{"id":1815,"date":"2023-05-24T07:38:30","date_gmt":"2023-05-24T05:38:30","guid":{"rendered":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/?p=1815"},"modified":"2023-05-24T08:54:21","modified_gmt":"2023-05-24T06:54:21","slug":"abschaltfest-und-gemeinde-dna-ueber-das-kontroverse-gedenken-an-die-atomkraft-in-suedwestdeutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/1815","title":{"rendered":"Abschaltfest und Gemeinde-DNA: \u00dcber das kontroverse Gedenken an die Atomkraft in S\u00fcdwestdeutschland"},"content":{"rendered":"<p>Das Kernkraftwerk Neckarwestheim wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren als ein sogenanntes <a href=\"https:\/\/www.enbw.com\/unternehmen\/konzern\/energieerzeugung\/kernenergie\/standorte\/standort-neckarwestheim.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #0000ff\">Gemeinschaftskraftwerk<\/span><\/a> (GKN) urspr\u00fcnglich von drei verschiedenen Unternehmen (Neckarwerke, Technische Werke der Stadt Stuttgart und Portland-Cement-Werk \u2013 heute ist der Betreiber die EnBW) in einem Steinbruch erbaut. Dieser Steinbruch befindet sich auf der Grenze zwischen den Landkreisen Heilbronn und Ludwigsburg und auf den Gemarkungen zweier kleiner Gemeinden. Seither geh\u00f6r(t)en zun\u00e4chst Block I (1976\u20132011) und ab 1989 Block II (bis 15. April 2023) zur Lebenswelt der Neckarwestheimer und Gemmrigheimer B\u00fcrger*innen. Die Gemeinden profitierten in vielerlei Hinsicht von der Gewerbesteuer durch den Energiebetreiber, mussten sich daf\u00fcr aber auch mit den Begleiterscheinungen des Kernkraftwerks auseinandersetzen, waren sie politischer, \u00f6kologischer oder auch moralisch-emotionaler Natur. Am 15. April 2023 war nach einer kurzen Laufzeitverl\u00e4ngerung nun endg\u00fcltig Schluss mit der Stromerzeugung im GKN, das zu den letzten drei Atomkraftwerken in Deutschland geh\u00f6rte. F\u00fcr die Erforschung von Prozessen <em>doing history<\/em> liegt damit ein spannendes Fallbeispiel vor, denn einerseits ist das Kernkraftwerk mit seinem Abschalten noch lange nicht Geschichte: Der R\u00fcckbau wird voraussichtlich Jahrzehnte dauern und das Zwischenlager bleibt auf unbestimmte Zeit in unmittelbarer N\u00e4he der Gemeinden. Andererseits ging, so formulierte es auch die Presse, am 15. April in Neckarwestheim \u201eeine \u00c4ra zu Ende\u201c[1]. Eine Zeit, die Aufstieg und Wohlstand durch die Gewerbesteuern in die Gemeinde brachte und eine Zeit, in der das F\u00fcr und Wider der Kernenergie in Deutschland immer wieder h\u00f6chst kontrovers verhandelt wurde \u2013 diese Verhandlungen sind zwar nicht abgeschlossen, aber Neckarwestheim wird kein Schauplatz mehr daf\u00fcr sein. Wie werden sich die Menschen an das Kernkraftwerk erinnern und damit aktiv zur Erinnerungskultur \u201eihres\u201c Kernkraftwerks beitragen?<\/p>\n<div id=\"attachment_1799\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1799\" class=\"wp-image-1799 size-large\" title=\"Abbildung 1: Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar mit der Gemeinde Neckarwestheim im Hintergrund. Foto: Karin B\u00fcrkert.\" src=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung01_bu\u0308rkert-500x375.jpg\" alt=\"Abbildung 1: Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar mit der Gemeinde Neckarwestheim im Hintergrund. Foto: Karin B\u00fcrkert.\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung01_bu\u0308rkert-500x375.jpg 500w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung01_bu\u0308rkert-300x225.jpg 300w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung01_bu\u0308rkert-768x576.jpg 768w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung01_bu\u0308rkert-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung01_bu\u0308rkert-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><p id=\"caption-attachment-1799\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 1: Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar mit der Gemeinde Neckarwestheim im Hintergrund. Foto: Karin B\u00fcrkert.