{"version":"https:\/\/jsonfeed.org\/version\/1","title":"e13 Blog","description":"","home_page_url":"https:\/\/e13.de","feed_url":"https:\/\/e13.de\/feed.json","user_comment":"","icon":"https:\/\/e13.de\/media\/website\/e13logo_schwarz_200x89.png","author":{"name":"Kiki Thaerigen"},"items":[{"id":"https:\/\/e13.de\/peaky-blunders\/","url":"https:\/\/e13.de\/peaky-blunders\/","title":"Peaky Blunders","summary":"Spoileralarm: Diese Rezension enth\u00e4lt massive Spoiler, wer den Film noch nicht gesehen&hellip;","content_html":"<figure class=\"post__image\"><\/figure>\n<p class=\"msg msg--highlight \"><strong>Spoileralarm:<\/strong> Diese Rezension enth\u00e4lt massive Spoiler, wer den Film noch nicht gesehen hat und das noch tun will, sollte hier und jetzt aufh\u00f6ren zu lesen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Es hat sehr lange gedauert, bis ich mit der Serie warm wurde. Mindestens drei Anl\u00e4ufe, bis ich hineinfand, die vielen unn\u00f6tigen Gewaltszenen habe ich grunds\u00e4tzlich vorgespult, die Charaktere waren teils faszinierend, teils v\u00f6llig idiotisch, aber naja, das hat wohl jede Serie. Tommy Shelby und seine Familie haben definitiv ihre faszinierenden Seiten, aber letzten Endes ist es eine oft mehr schlecht als recht erz\u00e4hlte Geschichte, wenngleich meistens perfekt ausgestattet und in Szene gesetzt. <em>Style over substance<\/em>, wie auch bei anderen visuell gewaltigen Serien (allen voran \u201cYellowstone\u201d und anderen Taylor-Sheridan-Projekten).<br><br>Die Serie fand f\u00fcr mich ihren H\u00f6hepunkt mit Staffel 4 und baute danach rasant ab; dass gef\u00fchlte f\u00fcnf Minuten vor dem Finale bzw. in der drittletzten von insgesamt 36 Folgen noch ein illegitimer \u00e4ltester Sohn aus einem Vorkriegstechtelmechtel Tommys eingef\u00fchrt wurde, hatte schon sehr etwas von \u201ePamela hat alles nur getr\u00e4umt und Bobby steigt aus der Dusche\u201c (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nCEjeTb1rrs\" target=\"_blank\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  rel=\"nofollow noopener noreferrer\">die \u00e4lteren unter uns werden sich erinnern<\/a>).<br><br>Nun also vier Jahre nach Serienende das gro\u00dfe Finale, das die Macher den Fans als Kinofilm schenken wollen (v\u00f6llig uneigenn\u00fctzig nat\u00fcrlich; niemand wollte hier nochmal Kasse machen, nein, nein). Dass Tommy den Film nicht \u00fcberleben wird, d\u00fcrfte jedem klar sein, der den Untertitel, <em>The Immortal Man<\/em>, wahrgenommen hat. Was wohl auch okay ist, denn ganz offensichtlich will der Mann seit mindestens zwei Staffeln vor Serienende sterben, und Cillian Murphy betont in jedem Interview, dass er nunmehr ein Viertel seines Lebens den Tommy Shelby gibt, es sei ihm zu g\u00f6nnen. \u00a0<\/p>\n<p><br>Vielleicht habe ich w\u00e4hrend der Serie doch zu viele Szenen vorgespult und so etwas verpasst, aber mir ist nicht ganz klar, wo Tommy sich nun, Anno 1940, aufh\u00e4lt: Sein urspr\u00fcngliches Landhaus hatte er ja in Staffel 6 in die Luft gejagt, also wo spielen diese Szenen jetzt eigentlich? Er sitzt indessen (immerhin nicht mehr mit der Schei\u00dffrisur der Serienstaffeln) in einem verfallenden Herrensitz mit Familienfriedhof hinterm Haus, und tippt seine Memoiren. F\u00fcr wen? Unklar. Seine gesamte Familie ist tot, bis auf seine Schwester und seine beiden S\u00f6hne, zu denen er keinen Kontakt haben will. Seine zweite Exfrau, Lizzie, wird nicht erw\u00e4hnt. Seine verbliebenen Freunde bzw. Helfer (Curly, Johnny Dogs, Charly Strong) machen alle drei nicht den Eindruck, als k\u00f6nnten sie lesen, und so oder so waren sie ja auch immer dabei, also was sollten sie mit seinen Memoiren anfangen? Und so sehen wir den Mann tippen, teils wirklich absurd inszeniert auf einem Lastenkahn w\u00e4hrend der Fahrt durch die h\u00fcbsche, winterliche Landschaft, an der reichlich frischen Luft, und wir wundern uns.<\/p>\n<p>Tommy sieht nur noch Gespenster. Dann besucht ihn seine Schwester Ada, dann eine geheimnisvolle Zigeunerin, die Zwillingsschwester der nie gezeigten und nur einmal kurz erw\u00e4hnten Mutter seines f\u00fcnf Minuten vor Serienende eingef\u00fchrten illegitimen Sohns, und erkl\u00e4rt ihm, wie zuvor schon seine Schwester Ada, er m\u00fcsse jetzt mal aufh\u00f6ren mit dem Getippe und sich um besagten Sohn und dessen Schwierigkeiten k\u00fcmmern.<br><br>Von einigen geliebten SeriendarstellerInnen wei\u00df man, dass sie nicht einmal f\u00fcr R\u00fcckblenden zur Verf\u00fcgung standen, weil verstorben oder krank. Andere wollten entweder zu viel Geld oder bekamen nach dem Lesen des Drehbuchs einen Lachanfall und lehnten dankend ab; jedenfalls sehen wir weder Publikumsliebling Arthur noch den in Ungnade gefallenen kleinen Bruder Finn, noch Tom Hardy in seiner Paraderolle als j\u00fcdischer Gangster Alfie Solomons. Ersterer wird komplett unglaubw\u00fcrdig offscreen entsorgt, die anderen beiden werden nicht einmal erw\u00e4hnt.