Dieser Beitrag basiert auf einem Mastodon-Thread: https://fedihum.org/@jomla/115168267720681186
Als ich noch in der Lehre tätig war, gab es eine Situation, in der ich den Studierenden versucht habe, die Relevanz von Stil und ästhetischer Sorgfalt nahezulegen. Gar nicht mal in sprachlicher Hinsicht, denn hier hat jede:r verschiedene Möglichkeiten und Voraussetzungen, sondern schlicht in der Form und gemessen am Maß der Sorgfalt, die in die Verschriftlichung der eigenen Ideen fließt. Dabei ging es mir ebensowenig um die verklausulierte Wissenschaftssprache, mit der mach eine:r glaubt, die Sinnesleere der eigenen Texte zu kaschieren, oder Inhalt auf zehn Seiten aufzublähen, der andernfalls auf eine Seite gepasst hätte. Es ging mir darum, dass ich, wenn ich Text lese, gerne Freude daran verspüre. Ich möchte Text schön finden, auch Text, der als professionelle Arbeit entstanden ist.
Dass ich meine Probleme habe mit der Nachlässigkeit der Akademia gegenüber Ästhetik und Anschaulichkeit ist nichts Neues, das betraf gemessen an meiner Tätigkeit allerdings häufiger die Frage nach einem guten UX Design und weniger die Textform selbst. Allzu oft sind Entwicklungen getragen vom Paradigma der wenigen professionellen User, die ja ohnehin wissen wie das geht und deshalb nicht auf ordentliche UX geachtet werden muss. Und, das ist ein valider Grund, oft fehlt schlicht das Geld für UX Designer:innen. Die Lage bessert sich gefühlt langsam durch die Niedrigschwelligkeit von Frameworks und Verfügbarkeit schöner Designs in etablierten CMS, umso mehr im Kontext der geisteswissenschaftlichen Projekte, die das Glück haben mit Profis wie denen des UCLAB der FH Potsdam zusammenzuarbeiten, aber bleibt angespannt dort, wo diese Verknüpfungen oder das Bewusstsein für Ästhetik im professionellen Kontext eben nicht existiert.
Zurück zum Text: Die Studierenden in der eingangs erwähnten Situation haben meinen Punkt denke ich verstanden, zumindest haben einige sich ihrerseits Mühe dabei gegeben, lesbaren Text im Rahmen dessen zu produzieren, was ein Word-Processor wie “Word” hergibt. Sicher, da hätte man etwa mit LaTeX oder Publisher-Software wie Affinity Publisher oder Adobe “Igitt, Abo” InDesign mehr rausholen können, aber lassen wir die Kirche im Dorf: Mein Anliegen war ja, den Studierenden Sorgfalt im Textsatz zu vermitteln. In einem anderen Seminar war allerdings jede Mühe umsonst: Trotz mehrmaligen Vermittlungsversuchen, anschließendem Bereitstellen niedrigschwelliger Formvorgaben und letztlich der Verpflichtung zur Nutzung eines einfachen Templates kamen Texte bei mir an, bei denen Erich Zann seine Geige gar nicht erst hätte auspacken müssen, um den Wahnsinn der Dimension jenseits des Textes zugänglich zu machen. Und auch, wenn ich mir aktuell professionelle Publikationen anschaue, und ganz stark versuche die ganze Open Access-Verlagssituation zu ignorieren, ist das oft im besten Falle schlichter Satz, aber allzu oft ermüdende Textwüste: Klar, ist ja professionell, da geht’s ja um den Inhalt und nicht um die Form.
