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Wann endete der Zweite Weltkrieg – Eine deutsch-französische Diskussion

Am 7. Mai 1945 kapitulierte das nationalsozialistische Deutschland in Reims, in der Nacht vom 8. zum 9. Mai wurde die Kapitulation im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst bestätigt. Frankreich und die Westalliierten feiern seitdem den Sieg und das Ende der Kampfhandlungen am 8. Mai, Russland hingegen am 9. Mai.

Für die Mehrheit der Französinnen und Franzosen war allerdings die Nachkriegszeit bereits seit vielen Monaten angebrochen, denn die Befreiung von der deutschen Besatzung (Libération) war in Kontinentalfrankreich seit Sommer 1944 erfolgt. Zugleich bedeutete »Victory in Europe« keineswegs das Ende der Gewalt, und das nicht einmal in Europa.

Wann endete der Zweite Weltkrieg und was bedeutet das Datum des 8. Mai 1945 über das formale Ende der Kriegshandlungen in Europa hinaus? Was lernen wir im deutsch-französischen Vergleich darüber, wie Gesellschaften mit Kriegen abschließen? Diesen Fragen widmete sich ein Vortrag von Olivier Wieviorka (ENS Paris-Saclay) am Deutschen Historischen Institut Paris und die darauffolgende Diskussion mit Jörg Echternkamp (ZMSBw) und Jürgen Finger (DHIP).

Olivier Wieviorka ist Professor für Zeitgeschichte an der ENS Paris-Saclay und ein führender Experte der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Frankreich. Neben Grundlagenwerken zur Landung in der Normandie und zum Widerstand in Westeuropa hat er jüngst eine „Totalgeschichte“ des Zweiten Weltkriegs mit einem globalen Anspruch veröffentlicht.

Jörg Echternkamp ist Leitender Wissenschaftlicher Direktor am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBW) in Potsdam, wo er für den Forschungsbereich „nach 1945“ zuständig ist, also für die Geschichte von Bundeswehr und NVA. Echternkamp hat grundlegende Werke zur Geschichte der beiden Weltkriege sowie zur Nach- und Erinnerungsgeschichte des Zweiten Weltkriegs verfasst, darunter die Studie „Nach dem Krieg“ (2003) zur Erfahrungsgeschichte des Kriegsendes.

Die Veranstaltung steht als Audiomitschnitt zur Verfügung (siehe unten).

Als formales Ende der Kampfhandlungen ist der 8. Mai 1945 in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen: Er besiegelte die Niederlage Deutschlands. Von den großen Ideologien der Zwischenkriegszeit war nur der Kommunismus übriggeblieben, der Nationalsozialismus war besiegt, der Faschismus war delegitimiert, als politische Option in Italien aber nie ganz ausgeschaltet. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg habe es kaum Revanchismus gegeben, so Wieviorka einleitend, dafür war die Niederlage Deutschlands zu offenkundig und mündete zudem in eine Besatzung. Trotz aller Herausforderungen dominierte sogar in der deutschen Bevölkerung die Erleichterung darüber, dass der Krieg vorbei war.

Das Kriegsende habe jedoch eine Reihe von scheinbar peripheren, subalternen oder parallelen Konflikten maskiert, die weiterschwelten oder nun offen ausbrachen. Eines der von Wieviorka angeführten Beispiele war die hegemoniale Politik Stalins in Osteuropa, die durch den Sieg über Nazi-Deutschland ermöglicht und rasch gefestigt wurde. Am Beispiel der baltischen Staaten zeigte er, dass das Kriegsende 1945 keinen wirklichen Frieden, sondern nur den Übergang in eine neue Phase der Fremdherrschaft und politischen Unterdrückung ankündigte. Diese Entwicklung war Teil einer umfassenderen geopolitischen Verschiebung, in deren Verlauf die anfängliche Einigkeit der Alliierten über die Entmachtung Deutschlands zunehmend von Spannungen überlagert wurde, die schließlich in den Kalten Krieg mündeten.

Noch werden alle beteiligten Staatsführer in der kommunistischen Parteizeitung L’Humanité gefeiert, bald gewinnt der Konflikt zwischen liberal-demokratischem und kapitalistischem „Westen“ und kommunistischem „Osten“ um die Gestaltung Nachkriegseuropas die Oberhand. Quelle: L’Humanité, 8. Mai 1945, Gallica.

Wieviorka führte als zweites Beispiel ein Thema an, das bereits während einer Veranstaltung des DHIP mit Eric T. Jennings diskutiert wurde: Für die europäischen Kolonialmächte war die Mobilisierung ihrer Kolonien kriegsentscheidend, doch diese provozierte zugleich die Anfechtung der kolonialen Vorherrschaft. Die befristete Loyalität der Kolonisierten der Kriegsjahre kam nicht ohne Bedingungen. Die militärische, ökonomische und finanzielle Unterstützung des Mutterlandes dürfe nicht mit Akzeptanz des Kolonialismus verwechselt werden. Die militärischen und zivilen Opfer unter den Kolonisierten und ihre spezifischen Erfahrungen hätten aus den Kriegsjahren eine Zeit der „Fermentation“ gemacht. Wieviorka verwies beispielhaft auf die Hungersnot in Bengalen als Fanal einer verfehlten britischen Kolonialpolitik mit schwerwiegenden menschlichen und politischen Folgen. Während der Krieg in den Kolonien den nationalistischen Bewegungen Auftrieb verlieh, brachen dort mit dem Kriegsende die maskierten Konflikte um Unabhängigkeit und Freiheit wieder auf: in der Levante, in Algerien (Sétif und Guelma), in Vietnam und Indonesien, …