<br><br>Schnitt auf den neuen Sohn Duke, gespielt von einem anderen Darsteller als in den letzten zwei Serienfolgen. Kann man machen, klar, aber es liegen auch inhaltlich angeblich nur vier Jahre zwischen Serienende und dem Film, und so derma\u00dfen ver\u00e4ndern sich die Leute normalerweise optisch nicht in so kurzer Zeit. Ich wei\u00df nicht, ob der urspr\u00fcngliche Darsteller auch keine Zeit oder keinen Bock hatte, oder ob die Produzenten einen bekannteren Namen f\u00fcr den Film haben wollten. Jedenfalls ist nun Barry Keoghan Duke Shelby, und er hat das Charisma einer in Wut geratenen Weinbergschnecke.<br><br>Der eigentliche Antagonist im Film ist ein von Tim Roth dargestellter Nazi, und es liegt nicht an Tim Roth, dass er der langweiligste und gesichtsloseste Schurke der Serie ist. Das ganze Drehbuch wurde vermutlich von A.I. konzipiert, es ist so derma\u00dfen l\u00e4cherlich, voll sinnloser <em>Plot Holes<\/em>, und generell an den Haaren herbeigezogen, dass man schreien m\u00f6chte, w\u00e4re man nicht fortgesetzt am G\u00e4hnen.<br><br>Das gro\u00dfe Finale ist dann tats\u00e4chlich das unausweichliche, um nicht zu sagen: ersehnte Ende, Tommy Shelby hat\u2019s schlie\u00dflich hinter sich und auch die Zuschauer sind erl\u00f6st. In The Bleak Midwinter.<br><br>Ich h\u00e4tte mich gefreut, wenn es ein guter Film und ein w\u00fcrdiger Abschluss einer zuletzt recht an\u00e4mischen Serie geworden w\u00e4re. Es hat nicht sollen sein, schade.<br><br><br><\/p>","author":{"name":"Kiki Thaerigen"},"tags":[],"date_published":"2026-03-30T12:13:07+02:00","date_modified":"2026-03-30T12:57:43+02:00"},{"id":"https:\/\/e13.de\/ueber-abkuerzungen\/","url":"https:\/\/e13.de\/ueber-abkuerzungen\/","title":"\u00dcber Abk\u00fcrzungen","summary":"Man lernt etwas Neues, man wird gut, oder wenigstens besser darin, man&hellip;","content_html":"<div>Man lernt etwas Neues, man wird gut, oder wenigstens besser darin, man m\u00f6chte irgendwo abk\u00fcrzen, um Zeit zu sparen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Das ist der Lauf der Welt, und dass das Ergebnis der Arbeit meist darunter leidet und man die gesparte Zeit auch nicht selten schlicht verplempert, statt sie gewinnbringend einzusetzen, auch das geh\u00f6rt wohl zum Spiel dazu. Am Ende kann man nichts wirklich gut, aber vieles ganz okay oder halt gut genug, und wird nur sehr gelegentlich mit der Nase darauf gesto\u00dfen, wie die Welt aussehen k\u00f6nnte, wenn wir die gesparte Zeit besser in die Perfektionierung unseres Werks gelegt h\u00e4tten, die Extrameile gegangen w\u00e4ren.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Je nach Veranlagung landen wir dann in einer depressiven Phase und starren in den Abgrund unserer nackten Belanglosigkeit, oder aber rechtfertigen uns damit, dass wir ja schlie\u00dflich keine OCD-Autisten seien, die ihre Zeit und Energie in fummelige Details stecken k\u00f6nnten. Wenn es sich nicht um unsere eigene Arbeit, sondern die unserer Mitmenschen handelt, \u00e4u\u00dfert sich das wahlweise in lautem Gefluche, dass alles teurer wird und die Qualit\u00e4t dabei immer weiter nachl\u00e4sst, oder aber in unreflektierter Bewunderung darob, dass dieser Michelangelo schon ein ganz irrer Hund gewesen sein muss, und dass sie fr\u00fcher halt noch ihr Handwerk beherrscht haben.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Die Amerikaner haben ein sch\u00f6nes Sprichwort dazu, das in der Regel nur zur H\u00e4lfte zitiert wird: \u201eJack of all trades, master of none, is oftentimes better than master of one.\u201c Lies: Universalgenies sind meist w\u00fcnschenswerter als Fachidioten.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Fachidioten bzw. FacharbeiterInnen werden jedoch in der Wirtschaft h\u00e4nderingend gesucht, absurderweise in der Regel von jenen, die ihren Wert nicht zu sch\u00e4tzen wissen, sondern sie dazu antreiben, irgendwo abzuk\u00fcrzen, damit das Quartalsergebnis f\u00fcr die Aktion\u00e4re stimmt. Eigentlich investieren sie inzwischen ohnehin lieber in KI-Modelle, die sie mit dem bekannten Wissen ihrer Facharbeitenden trainiert haben, denn Maschinen muss man zwar bezahlen, pflegen, warten, bevor man sie abschreiben kann, aber es f\u00e4llt eben diese l\u00e4stige menschliche Komponente weg.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Maschinen legen keinen Wert auf ein freies Wochenende mit der Familie, Maschinen wollen nicht st\u00e4ndig gesagt bekommen, was f\u00fcr super Arbeit sie geleistet haben, und Maschinen werden nicht krank. Oder wenn sie krank werden, fliegen sie halt umgehend raus, ohne, dass man ihnen f\u00fcrs Nichtstun auch noch Geld hinterherwerfen m\u00fcsste.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Universalgenies hingegen kann man mit Spott \u00fcberziehen, ihnen t\u00e4glich erkl\u00e4ren, dass sie nichts richtig k\u00f6nnten, oder sie sich ja \u201emal eben\u201c etwas Neues aneignen k\u00f6nnten, um sich n\u00fctzlich zu machen. Man muss ihnen auch nicht so viel zahlen wie den Facharbeitenden, denn sie sind nur QuereinsteigerInnen, die froh sein d\u00fcrfen, wenn sie \u00fcberhaupt einen Job bekommen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ist man selbstst\u00e4ndig t\u00e4tig, <em>muss <\/em>man ein Universalgenie sein, noch dazu in Zeiten wie diesen: Die eigentliche Arbeit, mit der man sich selbstst\u00e4ndig gemacht hat und die man wohl deshalb auch eigentlich am liebsten macht, die muss abgek\u00fcrzt werden, damit die notwendigen anderen Arbeiten auch erledigt werden. Jedenfalls, wenn man nicht beim Start schon \u00fcber das n\u00f6tige Kleingeld verf\u00fcgt und die anderen Themen wie Kundenaquisition und -beratung, Buchhaltung, Steuern, Einkauf, Marketing, Werbung, Lager, PR, Webdesign etc. outsourcen kann.