Was macht eine mittelalterliche Wehrkirche aus? Was unterscheidet sie von einer normalen Dorfkirche oder einer Burg? Und wie genau passt Dracula ins Bild? In seiner Präsentation “GIS vs. Nationalism: A Spatial Study of Medieval Fortified Churches” griff unser Gastdozent Liam Downs-Tepper einige interessante Aspekte über die geographischen sowie politischen Gegebenheiten rumänischer Wehrkirchen in der Zeit des 11. bis 15. Jahrhunderts auf. Nicht nur architektonische und geographische Faktoren wurden erläutert: Auch der bis heute allgemein bekannte rumänische Herrscher Vlad Tepes, besser bekannt unter dem Namen Dracula, spielt nicht nur in der medienkulturwissenschaftlichen Geschichte, sondern auch in Rumäniens nationaler Geschichte bis heute eine zentrale Rolle in der politischen Prägung und Entwicklung des Landes.
Wehrkirchen
Um dem Aufbau von Downs-Teppers Präsentation treu zu bleiben, wird die Frage nach dem blutrünstigen Herrscher Rumäniens erst später wieder aufgegriffen. Zunächst stellt sich uns als Medienkulturwissenschaftler und Medienkulturwissenschaftlerin ohnehin die Frage: Was sind Wehrkirchen? Der in der Präsentation verwendete englische Fachbegriff “fortified church” gibt etwas mehr Aufschluss als der deutsche. Es handelt sich um eine Verbindung aus Kirche und Festung. Hierfür wurden Kirchen entweder im Nachhinein besser befestigt und ver-burgt oder von vornherein mit der Intention einer Wehrkirche errichtet. Obwohl diese Gebäude des Glaubens im Gegensatz zu solch kriegerischen Anlagen wie Burgen stehen, hatten sie einen wichtigen Vorteil, nämlich ihren Kirchturm. Dieser bildete Anfang bis Mitte des letzten Jahrtausends den höchsten Punkt vieler Dörfer und eignete sich somit sehr gut als Wachturm. Eine Absicherung des umliegenden Gebiets durch vier bis sieben Meter dicke Mauern war ebenfalls nötig, um sich vor potenziellen Angreifern schützen zu können. Letztlich war der Aufbau dem einer Festung abgesehen von einem Aspekt sehr ähnlich: Ein ehemals immer offenes Gotteshaus wurde nun zum Zentrum einer verschlossenen Burganlage.
Wehrkirchen entstanden nicht ohne Grund: Innerhalb der Mauern lebten nicht nur Ritter, sondern aus Sicherheitsgründen auch viele der Dorfbewohner:innen. Eine Vielzahl dieser Bauwerke lässt sich an den Grenzen zu anderen Ländern finden, da hier Angriffe feindlich gesinnter Gruppen nicht unüblich waren. Im Falle Rumäniens waren dies u.a. die Mongolen und Osmanen, gegen die sich die Dörfer verteidigen mussten. Durch diesen Umstand eines eingemauerten Dorfes, welches zum Überleben seiner Bewohner:innen wie eben beschrieben modifiziert wurde, waren solche Wehrkirchenanlagen eher zum Schutz des einfachen Volkes als zu dem der hohen Adligkeit gedacht.

Das Problem mit logischen Schlüssen
Ein weiterer Kernaspekt des Vortrags war die Gefahr falscher historischer Rückschlüsse, auch wenn diese auf logischen Fakten basieren.
Ein Beispiel: Der Grund für den Bau von Wehrkirchen liegt in ihrem hohen Turm, um die Umgebung besser überwachen und gegebenenfalls verteidigen zu können. Um diesen strategischen Vorteil noch besser ausnutzen zu können, läge es nah, vor solch einem großen Projekt eher Standorte in Betracht zu ziehen, die zum einen nahe an der Landesgrenze und zum anderen geographisch höher liegen. Solch eine Position würde den vorhandenen Vorteil eines Kirchturms nur noch verbessern. Das klingt durchaus plausibel, oder?