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Protest bis zum Abschaltfest und danach noch weiter<\/strong><\/p>\n<p>Der Parkplatz vor Tor 1 des GKN war und ist auch ein Ort der Auseinandersetzung und Begegnung mit und zwischen unterschiedlichen Haltungen zur Kernkraft. Mitarbeiter*innen parken tagt\u00e4glich ihre PKW und passieren den Platz auf dem Weg zur Arbeit und gleichzeitig l\u00e4sst sich der Ort mit Bannern, Schildern, Strohs\u00e4cken, Musikboxen in k\u00fcrzester Zeit in eine B\u00fchne des <a href=\"https:\/\/runterfahren.org\/\">Anti-AKW-Protests<\/a> verwandeln.<\/p>\n<div id=\"attachment_1804\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung02_bu\u0308rkert-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1804\" class=\"wp-image-1804 size-large\" title=\"Abbildung 2: Anti-AKW-Protest am GKN im November 2022. Foto: Karin B\u00fcrkert.\" src=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung02_bu\u0308rkert-500x375.jpg\" alt=\"Abbildung 2: Anti-AKW-Protest am GKN im November 2022. Foto: Karin B\u00fcrkert.\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung02_bu\u0308rkert-500x375.jpg 500w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung02_bu\u0308rkert-300x225.jpg 300w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung02_bu\u0308rkert-768x576.jpg 768w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung02_bu\u0308rkert-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung02_bu\u0308rkert-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1804\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 2: Anti-AKW-Protest am GKN im November 2022. Foto: Karin B\u00fcrkert.<\/p><\/div>\n<p>In der Vergangenheit fanden die Kundgebungen der Protestgruppen und lokalen B\u00fcrgerinitiativen schon h\u00e4ufig auf eben diesem Parkplatz statt, so auch das <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.abschaltfest-in-neckarwestheim-hunderte-atomkraftgegner-feiern-das-ende-von-block-2.ecb8da39-395a-482f-9409-f68bd03e9103.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201e<span style=\"color: #0000ff\">Abschaltfest\u201c<\/span><\/a> am 15. April. An der Schwelle zur Vollendung des Atomausstiegs war diese Veranstaltung \u201evon hoher politischer Bedeutung\u201c f\u00fcr die AKW-Gegner*innen, so ein Presseartikel, der den Zwist \u00fcber die Rahmung der Abschaltung am 15. April zwischen Protestgruppen und EnBW verhandelte. Gestritten wurde, ob es den AKW-Gegner*innen erlaubt sein sollte, f\u00fcr die Kundgebung zur Abschaltung auch Biertische, Bierzelt und Getr\u00e4nkeausschank auf dem Parkplatz aufbauen d\u00fcrfen, um die Abschaltung als \u201egesellschaftliches Ereignis\u201c zu feiern. Ja, sie durften, das Fest fand \u2013 allerdings ohne Getr\u00e4nkeausschank \u2013 auf dem Parkplatz statt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Volksfest oder stilles Gedenken?<\/strong><\/p>\n<p>Die EnBW, so wird der Pressesprecher im Zeitungsartikel zitiert, bezeichnete hingegen \u201eeine Veranstaltung mit Volksfestcharakter zur endg\u00fcltigen Abschaltung von GKN II auf unserem eigenen Gel\u00e4nde \u2013 insbesondere auch mit Blick auf unser Personal sowie das Personal unserer Partnerfirmen \u2013 als inad\u00e4quat\u201c[2].<\/p>\n<p>Es ist nicht nur ein Streit um die Ausgestaltung von Protest, sondern ein Streit um die Deutungshoheit der gesellschaftlichen Sichtweise auf die Stromerzeugung durch Kernkraft. Und damit ist die symbolische Rahmung und Gestaltung des Abschaltdatums auch ein <em>doing history<\/em>. Denn die Ausgestaltung dieses Datums pr\u00e4gt das gesellschaftliche Imaginarium zur Atomkraft. Ist Kernkraft etwas, das wir als \u00fcberkommen, als gef\u00e4hrlich ansehen und endlich von uns weisen k\u00f6nnen und \u00fcber deren Abschaffung wir uns erleichtert, laut und gegebenenfalls auch feuchtfr\u00f6hlich freuen? Oder reflektieren wir im stillen Gedenken \u00fcber die Vor- und Nachteile dieser Energiegewinnungsweise?