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Die Tragödie in der Lübecker Bucht (3. Mai 1945): Cap Arcona und die Verbrechen der Kriegsendphase

Als am Nachmittag des 3. Mai 1945, wenige Tage vor Kriegsende, die britische Royal Air Force Schiffe in der Lübecker Bucht bombardierte, wussten die Piloten nicht, dass sich an Bord von drei Schiffen etwa 9000 KZ-Häftlinge befanden. Die Cap Arcona, ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, und der Frachter Thielbeck waren von der SS beschlagnahmt worden, um angesichts des schnellen Vorrückens der britischen Truppen in Norddeutschland Gefangene aus den Konzentrationslagern zu »evakuieren«. Beide Schiffe ankerten in der Bucht und wurden versenkt. Von 7000 Menschen überlebten etwa 400. Die Athen, ein von der SS beschlagnahmter Frachter war in den Hafen zurückbeordert worden und hatte dort die weiße Flagge gehisst: sie entging den Bomben und mit ihr rund zweitausend Deportierte. Ein viertes Schiff, die Deutschland, die gerade erst zu einem Lazarettschiff umgebaut worden war, wurde versenkt, ohne dass es Opfer gab: auf ihr befanden sich keine Häftlinge, die Mannschaft war geflüchtet.

Die brennende »Cap Arcona« am 3. Mai 1945; Luftbild der Royal Air Force (Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, F 1995-1688).

Die Menschen starben eingeschlossen in den Laderäumen der brennenden Schiffe oder sie ertranken in der eiskalten Ostsee; manche Schwimmende wurden von britischen Bordkanonen, andere von den deutschen Wachmannschaften erschossen, die sich selbst auf den wenigen Rettungsbooten zu retten versuchten. Die Versenkung der Cap Arcona gilt als eine der schwersten Schiffskatastrophen seit Menschengedenken.

Die Ereignisse der Lübecker Bucht waren am 22. September 2023 Thema eines vierstündigen Roundtable am Deutschen Historischen Institut Paris (DHIP). Die Union des associations de mémoire des camps nazis (UAMCN), ein 2023 gegründeter Dachverband der traditionsreichen Vereine französischer Deportierter und ihrer Familien, war auf das DHIP zugekommen und hatte das Thema vorgeschlagen. Die Ereignisse und deren Kontext wurden durch zwei deutsche Vortragende in französischer Sprache präsentiert: Dr. Christine Eckel, eine ehemalige Doktorandin des DHIP, ist in der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte für den Geschichtsort „Stadthaus“ zuständig, den ehemaligen Sitz der Gestapo in Hamburg. Dr. Lars Hellwinkel, Lehrer und pädagogischer Leiter der Gedenkstätte Lager Sandbostel war ebenfalls Stipendiat des Instituts und ist ein anerkannter Spezialist für die Geschichte der Marine im Zweiten Weltkrieg. Dr. Jürgen Finger (DHIP), Abteilungsleiter Zeitgeschichte, moderierte die Veranstaltung im vollgefüllten Saal des Instituts, der eine große Zahl Interessierter online folgte.

Videomitschnitt: https://endsofwar.hypotheses.org/1254

Cap Arcona, Neustadt i.H. und die Verbrechen der Kriegsendphase

Wie kam es, dass Tausende KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene auf Schiffe in der Lübecker Bucht gepfercht wurden, in Kabinen und Stauräumen, ohne ausreichende Verpflegung und Wasserversorgung und unter schrecklichen hygienischen Zuständen?

Mit dem Vorrücken der Alliierten von allen Seiten hatte die SS begonnen, die Konzentrationslager und deren Außenlager zu räumen. Die Häftlinge sollten nicht in die Hände der Alliierten fallen. Schon gar nicht in Hamburg: Der NSDAP-Gauleiter von Hamburg, Karl Kaufmann, und die lokalen Industriellen, die die Arbeitskraft der Häftlinge in den ihren Fabriken zugeteilten Kommandos ausbeuteten, wollten um jeden Preis vermeiden, dass das Elend der Häftlinge mit ihnen und ihrer Stadt in Verbindung gebracht würde. Neuengamme war deshalb das einzige KZ reichsweit, das tatsächlich vollständig geräumt wurde.

