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Kommentar: Wissenschaft, Digital Humanities, Antifaschismus

Deutschland, Anfang 2024. Die AfD liegt bundesweit an zweiter Stelle und schickt sich an, bei den Landtagswahlen in mehreren Bundesländern die stärkste Kraft zu werden. Die politischen Themen der AfD ragen weit ins konservative Lager und darüber hinaus: Die Idee, man müsse nur entsprechend reaktionäre Politik machen, um AfD-Wähler:innen wieder zurückzuholen hält sich hartnäckig.

Mitglieder der AfD, der Identitären Bewegung, der Werteunion und andere treffen sich derweil in einer Potsdamer Villa, um Pläne für die Massendeportation als nicht-Deutsch identifizierter Teile der Bevölkerung (und deren Unterstützer:innen) zu diskutieren. Nach Jahren rechtsradikaler Aktivitäten scheint der Correctiv-Bericht über dieses Treffen bei großen Teilen der Bevölkerung etwas auszulösen: Millionen Menschen demonstrieren seit Tagen gegen die Umtriebe von Rechtsaußen und die AfD. Der Antifaschismus scheint ein Comeback zu feiern, wenngleich die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung noch abzuwarten bleibt.

Damit dies geschehen kann, ist es notwendig, antifaschistisches Engagement nicht nur auf die Teilnahme an Demonstrationen, nicht nur auf das Nicht-AfD-Wählen, nicht nur auf ein klares Auftreten im Privaten zu beschränken. Antifaschismus muss auch die wissenschaftlichen Institutionen durchdringen, denn eine kritische Wissenschaft ist ohne freie Gesellschaft nicht möglich.

Dass die Wissenschaft schon jetzt im Fadenkreuz rechter Aktivitäten steht, sieht man etwa an den Aktivitäten der AfD und des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, das sich nach eigenen Aussagen für ein “freiheitliches Wissenschaftsklima” einsetzt, da “der Versuch unternommen [würde], Forschung und Lehre weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren”. Ein Blick auf die Kommunikation des Netzwerks macht klar: Die “Freiheit” der Wissenschaft wird hier sehr selektiv und konservativ bis reaktionär begriffen, das Wording bewegt sich nicht selten im Dunstkreis der neuen Rechten.

Doch nicht nur das Netzwerk Wissenschafts”freiheit” ist ein Problem. Auch globale Entwicklungen wie die große Marktmacht von Datenkartellen auf dem wissenschaftlichen Infrastruktur- und Publikationsmarkt sollte nachdenklich stimmen: KI-Systeme und die systematische Sammlung von Metadaten zu und über Forscher:innen finden über die Konzernstrukturen und den Markt schnell den Weg in weltweite Sicherheitsbehörden. In einer Welt, in der auch in demokratischen Ländern zunehmend reaktionäre, neofaschistische und autoritäre Regierungen an der Macht sind, kann das ganz konkret eine Gefahr für Forscher:innen und deren Umfeld bedeuten.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen verschickte die SUB zu Weihnachten 2023 Weihnachtskarten mit einem Zitat von Erich Kästner:

Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus.

Damit signalisiert sie einen in der Tradition des Namenspatrons Carl von Ossietzky stehenden institutionellen Antifaschismus, der sich auch im Veranstaltungsprogramm immer wieder zeigt. Derartiges Standing ist begrüßenswert und nötig. Ein solcher Antifaschismus muss sich aber auch über die Institution(en) hinaus in der täglichen Arbeit zeigen. Antifaschismus ist Handarbeit.

Aus der eigenen Disziplin heraus gefragt: Was können die Digital Humanities dazu beitragen? Was können einzelne Wissenschaftler:innen tun, um dem Trend zu begegnen? Abgesehen davon, dass DH als Schnittstellendisziplin hervorragend geeignet ist, Entwicklungen wie Automatisierungstechnologien und die Integration von Konzerntechnologien in den wissenschaftlichen Prozess kritisch zu hinterfragen und durch dezentrale, institutionelle oder gemeinnützige Arbeit herauszufordern (Stichwort “Infrastructure Studies”), bietet auch die in den DH deutlich sichtbare Demokratisierung wissenschaftlicher Praxis einen guten Boden für antifaschistische Arbeit.

Kooperation, Austausch und Zusammenarbeit über disziplinäre und institutionelle Grenzen hinweg waren und sind ein großer Gewinn, der gerade in den stark hierarchischen klassischen Geisteswissenschaften oft noch fehlt. Hier muss aktiv daran gearbeitet werden, die Demokratisierung der wissenschaftlichen Praxis auch im Alltag weiter voranzutreiben und wissenschaftlichen Hierarchien, Technikgläubigkeit und politischer Passivität angesichts einer brisanten politischen Lage zu begegnen.

Konkret heißt das: Vernetzung! Ein klares Bekenntnis zum Antifaschismus zeigen. Bei Kritik daran oder wenn Ängste im Hinblick auf die “Neutralität” oder Reputation bestehen, diesen Ängsten und Strukturen analytisch und durch gegenseitige Unterstützung begegnen. Bezugsgruppen bilden für gemeinsames Auftreten auf Konferenzen, gemeinsame Publikationstätigkeit oder auch einen gemeinsamen Demobesuch. Im Rahmen dessen, was man selbst leisten und beitragen kann aktiv werden, online wie offline.

Auf Mastodon wurde dafür von Henrik Schönemann der Hashtag #antifascistDH vorgeschlagen, den ich nachdrücklich unterstütze. Auch wurde auf HCommons eine lose Gruppe für Vernetzung und Austausch gegründet. Ob über diese oder andere Wege: Vernetzt euch, seid aktiv, gegen reaktionäre Politik und neofaschistische Entwicklungen, für starke, politische, offene, evidenz- und testbasierte, progressive und freiheitliche, antifaschistische Wissenschaft.

Mit solidarischen Grüßen

Eine Privatperson.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
ignatzvonkoch (22. Januar 2024). Kommentar: Wissenschaft, Digital Humanities, Antifaschismus. DH³. Abgerufen am 16. April 2026 von https://doi.org/10.58079/vns6


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