<\/p>\n<p>F\u00fcr die Atomkraftgegner*innen ist das Abschaltdatum jedenfalls ein historisches Datum und sie d\u00fcrften es zumindest als Etappensieg ihres jahrelang andauernden Protestes sehen. Zu Ende geht der Protest f\u00fcr sie damit jedoch noch lange nicht. Konkret in Neckarwestheim wird die Belastung durch die Atomkraft noch lange ein Thema sein, denn das Zwischenlager der Brennst\u00e4be wird sich noch auf unbestimmte Dauer in einem Erdwall des ehemaligen Steinbruchs auf dem Kraftwerksgel\u00e4nde befinden. Und der lokale Protest wird sich an andere Orte in Europa verlagern, wo in direkter Nachbarschaft zu Deutschland weiterhin Strom durch Kernkraft produziert werden wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Individuelles und kollektives Gedenken<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend des dreisemestrigen <a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/de\/245974\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #0000ff\">Studienprojekts<\/span><\/a>, das ich seit Oktober 2022 leite, erforschen sieben Studierende des Ludwig-Uhland-Instituts f\u00fcr Empirische Kulturwissenschaft die <a href=\"https:\/\/www.neckarwestheim.de\/gemeinde-wirtschaft\/900-jahre-neckarwestheim\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #0000ff\">Gemeinde Neckarwestheim<\/span><\/a>. Im Vordergrund stehen die Transformationsprozesse der letzten 50 Jahre seit Bestehen des Kernkraftwerks. Wie ist der Alltag der Menschen von den Ver\u00e4nderungen gepr\u00e4gt, die diese Jahre mit sich gebracht haben? Machen sie sich bestimmte Entwicklungen als Bausteine ihrer individuellen oder kollektiven Identit\u00e4t zu eigen? Und wie zeigt sich der Einfluss des nahegelegenen Kernkraftwerks \u2013 und vor allem seiner Gewerbesteuer \u2013 auf die Infrastruktur des Wohn- und Arbeitsorts, das Selbst- und Fremdbild der Gemeinde und letztlich das Lebensgef\u00fchl in der Gemeinde? Die Studierenden haben daf\u00fcr mit verschiedenen Menschen unterschiedlichen Alters in Neckarwestheim gesprochen und nahmen bei zentralen Gemeindeereignissen wie der just stattgefundenen 900-Jahr-Feier beobachtend-forschend teil.<\/p>\n<p>Die Forschungen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen und es w\u00e4re verfr\u00fcht, schon klare Ergebnisse festzustellen. Ich m\u00f6chte hier dennoch einige Tendenzen aus unseren Gespr\u00e4chen und Beobachtungen zusammenfassen, die Auskunft \u00fcber Praktiken des doing history in der Gemeinde geben. F\u00fcr die kollektive Erinnerungskultur sind gerade die Veranstaltungen zur 900-Jahr-Feier der Gemeinde Neckarwestheim interessant. Hier springt sofort das Logo des Jubil\u00e4ums ins Auge, das als dritte Ziffer eine als Atom stilisierte Null zeigt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1807\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1807\" class=\"wp-image-1807 size-large\" title=\"Abbildung 3: Logo zum 900-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Gemeinde Neckarwestheim. Quelle: https:\/\/www.neckarwestheim.de\/gemeinde-wirtschaft\/900-jahre-neckarwestheim (13.04.2023).\" src=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung03_bu\u0308rkert-500x254.jpg\" alt=\"Abbildung 3: Logo zum 900-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Gemeinde Neckarwestheim. Quelle: https:\/\/www.neckarwestheim.de\/gemeinde-wirtschaft\/900-jahre-neckarwestheim (13.04.2023).\" width=\"500\" height=\"254\" srcset=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung03_bu\u0308rkert-500x254.jpg 500w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung03_bu\u0308rkert-300x152.jpg 300w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung03_bu\u0308rkert-768x389.jpg 768w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung03_bu\u0308rkert.