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Am Ende schaut man auf das Arbeitsergebnis und ist oft traurig, w\u00fctend, deprimiert und ersch\u00f6pft. Nur selten hat man einen Michelangelomoment und sagt sich stolz: Ja, das ist verdammt gut geworden, besser geht es nicht, ich habe den Blitz mit der Flasche eingefangen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich selbst bin die ungl\u00fccklichste Mischung aus Universalgenie und Fachidiotin: Ich kann vieles gut, manches sogar ausgezeichnet, ich bin ungeheuer vielseitig interessiert und erfahren. Aber meine Anspr\u00fcche an mich selbst und die Ergebnisse meiner Arbeit sind unerreichbar hoch und meine Selbstkritik l\u00e4hmt mich oft.\u00a0<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Kunst soll Arbeit sein? Es gilt als unschicklich, das laut zu sagen, aber dies ist mein Blog, und ich bin lange aus dem Alter raus, in dem ich mir, noch dazu in meinen eigenen vier W\u00e4nden, seien sie noch so virtuell, von Fremden sagen lassen w\u00fcrde, was sie f\u00fcr <em>comme il faut<\/em> halten. Geht weiter, es gibt hier nichts zu sehen f\u00fcr Euch.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Perfektion ist unerreichbar, ich denke, das wissen wir alle. Und wir alle haben unterschiedliche Ma\u00dfst\u00e4be, was Perfektion angeht. Aber dennoch streben wir oder sehnen wir uns danach. Es ist so frustrierend, in einer Welt zu leben, in der ein hervorragendes, oder auch nur gutes Produkt oft als zu teuer gilt, und ein \u201egut genug\u201c reichen muss, zum Standard geworden ist, an den wir uns alle haben gew\u00f6hnen m\u00fcssen.\u00a0<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Wie viel Wissen verloren geht, schon verloren gegangen ist, und nur noch in den Katakomben der Algorithmen K\u00fcnstlicher Intelligenz existiert, losgel\u00f6st von der menschlichen, und damit g\u00f6ttlichen Komponente, am Ende binnen Nanosekunden als L\u00f6sungsvorschlag stolz ausgespuckt, das Ergebnis von zehntausend Affen, die auf zehntausend Schreibmaschinen Shakespeare geschrieben haben.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>\u201eDu fuchtelst schon wieder, Kiki\u201c, sagt der B\u00e4r.<\/div>\n<div>Zur\u00fcck an den Zeichentisch.<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>","author":{"name":"Kiki Thaerigen"},"tags":[],"date_published":"2026-02-08T11:04:47+01:00","date_modified":"2026-02-08T11:04:47+01:00"},{"id":"https:\/\/e13.de\/bildet-banden\/","url":"https:\/\/e13.de\/bildet-banden\/","title":"Bildet Banden!\u00a0","summary":"Sch\u00f6n beobachtet. Ich bin auf Insta, weil ich dort fast ausschlie\u00dflich K\u00fcnstlerInnen&hellip;","content_html":"<div><a href=\"https:\/\/mastodon.social\/@gedankentraeger\/115892146596423629\"  target=\"_blank\"   rel=\"noopener noreferrer\"><figure class=\"post__image\"><img loading=\"lazy\"  src=\"https:\/\/e13.de\/media\/posts\/167\/\/Bildschirmfoto-2026-01-26-um-22.05.38.png\" alt=\"Das Bloggen hingegen habe ich vermisst und vermisse ich immer noch. Es muss irgendwas an diesen Plattformen sein, das mich vom Vermissen abh\u00e4lt. Vielleicht ist es einfach das Offensichtliche, also das inh\u00e4rent Manipulative, Kompetitive und Antagonistische. Man kann diese Plattformen nutzen, ohne dem selbst anheim zu fallen, aber nicht, ohne es wahrzunehmen, und deshalb sind sie automatisch energy vampires.\" width=\"1200\" height=\"510\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" srcset=\"https:\/\/e13.de\/media\/posts\/167\/\/responsive\/Bildschirmfoto-2026-01-26-um-22.05.38-xs.png 300w ,https:\/\/e13.de\/media\/posts\/167\/\/responsive\/Bildschirmfoto-2026-01-26-um-22.05.38-sm.png 480w ,https:\/\/e13.de\/media\/posts\/167\/\/responsive\/Bildschirmfoto-2026-01-26-um-22.05.38-md.png 768w ,https:\/\/e13.de\/media\/posts\/167\/\/responsive\/Bildschirmfoto-2026-01-26-um-22.05.38-lg.png 1024w\"><\/figure><\/a><\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Sch\u00f6n beobachtet. Ich bin auf Insta, weil ich dort fast ausschlie\u00dflich K\u00fcnstlerInnen und vielleicht drei oder vier Bekannten folge, und ich verbringe dort im Schnitt keine zwei Minuten am Tag. Da mir nach jedem dritten oder vierten Bild, Reel, Storybeitrag direkt Werbung angezeigt wird, schlie\u00dfe ich die App dann unmittelbar; das ist wirklich sehr praktisch, so verplempert man erst gar keine Zeit. Von Streitigkeiten zwischen K\u00fcnstlerInnen oder gar zwischen InfluencerInnen und anderen Trivialos bekomme ich also null mit, die Stimmung in den Kommentaren ist freundlich und es wird meiner Wahrnehmung nach \u00fcberwiegend fachlich diskutiert: Wie hast du das gemalt? Von welcher Marke sind die Farbe, das Papier, ist der Pinsel? Muss ich Papier im Skizzenbuch grundieren? Etc. pp. Das ist es auch, was mich ein wenig ermutigt, dort wieder h\u00e4ufiger etwas zu ver\u00f6ffentlichen, aber ich wei\u00df nicht, wie lange das andauern wird. METAist und bleibt der Feind.