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Raffael, Superstar?! Ein Künstler zwischen Fleischextrakt und Wissensdurst, oder: Marketing, Sammelbilder und Kunstgeschichte um 1900

Wie berühmt ist Raffael?

Wer heute andere Menschen nach den berühmtesten Künstler:innen fragt, die sie kennen, bekommt vermutlich als Antwort Pablo Picasso, Leonardo da Vinci oder Vincent van Gogh. Ein Name, der deutlich seltener fällt, ist Raffaello Sanzio da Urbino, kurz Raffael (1483–1520). Auf dem Artlia-Kunstblog Wandbilder Digest schafft er es zumindest noch unter die Top 20 – wenn auch nur knapp, nämlich auf Platz 19. Bis ca. 1900 sah das allerdings ganz anders aus. Seine Werke gehörten bis dahin zu den meistreproduzierten Arbeiten der europäischen Kunstgeschichte; für Kunstschaffende im 19. Jahrhunderts galt er als ‚Leitstern‘ und war auch über Kunstkreise hinaus wohlbekannt. Das belegen zum Beispiel diese sechs Sammelbildchen der Firma Liebig. Die Serie stammt aus dem Jahr 1905 und ist im für Liebigbilder bis heute einschlägigen Serienverzeichnis nach Sanguinetti mit der Nummer 836 gelistet. Sie zeigen Schlüsselszenen aus dem Leben Raffaels von seiner frühen Kindheit bis zum Tod, die durch die Beschriftung auf der Vorderseite ausgewiesen werden. In der Auswahl der Szenen vermischen sich Legenden und historische Ereignisse, reale und fiktive Personen treffen aufeinander und seine Gemälde werden direkt oder indirekt zitiert. Doch wie schafften es Raffael und seine Werke von so illustren Orten wie dem Louvre ausgerechnet auf einen Massenartikel wie Sammelbildchen?

Liebigserie mit sechs Szenen aus dem Leben Raffaels von Urbino, Serie Nr. 836 (Sanguinetti), 1905, Chromolithografie, Privatbesitz, Foto: Klara von Lindern.

Liebigserie mit sechs Szenen aus dem Leben Raffaels von Urbino, Serie Nr. 836 (Sanguinetti), 1905, Chromolithografie, Privatbesitz, Foto: Klara von Lindern.

 

Sammelbilder – die ganze Welt im Kleinformat?

Tatsächlich erscheint diese Frage vor dem historischen Hintergrund weniger verwunderlich: Liebigbilder erfreuten sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert großer Beliebtheit.[1] Die namensgebende Firma Liebig gab die Sammelbildchen ab den 1870er Jahren ihrem Fleischextrakt – ein pastenförmiges Konzentrat aus stark eingekochtem, fettarmem Rindfleisch, das als Geschmacksträger für Suppen oder Saucen dient – gratis bei. Diese Praxis wurde in unterschiedlichen europäischen Ländern verfolgt, sodass die Serien häufig in verschiedenen Sprachen vorlagen. Schnell entwickelte sich bei Groß und Klein ein regelrechtes Sammelfieber – was als kongenialer Marketingtrick zunächst Kinder animieren sollte, ihre Eltern zum (Wieder-)Kauf zu bewegen und so zugleich Kunden (wieder) zu gewinnen, entpuppte sich auch als beliebter Zeitvertreib für die Erwachsenen. Nicht nur gab es eigene Sammelalben, in die die Kärtchen einsortiert werden konnten, sondern es entstanden auch eigene Vereine, Zeitschriften und in Hamburg eröffnete sogar ein „Liebig-Bilder-Special-Geschäft“.[2]

Insgesamt sind ca. 1850 internationale Serien mit 11.000 Bildern erschienen, die von Zoologie, Botanik, Geschichte über Geografie bis Kunst zahlreiche, im damaligen Europa relevante Themen abbildeten – darunter eben auch Raffael als zentral(st)e Figur im Kanon der Kunstgeschichte. Damit entsprechen die Liebigbilder dem imperialistisch-hegemonialen Zeitgeist der ganzen Welt an einem Ort geordnet nach europäischem Maßstab, der auch die Weltausstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts prägte.