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><p id=\"caption-attachment-1807\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 3: Logo zum 900-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Gemeinde Neckarwestheim. Quelle: https:\/\/www.neckarwestheim.de\/gemeinde-wirtschaft\/900-jahre-neckarwestheim (13.04.2023).<\/p><\/div>\n<p>Der B\u00fcrgermeister erkl\u00e4rte dazu, dass sich die Gemeinde entschieden habe, offensiv mit ihrer Geschichte als Dorf mit Atomkraftwerk umzugehen \u2013 davon zeugen im \u00dcbrigen auch einige Stra\u00dfennamen im Industriegebiet, die an Kernkraft-Forschende wie Lise Meitner oder Werner Heisenberg erinnern. Die Kernkraft geh\u00f6re nun mal zur \u201eGemeinde-DNA\u201c erkl\u00e4rte er mehrfach \u2013 nicht nur uns, sondern auch der Presse. Dass diese DNA aber nicht von allen auf gleiche Weise verinnerlicht und konsequent nach au\u00dfen getragen wird, zeigt sich mit Blick auf das ganzj\u00e4hrig andauernde Jubil\u00e4umsprogramm mit vielen verschiedenen Veranstaltungen und Festen, in dem das Kernkraftwerk bis auf ein paar Seiten im Jahreskalender, nicht weiter thematisiert wird. Die Repr\u00e4sentation des Kernkraftwerks im kollektiven Ged\u00e4chtnis ist sehr ambivalent: Auf symbolischer Ebene gibt es ein Bekenntnis, die kommunikative Ebene bleibt widerspr\u00fcchlich und zur\u00fcckhaltend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zwischen Erleichterung und Wehmut<\/strong><\/p>\n<p>Eine offene Debattenkultur oder gar ein kollektiv performiertes Gedenken, das \u00fcber ein symbolisches Bekenntnis hinausgeht, konnten wir in Neckarwestheim bisher nicht feststellen. Insgesamt \u00fcberwiegt ein stilles und individuelles Reflektieren \u00fcber das GKN und seine Folgen \u2013 verpflichtet durch den sozialen Vertrag einer funktionierenden Dorfgemeinschaft, die sich gegen laute Grabenk\u00e4mpfe zum F\u00fcr und Wider der Kernkraft entschieden hat. Schlie\u00dflich profitierten viele von der Ansiedlung des Energiebetreibers, sei es direkt aus Einnahmen durch Grundst\u00fcckverk\u00e4ufe oder indirekt durch die vielen infrastrukturellen Annehmlichkeiten, die die erh\u00f6hte Gewerbesteuer oder jahrelang erm\u00e4\u00dfigte Strompreise mit sich brachten. Viele Mitarbeiter*innen des Kernkraftwerks zogen in das Dorf, so dass h\u00e4ufig die Aussage kam: Wie kann ich etwas offen kritisieren, von dem mein Nachbar lebt? Kurz: Die Auseinandersetzung mit dem Kernkraftwerk und seinen Folgen in der Gemeinde ist kollektiv wie individuell von einer diskursiven Zur\u00fcckhaltung gepr\u00e4gt, die Ambivalenz und Unsicherheit ausdr\u00fcckt. Immer wieder h\u00f6ren wir in Gruppen- und Einzelgespr\u00e4chen, dass unsere Forschung zum ersten Mal seit Jahren ein offenes Reflektieren \u00fcber das F\u00fcr und Wider der Kernkraft ansto\u00dfe. Dabei schwanken die F\u00fcrsprecher der Kernkraft zwischen wissensges\u00e4ttigten Expertenvortr\u00e4gen zur Sicherheit und Sauberkeit von (deutschen) Kernkraftwerken und einem Ausblenden, ja Verdr\u00e4ngen der potenziellen Gefahr. Diejenigen, die \u00fcber die Abschaltung erleichtert sind, erz\u00e4hlen vorsichtig von \u00c4ngsten im Zusammenhang mit Tschernobyl, Fukushima und dem aktuellen Krieg als Szenarien die eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr die eigene Heimat bieten, aber auch hier half das Ausblenden der Gefahren und ein grunds\u00e4tzliches Vertrauen in die Sicherheitsarchitektur des Kernkraftwerks, dessen Mitarbeiter man schlie\u00dflich kenne und denen man vertraue. Diese Narrative der Ambivalenz erz\u00e4hlen viel von der spezifischen Sozialit\u00e4t und Zwischenmenschlichkeit im Dorfleben: Das soziale Miteinander, beispielweise die