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Hitzige Diskussionen gibt es in meiner Bubble eigentlich nur beim Thema A.I., und auch nur dann, wenn irgend so ein Troll meint, Kunst sei eh nichts Besonderes und das Ergebnis geh\u00f6re halt allen, es g\u00e4be nichts Neues unter der Sonne und daher auch kein Urheberrecht, die K\u00fcnstlerInnen sollten sich geehrt f\u00fchlen, wenn ihre Werke \u00fcberhaupt durch A.I. \u201ezitiert\u201c werden, und wenn \u00fcberhaupt irgendetwas sch\u00fctzenswert sei an der ganzen Sache, dann ja wohl das Prompting. Jenseits solcher armer Irrer, welche kurzum massengeblockt und -reported werden, sind sich aber beim Thema eigentlich alle einig und hoffen, dass der Dreck bald den Weg der NFTs geht und seine Entwickler und Nutzer in der H\u00f6lle schmoren.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Wo bleibt das Social in Social Media? Wenn es das \u00fcberhaupt jemals gab, starb es vor mindestens f\u00fcnfzehn Jahren, machen wir uns nichts vor. Niemand kann diese k\u00fcnstlich erzeugte Daueraufregung und forcierte Ersch\u00f6pfung ertragen, niemand gewinnt dabei, au\u00dfer jene, die unbedingt verhindern wollen, dass wir uns verstehen, uns solidarisch zeigen und zusammenschlie\u00dfen und sie am Ende zum Teufel jagen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Wir K\u00fcnstlerInnen sind ersch\u00f6pft vom Kampf gegen den Algorithmus, von der Herabw\u00fcrdigung unserer Kunst zu reinem Content, zu Wegwerfprodukten ohne jeden Wert. Es war nie leicht, als K\u00fcnstlerIn zu \u00fcberleben oder gar erfolgreich zu sein, und das ist auch okay, denn, wie hei\u00dft es doch: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/dLiMv4gYcRc\" target=\"_blank\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  rel=\"nofollow noopener noreferrer\">\u201cIt\u2019s supposed to be hard. If it wasn\u2019t hard everyone would do it. It\u2018s the hard that makes it great.\u201c<\/a> Aber aktive Sabotage steht auf einem anderen Blatt.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Die Manipulation durch Werbetreibende oder politische Parteien und ihre Anh\u00e4ngerschaft war immer da, jedoch nimmt sie augenblicklich so rasant an Fahrt auf, dass ich kaum hinterherkomme. Auch das ist Teil der Kampagne: Verwirre sie maximal in der k\u00fcrzesten Zeit, und dann kannst du sie leichter einfangen oder halt entsorgen. Ich glaube, es war noch nie so wichtig, dem eigenen Kompass zu vertrauen, ob es sich nun um die eigene Kunst handelt oder um die eigenen moralischen Werte. Wer sich jetzt voll dem Algorithmus ergibt und ausliefert, wird gefressen, verdaut und ausgespuckt.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Was tun? Tats\u00e4chlich eine Mischung aus Gleichg\u00fcltigkeit den W\u00fcnschen und Algorithmusforderungen der Plattformen gegen\u00fcber an den Tag zu legen, und sturem Ver\u00f6ffentlichen dort, wo es im jeweiligen Moment sinnvoll erscheint, nicht zuletzt auf der eigenen Website, im eigenen Blog. Und nicht zuletzt die R\u00fcckbesinnung auf Pr\u00e4senz im \u201eOffline-Leben\u201c: Berufsverb\u00e4nde, Galerien, Ausstellungen, Messen, Pop-up-Art, Kunsthandwerkerm\u00e4rkte \u2013 die Mischung macht\u2019s. Besonders aber: Den Zusammenhalt zwischen K\u00fcnstlerInnen suchen und f\u00f6rdern. Gemeinsam sind wir un<span style=\"text-decoration: line-through;\">aus<\/span>widerstehlich!<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Das gilt nat\u00fcrlich nicht nur f\u00fcr die visuellen K\u00fcnste, sondern z. B. auch f\u00fcr die Musik. Es w\u00e4re schon lustig, wenn es nicht so traurig w\u00e4re: Nie war es einfacher und bezahlbarer f\u00fcr MusikerInnen, ihre Kunst zu produzieren und zu ver\u00f6ffentlichen. Und gleichzeitig war es auch f\u00fcr sie nie so schwer, gefunden und geh\u00f6rt zu werden.<\/div>\n<div><a href=\"https:\/\/hmbl.blog\" target=\"_blank\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  rel=\"noopener noreferrer\">Christian<\/a>, den ich \u00fcber die letzten rund zwei Jahrzehnte hier im Blog schon h\u00e4ufiger mal verlinkt habe und zu meinen Lieblingsmenschen in diesem Internetz z\u00e4hle, hat eine neue Platte ver\u00f6ffentlicht. So h\u00e4tte ich das jedenfalls fr\u00fcher genannt, als neue Musik auf handfesten Schallplatten, Cassetten oder CDs herauskam. Nun gibt es sie als Stream, z. B. bei <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/intl-de\/album\/3cCMJwm3iwHLPMdv90b2Cp?go=1&amp;nd=1&amp;dlsi=df1e366dea8d43c6\" target=\"_blank\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Spotify<\/a> oder <a href=\"https:\/\/music.apple.com\/de\/album\/circles-squares\/1867813757\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  