 

Viel zitiert, oft kopiert – Raffaelrezeption im Lauf der Jahrhunderte

Wissensvermittlung to go, könnte man also sagen – die Liebigbilder sind ein paradigmatisches Beispiel für Public History und Geschichtsdarstellung um 1900. Die Betrachtenden lernten eine historische Figur der italienischen Renaissance kennen und tauchten ein in eine Blütezeit der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte. Geprägt sind die Darstellungen insbesondere von der Raffael-Rezeption des 19. Jahrhunderts, die die seit Lebzeiten anhaltende Bewunderung für ihn und seine Werke zunächst in eine quasi-religiöse Verehrung überführte. Das zeigt sich in unterschiedlichen literarischen künstlerischen Zeugnissen, in denen Raffael zur Assoziationsfigur, zum Lehrmeister und zum Vorbild wurde. Im Zeichen einer wiedereinsetzenden Hinwendung zum Katholizismus gerieten weltliche Züge des Künstlers zugunsten eines christlich-heilsgeschichtlichen Fokus‘ in den Hintergrund. Beispielsweise wurde sein Tod am Karfreitag im Zusammenhang mit seinem letzten Gemälde – ausgerechnet der Transfiguration Christi – als Zeichen seiner Nähe zu Gott gedeutet. Der Wunsch nach menschlicher Nähe zum Idol Raffael wiederum zeigt sich – im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts dann zunehmend – in Einzelwerken oder Serien, die sich Erzählungen seines Lebens widmen. Beispiele dafür sind die 1816 und 1833 erschienenen Grafikfolgen der Brüder Riepenhausen zur Vita Raffaels.[3]

Einen Einblick in das enorme Ausmaß an künstlerischen Auseinandersetzungen mit Raffael und seinem Œuvre, die im Rahmen dieser jahrhundertelang andauernden Bildrezeption entstanden, gibt beispielsweise das digitale Raffael-Album der Hamburger Kunsthalle.

 

Ohne Fleiß kein Preis? Raffaels Ruhm zwischen Beruf und Berufung

Die Liebigserie knüpft ikonografisch und stilistisch an diese Vorbilder an, verzichtet interessanterweise jedoch gänzlich auf religiös überhöhte Szenen und rückt demgegenüber kunsthistorische Referenzen und weltliche Anekdoten in den Vordergrund. Beispielsweise haben auf den Kärtchen abgebildete Modelle, Skizzen oder Gemälde real existierende Pendants im Œuvre des Künstlers, während das Sujet der Genese der Madonna della Sedia auf einem Fass (Abb. 1, Bild Nr. 4) eine frei erfundene, im 19. Jahrhundert beliebte weltliche (Bild-)Erzählung ist. Die hier präsentierte Biografie Raffaels führt seinen Erfolg auf Ausbildung, Arbeit und Fleiß zurück, nicht auf göttliche Berufung. Eine didaktische Perspektive im Zeichen von Arbeitsmoral, die sich insbesondere an die Kinder richtete? Möglich – in jedem Fall kamen aber auch Erwachsene auf unterschiedliche Weise auf ihre Kosten, sei es durch das Moment des Sammelns, durch die unterhaltsam und anschaulich präsentierte Darstellung oder durch das Wiedererkennen der dargestellten Werke.

Rückseite zur Liebigserie mit sechs Szenen aus dem Leben Raffaels von Urbino, Serie Nr. 836 (Sanguinetti), Bild Nr. 4: „Raphael zeichnet auf der Straße den ersten Entwurf zu seiner Madonna della Sedia – 1509“, 1905, Chromolithografie, Privatbesitz, Foto: Klara von Lindern.

Rückseite zur Liebigserie mit sechs Szenen aus dem Leben Raffaels von Urbino, Serie Nr. 836 (Sanguinetti), Bild Nr. 4: „Raphael zeichnet auf der Straße den ersten Entwurf zu seiner Madonna della Sedia – 1509“, 1905, Chromolithografie, Privatbesitz, Foto: Klara von Lindern.

