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Wissenschaftskommunikation auf Mastodon und Bluesky: Praktische Herausforderungen des akademischen Microbloggings

Anlässlich einer Ausschusssitzung und Livebloggings zu den Inhalten auf Microblogging-Plattformen dachte ich mir, thematisiere ich pragmatische Herausforderungen für eine “interdisziplinäre” Wissenschaftskommunikation mal kurz in einem Blogbeitrag. Denn am Beispiel dieser Sitzung zeigen sich nach wie vor die Herausforderungen und Probleme eines nicht wirklich interoperablen Microblogging-Netzwerks, das zwar eigentlich die bestmögliche aktuelle Alternative zu Big-Tech-Services ist, mit zwei leidlich kommunizierenden Angeboten aber leider praktisch echte Hürden aufweist.

Da ein großer Teil der Bibliotheksbubble und ein wesentlicher Teil der deutschsprachigen Digital-Humanities-Bubble auf Mastodon organisiert ist, hauptsächlich auf und sicherlich auch aufgrund der Instanzen von openbiblio, fedihum und hcommons, habe ich in den letzten Monaten meine Bluesky-Präsenz etwas vernachlässigt. Das ist schade, da dort ein großer Teil der IchbinHanna-Community unterwegs ist, ebenso wie Teile der weniger Biblio- und Tech-affinen Humanities und auch internationale DH-Peers. Dank engagierter Menschen und einiger Entwicklungsprojekte gibt es mehrere Optionen zur Überbrückung von Mastodon und Bluesky, die beide als offene Systeme an den Start gehen, leider aber nicht eigentlich zusammen kommunizieren:

Crossposter

Es gibt herkömmliche Crossposter, wie zum Beispiel Skymoth, die bestehende Accounts auf beiden Netzwerken über einen Service verknüpfen und abhören. Beiträge, die auf dem einen Netzwerk geposted werden, werden dann auf das andere Netzwerk gespiegelt. Der Nachteil ist natürlich, dass ein Monitoring beider Netzwerke immer noch nötig ist, um die Diskussionen und Feeds der jeweiligen Netzwerke mitzubekommen. Crossposter sind also vor allem für einseitige Kommunikation sinnvoll, wenn beide Netzwerke mit Informationen bespielt werden sollen, aber keines oder nur ein Netzwerk zur Diskussion genutzt wird.

Bridge

Es gibt mit Bridgy Fed eine Brückenarchitektur, die von einem auf dem einen Netzwekr existierenden Account ausgehend auf dem anderen Netzwerk einen Account anlegt. Posts werden so automatisch gespiegelt, ebenso werden Antworten und Reaktionen gespiegelt, solange die beteiligten Personen ebenfalls über einen gebridgten Account verfügen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Anders als Crossposter bietet die Bridge die Möglichkeit, nicht nur einseitig zu kommunizieren, sondern die Diskussion über beide Netzwerke zu spiegeln.

Der Nachteil ist aber, dass die Voraussetzung für eine Abbildung der gesamten Kommunikation recht hoch ist: Sobald Teile der kommunizierenden Bubble nicht über eine Bridge in das andere Netzwerk verfügen, werden deren Posts nicht gespiegelt, fehlen also im jeweils anderen Netzwerk. Dadurch wird die Kommunikation lückenhaft. Neben den eh kommunizierten Ausnahmen, in denen Posts nicht gespiegelt werden, hatte ich hin und wieder den Fall, dass Posts nicht übernommen wurden, obwohl sie theoretisch hätten übertragen werden müssen. Ein weiterer Nachteil ist, dass bestehende Accounts nicht eingebunden werden können, man also in jedem Fall einen neuen Account öffnen muss.

