krieg exhumiert. Eine handschriftliche Tabelle aus dem Jahr 1948, die die Forscherin in einem lokalen Archiv fand, verzeichnet unweit dieser Ortschaft jedenfalls zwei Massengräber mit insgesamt 522 Leichen und dem Hinweis: „zur Exhumierung“. Das macht die Detektivarbeiten zu den Hintergründen des Denkmals noch komplizierter – und bedeutender.

Ein Bericht des Polnischen Rates für die Erhaltung der Denkmäler der Kämpfe und des Martyriums hält fest, dass zwischen 1947 und 1960 insgesamt etwa 2,5 Millionen Leichen von Kriegsopfern exhumiert wurden. „Dabei ging es nicht zuletzt um Hygienemaßnahmen“, sagt die Kultursoziologin. „Bei Kriegsende war Polen ja ein von Leichen gepflastertes Land. Oft nur notdürftig verscharrt, verwesten die Toten – und wurden für die Bevölkerung zu einem Gesundheitsrisiko.“ Sogar Schulklassen und Pfadfinderorganisationen mussten damals mithelfen, unzählige Leichen auszugraben und neu zu bestatten.

Seither haben sich nur mehr Einzelpersonen um die Erinnerung an die Massengräber des Holocaust gekümmert, ergaben die bisherigen Recherchen des Teams um Magdalena Saryusz-Wolska. „In jüngster Zeit aber keimt wieder etwas mehr Interesse auf”, sagt sie. Auch das Straßenschild, dass die Kultursoziologin im Sommer 2021 zum Denkmal bei Tylawa geführt hat, war erst wenige Jahre zuvor aufgestellt worden. „Eine Mitarbeiterin des lokalen Gemeindeamts hatte sich dafür stark gemacht”, erzählt Magdalena Saryusz-Wolska. „Und nur dank der Mitwirkung solch engagierter Leute ist auch unser Forschungsprojekt überhaupt möglich.”

Magdalena Saryusz-Wolska ist Soziologin und Kulturwissenschaftlerin. Sie lehrt und forscht als Direktorin des Deutschen Historischen Instituts (DHI) Warschau und als Professorin am Institut für Zeitgenössische Kultur an der Universität Łódź. Ihr Forschungsschwerpunkt ist das kulturelle Gedächtnis in Polen und Deutschland.

Kontakt


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Max Weber Stiftung (13. Juni 2025). Übersehene Orte der Vernichtung. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/144cj


Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.