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Wo der Zweite Weltkrieg einfach nicht endet

Text: Felix Lill

Bis 1945 waren Nazi-Deutschland und Japan Verbündete im Zweiten Weltkrieg. Aber während sich Deutschland danach weitgehend mit seinen Nachbarn aussöhnen konnte, bleiben die regionalen Beziehungen in Ostasien angespannt. Das hat auch damit zu tun, dass man sich bis heute kaum über eine gemeinsame Geschichtsschreibung einig ist.

Eine Statue von John Rabe, der auch als „Chinas Schindler“ gilt, in der Nanking-Massaker-Gedenkstätte. © Torsten Weber

Ruhig sitzt sie da, die Hände auf den Schoß gelegt, einen zurückhaltenden Blick, leicht zerzaustes Haar. Neben dieser jungen Frau aus Bronze steht ein ebenso bronzener, freier Stuhl – stellvertretend für Einsamkeit und leere Versprechen, die dieser und vielen anderen jungen Frauen gemacht wurden, als sie ihre Heimat verlassen mussten. Dieses Mahnmal, genannt „Friedensstatue“, ist an mehreren Orten der Welt errichtet worden, neben Südkorea unter anderem auch in den USA, Australien, Italien und im Jahr 2020 auch in Berlin.

Doch immer wieder sorgt sie für Streit. Auf der Seite trostfrauen.de vom Korea-Verband, der die Statue in Berlin aufgestellt hat, heißt es zur Bedeutung des Mahnmals: „Die Friedensstatue verkörpert das Bild einer jungen Frau in traditionellen Gewändern, um an die bis zu 200.000 Frauen zu erinnern, die während des Zweiten Weltkriegs gefangen und zur Arbeit als Sexsklavinnen für japanische Soldaten gezwungen wurden.“

Die „Friedensstatue“ dient damit als Hinweis auf japanische Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs, als das Japanische Kaiserreich in Asien brutale Eroberungsfeldzüge führte. Doch Staatsvertreter aus Japan sind mit dem Denkmal nicht einverstanden. Wo immer sie aufgestellt wird, setzt sich die japanische Botschaft dafür ein, dass sie schnellstmöglich wieder entfernt werde. Denn die Bronzefrau stelle die Geschichte einseitig dar.

Die „Friedensstatue“, wie sie an mehreren Orten der Welt aufgestellt worden ist, so auch ab 2020 in Berlin-Moabit. © Torsten Weber

Japan und Südkorea: Der ewige Trostfrauenstreit

Bald 80 Jahre ist es her, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Aber während in Europa eine Aussöhnung weitgehend gelang und gar in eine beispiellose politische Integration in Form der EU mündete, bleiben sich die Staaten Ostasiens in vielen Fragen um die Vergangenheit uneins. Aus der in Deutschland heute etablierten Perspektive einer „Täternation“ scheint vor allem die japanische Position unverständlich: Warum hat Tokyo ein Problem damit, dass die „Friedensstatue“ an japanische Gräueltaten erinnert?

Fragen wie diese bilden den Schwerpunkt der Arbeit von Torsten Weber, der seit 2013 am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo forscht. Der Historiker hat sich auf die Themen „Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Ostasien“ spezialisiert, hier vor allem mit Blick auf Japan und China sowie Südkorea – wobei ihm gerade im Vergleich zum in Europa dominanten Umgang immer wieder grundlegende Unterschiede auffallen. „Vom Ideal der Aussöhnung ist man in Ostasien noch weit entfernt“, so Weber.

Kein gemeinsames Geschichtsverständnis

Dafür fehle es schon an einer Grundvoraussetzung: Einem gemeinsamen Verständnis davon, was wie geschehen ist. Zwischen Japan und Südkorea ist der Umgang mit den „Trostfrauen“ werden soll, das wohl heikelste Beispiel. In Japan haben Forschende bereits vor Jahrzehnten die Beteiligung des Staates an dem Zwangssystem der sexuellen Ausbeutung für das japanische Militär belegt. Dennoch ist die Meinung weit verbreitet, bei den Trostfrauen habe es sich zu wesentlichen Teilen nicht um Sexsklaverei gehandelt, sondern um freiwillige Prostitution gegen angemessene Bezahlung. Zudem wird die Opferzahl von 200.000 in Frage gestellt.