In seiner Analyse befasste sich Downs-Tepper unter anderem mit dieser Vermutung und untersuchte die Standorte von Wehrkirchen unter Berücksichtigung ihrer geographischen Höhenlage und den Möglichkeiten, das umliegende Land überblicken zu können. Knapp die Hälfte aller rumänischen Kirchen wurden im Laufe der Jahrhunderte zu Wehrkirchen umgebaut, die Mehrheit davon im südlichen Teil des Landes, während im Norden nur wenige modifiziert wurden (siehe Abbildung 2). Der Grund hierfür lag an unterschiedlichen Angreifenden, gegen die man sich verteidigen wollte: Gegen die Mongolen hatten die Bewohner des Nordens kaum Chancen, sie wurden quasi überrollt. Daher gab es auch weniger Bemühungen zur Verteidigung.

Die Osmanen im Süden des Landes wiederum stellten über einen längeren Zeitraum eine Gefahr dar, weshalb man Zeit hatte, eine Verteidigungslinie zu errichten. Aber zurück zur Frage: Wurden primär höher gelegene Kirchen mit besserem Ausblick zu Wehrkirchen? Nach Downs-Teppers Daten gibt es zwischen der geographischen Höhenlage und dem Umbau zu Wehrkirchen keinen wirklichen Zusammenhang, obwohl dieser auf den ersten Blick logisch erscheinen würde (siehe Abbildungen 2 und 3). Auf den Abbildungen sind die Wehrkirchen als rote Punkte und die normalen Kirchen als grüne Punkte dargestellt. Der Bereich, welcher von den Kirchtürmen überschaubar ist, wird rot/lila schattiert dargestellt. In Abbildung 2 sind nur die Sichtbereiche der Wehrkirchen rot/lila schattiert dargestellt, in Abbildung 3 nur die Sichtbereiche der normalen Kirchen. Insgesamt nimmt die Sichtfläche der normalen Kirchen etwas mehr Raum ein als die Sichtfläche der Wehrkirchen, obwohl das Verhältnis zwischen den beiden Bauarten im Süden des Landes ungefähr gleich ist.

Solche Rückschlüsse müssen allerdings nicht immer nur unbeabsichtigte Fehler sein, die auf logischen Überlegungen basieren. Es kann sich auch um eine gewollte Täuschung handeln, die einen Sachverhalt hervorheben, verleugnen oder vertuschen soll. Wie genau solch eine gewollte Täuschung funktioniert und worauf man achten muss, um gefälschte Geschichte zu erkennen, wird im folgenden Abschnitt unter anderem am Beispiel von Vlad Tepes aka. Dracula erläutert.
Geschichte absichtlich neu schreiben – Der Fall Vlad des Pfählers
Die Arbeit mit Daten und historischen Quellen sollte idealerweise unvoreingenommen erfolgen. Dies ist jedoch eine Utopie: Es ist fast unmöglich, ohne Voreingenommenheit zu arbeiten, selbst wenn diese nicht beabsichtigt ist. In einigen Fällen ist diese Voreingenommenheit jedoch bekannt und wird sogar genutzt, um eine Erzählung voranzutreiben und die Quellen in die Richtung zu lenken, in die man sie gerne hätte. Dies kann auf unterschiedliche Arten und Weisen geschehen und verfolgt in der Regel ein bestimmtes Ziel: Es soll ein gewisses Narrativ gefördert werden.
Während seiner Präsentation erwähnte Downs-Tepper den Wunsch des rumänischen Volkes (oder vielleicht besser den der Regierung) in den 1970er Jahren, eine Figur zum Nationalhelden aufsteigen zu lassen, jemanden, der die Rolle eines Repräsentanten des Landes übernehmen sollte und des Willens des Volkes, frei zu sein verkörpern konnte. Die Wahl fiel auf Vlad the Impaler, oder Vlad III, der auch hinter der Geschichte von Dracula steht. Wie kann nun diese Figur, von der man in der modernen Welt weiß, dass sie einige tausend Menschen enthauptet hat, zum Volkshelden werden? Ganz einfach: Man geht zurück zu den historischen Quellen, extrahiert einen Teil dieser Quellen und verwendet nur die, welche die gewünschte Geschichte untermauern. So kam heraus, dass Vlad für die Beseitigung der Armut in Rumänien verantwortlich war, aber auch dafür sorgte, dass die Adelsfamilie den größten Teil ihrer Macht verlor. Für das kommunistische Rumänien war dies die perfekte Heldenfigur, um das rumänische Volk im Kommunismus zu repräsentieren. Es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass Vlad zur Erreichung seiner Ziele viele adelige und sogar arme Menschen tötete. Diese Fakten wurden bequemerweise ignoriert und sich ausschließlich auf das Positive konzentriert: weniger Armut und weniger reiche Adelsfamilien durch unseren Volkshelden. Man lässt bestimmte Teile der historischen Quellen weg, wodurch eine historische Figur in einem besseren Licht steht, als sie es verdient hätte.