Clients

Mit Clients wie OpenVibe können beide Netzwerke in einem Client abgebildet werden. Die Timeline wird zusammen aggregiert, Posts können in beide Netzwerke gecrossposted werden. Die Nutzung ist wie in Sammelclients üblich recht übersichtlich, wenngleich OpenVibe sicherlich noch weit weg ist von der Usability von Mastodon Clients wie Elk oder Ice Cubes.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Keine laufenden Bridge Services, die auf Serverinfrastruktur angewiesen sind, die das Spiegeln übernimmt, alles wird direkt in beide Netzwerke gespiegelt. Das Problem ist aber, dass Accounts, die ebenfalls in beide Netzwerke posten (ob über Crossposter, Bridge oder Client) dann auch immer doppelt in der Timeline auftauchen. Das nervt tatsächlich ziemlich. Reaktionen auf solche Posts müssen dann auch immer doppelt getätigt werden, wenn man auf beiden Netzwerken reagieren möchte. Es wäre hier extrem hilfreich, wenn der Client solche Redundanzen erkennen und ebenso wie die Timeline zusammenführen würde.

Warum überhaupt?

Warum ist das so zentral? Zum einen wird man die Alternativnetzwerke kaum für die auf Xitter verbliebenen Personen attraktiver machen, wenn sich die Communities und Bubbles aufteilen, obwohl sie gemeinsame Themen haben. Die IchbinHanna, Bibliotheks- und DH-Bubbles (z.B.) sollten in meinem Fall nicht voneinander getrennt existieren, da für meine Arbeit wichtig ist, Diskurse in allen Communities verfolgen und mich in allen Communities einbringen zu können. Gerade, wenn eine Community in zwei Netzwerken existiert, macht es die akademische Kommunikation im Bereich des Microbloggings extrem schwierig und dafür ist das Format einfach zu wichtig geworden, um bestimmte Themen in und zwischen Communities auszuhandeln.

Im Falle von Ausschüssen, Konferenzen oder ähnlichen Events ist es unbedingt nötig, eine gemeinsame Diskussionsbasis zu haben. Bluesky und Mastodon bieten hier beide eine gute Grundlage. Solange beide aber nicht auch gleiche Weise miteinander kommunizieren wie Instanzen im Fediverse untereinander und eine unkomplizierte Integration jenseits von Client, Bridge oder Crossposter möglich ist, bleibt das Zusammenbringen kompliziert. Wenn jemand eine gute Idee hat, die ich hier vergessen oder übersehen habe: Gerne her damit!

Ergänzungen

Hier eine Sammlung von Ergänzungen und Reaktionen:

Mastodon-Beitrag von Philipp Steinkrüger: fehlt definitiv noch die (soweit ich weiß geplante) Möglichkeit, Accounts zum aktivieren der Bridge aufzufordern (quasi Cross-Network Follow Request). Die Mastodon Radikalen tun halt leider auch alles, das Projekt so kompliziert wie möglich zu machen, der Entwickler wollte es eigentlich einfacher…

Kommentar: Wissenschaft, Digital Humanities, Antifaschismus

Deutschland, Anfang 2024. Die AfD liegt bundesweit an zweiter Stelle und schickt sich an, bei den Landtagswahlen in mehreren Bundesländern die stärkste Kraft zu werden. Die politischen Themen der AfD ragen weit ins konservative Lager und darüber hinaus: Die Idee, man müsse nur entsprechend reaktionäre Politik machen, um AfD-Wähler:innen wieder zurückzuholen hält sich hartnäckig.

Mitglieder der AfD, der Identitären Bewegung, der Werteunion und andere treffen sich derweil in einer Potsdamer Villa, um Pläne für die Massendeportation als nicht-Deutsch identifizierter Teile der Bevölkerung (und deren Unterstützer:innen) zu diskutieren. Nach Jahren rechtsradikaler Aktivitäten scheint der Correctiv-Bericht über dieses Treffen bei großen Teilen der Bevölkerung etwas auszulösen: Millionen Menschen demonstrieren seit Tagen gegen die Umtriebe von Rechtsaußen und die AfD. Der Antifaschismus scheint ein Comeback zu feiern, wenngleich die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung noch abzuwarten bleibt.

Damit dies geschehen kann, ist es notwendig, antifaschistisches Engagement nicht nur auf die Teilnahme an Demonstrationen, nicht nur auf das Nicht-AfD-Wählen, nicht nur auf ein klares Auftreten im Privaten zu beschränken. Antifaschismus muss auch die wissenschaftlichen Institutionen durchdringen, denn eine kritische Wissenschaft ist ohne freie Gesellschaft nicht möglich.