 

Extrahiertes Wissen – Liebigbilder als dichtes Medium der Wissens(re-)produktion

Immer mit dabei in Text und Bild ist selbstverständlich der Fleischextrakt – subtiler im Rahmenbereich auf der Vorderseite und prominenter, mit Unterschrift des Firmengründers Justus von Liebig quer über die ganze Rückseite. Das Unternehmen steht damit nicht nur mit seinem Namen für die Korrektheit des gesamten, in den kleinen Kärtchen gebündelten, verdichteten – extrahierten! – Wissens. Zugleich verbürgt es sich auch für die Echtheit der Sammelbilder, die aufgrund der großen Beliebtheit zunehmend auch von anderen Unternehmen verbreitet wurden. Liebig setzte sich durch das Beibehalten des aufwändigen Chromolithografieverfahrens bis in die 1940er Jahre von der Konkurrenz ab und bezeugte die Qualität der eigenen Produkte auch in dieser Hinsicht mit der Unterschrift.

Was in diesem Beitrag bestenfalls angerissen werden konnte, verdeutlicht die Fülle an unterschiedlichen Wissensbeständen, die sich in den Sammelbildchen verdichten – ein Auflösen dieses reichhaltigen Extraktes unter Beigabe verschiedenster Forschungsfragen lohnt sich ganz sicher (nicht nur) im Zeichen von Public History und Geschichtsdarstellung!

Klara von Lindern (Univesität Oldenburg)

 

Anmerkungen

[1] Sammelbilder rückten seit den 1980er Jahren zunehmend auch in den Fokus kulturwissenschaftlicher Forschung (siehe dazu weiterführende Literaturtipps am Ende des Beitrags).

[2] Köck, Christoph/Weyhers, Dorle: Die Eroberung der Welt. Sammelbilder vermitteln Zeitbilder, Detmold 1992, S. 18.

[3] Zur Raffaelrezeption im 19. Jahrhundert siehe: Stolzenburg, Andreas: „Ah, siehe da! Unser Ruhm und unsere Freude; hier naht ein Unsterblicher!“ Zum Raffael-Kult des 19. Jahrhunderts, in: Ders./Klemm, David (Hg.): Raffael. Wirkung eines Genies, Petersberg 2021, S. 47–96.

 

Weiterführende Literatur zu Sammelbildern:

Blume, Judith: Wissen und Konsum: eine Geschichte des Sammelbildalbums 1860-1952, Göttingen 2019.

Epple, Angelika: Das Unternehmen Stollwerck: eine Mikrogeschichte der Globalisierung, Frankfurt 2010.

Kalka, Joachim: Gaslicht: Sammelbilder aus dem 19. Jahrhundert, Berlin 2013.

Klattenhoff, Klaus: Teeblättchen trifft Robinson: Onno Behrends Sammelbilder für Weltentdecker, Oldenburg 2012.

Köck, Christoph/Weyers, Dorle: Die Eroberung der Welt. Sammelbilder vermitteln Zeitbilder, Detmold 1992.

Lorenz, Detlef: Fleischextrakt und große Oper: die Reklame-Sammelbilder der Liebig-Gesellschaft zu Oper, Operette und Ballett, Berlin 1992.

Lorenz, Detlef: Liebigbilder: Große Welt im Kleinformat, Berlin 1980.

Mielke, Heinz-Peter: Vom Bilderbuch des kleinen Mannes: über Sammelmarken, Sammelbilder und Sammelalben, Köln 1982.

Schweer, Henning: Popularisierung und Zirkulation von Wissen, Wissenschaft und Technik in visuellen Massenmedien: eine grundlegende historische Studie am Beispiel der Sammelbilder der Liebig-Company und der Stollwerck AG, Hamburg 2010.

Weisser, Michael: Cigaretten-Reklame: über die Kunst blauen Dunst zu verkaufen; die Geschichte der Zigarette, ihrer Industrie und ihrer Werbung, München 1985.

 


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Klara von Lindern (24. März 2026). Raffael, Superstar?! Ein Künstler zwischen Fleischextrakt und Wissensdurst, oder: Marketing, Sammelbilder und Kunstgeschichte um 1900. doing | public | history. Abgerufen am 4. April 2026 von https://doi.org/10.58079/15xnf


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