Auf dieser Grundlage werden aus beiden Ländern immer wieder Vorwürfe gegen die je andere Seite hörbar. „Japans Nationalisten sind bis heute der Auffassung, dass Japans Imperialismus, der mit der de facto Kapitulation im August 1945 endete, auch ein selbstloser Kampf zur Befreiung Asiens vom westlichen Imperialismus darstellte“, so Weber. „Diese Auffassung ist auch in der regierenden Liberaldemokratischen Partei nicht unpopulär.“

„Geschichtskriege“ als Stimmungsmache

Ein Vorwurf aus Japan: In Südkorea wolle man nur weitere Entschädigungszahlungen, die Japan aber längst geleistet habe. Im Jahr 1965, als Japan und die Republik Korea nach dem Zweiten Weltkrieg diplomatische Beziehungen aufnahmen, sollte ein Vertrag, der auch Entschädigungen vorsah, alles Geschehene abgelten. Nur gingen erst in den 1990er Jahre die ersten koreanischen Opfer an die Öffentlichkeit. Seitdem kämpfen vor allem koreanische Interessenverbände im In- und Ausland darum, das Leid der „Trostfrauen“ zu dokumentieren und an sie zu erinnern.

Dies wiederum befeuert in Japan die Auffassung, Südkorea nutze die Vergangenheit, um anti-japanische Ressentiments zu schüren. Dokumentieren lässt sich dies in Webers Analysen des Magazins ‚Sapio‘, das während der gesamten Heisei-Zeit (1989–2019) erschien und mit Auflagen von bis zu 200.000 Exemplaren zu den weitverbreitetsten Monatszeitschriften Japans gehörte. „Die ‚Sapio‘ etablierte bereits 2014 den Begriff ‚Geschichtskriege‘, um die aus ihrer Sicht unberechtigten historischen Vorwürfe aus China und Südkorea gegenüber Japan zu diskreditieren“, sagt Weber. „China und Südkorea werden dort als unzivilisiert und japanfeindlich dargestellt.“ Mithilfe einer Makrodatenanalyse aller Ausgaben versucht Weber herauszufinden, wann und weshalb sich die Sapio von einem Boulevardblatt zu einem führenden Akteur in der nationalistischen Geschichtspolitik Japans wandelte.

Die Zeitschrift Sapio gilt als ein Leitmedium des populären Geschichtsrevisionismus in Japan. © Torsten Weber

Keine gemeinsame Erinnerungskultur

Darstellungen wie jene in der ‚Sapio‘ gelten unter Historikerinnen und Historikern, die sich der Aggressionen durch den japanischen Staat bewusst sind, als extrem. Und das Meinungsspektrum in Japan zum Umgang mit der eigenen Vergangenheit ist breit. Aber eben weil in der öffentlichen Diskussion auf nationaler wie internationaler Ebene Uneinigkeit herrscht, fehlt es auch an einer gemeinsamen Erinnerungskultur. „In Japan wäre es quasi politischer Selbstmord, wenn ein amtierender Politiker ein Denkmal wie die Friedensstatue besuchen würde“, schätzt Weber.

Wobei diejenigen in Japan, die sich von der Installation der „Friedensstatuen“ provoziert fühlen, auch einen Punkt haben. Japans Regierung kritisiert, hier werde ein bilateraler Konflikt in Drittländer exportiert und ähnliche Verbrechen des koreanischen Militärs, etwa während des Vietnam-Krieges, würden verschwiegen. Die Bürgerinitiativen, die diese Denkmäler aufstellen, entgegnen, die „Friedensstatue“ stehe für sexuellen Missbrauch weltweit. Die Plakette neben der Statue sowie die traditionell koreanische Tracht, die das Mädchen trägt, lassen aber einen Fokus auf Japan als Täter und Korea als Opfer erkennen.

„Geschichte im Allgemeinen und insbesondere das Erbe des japanischen Imperialismus wird von beiden Seiten stark politisiert und steht daher einer Aussöhnung eher im Weg“, so Torsten Weber. Dies ist auch eine Einschätzung, zu der der Historiker mit Blick auf China gelangt. Anders als Japan und Südkorea, wo Medien und Wissenschaft weitgehend vom Staat unabhängig agieren können, duldet China keine von der offiziellen Geschichtssicht abweichenden Narrative. „Seit Beginn der Kampagnen zur ‚patriotischen Erziehung‘ in den 1990er Jahren ist die Geschichtsschreibung Chinas zusehends nationalistisch und anti-japanisch ausgerichtet.“

Das John-Rabe-Haus, das heute eine Museums- und Bildungsstätte ist und sich auf dem Campus der Universität Nanking befindet. © Torsten Weber

China schwärmt für deutschen Handelsvertreter

Ein Ort, wo man dies besonders deutlich erkennt, ist Nanking. Die damalige Hauptstadt Chinas wurde im Dezember 1937 vom japanischen Militär eingenommen. In der Folge richteten japanische Soldaten hier ein mehrwöchiges Massaker auch unter der Zivilbevölkerung an. Einer derer, die sich schon im Vorfeld um Schlichtung bemühten, war der deutsche Handelsvertreter John Rabe.
Der Siemens-Mitarbeiter versuchte zwischen den chinesischen Militärs und den japanischen Besatzern zu vermitteln, um eine humanitäre Schutzzone zu errichten.