rel=\"nofollow\">Apple Music<\/a> oder den ganzen anderen Kan\u00e4len, was aber der Kreativit\u00e4t und Qualit\u00e4t keinen Abbruch tut. Bitte horchen Sie <a href=\"https:\/\/hmbl.blog\/26-1-2026-release-day\/\" target=\"_blank\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> entlang, und <a href=\"https:\/\/steady.page\/de\/malcolmf\/posts\/36520c6e-2d56-45f1-9777-221532083e84\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  rel=\"nofollow\">hier<\/a> finden Sie die Gedanken zu den einzelnen Titeln, was wir fr\u00fcher Liner Notes genannt h\u00e4tten. Wenn Ihnen die Musik genauso gut gef\u00e4llt wie mir, teilen Sie sie einfach: auf den \u00fcblichen Kan\u00e4len, oder in Ihrem Blog, oder ganz old school in Ihrem Freundeskreis. Sie ist es wert und er wird sich freuen.<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>","author":{"name":"Kiki Thaerigen"},"tags":[],"date_published":"2026-01-26T22:10:14+01:00","date_modified":"2026-01-29T16:31:44+01:00"},{"id":"https:\/\/e13.de\/nachtrag\/","url":"https:\/\/e13.de\/nachtrag\/","title":"Nachtrag","summary":"Mein kleiner Rant hat mehr Aufmerksamkeit als \u00fcblich bekommen, offenbar habe ich&hellip;","content_html":"<p>Mein kleiner Rant hat mehr Aufmerksamkeit als \u00fcblich bekommen, offenbar habe ich einen Nerv getroffen. Einige Kommentare gingen in die Richtung, ich sei technikfeindlich, gar eine Ludditin, andere meinten, ich h\u00e4tte ja selbst keine L\u00f6sung anzubieten. Dazu m\u00f6chte ich anmerken:\u00a0<\/p>\n<p>Ich bin ganz sicher nicht technikfeindlich. Ich bin technikbegeistert, vielleicht nicht mehr ganz so stark wie noch vor zwanzig, drei\u00dfig Jahren, aber ich denke, das ist auch normal. Ich bin seit \u00fcber 40 Jahren online und in meiner Generation (early Gen X, der um die 60-j\u00e4hrigen) war ich immer und \u00fcberall eine der ersten mit einer eigenen Mailadresse, einem eigenen Computer mit Akustikkoppler einem Handy, mit dem ich E-Mails abrufen konnte, einer eigenen Website (ab 1995) und einem Blog (ab Sommer 2001), Programmierkenntnissen (BASIC, C, Pascal, C++, alles inzwischen ziemlich versch\u00fcttet, aber immerhin), einem ICQ-Account mit einer f\u00fcnfstelligen Usernummer, einem Twitteraccount mit einer sechsstelligen Usernummer (wir haben ja damals noch per SMS getwittert), einem Job in der Grafikredaktion eines Fernsehsenders, einem DotCom Job als Projektmanagerin und Kundenberaterin in einer b\u00f6rsennotierten Agentur, welche die E-Commerce-Auftritte f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Pharmabranche und Deutschlands gr\u00f6\u00dftes Versandhaus entwickelte, einem Job als Country Manager f\u00fcr die Onlinemarketingstrategien eines Teils des zu jenem Zeitpunkt weltweit gr\u00f6\u00dften Entertainmentkonzerns \u2026 ich k\u00f6nnte Euch tagelang weiter langweilen, aber ich denke, Ihr habt's verstanden.\u00a0<\/p>\n<p>Eben weil ich technikinteressiert und -begeistert bin, bin ich so verdammt w\u00fctend auf das, was wir draus gemacht haben, was wir f\u00fcr eine Dystopie geschaffen haben, nur damit ein paar hundert Menschen auf dem Planeten noch reicher werden k\u00f6nnen, mehr ansammeln k\u00f6nnen, als sie jemals selbst brauchen w\u00fcrden.\u00a0<\/p>\n<p>Was den Vorwurf des Luddismus betrifft: Den sehe ich eher als \u201ezu viel der Ehre\u201c an, denn das Wort ist keinesfalls ein Synonym f\u00fcr Technikfeindlichkeit sondern bezeichnet die Menschen, die im Kampf gegen die systematische Ausbeutung der (Textil)arbeitenden durch die Industriellen standen, gegen den sozialen Abstieg und Verelendung k\u00e4mpften und daf\u00fcr hingerichtet oder deportiert wurden. Also eigentlich das, was u.A. gerade im Kampf gegen K.I. passiert bzw. passieren sollte (mit etwas gl\u00fccklicherem Ausgang).<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich des Vorwurfs, ich bliebe die L\u00f6sung f\u00fcr das Problem schuldig, sei auf den Schluss des Artikels verwiesen: Ich f\u00fcr meinen Teil k\u00e4mpfe mit Kreativit\u00e4t und Licht f\u00fcr meinen eigenen Verstand und Seelenfrieden und sorge z.B. mit dem <a href=\"https:\/\/baerenabo.de\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  >B\u00e4renabo<\/a> daf\u00fcr, dass Menschen wenigstens einmal t\u00e4glich einen heiteren Moment genie\u00dfen k\u00f6nnen. Weder kann ich noch will ich daf\u00fcr zust\u00e4ndig sein, die Welt zu retten, schon gar nicht f\u00fcr Menschen, die sie vors\u00e4tzlich untergehen sehen wollen. Vielleicht ist der Kampf nicht zu gewinnen, aber gar nicht erst anzutreten w\u00e4re f\u00fcr mich undenkbar.<\/p>","author":{"name":"Kiki Thaerigen"},"tags":[],"date_published":"2026-01-21T12:37:56+01:00","date_modified":"2026-01-21T12:44:50+01:00"},{"id":"https:\/\/e13.de\/zurueck-in-die-zukunft\/","url":"https:\/\/e13.de\/zurueck-in-die-zukunft\/","title":"Zur\u00fcck in die Zukunft","summary":"Meine Gro\u00dfmutter hatte eine Redewendung, die lautete: \u201eFr\u00fcher, als die Menschen noch&hellip;","content_html":"<div>Meine Gro\u00dfmutter hatte eine Redewendung, die lautete: \u201eFr\u00fcher, als die Menschen noch vom Himmel fielen.