Als drittes Element verwies Wieviorka auf Bürgerkriege und gewaltvolle Konflikte innerhalb der Nachkriegsgesellschaften, zu denen er auch Säuberungen zählt. So fielen der „wilden“, außergerichtlichen Säuberung in Frankreich unmittelbar vor und während der Befreiung rund 9000 Menschen zum Opfer. Etwa 20.000 Frauen wurden zwischen 1943 und 1946 geschoren und Opfer eines frauenfeindlichen Mobs, weil sie sich angeblich mit Deutschen eingelassen hätten. Gerade die letzten beiden Kriegsjahre 1944/45 waren ohnehin die tödlichsten, sei es mit Blick auf die Opfer des Bombenkriegs in Frankreich und Deutschland oder die Zahl der gefallenen deutschen Soldaten. Das erklärt die gesellschaftlichen und familiären Traumata, wobei Wieviorka drei Erfahrungsebenen unterschied: Krieg, das Leben unter Diktaturen und die Besatzungserfahrung.

Die Akteure verfügten freilich nur bedingt über ein Bewusstsein für die Verflechtung der „maskierten“ Konflikte, die auf verschiedenen Ebenen, an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Kontexten wirkten. In der Diskussion mit dem Publikum wurde jedoch klargestellt, dass etwa auch ein Teil der französische Soldaten, die ab 1945 in den Kolonien eingesetzt waren, durchaus erkannte, dass nun sie diejenigen waren, die den nationalen Freiheitskampf anderer unterdrückten.

Das Hauptquartier der Westalliierten (SHAEF) befand sich in einer Oberschule in Reims. Früh in der Nacht des 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl die Kapitulationsurkunde in der École Pratique Jolicœur, die danach in Lycée Franklin Roosevelt umbenannt wurde. Die bedingungslose Kapitulation trat für alle Fronten in Europa am 8. Mai, 23:01 Uhr (MEZ) in Kraft. Die Ratifizierung in Berlin Karlshorst erfolgte rückwirkend am 9. Mai um 0:16 Uhr. Quelle: Franklin D. Roosevelt Library (837-104), via Wikimedia Commons, Public Domain.

Nachdem Jörg Echternkamp in einem kurzen Kommentar die „intellektuellen Kniffe“ Wieviorkas analysiert hatte (41:45) griff er unter anderem die Frage nach dem spezifischen Zeitempfinden der Zeitgenossen auf. Unter den Bedingungen von Krieg und Besatzung seien Phasen von Beschleunigung und Verlangsamung, von Tumult und Ruhe zu konstatieren gewesen. Die verschiedenen Gesellschaften antizipierten dabei das „Ende“ auf verschiedene Weise.

Die Diskussion drehte sich im Folgenden um die spezifischen Formen, wie man aus einem Krieg herausgehen konnte (sorties de guerre), die Langzeitfolgen des Zweiten Weltkriegs für die Gesellschaften und die Weltkriegserinnerung. Eine „Stunde Null“ gab es freilich nirgends, dafür sind die Kontinuitäten zu stark. Echternkamp betonte, dass mit dieser Formel nachträglich der Niederlage Sinn gegeben worden sei, indem die Vergangenheit künstlich abgetrennt wurde von der Zukunft des Wiederaufbaus.

Echternkamp wies zudem auf die politische Wirkmächtigkeit einer bis in die 1970er Jahre verbreiteten deutschen Opfererzählung hin. Wieviorka hingegen konstatierte eine teilweise Privatisierung des Weltkriegsgedenkens in Frankreich – einerseits bedingt durch fehlende staatliche Mittel, andererseits durch die mangelnde Integrationskraft der Weltkriegserinnerung. So wurde die Erfahrung der zehntausenden Opfer alliierter Bombardements aus dem offiziellen Diskurs verdrängt; ihre Erinnerung blieb auf den privaten und lokalen Rahmen beschränkt. Man könnte ergänzen, dass die Erinnerung an den Krieg immer auch eine Erinnerung an eine doppelte Niederlage war – weshalb die Veteranen von 1939/40 sich erinnerungspolitisch ebenso bedeckt hielten wie (wenn auch aus anderen Gründen) die Kollaborateure des Vichy-Regimes.

Jörg Echternkamp hatte in seinem Buch über die deutschen Erfahrungen „Nach dem Krieg“ (2003) für Deutschland von einem „Kriegsende auf Raten“ geschrieben, in dem eine lange Kriegsendphase überging in eine entbehrungsreiche und von großer Unsicherheit geprägte unmittelbare Nachkriegszeit. Dem 8. Mai attestierte er – analog zu Wieviorkas Ausführungen – eine Art „Drehscheibe“ zu sein, auf der teils bereits begonnene Prozesse neu konfiguriert wurden. 


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Jürgen Finger (5. Mai 2025). Wann endete der Zweite Weltkrieg – Eine deutsch-französische Diskussion. Ends of War. Abgerufen am 3. April 2026 von https://doi.org/10.58079/13v2k


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