Der Preis waren die vielen Toten der „Sterbelager“ Bergen-Belsen, Sandbostel und Wöbbelin und der Transport der Häftlinge des Stammlagers mit dem Zug nach Lübeck, wo sie auf die Schiffe „verfrachtet“ und unter elendigen Bedingungen festgehalten wurden. Die Cap Arcona, die Thielbeck und die Athen gehören zu den letzten Kapiteln der Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager und sind damit auch Teil einer Geschichte der radikalisierten „Volksgemeinschaft“ am Ende des Zweiten Weltkriegs: Während manche KZ-Häftlinge schon zu schwach zum Abtransport waren und erschossen oder zum Sterben in den Lagern zurückgelassen wurden, wurden die anderen von der SS im April/Mai 1945 auf „Todesmärschen“ über oft weite Strecken in die Mitte des Deutschen Reichs und Richtung Alpen getrieben, von Lager zu Lager, manchmal ohne Ziel – und vor den Augen der Deutschen. Viele starben an Erschöpfung, Krankheiten oder mangels Verpflegung und wurden von den Wachmannschaften auf dem Weg erschossen. So gelangten auch Häftlinge des KZ Stutthof bei Danzig und des oberschlesischen KZ Fürstengrube, eines Außenlagers des KZ Auschwitz, nach Neustadt in Holstein.

Erinnerungen von Jules Triffet (*1916), Drucker, Gewerkschafter und belgischer Résistant. Nach seiner zweiten Festnahme Ende 1942 wurde er auf dem Umweg über verschiedene Gefängnisse im Januar 1944 nach Neuengamme deportiert. Triffet gehörte zu den Überlebenden der Athen; er und seine Kameraden wurden noch am 3. Mai, dem Tag des Bombardements, von britischen Truppen befreit.

Unter den Häftlingen in der Lübecker Bucht waren auch französische Widerstandskämpfer, politische Gefangene und Personen, die sich dem französischen Arbeitsdienst STO und der Zwangsarbeit für das Deutsche Reich entzogen hatten und in den Untergrund gegangen waren. Die meisten von dieser Gruppe hatten Glück: Sie wurden unter Vermittlung des schwedischen Roten Kreuzes befreit und noch vor Kriegsende nach Schweden gebracht. KZ-Häftlinge aus Deutschland und anderen besetzen Ländern Europas gehörten dagegen zu den Opfern der Katastrophe in der Lübecker Bucht.

Detail des „Mahnmals gegen den Krieg“ (1985/86) von Alfred Hrdlicka. Die Marmorgruppe stellt die Opfer des Untergangs der Cap Arcona dar, die von einer Welle erfasst werden. Das Kunstwerk am Hamburger Dammtor ist als Gegendankmal zum alten Kriegerdenkmal von 1936 konzipiert. Lizenz: ChristianSW, CC-BY-SA.

Weniger Glück hatten die Häftlinge aus dem rund 700 km entfernten KZ Stutthof. Sie waren angesichts des Vorrückens der Roten Armee von den SS-Mannschaften quer durch das verschneite Polen getrieben worden, mussten in Schuten die Ostsee überqueren und sollten nun ebenfalls auf den Lagerschiffen unterkommen: Wegen Überfüllung wurden sie abgewiesen, die Lastkähne trieben ans Ufer, wo die flüchtenden Häftlinge von Marinesoldaten, Volkssturm und Bürgern Neustadts i.H. gejagt wurden. Zwischen zweihundert und dreihundert von ihnen wurden ermordet. Dieses Verbrechen steht exemplarisch für die Mischung aus Selbstermächtigung (Michael Wildt) und Sicherheitsdenken, die gerade die NS-Verbrechen der letzten Monate vor dem Krieg prägte und weit über den engeren Zirkel von Sicherheitsapparat und NS-Funktionären hinausreichte.

