Kiyv
Eine Bahn aus dem Umland auf dem Weg in die Stadt, im Parallax vor ihren kleinen Fenstern zieht die dicht bebaute Vorstadt aus Klinker und Beton vorbei. Das Interieur aus gebürstetem Stahl wurde vor dieser Fahrt zuletzt gereinigt, ein leichter Chlorgeruch hängt in der Luft. Die Sonne versinkt, als der Zug sich neigt und den Gleisen unter die Erde folgt. Es ist nun schwierig, seine Geschwindigkeit zu bestimmen: Rasen wir durch leere Stationen? Ist das eine Ausfahrt, der Test einer neuen Antriebstechnologie? Vor den Fenstern nun das innere der Stadt unter der Erde: Breite Steige, kein Mensch. Farblose Plakate mit fremder Geometrie rasen vorbei, zu schnell um näheres ausmachen zu können. Das Licht fällt aus, grau, schwarz, Rauch, Rausch. In der Ferne draußen plötzlich violettes Licht: Dioden blinken träge, zeichnen horizontale Linien in keinen Himmel. Dieser Zug hat den Tunnel nicht verlassen, auf einer konzentrischen Bahn gräbt er sich tiefer unter die Stadt. Es herrscht die Zuversicht einer fernen Zukunft: Industriell, smooth, und sauber wie ein schweres Kugellager. Stadt und Zeit fließen, wir fixieren den Horizont der Nacht und wissen nichts mehr.
- Yan Cook – Collateral Damage, EP, Delsin, 2023