Getreu diesem Narrativ erschienen in den 1970er Jahren viele Artikel über Vlad und darüber, warum er die Heldenfigur war, die er laut rumänischer Regierung war, wobei historische Berichte über seine Person zitiert wurden. Das folgende Zitat erschien in einer Zeitung: „nobody shall be poor but all should be rich in the country“[1]. Dieses stellt Vlad als eine große Persönlichkeit dar. Allerdings wurde der Kontext mit Absicht weggelassen und müsste wie folgt ergänzt werden:
“And he ordered that the hall be shut up and that a fire be set, and everyone there was burnt up. And he said to his boyars, “Know that I have done this: first, so that the poor would not bother people and so that no one would be poor in my land, but all would be rich; second, I freed them, so that none of them would suffer from poverty or from sickness in this world.”[2]
Fazit
Diese kleine Geschichte über Vlads verklärte Vergangenheit war eine witzige und interessante Herangehensweise von Downs-Tepper, um auf einige Probleme aufmerksam zu machen, auf die man stoßen kann, wenn man mit historischen Quellen arbeitet. Als Forscher:in sollte man bei der Arbeit mit solchen Quellen stets eine kritische Grundhaltung wahren, um nach Möglichkeit jegliche Voreingenommenheit zu vermeiden, die von den vorangegangenen Autor:innen und dem historischen Kontext, in dem sie lebten, herrühren könnte. Aber auch oder vor allem “Bewaffnete Geschichte”, so nennt man die Vorgehensweise von bewusster Manipulation geschichtlicher Zusammenhänge, wurde und wird auch heute noch verwendet, um bestimmte Erzählungen oder Personen auf eine gewisse Art darzustellen, die der eigenen Sache zuträglich ist.
Zum Vortragenden: Liam Downs-Tepper ist Doktorand an der Universität Wien im Bereich Geschichte mit einem Schwerpunkt auf GIS. Zuvor hat er an derselben Universität seinen Master ebenfalls in Geschichte, aber mit einem Schwerpunkt auf Digital Humanities und mittelalterlicher Geschichte gemacht. Als gebürtiger Amerikaner studierte er anfangs am Macalester College in St. Paul, Minnesota ebenfalls Geschichte im Bachelor, welchen er “cum laude” abschloss. Seinem Vortrag in unserem Kolloquium konnte man auch als Laie auf dem Gebiet der Kartographie und politischen Geschehnisse im Mittelalter (und des letzten Jahrhunderts) sehr gut folgen, was nicht zuletzt an seiner offenen Art und humorvollen Gestaltung lag.
Zu den beiden Autor:innen:
Pascale Boisvert hat Bachelor Medienkulturwissenschaft und Medieninformatik an der Universität zu Köln studiert. Aktuell studiert sie Informationsverarbeitung im 3. Mastersemester. Sie ist momentan als Werkstudentin beim IDH im Bereich Front-End Entwicklung tätig.
Jonathan Voß studierte von 2019 bis 2023 ebenfalls Medienkulturwissenschaften im Verbund mit Medieninformatik, schloss dieses Bachelorstudium auch 2023 ab, vertiefte es 2023 und befindet sich momentan im 3. Mastersemester desselben Studiengangs. Seit August 2023 arbeitet er als Werkstudent bei der DEVK im Bereich CMS (Webseiten Management).
[1] Downs-Tepper, Liam. 16.10.2024. “GIS vs. Nationalism – A Spatial Study of Fortified Churches”
[2] Translation: Megan Barickman. “The Tale of Prince Dracula: A Translation from Old Russian.” Hypocrite Reader, n.d. http://hypocritereader.com/52/tale-of-dracula.
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
dhstudi (25. Februar 2025). Kirche + Burg = Wehrkirche? Geht die Rechnung auf? Digital Humanities Cologne. Abgerufen am 16. April 2026 von https://doi.org/10.58079/13d7a