Dass die Wissenschaft schon jetzt im Fadenkreuz rechter Aktivitäten steht, sieht man etwa an den Aktivitäten der AfD und des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, das sich nach eigenen Aussagen für ein “freiheitliches Wissenschaftsklima” einsetzt, da “der Versuch unternommen [würde], Forschung und Lehre weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren”. Ein Blick auf die Kommunikation des Netzwerks macht klar: Die “Freiheit” der Wissenschaft wird hier sehr selektiv und konservativ bis reaktionär begriffen, das Wording bewegt sich nicht selten im Dunstkreis der neuen Rechten.

Doch nicht nur das Netzwerk Wissenschafts”freiheit” ist ein Problem. Auch globale Entwicklungen wie die große Marktmacht von Datenkartellen auf dem wissenschaftlichen Infrastruktur- und Publikationsmarkt sollte nachdenklich stimmen: KI-Systeme und die systematische Sammlung von Metadaten zu und über Forscher:innen finden über die Konzernstrukturen und den Markt schnell den Weg in weltweite Sicherheitsbehörden. In einer Welt, in der auch in demokratischen Ländern zunehmend reaktionäre, neofaschistische und autoritäre Regierungen an der Macht sind, kann das ganz konkret eine Gefahr für Forscher:innen und deren Umfeld bedeuten.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen verschickte die SUB zu Weihnachten 2023 Weihnachtskarten mit einem Zitat von Erich Kästner:

Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus.

Damit signalisiert sie einen in der Tradition des Namenspatrons Carl von Ossietzky stehenden institutionellen Antifaschismus, der sich auch im Veranstaltungsprogramm immer wieder zeigt. Derartiges Standing ist begrüßenswert und nötig. Ein solcher Antifaschismus muss sich aber auch über die Institution(en) hinaus in der täglichen Arbeit zeigen. Antifaschismus ist Handarbeit.

Aus der eigenen Disziplin heraus gefragt: Was können die Digital Humanities dazu beitragen? Was können einzelne Wissenschaftler:innen tun, um dem Trend zu begegnen? Abgesehen davon, dass DH als Schnittstellendisziplin hervorragend geeignet ist, Entwicklungen wie Automatisierungstechnologien und die Integration von Konzerntechnologien in den wissenschaftlichen Prozess kritisch zu hinterfragen und durch dezentrale, institutionelle oder gemeinnützige Arbeit herauszufordern (Stichwort “Infrastructure Studies”), bietet auch die in den DH deutlich sichtbare Demokratisierung wissenschaftlicher Praxis einen guten Boden für antifaschistische Arbeit.

Kooperation, Austausch und Zusammenarbeit über disziplinäre und institutionelle Grenzen hinweg waren und sind ein großer Gewinn, der gerade in den stark hierarchischen klassischen Geisteswissenschaften oft noch fehlt. Hier muss aktiv daran gearbeitet werden, die Demokratisierung der wissenschaftlichen Praxis auch im Alltag weiter voranzutreiben und wissenschaftlichen Hierarchien, Technikgläubigkeit und politischer Passivität angesichts einer brisanten politischen Lage zu begegnen.

Konkret heißt das: Vernetzung! Ein klares Bekenntnis zum Antifaschismus zeigen. Bei Kritik daran oder wenn Ängste im Hinblick auf die “Neutralität” oder Reputation bestehen, diesen Ängsten und Strukturen analytisch und durch gegenseitige Unterstützung begegnen. Bezugsgruppen bilden für gemeinsames Auftreten auf Konferenzen, gemeinsame Publikationstätigkeit oder auch einen gemeinsamen Demobesuch. Im Rahmen dessen, was man selbst leisten und beitragen kann aktiv werden, online wie offline.

Auf Mastodon wurde dafür von Henrik Schönemann der Hashtag #antifascistDH vorgeschlagen, den ich nachdrücklich unterstütze. Auch wurde auf HCommons eine lose Gruppe für Vernetzung und Austausch gegründet. Ob über diese oder andere Wege: Vernetzt euch, seid aktiv, gegen reaktionäre Politik und neofaschistische Entwicklungen, für starke, politische, offene, evidenz- und testbasierte, progressive und freiheitliche, antifaschistische Wissenschaft.

Mit solidarischen Grüßen

Eine Privatperson.