Zusammenarbeit im Gemeinderat oder im Verein schafft Vertrauen und hat Priorit\u00e4t vor der Aushandlung kontroverser Ansichten \u00fcber die Kernkraft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lokale Aushandlungsprozesse<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn im Umland h\u00e4ufig \u00fcber die Neckarwestheimer B\u00fcrger*innen pauschal zu h\u00f6ren ist, sie h\u00e4tten sich von den Gewerbesteuern \u201ekaufen lassen\u201c, gibt es neben vielen \u00fcberzeugten Kernkraftbef\u00fcrworter*innen auch Menschen im Dorf, die die Abschaltung begr\u00fc\u00dften und mit \u00c4ngsten und Sorgen auf das Zwischenlager blicken. Aber dieses F\u00fcr und Wider wird im d\u00f6rflichen Alltag selten und eher informell verhandelt. Beispielsweise in der WhatsApp-Gruppe der \u201eWalking-Frauen\u201c \u2013 einer Gruppe von Frauen, die sich w\u00f6chentlich zum Walking trifft und sich dort nebenbei zu den Auswirkungen der Laufzeitverl\u00e4ngerung oder Bef\u00fcrchtungen zum Verbleib der zwischengelagerten Brennst\u00e4be austauscht. Reflektiert und verarbeitet wird die Situation auch anhand von privaten Fotografien, wenn auf Wanderungen noch einmal die Dampfwolke fotografiert wird, die im Lauf der Zeit f\u00fcr Viele ein Wahrzeichen von Neckarwestheim wurde und deren Verschwinden einige B\u00fcrger*innen deshalb auch mit Wehmut entgegenblicken. Die vielf\u00e4ltigen Erinnerungen, die uns von den letzten 50 Jahren mit dem Kernkraftwerk erz\u00e4hlt wurden \u2013 zwischen Wehmut, Stolz, Arrangements und Resignation zeugen sie von unterschiedlichen Sicht- und Umgangsweisen mit dem Umstand in einem \u201eAtomdorf\u201c zu wohnen. Sie sind gegenw\u00e4rtig weder f\u00fcr uns und noch weniger von den Menschen vor Ort klar eingeordnet und mit einer Bedeutung aufgeladen, die zu einer kollektiven Erinnerungskultur f\u00fchren k\u00f6nnte. Hier stellt sich auch die Frage: Welche Kulturtechniken des Erinnerns braucht es, um ein kollektives Gedenken und damit auch eine Verarbeitung und Einordnung der Vergangenheit als Atomdorf zu bewirken?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein St\u00fcck K\u00fchlturm zur Erinnerung?<\/strong><\/p>\n<p>In Philippsburg beispielsweise gab die EnBW nach dem Abbruch des K\u00fchlturms Mauersteine an die B\u00fcrger*innen heraus, die diese als Erinnerungsst\u00fccke \u2013 \u00e4hnlich der Mauerbruchst\u00fccke der Berliner Mauer \u2013 mit nach Hause nehmen konnten.<\/p>\n<div id=\"attachment_1810\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1810\" class=\"wp-image-1810 size-large\" title=\"Abbildung 4: Ein St\u00fcck K\u00fchlturm zur Erinnerung: Foto: EnBW; Quelle: \u201eAKW-Reste: 600 Menschen haben sich Erinnerungsst\u00fccke der Philippsburger K\u00fchlt\u00fcrme gesichert\u201c, Artikel vom 14.07.2020 von Christina Z\u00e4pfel, Badische Neueste Nachrichten.\" src=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung04_bu\u0308rkert-500x281.jpg\" alt=\"Abbildung 4: Ein St\u00fcck K\u00fchlturm zur Erinnerung: Foto: EnBW; Quelle: \u201eAKW-Reste: 600 Menschen haben sich Erinnerungsst\u00fccke der Philippsburger K\u00fchlt\u00fcrme gesichert\u201c, Artikel vom 14.07.2020 von Christina Z\u00e4pfel, Badische Neueste Nachrichten.\" width=\"500\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung04_bu\u0308rkert-500x281.jpg 500w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung04_bu\u0308rkert-300x169.jpg 300w, https:\/\/doingph.hypotheses.org\/files\/2023\/05\/Abbildung04_bu\u0308rkert.jpg 605w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><p id=\"caption-attachment-1810\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 4: Ein St\u00fcck K\u00fchlturm zur Erinnerung: Foto: EnBW; Quelle: \u201eAKW-Reste: 600 Menschen haben sich Erinnerungsst\u00fccke der Philippsburger K\u00fchlt\u00fcrme gesichert\u201c, Artikel vom 14.07.2020 von Christina Z\u00e4pfel, Badische Neueste Nachrichten.