Genauso wie den Weg der „Todesmärsche“ heute Gedenksteine und Gräber säumen, finden sich rund um die Lübecker Bucht und in ganz Schleswig Holstein Denkmäler und (Massen-)Gräber auf Dorffriedhöfen, die an die toten Häftlinge erinnern. Die einen waren bereits auf dem Weg zur Lübecker Bucht ermordet worden, die Leichen anderer wurden an Land gespült oder bei der Verschrottung der Schiffe in den 1950er-Jahren aus dem Schiffsrumpf der Cap Arcona geborgen. Noch für viele Jahre wurden am Strand Skelettteile angespült.

„Volksgemeinschaft“ und Kriegsende

Warum die Häftlinge eingeschifft worden waren, kann bis heute nicht mit Sicherheit gesagt werden: die Quellenlage ist lückenhaft und die Aussagen der deutschen Verantwortlichen sind widersprüchlich und unglaubwürdig sind. Denkbar ist, dass die Tötung der Häftlinge von vornherein geplant war (so insbesondere Wilhelm Lange); wahrscheinlicher scheint, dass die Schiffe nur eine Notlösung waren, ohne konkrete Vorstellung, was danach kommen sollte (so u. a. Karin Orth). Die Behauptung, man habe den Weitertransport nach Schweden geplant, um die Häftlinge als Arbeitskräfte und Faustpfand für Verhandlungen mit den Alliierten zu sichern, ist die unwahrscheinlichste: dazu waren die Schiffe nicht geeignet, die Cap Arcona war manövrierunfähig.

Denkmal für die Opfer der KZ-Todesmärsche im April 1945, gestaltet von Jo Jastram (1960), auf dem Gelände der Mahn- und Gedenkstätte in Wöbbelin. Zu Fuße des Reliefs liegen Blumengestecke zu Ehren belgischer und französischer Häftlinge des KZ Neuengamme. Quelle: Mr. Pommeroy~dewiki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Nichtsdestotrotz: Die SS betrieb einen erheblichen Aufwand, um die Häftlinge in diese schwimmenden KZ zu bringen. Nach unseren heutigen Maßstäben mag das schwer verständlich und wenig rational sein. Doch war es folgerichtig, wenn man als Maßstab die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der vorangegangenen Kriegsjahre nimmt: die Ausbeutung der Arbeitskraft ohne Rücksicht auf das Leben der Häftlinge; der Wille, den Zugriff auf diese Arbeitskraft bis zum Schluss zu behalten; ein extremes Sicherheitsbedürfnis und der Kampf gegen einen imaginierten Feind von Innen; der unbedingte Wille, die Kontrolle zu behalten – auch wenn zunehmend unklar war, zu welchem Ziel; der Wunsch nach einem Endkampf mit den äußeren Feinden und der letzten „Abrechnung“ mit inneren Feinden; Fantasien vom Rückzug in „Festungen“ in den Alpen oder Skandinavien, wo der Kampf weitergeführt werden könnte; die gezielte oder in Kauf genommene Vernichtung aller „Feinde“. Aus Sicht der SS war es letztlich egal, ob die Schiffe in der Lübecker Bucht von den Deutschen im Brand gesetzt würden, Ziel von alliierten Luftangriffen würden oder die Häftlinge schlicht verdursteten und an Erschöpfung stürben.

Möglicherweise ist die Frage nach einem konkreten Plan und nach eindeutigen und „rationalen“ Zielen in der zunehmend chaotischen Kriegsendphase falsch gestellt: Die Kontrolle behalten und den inneren und äußeren Feind vernichten, das war ein über Jahre eingeübtes Programm. Auch wenn die Befehlswege zusammenbrachen, konnte das NS-Regime darauf vertrauen, dass vor Ort die passenden Entscheidungen ad hoc getroffen würden. Das zeigt die Forschung zu den sogenannten Endphasenverbrechen, an denen Wehrmacht, Polizei, SS und Volkssturm, aber auch überzeugte Nationalsozialisten, zivile Amtsträger und Zivilisten beteiligt waren. Das beweist das Funktionieren des SS-Apparates vor Ort, in der Lübecker Bucht im Mai 1945, selbst nach Aufgabe des Lagers Neuengamme, ebenso wie die Erschießung der Stutthof-Häftlinge in Neustadt.