\u201c Ich glaube, es war der Anfang einer absurden Geschichte aus ihrer eigenen Kindheit, in der Art von \u201eWenn die Fl\u00fcsse aufw\u00e4rts flie\u00dfen \u2026\u201c oder \u201eDunkel war\u2018s, der Mond schien helle \u2026\u201c. So in der Art etwa, ihr kennt das. Das war ihre Standardreaktion, wenn jemand von fr\u00fcher schwelgte, ihr etwas diplomatischeres \u201eQuatsch\u201c.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Zwar bin ich keine Gro\u00dfmutter, aber inzwischen im passenden Alter daf\u00fcr, und ich ertappe mich unangenehmerweise immer h\u00e4ufiger dabei, von fr\u00fcher zu schw\u00e4rmen. Ich finde das ganz und gar nicht gut, denn das ist in meinen Augen ein Alarmzeichen daf\u00fcr, dass man aufgeh\u00f6rt hat, sich weiterzuentwickeln, dass man sich dem Lernen verweigert, dass man eine rosa Brille aufhat. Ich finde au\u00dferdem, an den Punkt sollte man m\u00f6glichst \u00fcberhaupt nicht sto\u00dfen, aber definitiv noch nicht schon so kurz nach der Mitte des Lebens.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Fr\u00fcher war beileibe nicht alles besser, fr\u00fcher war alles nur irgendwie \u2026 fr\u00fcher. Als im 70er-Jahre-Westdeutschland aufgewachsenes Kind waren die Amerikaner die Guten, die Russen die B\u00f6sen. Die Chinesen fanden nicht wirklich statt in der \u00f6ffentlichen Diskussion. Die Menschen in Magdeburg waren gef\u00fchlt weiter entfernt als die auf Madagaskar, die Holl\u00e4nder und Franzosen hassten uns und wir sie (warum, wussten wir Kinder nicht), was uns aber nicht davon abhielt, bei ihnen Ferien zu machen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>T\u00fcrken, Griechen, Italiener waren \u201eGastarbeiter\u201c, die w\u00fcrden sp\u00e4ter wieder nach Hause zur\u00fcckfahren, aber falls nicht, konnten sie wenigstens gut kochen und hatten leckeres Eis. Spanien war eine Diktatur, so wie Portugal und Griechenland. Jugoslawien war, wo die Winnetoufilme entstanden, in Andalusien wurden die Spaghettiwestern gedreht. Offenbar sind Filmgesch\u00e4ft und Diktatur eine gute Kombination.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Israel war, wo die Orangen herkamen und wo im Schulatlas darunter in Klammern Pal\u00e4stina stand, so \u00e4hnlich wie bei Thailand (Siam), Zimbabwe (Rhodesien) oder Sri Lanka (Ceylon). Beirut galt als das Paris des Nahen Ostens. Dubai und Riyadh waren nicht mehr als ein Haufen Sand. Orient und Okzident waren noch g\u00e4nzlich unbelastete, ja, romantische, Fernweh induzierende Begriffe, und im Dorf gab es selbstverst\u00e4ndlich auch noch einen Kolonialwarenh\u00e4ndler.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Der hatte C-A-F-F-E-E, wie das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/C-a-f-f-e-e\" target=\"_blank\"  class=\"extlink extlink-icon-1\"  rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Kinderlied<\/a> hie\u00df.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div><em>\u201eNicht f\u00fcr Kinder ist der T\u00fcrkentrank, <\/em><\/div>\n<div><em>schw\u00e4cht die Nerven, macht dich blass und krank. <\/em><\/div>\n<div><em>Sei doch kein Muselman, <\/em><\/div>\n<div><em>der ihn nicht lassen kann.\u201c <\/em><\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Musikstunde in der Grundschule, anno 1974. Nein, ich denke mir das nicht aus.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Der Zweite Weltkrieg hatte etwa 30 Jahre zuvor geendet, das ist von heute aus gesehen ungef\u00e4hr so lange her wie als Take That sich aufl\u00f6sten oder Fettes Brot \u201eEs ist 1996\u201c sangen. Eine Ewigkeit, jedenfalls f\u00fcr uns Kinder, aber es gab doch recht viele Erwachsene, f\u00fcr die es gef\u00fchlt gerade erst gestern war, als sie nachts als F\u00fcnfj\u00e4hrige aus ihren Betten gerissen wurden, ihre zweij\u00e4hrigen Geschwister in Rekordzeit ankleiden mussten und am H\u00e4ndchen hinter sich her in den Luftschutzbunker zogen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Und es gab noch viele wortkarge M\u00e4nner mit nur einem Bein, nur einem Arm, oder mit einer Klappe \u00fcber einem Auge, die billige Zigarren rauchten, im Park schlecht rasiert und im Unterhemd auf der Bank sa\u00dfen, und stumm diese kleinen Weinbrand-Fl\u00e4schchen leerten, die an der Supermarktkasse neben den Zigaretten, der \u201eFliegerschokolade\u201c, und den Kaugummis standen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Oft brabbelten sie dort unverst\u00e4ndliches Zeug vor sich hin, oder riefen dem Teenager auf dem Bonanzarad, mit den engen Jeans und den langen Haaren hinterher: \u201eSowas wie dich h\u00e4ttense fr\u00fcher vergast.\u201c Daf\u00fcr musste man Verst\u00e4ndnis haben, denn sie hatten doch Schlimmes hinter sich. Jedenfalls war dies die \u00fcbliche, kurze Antwort auf unsere Nachfragen, was das wohl bedeuten sollte.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Diese M\u00e4nner geh\u00f6rten zur <em>Greatest Generation<\/em>, jedenfalls werden sie so auf der anderen Seite des Atlantiks so genannt. Bei uns waren sie nur Veteranen und es gibt heute nicht mehr sehr viele davon, die j\u00fcngsten unter ihnen w\u00e4ren heute ungef\u00e4hr 100 Jahre alt. Ihre Kinder sind die Boomer; die ersten von denen sind auch schon \u00fcber zehn Jahre in Rente.