Abgezaucht über Ostern

April 8, 2026 § Ein Kommentar

Über den Gartenzaun hinweg grüßen wir ortsansässige Osterspazierende. Und registrieren amüsiert bis befremdete Blicke ob unserer gar nicht feiertäglichen Aktivitäten, als da wären Erdreich umgraben, Magnolien und Rosen einpflanzen, Wildblumensamen einsäen, mächtig auskrakenden Kriechwacholder mit der Säge einhegen und diverse Aufräumarbeiten verrichten. Zwischendurch aber genießen wir die Wärme einer gar nicht zaghaften Frühlingssonne speisend oder Kaffee trinkend auf der Terasse. Oder ich spiele Klavier in der Blockhütte, dessen gewaltigen Sound Konventionalos als verstimmt bezeichnen, während ich mich nicht entscheiden kann, ob es sich um die Weiterentwicklung der zu Bachs Zeiten verbreiteten Kirnberger III – Stimmung hin zu Kirnberger IV handelt oder schon um die Auenstimmung made in Zauche. Der Klaviertechniker meines Vertrauens, bereit, die Reise nach hier draußen anzutreten und noch fürs Frühjahr angekündigt, wird Ohren machen. Obige Fotos entstanden während des frühostermontaglichen Rundangs ums Grundstück. Sonnenaufgang, Himmelblick und ineinander Verspiegeltes. Die Papierarbeiten bereits neulich.

Studio 55

März 26, 2026 § Hinterlasse einen Kommentar

Studio 55. Zauche, Brandenburg.

Aquarell auf Papier.

Unendliche Weiten an der Aue

März 22, 2026 § 6 Kommentare

Es wohnen schon auch Menschen hier. Entspannt begegnet man sich am Gartenzaun, oder grüßt Spaziergänger. An einem Sonntag aber dominieren Tiere die Szene. Ihr Sound ist omnipräsent. Hintergrundrauschen im Mix aus fernen Vogellauten und nahen Hühnern. Oder Tieren, die nie anders als akustisch in Erscheinung treten und deren Dasein aus Schallwellen zu bestehen scheint. Darüber, im akustischen Mittelgrund das Konzert der Singvögel. On top aber die Kraniche. Ihr Rufen beherrscht eindeutig die Auenlandschaft. Genauer gesagt, die Senke am Fuße eines Hügels, dessen obere Kante durch eine Wand aus Fichten gekrönt wird. Gegenüberliegend, am hinteren Ende der Auen fängt ein Laubwäldchen den Schall und wirft ihn zurück, desgleichen die Anhöhe rechter Hand am Ende des Sandweges. Zur linken läuft die Aue in eine Folge lockerer, von Pferden genutzter Weiden aus, bevor der beginnende Mischwald zunächst den kleinen See, unsere nächst gelegene Badestelle, umschließt, um sich dann Richtung entfernterer Ortschaft auszubreiten. Ein Örtchen im Brandenburgischen. Von unserer Stadtwohnung fahren wir eine Stunde mit dem Auto. Oder wenig mehr mit Bahn und Bus. Sind wir angekommen, fällt als erstes die Abwesenheit von Stein und Beton auf. Man könnte es naturnah nennen. Dabei ist „die Natur“ nichts weiter als eine Fantasie. Eine Projektionsfläche. Ein Sammelsurium für all das, was uns in unserem Alltag nicht gefällt, und wovon wir glauben, dass es uns entfremdet von unserem eigentlichen, „naturhaften“ Dasein. Trete ich in die Aue ein, begegnet mir aber nicht mehr Natur als in der Stadt. Es wechseln schlicht die Akteuere. Tiere dominieren die Szene. Ihre Bühne ist das Theater aus Wald, Wiese und Wasser. Sitze ich auf der Terasse, oder vor der Blockhütte, und schließe die Augen, dann bin ich in Notre Dame. Deren legendäre Akustik mit 9 Sekunden Nachhallzeit, viel gerühmt und zum Klingen gebracht durch menschliche Stimmen und Orgeltöne, kommt mir in den Sinn, wenn das Kranichpaar im Anflug auf die Aue ruft. Es bespielt das Theater an der Aue. D-Dur ist ihre Tonart. Seit Bachs Zeiten die Tonart für Glanz, Repräsentation und Macht. Für Pauken und Trompeten. Ich schlage das zweigestrichene D am Klavier an und nehme den Ruf auf. Die Übereinstimmung bis in die exakte Stimmung des Klaviers hinein ist verblüffend. Wenn Grenzen sich auflösen, Getrenntes zueinander findet, Vielheit in Eins kondensiert, der Kosmos zum Greifen nah ist – in der Kindheit hieß es Raumschiff Enterprise…

