Kulturgüter sind viel mehr als bloße Gegenstände, die man einfach nebeneinander zum isolierten Beschauen in einem Schaukasten stellt, oder deren digitalen Abbilder man in Online-Sammlungen nebeneinander präsentiert. Ihr Wert besteht zum großen Teil in etwas, was man nicht direkt sieht: in ihren Beziehungen zueinander, gegenseitigen Einflüssen, verwickelten Ursprüngen und Entwicklungsparallelen. kurz, in der Geschichte, die sie erzählen. Die Frage ist, wie man dem Betrachter einen adäquaten Zugang zu dieser Geschichte anbieten kann? Wie visualisiert man das, was man nicht direkt sehen kann? Der Workshop „Explorative Visualisierungen von Kulturgut“, der am 14. Januar an der SUB Hamburg stattfand, hat sich genau mit dieser Frage beschäftigt.

Zuerst jedoch ein paar Schritte zurück. Online-Kataloge sind an sich schon eine kleine Revolution. Sie haben kulturelle Teilhabe für alle ermöglicht, indem sie zahllose Sammlungen einem großen Publikum dauerhaft zugänglich machen. Hingegen ist es die Methode der isolierten Darstellung von Objekten, die zunehmend Gegenstand von Kritik ist. Mangelnde Größenvorstellung, Verlust von Relationen zwischen den Objekten, eingeschränkte Kontextualisierung und oft fehlende Erzählung sind einige Punkte, welche die Interpretation der Kulturgüter beeinträchtigen können.
Ein Grund zur Freude ist jedoch, dass viele bereits versuchen, es besser zu machen. Ein Bespiel war das British Museum mit seinem „Museum oft the World“ (via Wayback Machine), einer animierten Zeitleiste (entwickelt in Zusammenarbeit mit Weir+Wong und technologischer Unterstützung des Google Cultural Institute), die es erlaubte, interaktiv entlang der Parameter Geographie und Zeit die Sammlungen zu erkunden. Ein anderes Beispiel ist das Museum of Modern Art in New York mit seiner virtuellen Ausstellung zur abstrakten Kunst „Inventing Abstraction 1910-1925“, in der die Beziehungen zwischen einzelnen Künstlern durch interaktive Netzwerke erfahrbar gemacht wurden. Nicht nur die Museen selber, sondern auch Forschungsinstitute arbeiten an innovativen Lösungen. So auch die Fachhochschule Potsdam und das dort entwickelte Tool „Vikus Viewer“, ein webbasiertes Visualisierungssystem, das kulturelle Artefakte auf einer dynamischen Leinwand anordnet und die Erkundung thematischer und zeitlicher Muster großer Sammlungen unterstützt. Was diese Ansätze verbindet, ist der Versuch, Kulturgüter in ihrer Kontinuität und Verbundenheit zu erschließen und dem Betrachter eine freie Erkundung dieser Gesamtheit zu ermöglichen.
Diesem innovativen Ansatz folgt auch das der Kulturgeschichte der Kleidung gewidmete Projekt „Restaging Fashion“ (ReFa), in dem die Workshop-Referentin Dr. Sabine de Günther als wissenschaftliche Mitarbeiterin mitwirkt. Im Projekt werden vestimentäre Quellen in einer graphenbasierten Visualisierung, die Narration mit Exploration verbindet, präsentiert, mit dem Ziel, dem Publikum einen geleitete Sammlungseinstieg wie auch eine frei entlang den inhaltlichen Verbindungen explorierbare Samlungsansicht anzubieten.
An die im Projekt gesammelten Erfahrungen anschließend, begleitete die Referentin die Workshopsteilnehmer:innen durch den Entstehungsprozess der Visualisierungen, von der Übermittlung der Grundprinzipien, durch die Analyse bestehender Beispiele, bis hin zu dem kollaborativen Designprozess eigener Visualisierungen. Auf dem Arbeitstisch wurden hunderte von Zettelchen mit Abbildungen historischer Kleidung aus der Sammlung des Projekts verteilt, ein materialisierter Datensatz, an dem die TeilnehmerInnen ihren Visualisierungsfantasien freien Lauf lassen konnten. Die Aufgaben waren, anders als in anderen Workshops der Reihe “Digital Humanities – Wie geht das?”, analog und ohne Computer zu bewältigen, da um das Verständnis für die Logik des Visualisierungsprozesses ging und um die theoretische Erarbeitung kreativer Visualisierungsansätze. Die TeilnehmerInnen wurden etwa gebeten, an einer Pinnwand die Mock-up Visualisierung eines sie interessierenden Aspektes des Konvoluts zu collagieren, oder ihren ganz eigenen Zugang zu der Sammlung zu finden und ihn für die anderen visuell verständlich zu machen.


Die beeindruckende Vielfalt an Ideen und Herangehensweisen hat deutlich gezeigt, dass sich viel Potenzial in unkonventioneller Datendarstellung verbirgt. Wie kann man die zeitliche Entwicklung männlicher Kopfbedeckungen darstellen, ohne die regionalen Unterschiede aus dem Auge zu verlieren? Wie kann man die Geschichte eines Schmuckstücks erzählen, das in mehreren Abbildungen gleichzeitig auftaucht? Oder ganz allgemein gesagt, wie stellt man einen Datensatz vor, um den Betrachter nach seinem Belieben durch das Netz der Informationen flanieren zu lassen? Selbst wenn die Antwort darauf komplex erscheint, so hat der Workshop gezeigt, welche Fülle an kreativen Lösungen die explorative Visualisierung von Kulturgütern bietet.
Dieser Beitrag ist parallel erschienen im Blog des Projekts “Closing the Gap in Non-Latin Script Data II”.