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Nein, ich hatte eine sch\u00f6ne, privilegierte, heitere und unbeschwerte Kindheit in einem zu Recht verschwundenen Land, das ich keinesfalls zur\u00fcckhaben will. Aber ich vermisse die Zukunft.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse es, im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung zu leben, statt in einer Welt, in der wir umfassend von Politik, Wirtschaft, Anw\u00e4lten und Medien manipuliert und mit Halbwahrheiten, L\u00fcgen, Verschw\u00f6rungstheorien bombardiert werden, damit wir leichter zu lenken sind und sie mit allem durchkommen, ohne je zur Rechenschaft gezogen zu werden, weil wir am Ende n\u00e4mlich gar nichts mehr glauben.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse es, dass Dinge einmal angeschafft werden und dann still und leise jahre- oder gar jahrzehntelang funktionieren, ohne Sollbruchstellen und geplante Obsoleszenz und ohne Abomodelle \u201eas a service\u201c.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ein Telefon ist eine einmalige Anschaffung im Leben, es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, warum es jedes Jahr oder alle zwei Jahre ersetzt werden muss. Es gibt auch keinen nachvollziehbaren Grund, warum ein Telefon am Strom oder gar am Internet h\u00e4ngen muss und bei Stromausfall dann halt toter ist als Ohlsdorf bei Nacht. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, warum die Sprachqualit\u00e4t bei einem h\u00e4sslichen, grauen, postzugelassenen W\u00e4hlscheibentelefon vor f\u00fcnfzig Jahren dramatisch besser war als heute bei einem brandneuen iPhone.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse Post, die selbstverst\u00e4ndlich bundesweit am Tag, nachdem sie in den Briefkasten gesteckt wurde, beim Empf\u00e4nger ist. Ich verstehe nicht, warum ein Paket, f\u00fcr dessen Auslieferung durch Subunternehmer von Subunternehmern man innerdeutsch rund 8 Euro bezahlt hat, oft erst gar nicht mehr ausgeliefert wird, sondern vom Empf\u00e4nger abgeholt werden muss \u2013 in einem anderen Stadtteil, aus einem ranzigen, kleinen Kiosk, in dem es nach Kif riecht und das albanische Personal \u201eaus Sicherheitsgr\u00fcnden\u201c eine Kamera \u00fcber dem Geldautomaten eines dubiosen Konsortiums angebracht hat. Oder in einer Packstation verschwindet, bei der man nicht Kunde ist, und f\u00fcr deren \u00d6ffnung man eine App ben\u00f6tigt, die deine Informationen weiterverkauft.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse die Zeit, als man bedenkenlos einen Gedankenstrich in seinen Texten verwenden konnte.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse Z\u00fcge, die einfach fahren, bei jedem Wetter (von dem alle au\u00dfer der Bahn reden), f\u00fcr vergleichsweise kleines Geld. Und innereurop\u00e4ische Fl\u00fcge, die ein Verm\u00f6gen kosten, zehnmal mehr als eine Zugfahrt, aber wo man andererseits auch nicht mit den Ohren zwischen den Knien sitzt und wie ein St\u00fcck Vieh behandelt wird. Ich vermisse Bahnabteile, die sauber sind, Wagen, in denen die Toiletten funktionieren und sauber sind.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse es, spontan ins Kino zu gehen, ohne Vorbestellung per App und ohne Sitznachbarn, die laut telefonieren oder Handyspiele spielen, weil sie die Aufmerksamkeitsspanne eines postadoleszenten Goldfischs haben und keinerlei Manieren. Ich vermisse Filme mit Handlung, die nicht auf Comicheftchen aus den 1940ern und dem Rollenverst\u00e4ndnis jener Zeit basieren, oder aber Fortsetzungen von Remakes eines fortgesetzten Remakes sind. (Spiderman XVIII \u2013 Das Musical.)<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse Konzerttickets, die ich an der Theaterkasse im Vorverkauf bekomme und die mich nicht eine halbe Monatsmiete kosten, wenn ich sie heute kaufe, bzw. zwei Monatsmieten, wenn ich sie erst morgen kaufe. Dynamic Pricing, my arse.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse Feierabende und Wochenenden, bei denen man selbstverst\u00e4ndlich unerreichbar f\u00fcr die Chefetage oder KollegInnen ist und nicht als unsozial oder arbeitsscheu gilt, wenn man sein Handy ausgeschaltet hat und nicht \u201eschon mal vorab\u201c am Sonntag seine E-Mails checkt. Wohlgemerkt: Wenn man im Marketing arbeitet, nicht in der Notaufnahme.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse Stra\u00dfen, die selbstverst\u00e4ndlich\u00a0 instandgehalten werden. Linienbusse, in denen man beim Einstieg vorn eine Fahrkarte kaufen kann und kein neues Handy mit einer App haben muss, die meine Bewegungsdaten speichert und weiterverkauft, oder eine prepaid-Karte, bei der ich dem Verkehrsverband unbezahlten Kredit gebe und ansonsten keinerlei \u00dcberblick dar\u00fcber habe, wie viel da noch drauf ist, wenn ich in vier Monaten das n\u00e4chste Mal mit dem Bus fahren will. Denn ich bekomme ja nicht einmal mehr eine Quittung bzw. einen Fahrschein, nachdem es pieps gemacht hat.