Wolken ziehen

Dezember 22, 2025 § 4 Kommentare

Der Verstand ist eine wunderbare Sache. In vielem hilft er uns. Nur manchmal ist er im Weg. Beim Zeichnen zum Beispiel. Zeichne was du siehst, nicht was du weist, lautet eine einfache Handreichung. Denn was die Evolution in Jahrmillionen geleistet hat, um dem Menschen die Orientierung im Alltag zu erleichtern, hindert normal Sterbliche wie mich daran, glaubhafte Zeichnungen zu erstellen. Wer ein Gesicht zeichnen möchte, erkennt darin eine Nase, und zeichnet dann die Nase in ihrer Grundform, wenn man so will. Das ist aber mitnichten, was man sieht. Nicht nur, weil sich Visuelles oft der Linie entzieht, man aber mit dem Stift selbstverständlich auf Linien abhebt. Verkürzt die Perspektive zum Beispiel die Nase, etwa wenn sich die Person über einem befindet, will man sie dennoch lang zeichnen. Das hat schon Heerscharen von Zeichenschülern in die Verzweiflung getrieben und sämtliche an sich doch lobenswerten Ambitionen gleich wieder zunichte gemacht. Überhaupt wird die Linie ja seit der Renaissance völlig überbewertet. Sie galt als so etwas wie die intellektuelle Essenz allen Optischen. In der Zeichnung, als System geordneter Linien, kommen, so die Theorie, die Erscheinungen auf den Begriff. Farbe hingegen galt als bloße Zierde. Bisschen Gefühl dazu, wenn’s denn sein muss.

Das berühmte Schöne, das die einen in der Schlangenlinie sehen, die anderen in der Geraden, da haben alle sich darauf versteift, es ausschließlich in den Linien zu sehen. Ich bin an meinem Fenster, der Fluß spiegelt tausend Diamanten, das Laub flüstert; wo sind die Linien, die solch reizende Erfindung erzeugen? Sie wollen Maß und Harmonie nur zwischen zwei Linien sehen. Der Rest ist ihnen Chaos und einzig der Zirkel Richter.

Das schrieb der französische Maler Eugéne Delacroix 1849 in einem Brief. In der Zauche fand ich an einem spätherbstlichen Tag zwar keine tausend Diamanten, aber doch den Schlauch, eine Reihe zusammenhängender Teiche und kleinerer Seen im Emster-Quellgebiet. So zauberte eine tiefstehende, nur teilweise von breit gestaffelten Wolken verdeckte frühabendliche Sonne das spezielle Brandenburger Licht auf Auen, Wälder und Feuchtgebiete.

Acryl auf Buchdeckel.

Dämmerung über der Zauche

Dezember 7, 2025 § Hinterlasse einen Kommentar

Das in sich herrliche Nichtgewordene

November 12, 2025 § Hinterlasse einen Kommentar

Aber die wahre Geschichte ist allerdings nicht die der siegreichen Sache und der vollendeten Fortschritte […] Erst das nicht ganz Geschehene, erst das brechende Herz des besseren Mannes und der vernichtete Plan der rettenden Einsicht, – das in sich herrliche Nichtgewordene, durch alle Jahrtausende zusammenhängend hinter dem Stückwerk Gewordene, ist ihre reinste Kost.