Was machen wir jetzt damit? Es wird vermutlich nie möglich sein, die Ästhetik von Textsatz und Typografie in geisteswissenschaftlichen, nicht-kreativen Fächern zu einem ernstzunehmenden Element der alltäglichen Arbeit weiterzuentwickeln. Ein Mittelweg könnte deshalb Markdown sein. Markdown ist eine sehr reduzierte Auszeichnungssprache, die wenige und einfache Auszeichnungen für die Textgestaltung mitbringt. Meistens wird Markdown in einem entsprechenden Editor geschrieben, man kann aber auch einfach einen simplen Texteditor nutzen, oder, weil man sich und anderen die eigene Tech-iness beweisen will, zum Beispiel in vi. Wichtig ist nur, und deshalb sollte man dafür möglichst keine Word-Processor nutzen, dass am Ende kein .docx oder ähnliches rauskommt, sondern ein .md file.
Die Literatur für einen Text wird parallel als BibTeX ausgelagert, das kann über eigentlich jedes gängige Literaturverwaltungstool generiert werden und verlangt keinen Sachverstand in TeX. Mir kann niemand erzählen, dass dieses Snippet irgendwie herausfordernd wäre:
# Überschrift
Dies ist ein Paragraph[@citationkey1], in dem besonders wichtige Sachverhalte besonders aufwändig beschrieben werden, um den akademischen Habitus in **fett** oder *kursiv* zu wahren.[^f1]
- Liste
- Liste
- Liste
[^f1]: Ein interessantes Argument. Weitere Ausführungen siehe hierzu [@citationkey2].
Mit dem Citation Key kann dabei der entsprechende Eintrag in der Bibliographie referenziert werden. Das Markdown selbst lässt sich so schon lesen, es braucht streng genommen nichtmal eine Weiterverarbeitung. Allerdings, wie bei allen Plain Text Formaten, ist die Ästhetik dieses Formats (und um die geht es uns ja) … nennen wir es ausbaufähig. Wenn jetzt aber Beiträge, Einreichungen, Hausarbeiten, allgemein akademischer Output, zur Prüfung durch Reviewer, Verlage, Dozierende, erstmal in Markdown und einem ergänzenden BibTeX-File übermittelt wird, können diese dann mit der wunderbaren Software namens Pandoc diese Dateien nehmen, und sie in ihr Traum-Zielformat transformieren. Ob .pdf, .docx, .odt, Pandoc unterstützt eine Vielzahl an verschiedenen Quell- und Zielformaten, die kaum Wünsche offenlassen sollte. Stile, Fußnoten, Zitationsfußnoten werden alle automatisch generiert.
Was ist dadurch gewonnen? Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, dass die Studierenden oder Einreichende das, was ich als Vorgabe gebe oder zu vermitteln versuche, am Ende auch konsistent umsetzen. Damit ich mich dann aber nicht durch Textwüsten quälen muss, kann ich über diese Variante einfach sicherstellen, dass ich ein für mich passendes Format wähle und damit die (zugegeben) automatisierte Textsetzung aus den Händen der Einreichenden befreie. Anleitungen zu diesem Workflow gibt es im Netz übrigens zahlreich (z.B. hier ein erster Treffer).
Zugegeben, das Ergebnis wird kaum mit einem vernünftig gesetzten und gestalteten Coffeetable-Format konkurrieren können. Wenn ich mir etwa die Publikationen bei Tune and Fairweather zu den Souls-Spielen anschaue, werde ich noch immer neidisch werden. Aber seien wir ehrlich: Dieses Niveau wird sich im akademischen Alltagsgeschäft der Geisteswissenschaften niemals etablieren können, weil schlicht kein:e professionellen Designer:innen bereit stehen. In dem Sinne bleibt das hier also ein Plädoyer dafür, wenigstens Markdown als Standard zu etablieren, für eine bessere Lesbarkeit von Texten. Amen.
PS: Wenn die Pandoc-Transformation fehlschlägt, wäre das dann einfach keine gültige Einreichung
PPS: Die Ästhetik dieser Blogtexte ist mir übrigens ein Grauen!
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Jonas Müller-Laackman (9. September 2025). Ein Markdown-Plädoyer. DH³. Abgerufen am 16. April 2026 von https://doi.org/10.58079/14m4x