Erinnerung und Gedenken im 21. Jahrhundert

Die Lübecker Bucht und die lokalen Denkmale waren schon oft Ziel von Erinnerungsreisen von Überlebenden, ihren Familienmitgliedern, Schüler:innen und Interessierten aus Frankreich. Diese „Pilgerfahrten“ (pèlerinages) zu den Konzentrationslagern und an die Orte nationalsozialistischer Verbrechen, denen Résistants, politische Häftlinge, Verweigerer des Arbeitsdienstes, Juden und andere Menschen aus Frankreich zum Opfer fielen, sind Teil einer lebendigen französischen Erinnerungskultur.

Der inzwischen zweite Generationswechsel in den Organisationen der Überlebenden und ihrer Familien, von der Generation der Kinder auf die Enkel, ist derzeit im Gang und die Vereine suchen neue Wege der Transmission von Wissen und Erinnerung. Zusammen mit den anderen nationalen und internationalen Gefangenenorganisationen der einzelnen KZ sind sie wichtige Akteure der europäischen Erinnerung und Ansprechpartner der Gedenkstätten. Davon zeugen die oben erwähnte Gründung der UAMCN und deren erste Veranstaltung, die am Deutschen Historischen Institut Paris (DHIP) die Katastrophe in der Lübecker Bucht thematisierte.

Weiterführende Lektüre

  • Daniel Blatman, Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2011, insb. S. 609–672 zu den Tätern.
  • Marc Buggeln, Arbeit & Gewalt. Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme, Göttingen (Wallstein) 2009, insb. S. 625–657.
  • Herbert Diercks, Michael Grill: Die Evakuierung des KZ Neuengamme und die Katastrophe am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht. Eine Sammelrezension, in: Kurt Buck u.a., Kriegsende und Befreiung (= Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 2), Bremen (Temmen) 1995, S. 175–183.
  • Detlef Garbe, Neuengamme – Stammlager, in : Wolfgang Bent, Barbara Distel (Hg.), Angelika Königseder (Red.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 5, München (C. H. Beck) 2007, S. 315–346.
  • Katharina Hertz-Eichenrode (Hg.), Ein KZ wird geräumt: Häftlinge zwischen Vernichtung und Befreiung. Die Auflösung des KZ Neuengamme und seiner Außenlager durch die SS im Frühjahr 1945. Katalog zur Wanderausstellung, 3 Bde., Bremen 2000, insb. die Beiträge von Karin Orth (Planungen und Befehle der SS Führung zur Räumung des KZ-Systems) und Wilhelm Lange (Neueste Erkenntnisse zur Bombardierung der KZ Schiffe in der Neustädter Bucht am 3. Mai 1945: Vorgeschichte, Verlauf und Verantwortlichkeiten).
  • Sven Keller, Volksgemeinschaft am Ende. Gesellschaft und Gewalt 1944/45 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, 97), insb. S. 217–324 („Ordnung und Sicherheit – Angst und Rache: Gewalt gegen ‚Volksfeinde‘ und ‚Rassefeinde‘“).
  • Wilhelm Lange, Cap Arcona. Das tragische Ende der KZ-Häftlings-Flotte am 3. Mai 1945, Neustadt i. Holstein 2014 (4. Aufl.).
  • Michael Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen. Provinz 1919 bis 1939, Hamburg (Hamburger Edition) 2007.

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Jürgen Finger (24. April 2025). Die Tragödie in der Lübecker Bucht (3. Mai 1945): Cap Arcona und die Verbrechen der Kriegsendphase. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/13t7s


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