Partie in der Zauche. Acryl auf Buchdeckel (Leinen auf Karton)

Rudolf Borchardt, zitiert nach: Peter Sprengel, Rudolf Borchard. Der Herr der Worte. München 2015, S. 410

Zaucher Land

November 6, 2025 § 2 Kommentare

Ich legte im Besitz wünschenswertester Elastitizät mit gleichsam spielender Leichtigkeit vierzig Kilometer zu Fuß zurück und langte hier an.

Einer dieser Robert-Walser-Sätze. Man könnte nun die Lektüre des Prosastücks Der Herbst nach diesem Auftakt fortsetzen. Eigentlich ist aber schon alles gesagt. Wie in Clint-Eastwood-Western, die mal jemand auf die Formel brachte, ich reite ein in eine Stadt, und der Rest ergibt sich. Ein gutes Bild erzählt auch eine Geschichte. Das heißt, eigentlich nicht, denn die Geschichte ist zwar angelegt, aber nicht auserzählt. Das zeichnet ein gutes Bild aus. Und so zierte einmal ein saftig grüner Kunstleineneinband eine alte schwere Bibliografie. Bis ihre Tage gezählt waren und sie einer neuen Zeit weichen musste. Das in ihr gespeicherte Wissen zog sich zurück in verbliebene Exemplare, der Einband aber überlebte und wurde be- und übermalt.

Zaucher Land.

Acryl auf grünem Buchdeckel.

Sehende Ohren

November 3, 2025 § Ein Kommentar

Wenn ich mich morgends in der Hütte ans Klavier setze, die ersten Töne anschlage, vielleicht das Andante favori von Beethoven, das seine „unsterbliche“ Geliebte Josephine von Brunsvick so liebte, sie aber dennoch nicht dazu brachte, ihn zu heiraten, was er sich so sehr gewünscht hatte, wohlwissend, dass die Gottgegebenen verfluchten Standesgrenzen trotz Revolution in Frankreich zu seinen Lebzeiten nicht weichen würden, weshalb er ein ewig nörgelnder, hadernder, verkannter und seinen adeligen Gönnern zeitvertreibender Lakai blieb, Vater- und Patriarchen-Gelüste schließlich seinem Neffen aufdrängend und diesen damit in den versuchten Suizid treibend – lasse ich also das allerliebst favorisierte Andante in die morgendlich frühnovembrig verschleierte Brandenburgische Zauche hinein ausklingen, die subdominantisch beglückend aufblühende Episode in B-Dur noch in alle Fasern nachklingend, so dringen durch die offene Türe Vogelstimmen an mein Ohr, die, so könnte ich schwören, beim Eintritt in die Hütte noch nicht da waren. Beethoven liebte die Natur, seine sechste Symphonie ist voll davon, und die Mondscheinsonate komponierte er in einer Gartenlaube auf dem Anwesen eben jener Familie Brunswick in Böhmen, die dem Genie zeitlebends verbunden blieb. Sonntags früh, bei Tagesanbruch, auf der Terasse sitzend, erlebe ich die Natur als vollkommene Klangkathedrale, als einen riesigen Raum, dessen Akustik angefüllt ist mit den seltsamensten Tieflauten, auch durchsetzungsstarken Kranichrufen, deren Klänge über Wiesen und Auen hallen uns sich als Echo an Waldrändern brechen. Zieht ein entfernter Nachbar sein Rollo hoch, so mischt sich das rhythmische Knarzen perfekt in die Tiersymphonie. Alles Leben verbindet sich akustisch, ohne dass auch nur entferntest Bewegung auszumachen wäre. Die Ohren sehen.