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich verstehe nicht, warum aus Steuergeldern finanzierte Infrastruktur legal privatisiert wurde und warum es offenbar in keiner Partei jemanden gibt, der das so abwegig findet wie ich und das auch \u00e4ndern will.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse Medien, die, einmal gekauft, auch mir geh\u00f6ren und nicht vom Verk\u00e4ufer willk\u00fcrlich legal aus der Ferne gel\u00f6scht werden d\u00fcrfen. Medien, die abspielbar sind auf meinen Ger\u00e4ten, welche nicht alle paar Monate neue Firmware ben\u00f6tigen, oder f\u00fcr die ich eine neue Lizenz kaufen muss, weil ich einen neuen DVD-Player, Fernseher oder Computer habe.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse Computer, die benutzbar sind, auch wenn das Internet aus ist. Software, die ich einmalig kaufe und die dann klaglos funktioniert, einfach so, jahrelang. Software, die nicht \u201enach Hause telefoniert\u201c und meine Korrespondenz durchschn\u00fcffelt und damit legal ihre K.I. trainiert.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u201c<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse es, mir etwas zu kaufen, egal was, ohne, dass dar\u00fcber eine mir unbekannte Firma oder Regierung in einem Land informiert wird, in dem ich nie war und in das ich vermutlich nie (wieder) reisen m\u00f6chte. Ich darf noch Bargeld nutzen, klar, aber wehe, der Preis der Ware liegt in unseren Inflationszeiten \u00fcber der recht niedrigen Schwelle von \u20ac 3.000, z. B. beim Kauf eines Lastenfahrrads, um nicht st\u00e4ndig die armen Gebrauchtwagenh\u00e4ndler zu bem\u00fchen, dann muss ich mich nackig machen und (\u201eIhre Papiere bitte!\u201c) meinen Ausweis vorlegen. \u201eDas ist wegen der Steuerhinterziehung\u201c, sagen diejenigen, die sich nachweislich einen Schei\u00df f\u00fcr Steuerhinterziehung interessieren, sofern sie nur von den Richtigen begangen wird, und die Ermittlungen im Falle CumEx, des gr\u00f6\u00dften bekannten Steuerbetrugs in unserem Land, aktiv be- und verhindert haben.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse es, einmal t\u00e4glich 15 Minuten Nachrichten zu sehen, die diesen Namen auch verdienen, von Redakteuren, die PR nicht mit Journalismus verwechseln und Kommentar und Nachricht voneinander unterscheiden k\u00f6nnen. Ich brauche auch keine \u201eEilmeldung\u201c \u00fcber den Tod eines 90-j\u00e4hrigen Schauspielers, \u00fcber Schneefall im Januar, Hitze im Sommer, oder St\u00fcrme im Herbst.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse die Originale. Warum wollen die meisten Menschen lieber als Kopie leben?<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse Politiker mit Unrechtsbewusstsein, mit Haltung und Anstand, denen man immerhin so weit vertrauen konnte, dass sie das Land nicht an den Meistbietenden verkaufen w\u00fcrden. Ja, es gab sie, wenn auch selten.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse die Zeit, als sich junge, glattgef\u00f6nte Nazis mit Wirtschafts- oder Jurastudium und Parteiabzeichen am Revers nicht getraut h\u00e4tten, ihren Hass auf Frauen, Schwarze, Ausl\u00e4nder, Regenbogenkinder, Wissenschaftler und viele andere mehr vor laufenden Kameras zu verbreiten, und ich vermisse Programmdirektoren und Medienvertreter, die ihnen keine Kamera, kein Mikrofon hinhalten und sie nicht jede Woche als Talkshowg\u00e4ste einladen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse \u201eNie Wieder!\u201c<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Ich vermisse ganz besonders Nachrichten \u00fcber Menschen, die Nazis aufs Maul gehauen haben. Make Nazis afraid again.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Aber ich bin K\u00fcnstlerin und meine Erinnerungen und W\u00fcnsche sind nichts wert, sie st\u00f6ren nur noch. Ich bin komplett irrelevant, was das Bruttosozialprodukt betrifft. Man kann mich getrost ignorieren, nichts von dem, was ich sage, schreibe, w\u00e4hle, wird irgendetwas am Lauf der Dinge \u00e4ndern, und meine Vorstellungen von einer lebens- und liebenswerten Gesellschaft sind antiquiert und \u201enicht finanzierbar\u201c. Denn das ist offenbar das einzig verbliebene Ma\u00df.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Es gibt kein Zur\u00fcck. Jedenfalls kein Zur\u00fcck in eine Zukunft, die Hoffnung macht, die man freudig erwartet und morgens freundlich begr\u00fc\u00dft. Nur ein Zur\u00fcck in die Dystopien, die fr\u00fcher noch auf dem Lehrplan standen und heute oft auf dem Index stehen, jedenfalls in Dritte-Welt-L\u00e4ndern wie den USA: 1984, The Handmaid\u2018s Tale, Fahrenheit 451, Animal Farm u. v. a.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Wenn ich eine andere Zukunft will, muss ich sie mir schon selbst vorstellen, schreiben, zeichnen.<\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div>Also zur\u00fcck an den Zeichentisch, denn ich brauche mehr Licht.<\/div>","author":{"name":"Kiki Thaerigen"},"tags":[],"date_published":"2026-01-16T12:31:01+01:00","date_modified":"2026-01-16T13:43:40+01:00"}]}