<\/p><\/div>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/bnn.de\/kraichgau\/bruchsal\/akw-reste-600-menschen-haben-sich-erinnerungsstuecke-der-philippsburger-kuehltuerme-gesichert\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #0000ff\">Bruchst\u00fccke aus dem K\u00fchlturm<\/span><\/a> waren damals sehr schnell vergriffen. Erinnerung, so scheint also \u2013 und sei es auch nur eine nostalgische Reminiszenz \u2013 ist doch erw\u00fcnscht und ben\u00f6tigt. Immer wieder werden auch Vorschl\u00e4ge laut, einige Kernkraftwerke in Deutschland\u00a0 als Denkm\u00e4ler der Industriekultur zu erhalten und dort Bildungsorte zur Reflexion \u00fcber gute Energiegewinnung einzurichten.[3]<\/p>\n<p>Es bleibt abzuwarten, welche Form von Erinnerung in Neckarwestheim entstehen wird, ob und wie die \u201eGemeinde-DNA\u201c irgendwann in Formen eines kollektiven Ged\u00e4chtnisses \u00fcbergeht. Unklar bleibt auch, wie die EnBW und ihre Mitarbeiter*innen mit dem R\u00fcckbau ihres Produktionsortes umgehen, wie und ob sie das Ende der Stromproduktion kulturell rahmen. Die EnBW m\u00f6chte uns hierzu bislang noch keine Auskunft geben. Ganz klar ist jedenfalls laut Presseartikel: Ein Fest mit Bierzelt hat es am 15. April f\u00fcr sie nicht gegeben. Und allein das sagt schon einiges aus. Was genau, das wollen wir in den n\u00e4chsten Monaten in unserem Projekt noch n\u00e4her beforschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>Karin B\u00fcrkert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>[1] So titelte beispielsweise die <em>Ludwigsburger Kreiszeitung<\/em> vom 16.04.2023.<\/p>\n<p>[2] Dieses und die vorangegangenen Zitate entstammen dem Artikel \u201eEnergiekonzern will kein Volksfest zum GKN-Abschied\u201c vom 08.04.2023 aus der <em>Heilbronner Stimme<\/em>.<\/p>\n<p>[3] Stefan Rettich, Jahnke Rentrop (Hg.): Nach der Kernkraft. Konversionen des Atomzeitalters. Berlin 2023.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kernkraftwerk Neckarwestheim wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren als ein sogenanntes Gemeinschaftskraftwerk (GKN) urspr\u00fcnglich von drei verschiedenen Unternehmen (Neckarwerke, Technische Werke der Stadt Stuttgart und Portland-Cement-Werk \u2013 heute ist der Betreiber die EnBW)&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":42584,"featured_media":1804,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_license":"","publish_to_discourse":"0","publish_post_category":"0","wpdc_auto_publish_overridden":"","wpdc_topic_tags":"","wpdc_pin_topic":"","wpdc_pin_until":"","discourse_post_id":"","discourse_permalink":"","wpdc_publishing_response":"","wpdc_publishing_error":"","footnotes":""},"categories":[109,32],"tags":[5,103,31,6],"ppma_author":[141],"class_list":["post-1815","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erinnerungskultur","category-kulturerbe","tag-doing-history","tag-erinnerung","tag-kulturerbe","tag-kulturwissenschaften"],"authors":[{"term_id":141,"user_id":42584,"is_guest":0,"slug":"stefaniesamida","display_name":"Gastautor\/in","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/2c607b82f9cd69cfed0a76d78d379ec7696e4e13c3c433a89577c450fd5be5a2?s=96&d=blank&r=g","1":"","2":"","3":"","4":"","5":"","6":"","7":"","8":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42584"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1815"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1815\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1822,"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1815\/revisions\/1822"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1815"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/doingph.hypotheses.org\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=1815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}