Klavierzelebrieren

Oktober 30, 2025 § 2 Kommentare

Reden wir über Musik…, könnte man das Gespräch beginnen. Malen wir Musik… wäre auch denkbar, kommt aber eher nicht vor. Hier schon. Bereits an anderer Stelle erwähnte ich die wunderbare Pavlina Gusheva, eine aufstrebende junge Pianistin. Für das ein oder andere Bild nutzte ich ihren instagram-Kanal bereits als Vorlage. Hier nun geht’s weiter. Für das erste Bild, Acryl auf Buchdeckel, verwendete ich die Ritz-Technik. Mit dem Stiel des Pinsels Linien gekratzt in das frisch aufgetragene und noch nicht gehärtete Acryl (genuscheltes Weiß). Nach und nach behutsam Farbe dazu:

Ähnlich beim zweiten Bild:

Pavlina spielt nicht Klavier – im Sinne dessen, was uns allen, die mal Klavierunterricht hatten, beigegebracht wurde – sie zelebriert Klavier. Ein Gesamterlebnis also für alle Sinne, ganz im Sinne Goethes, der, den Vortrag einer jungen hübschen polnischen Pianistin genießend, anschließend seinem Freund Zelter brieflich beichtete, in der Zwickmühle gesteckt zu haben, ob er sich mehr freuen soll, wenn die Pianistin weiterspielt, oder wenn sie aufsteht und auf ihn zukommt.

In meiner Blockhütte an der Aue spiele ich jetzt die Mondscheinsonate – komponiert von Beethoven übrigens gleichfalls naturnah in einer Gartenlaube -, und in das unendlich langsame Verebben der Klänge mischen sich zunehmend Stimmen der umliegenden Vögel. Es sind in der Kunst immer die Übergänge, an denen alles hängt…

La cathédrale engloutie in der Blockhütte

Oktober 19, 2025 § 8 Kommentare

Für ein Klavier ist Platz in jeder Hütte. Auch in dieser:

Und so konnte ich mir einen Traum erfüllen. Ein richtiges Klavier im Herzen der Natur. Da offenbar heutezutage niemand mehr einen dieser Old-School-Kästen mit Platzbedarf in Wohnzimmern haben möchte, musste ich gar nicht lange nach einem Instrument suchen. Gestimmt musste es nicht sein, und wird auch nicht mehr gestimmt, denn klar war: es produziert den Sound eines Honkytonk-Klaviers. Wie im Wilden Westen, wo es ein Klavier in jeder Bar gab, aber Temperaturschwankungen regelmäßiges Stimmen sinnlos machten. Die Technik sollte in Ordnung sein, gut aussehen durfte es auch. Voila: Ein Klavier der Marke Lauritz Barth aus Berlin Schönenberg, etwa 100 Jahre auf dem Buckel und bisher nur in Berlin herumgekommen, trat seine Reise aufs Land an.

Angekommen setzte ich mich sogleich ans Instrument. Der Klang übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Er ist überwältigend. Eine Kathedrale aus Sound. Saiten, Stahlrahmen, Holzkasten setzen sich auf meinen Fingerzeig hin in Bewegung, schaukeln sich gegenseitig hoch, treffen auf das Holz der Wände. Die Hütte beginnt zu schwingen und ich sitze in einem Ozean aus Klang. La cathédrale engloutie – dieses Prelude von Debussy findet hier seine wahre Bestimmung. Tiefe, Wärme und Unmittelbarkeit des Klangs sind unbeschreiblich. Ein einfacher h-moll-Akkord, einmal angeschlagen, steht und mäandert über Minuten vor sich hin. Von rechts oben schweben Engelschöre herab. Dieser Klang blüht einen ganzen Sommer. Draußen vor der Hütte wird’s herbstlich, drinnen nehmen Klaviersaiten Kontakt mit dem Kosmos auf. Wechsel nach c-moll. Die Milchstraße beginnt zu glitzern. Unendliche Weiten. Bis der Akkord entschwebt, ist es draußen dunkel geworden.

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan Beiträge mit dem Schlagwort Zauche auf Der Dilettant.