Rabes Tagebücher – in den 1990ern ein Sensationsfund für die Geschichtswissenschaft – dokumentieren allerdings nicht nur die Grausamkeit der Japaner. „Rabe gab auch dem chinesischen Militär eine Mitschuld am Ausmaß des Massakers“, betont Weber. „Rabe bewertete die Lage so, dass die chinesischen Offiziellen bei der Evakuierung hätten helfen müssen. Stattdessen seien aber nur diejenigen geflohen, die die finanziellen Mittel hatten.“ Das Militär habe sich zudem geweigert, Rabes Vorschlag einer Schutzzone zuzustimmen.

Wer die Nanking-Massaker-Gedenkstätte oder das Museum des John-Rabe-Hauses besucht, das sich auf dem Campus der Universität Nanking befindet, wird von diesen Details nichts lesen. Stattdessen wird der „Schindler von China“, wie Rabe seit dem Fund der Tagebücher immer wieder genannt worden ist, ausschließlich als Kronzeuge der offiziellen chinesischen Sicht dargestellt. Zudem ist in China von 300.000 Opfern des Nanking-Massakers die Rede. „In der Geschichtswissenschaft gilt 150.000 als plausible maximale Zahl“, so Torsten Weber. Auf seinem Forschungsblog dokumentiert er sein Projekt, für das er die teilweise veröffentlichten und übersetzten Tagebücher mit den zwei Originalversionen vergleicht, die Rabe vor Ort in Nanking und nach seiner Rückkehr in Berlin verfasst hatte.

Hinkende Vergleiche mit Deutschland Auch zwischen

Japan und China lässt sich insofern die Tendenz beobachten, dass jene Vergehen, die man in Japans nationalistischem Lager eher herunterspielt, im Land der Opfer betont oder gar nationalistisch genutzt werden. Iris Chang, eine amerikanische Schriftstellerin mit chinesischen Wurzeln, hat in ihrem Bestseller „The Rape of Nanking” das Nanking-Massaker mit dem Holocaust verglichen und in Bezug auf eine teils mangelnde japanische Aufarbeitung Deutschland als Vorbild betont: Dort habe man sich – im Gegensatz zu Japan – der Vergangenheit gestellt, seine Schuld bekannt.

„Der Vergleich bietet sich natürlich an, ist aber leider oft zu simplistisch“, sagt Torsten Weber. Zwar einten das Deutsche und das Japanische Reich Invasionskriege und Faschismus. Einen Genozid habe Japan allerdings nicht geplant. Zudem sei Japan zwar zweifellos eine Täternation, erlitt aber durch die Atombombenabwürfe der USA über Hiroshima und Nagasaki auch historisch beispiellose Angriffe. Dies begünstige in Japan Opferdarstellungen, für die es in Deutschland wenig Raum gebe.

Hinzu kommt, dass das heutige Deutschland das Glück hat, von Nachbarn umgeben zu sein, wo Regierungen und Zivilgesellschaft vor allem nach vorne schauen. Doch während in Ostasien auf staatlicher Ebene ein Drang nach Aussöhnung oft fehlt, zeigt sich diese immerhin teilweise in der Zivilgesellschaft, wie bei Besuchen von japanisch-chinesischen Freundschaftsvereinen in Nanking. Auch Yukio Hatoyama, der Japan von 2009 bis 2010 als Premierminister regierte, besuchte die Gedenkstätte des Nanking-Massakers in China – allerdings erst 2013, als Privatperson und als er kein Amt mehr verlieren konnte.

„Lang lebe der Sieg des Widerstands des chinesischen Volkes gegen Japan“, heißt es auf einem Werbebanner in Peking zum 70-jährigen Jubiläum des Endes des Zweiten Weltkriegs. © Torsten Weber

Torsten Weber studierte Geschichte und Publizistikwissenschaft in Mainz, Shanghai und London. Er wurde 2012 an der Universität Heidelberg mit einer Arbeit zu Asiendiskursen und Pan-Asianismus im 20. Jahrhundert promoviert. Seine Dissertation wurde 2014 mit dem Jade-Preis ausgezeichnet. Seit 2013 arbeitet er am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo. Aktuelle Projekte untersuchen Probleme der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Ostasien sowie das Nankinger Kriegstagebuch John Rabes, zu dem er den Forschungsblog rabediaries.hypotheses.org betreibt.

Kontakt


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Max Weber Stiftung (16. Juni 2025). Wo der Zweite Weltkrieg einfach nicht endet. Ends of War. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/144tl


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