
Naturkitsch. Stadtpark Lichtenberg, Rummelsburger Bucht, Spiegelungen, ganz schlimm.

Noch vor den kalten Nächten – ich glaube es waren zwei – nutzte ich die Gelegenheit, frisches Tannenreisig zur Abdeckung meiner Rosengewächse im Schrebergarten zu sammeln. Praktischerweise lag es direkt beim Kofferraum meines schönen BMWs. Heckenschere und Plastikmüllsack hab ich eh immer dabei. Ich habe auch einen roten Schirm, er hat einen Aufdruck von Buffett- und Partyservice Metzgerei Häussler. Schön ists in Berlin.

Eigentlich wollte ich Vogelnester knipsen. Es gibt viele hier, und man sieht sie gerade gut in den kahlen Straßenbäumen. Was wächst da überhaupt? Aber jetzt schaue ich schon wieder fast nur noch auf den Boden. Pfützen kommen eigentlich meistens gut. Hier die neugebaute Zentrale des BND, Berlin-Mitte.

Sie waren bei mir im Garten. Mindestens zweimal. Sie haben das Gras aufgewühlt, nicht tief. Vielleicht kleine Schweine? Groß genug, das halbmeterhohe Zaunblech zu überwinden. Was suchen sie da? Morcheln, Trüffel? Gefällt es ihnen in meinem Garten?

