
Ich überlege jetzt schon sehr lange, wie ich meine Gedanken zu diesem Buch in Worte fasse. Wie so oft bei Krimis – und ja, auch die Frage, ob es wirklich ein Krimi ist, steht wieder im Raum – aus dem Argument Verlag bin ich, um mein Fazit mal vorwegzunehmen, restlos begeistert und fürchte, nicht die richtigen Worte zu finden, um eben dies auszudrücken.
Irgendwie wusste ich zwar vor der Lektüre, dass es um eine Geschichte geht, die Verbindung zur jüngeren Steinzeit hat, doch war ich überrascht, dass es eigentlich eher umgekehrt ist: Denn nur die zwei einleitenden Kapitel, in denen eine Höhle mit paläontologischen Funden beim Aushub eines nicht genehmigten Swimming Pools zu Tage tritt, sowie dazwischen gestreute Auszüge aus dem Vortrag der forschenden Paläontologin spielen im Hier und Jetzt, während die eigentliche Geschichte tatsächlich vollständig vor 35.000 Jahren stattfindet. Der Aufhänger ist aber die Höhle, welche viele verschiedene Abdrücke von Frauenhänden enthält, bei denen Fingerglieder fehlen, aber auch die Knochen einer Frau und eines Mannes. Sehr deutlich lässt sich sagen, dass der Mann keines natürlichen Todes gestorben ist. Und et voila – hier haben wir vielleicht den ersten Kriminalfall der Geschichte der Menschheit.
Zuerst hatte ich hier nun ganz viel vom Inhalt, um auch zu verdeutlichen, worum es in der Geschichte geht, doch eigentlich will ich gar nicht so viel verraten, also nur ganz kurz. Die Protagonistin ist Oli, eine junge Frau, die mit ihrer Sippe vor 35.000 Jahre lebt. Nach Regeln, die schon immer so waren und mit Sturheit festgehalten werden, mal auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Oli rebelliert gegen diese Regeln, ganz einfach weil sie es kann. Sie ist eine sehr gute Jägerin, oft besser als so mancher Mann, und darf trotzdem nicht jagen. Denn – das ist Aufgabe der Männer.
„Die Linie ist der Mann, die Frau ist der Kreis.“ (u. a. S. 27)
Nicht nur Olis Unzufriedenheit mit der Situation und ihr Aufbegehren ändern die Situation. Hinzu kommt das Aufeinandertreffen der Homo Sapiens und der Homo Neadertalensis, eine technische Neuerung, die Olis Schwester Wilma macht und viele weitere kleine und größere Entdeckungen, die den Lauf der Geschichte ändern.
Dass Hannelore Cayre verdammt gute Geschichten schreiben kann, hat sie u. a. schon mit „Die Alte“ (2019, Argument Verlag) und „Reichtum verpflichtet“ (2021, Argument Verlag) mehr als verdeutlicht, doch nun packt sie mit „Finger ab“ wieder ein ganz anderes Thema auf. Neben der Frage, ob in dieser Höhle wirklich der erste Tatort der Geschichte der Menschheit zu finden ist und den Erlebnissen von Oli, zwingt einen das Buch ganz unweigerlich, sich darüber Gedanken zu machen, inwieweit man Forschungsergebnissen der Paläontologie eigentlich trauen kann. Viele Forschungsgebiete waren und sind immer noch geprägt von männlichen Forschern und deren Perspektiven. Ganz unbestritten hat die Autorin einige Recherche in das Buch gelegt, doch natürlich ist es immer noch ein Roman. Das Buch liefert keine Antworten oder neue Forschungsergebnisse, sondern eine mögliche fiktionale Interpretation und bietet Denkanstöße. Gerade bei Forschungsergebnissen, die auf doch recht wenigen Funden von vor über 35000 Jahren basieren, kann man eben schon mal die Frage aufwerfen, ob bzw. inwieweit die Kenntnisse gesichert sind und ob sie nicht auch anders interpretiert werden könnten. Und so liebe ich meine Lektüren – spannend, unterhaltsam und neugierig machend.
Fazit:
Hannelore Cayre ist ein Rundum-Paket gelungen: ein spannender Krimi, vielleicht mit dem ersten Tatort der Menschheitsgeschichte, abenteuerliche Erlebnisse von Oli in der jüngeren Steinzeit und ein feministischer Ar***tritt in Richtung der paläontologischen Forschung. Absolut empfehlenswert – dieses Buch gehört unbedingt gelesen!