Das erst Mal im Jahr die Wiese zu mähen, ist das härteste Mal. Es ist immer zu früh dafür. Aber es soll sein. Bei meinem elekrischen Rasenmäher fiel mehrfach ein Hinterrad ab, weil das Gras schon zu fett da stand. Die Scilla haben sich noch nicht zuckgezogen, das Wiesenschaumkraut war gar nicht da, um die Vergissmeinnichthorste kurve ich herum.
(Berliner Bärlaich im Plänterwald, leider stürzt die Seite dauernd ab, wenn ich die Bu machen will.)
Seit fast zehn Jahren habe ich einen Schrebergarten. Oft frage ich mich, wie ich das. Leben sonst ertragen hätte. Nicht, dass ich Grund zu klagen gehabt hätte, im Gegenteil, aber als notorischer Giftschleuder liegt mir das Meckern einfach mehr. Hier nun sollen kleine Geschichten und Beobachtungen aus dem Gartenleben stehen, und weil das Interesse für die Natur bei mir mit dem Altern zunimmt, geht es auch daum. Im Garten kann man das eigene Altern, den,Verfall und das Humuswerden sehr anschaulich lernen.
Transformationen von Mensch, Echsen und Vogel. Der Sepik ist ein Fluß in Papua Neuguinea, der 1912 von einer Berliner Expedition „erforscht“ wurde. Getauscht wurden Eisenwerkzeuge, rohe simple Macheten, Nägel und Messer gegen die Heiligtümer der Ahnengläubigen. Manche Fetische, Masken und Skulpturen sind so bedeutungsgeladen, dass Frauen sie nicht sehen dürfen. wieso wir hier im Museum dann? Ist es nur ein dekoriertes Stück Holz, oder haben die Objekte noch die Zauberkraft der Ahnen und Götter?
Lieber Frühling, das war ja bisher nichts. Drei lauwarme Tage, nicht mal das Gras ist gewachsen. Die Forsythien sind in Habachtstellung, jeden Moment wollen sie ihre kurze giftgelbe Pracht zeigen, dann ist wohl Zeit die Rosen zu schneiden. Aber nun, Krokusse und Osterglocken zusammen! Der Bärlauch nutzt die Gunst der einsamen Stunde, auch der Schnittlauch tut angeberisch, die Brennesseln strecken ihre tölpelig dickstieligen Fühler mit kleinen Blattrosetten und Wurzelbeinchen ins Beet aus, und der Giersch, natürlich, der ist auch schon da, um mir die Zeit zu vertreiben mit seinen weißlichen Wurzeltrhizomen. Um mich einzustimmen aufs morden und schlachten, sammel ich ein Dutzend apartgrauschwarzgemusterter Nachtschnecken samt Nachwuchsgelege ein und stopf sie zum Gierschgemüse in den Plastiksack. Zu und weit weg damit.
Echt gemein! Niemand mag den Maulwurf. (und sogar ich hab gerade aus versehen mailwurf geschrieben). Er ist der Feind aller Rasenfetischisten, die Internetforen sind voll von Ratschlägen zu Vertreibung, Mord und Folter durch Geräuschterror mittels windbetriebener Flaschenorgeln oder solarbetriebener Ultraschalltöner, es gibt Tipps zu Gestanksschikanen durch „Vergrämungsmittel“ wie Knoblauchbrühe, Fischköppe, Menschenhaare, Petroleum oder Buttersäure, bis zu martialischen Tötungsideen wie dem Ersäufen mit dem Gartenschlauch, Vergiften durch chemische Kampfstoffe, primitive Schnappfallen oder Anleitungen zum Häuserkampf mit Sprengstoffen. Das meiste ist übrigens hierzulande verboten, der Maulwurf steht unter Naturschutz. Dabei tut er niemandem was zuleide – außer den Ästhetikpuristen und den Regenwürmern, denen er zwecks Vorratshaltung den Kopf abbeißt, damit sie nicht abhauen können und trotzdem frisch lebendig bleiben. Der Insektenfresser knabbert keine Wurzeln und Zwiebeln an, er buddelt seine bescheidene Behausung und püriert dabei den Boden aufs Nützlichste. Er haust im Untergrund, hört das Gras wachsen und die Rhizome sich vernetzen, ist unscheinbar wie ein Agent, der selbstgenügsam und im Stillen wühlt. Eigentlich wär er auch ein prima Namenspatron für einen Journalistenpreis. Statt das handgroße Tierchen so brutal zu bekämpfen, sollte man sich lieber freuen, dass es sich Zuhause fühlt und seine Erdhügel als dekorative Zeichen lesen, unser Naturverständnis neu zu justieren.
GUCKT MAL IN DEN HIMMEL
Wie gut, dass ich da nicht drinsitze! Früher lösten Flugzeuge am Himmel bei mir Fernweh aus. Meine Laubenvorbesitzerin hinterließ ein recht zerfleddertes DDR-Buch mit Bildchen internationaler Flugzeugtypen. Für die alte Dame müssen die im Tiefflug nach Tegel donnernden oder in unerreichbare Fernen abhebenden Flugzeuge noch ganz andere Sehnsüchte geweckt haben. Wenn ich die zu Start oder Landung ansetzenden Düsentriebmonster überhaupt noch bemerke, dann nehme ich sie als Aufforderung, mal nach oben in den Himmel zu gucken. Ein Anlass, Knie und Kreuz zu strecken, Kopf in den Nacken zu biegen, den Rücken durchzudrücken, bis es knackst. Kein Mensch nutzt ja diese rückenschonend langstieligen Werkzeuge. Buddeln ist nur schön, wenn man sich krumm und dreckig macht. Schrebergärten liegen an Bahntrassen, an Böschungen zu Schnellstraßen oder, wie bei uns, in der Einflugschneise. Eben da, wo es zum dauerhaften Wohnen nicht so toll wär. Was stadtplanerisch Sinn macht, oder mit gutem Grund so gewachsen ist, hat auch etwas Dialektisches: Wo wir Gärtner uns erden, läuft der Fernverkehr vorbei. Wo wir kurzsichtig wie Grottenolme im Untergrund wühlen und wurzeln, da heben andere ab und lassen alle Erdenschwere hinter sich. Wir genießen das Gegenteil, aber der gelegentliche Blick in den Himmel tut nicht nur dem Rücken wohl, er weitet immer wieder auch das Herz. Für das Glück zu sein – im Hier und im Fort.