Unwiederbringlich
Januar 24, 2026 § Ein Kommentar
Der Zufall und der Tod
September 12, 2025 § 4 Kommentare
Wer nur den lieben Gott lässt walten, und hoffet auf ihn alle Zeit, den wird er wunderbar erhalten, in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.
Christliche Erbauungs-und Tröstungslyrik obiger Art stand nie im Fokus meines (literarischen) Interesses. Schon gar nicht in den Sturm- und Drangzeiten der Adoleszenz, in denen es galt, das Potential menschlichen Tuns und Verantwortens maximal auszuloten und Kritik an Autoritäten, kirchlichen nicht zuletzt, zu üben.
Mit der Bestattungsinstitutsangestellten, die sich ihren Nachnamen mit der Verstorbenen teilt, bespreche ich die Musik der Trauerfeier. Oben zitierten Bach-Choral wünschte sich meine Mutter, es gäbe eine gleichnamige Kantate, hebe ich an zu erklären, als sie mich sogleich unterbricht und als gelernte Musikwissenschaftlerin zu erkennen gibt. Bin ich auch, falle ich wiederum ins Wort und plötzlich sind wir bei den Zufällen des Lebens. Die sich gerade häufen. Als ich vor vielen Jahren an der Musikhochschule Frankfurt studierte, ereignete sich, kurz nach Erscheinen der legendären zweiten Glen Gouldschen Einspielung der Goldbergvariationen ein ebenso legendäres Ereignis, bei dem eben dieser Einspielung in durchnächtigter gemeinsamer Anhörung im Kommilitonenkreis unter gleichmäßiger Zufuhr von Alkohol nach Art eines Symposions gehuldigt wurde. Seit dieser Zeit ist mir ein damals im Hauptfach Klavier studierender Kommilitone in Erinnerung geblieben, ohne dass sich unsere Wege jemals wieder gekreuzt hätten. Vor kurzem nun gewahrte ich bei einem eintägigen Besuch Bayreuths vor der dortigen Stadtkirche einen Aufsteller, der für das anderntags stattfindende Orgelkonzert warb. Beim Namen klingelte etwas in mir, und die Ahnung, dass es sich bei dem Organist um jenen damaligen Kommilitonen handeln könne, bestätigte sich, als ich zum Klang offensichtlich probierender Orgeltöne die Kirche betrat und, ermuntert durch das Ergebnis eines spontanen Abgleichs – nämlich zum erinnerten Antlitz des damaligen und nun an der Orgel sitzenden Kommilitonen im Geist 40 Jahre hinzuaddierend – ihn ansprach. Er erinnerte sich natürlich an die legendäre Anhörung, wusste sogar noch, was mir zwischenzeitlich entfallen war, bei wem sie stattgefunden hatte – woraufhin vor meinem geistigen Auge eine Reihe mit der Dame einhergegangener Erlebnisse vorüberzogen. Und du bis jetzt also in Bayreuth, setzte ich das Gespräch fort. Ach was, ich lebe in Darmstadt, wo ich 20 Jahre als Korrepetitor am dortigen Staatstheater arbeitete, bis ich vor kurzen eine Kantorenstelle antrat. Kann nicht sein, platzte es um ein Haar aus mit heraus, bin ich selber doch nicht nur gebürtiger Darmstädter, sondern regelmäßig mehrmals im Jahr dort und wüsste das mithin. Nun, ich wusste es nicht, wir verabredeten, in Kontakt zu bleiben. Ein Mitbewohner meiner Mutter in dem Heim, das sie die letzten drei Jahre bewohnte, war Statist am Staatstheater, und groß war folglich das Hallo, als ich ihm vom früheren Mitstudenten erzählte. Beim Leichenschmaus wusste dann auch die treueste Weggefährtin meiner Mutter seit 1964 vom segensreichen Wirken des ehemaligen Kommilitonen am Theater und im Kantorat zu berichten. Wenn sich Kreise schließen, offene Enden zueinander finden, Netzfäden anschwellen, atmen wir Glück.
Von den drei für die Trauerfeier vorgesehenen Musiktiteln hatte meine Mutter nur einen verfügt. Ich bat im Gespräch mit der Beerdigungsinstitutsangestellten um einen weiteren: Kind im Einschlummern aus den Kinderszenen von Schumann. Nicht nur, weil meine Mutter mein Klavierspiel (und -üben!) immer liebend begleitet hatte, und eines ihrer Kinder viel, viel zu früh für immer „eingeschlummert“ war, sondern weil dieses kurze Klavierstück Sinnbild des Todes, des Aufhörens für immer ist. Kanonisch geführte, sekundreibende Linien führen abwärts und münden schließlich in einen Schlussakkord, der keiner ist. Dieser letzte, nach allen Regeln der Tonkunst auflösungsbedürftige Akkord wird nicht aufgelöst sondern zum Schlussakkord erklärt. Das bedeutet, das Stück endet nicht, sondern hört einfach auf. Ein offenes Lauschen in die Ewigkeit. Ein in der abendländischen klassisch-romantischen Musikgeschichte einmaliger, unerhörter (!) Vorgang.

Choral von Georg Neumark
Robert Schumann, Nr. 12 Kind im Einschlummern aus den Kinderszenen, Schluss, herausgegeben von Carl Friedberg.
Denn deine Güte reicht, so weit der Himmel ist
September 2, 2025 § 4 Kommentare
Für mich war sie einfach immer da. Sie aber beschloss nach 95 Jahren, es sei genug gelebt worden. Geboren in die Weimarer Republik hinein, erste Erfahrungen während der Nazizeit, Krieg, Nachkrieg, bescheidener Wohlstand, Verlust des eigenen Kindes. Später, viel später gingen fast alle vor ihr. Etwas trug sie durchs Leben. Etwas, das ein wenig aus der Mode gekommen ist. Gottvertrauen. Still, wie es ihre Art war, schied sie nun aus dem Leben.

(Zitat: Psalm 36)
Kinderszenen – Szenen aus dem Leben eines Kindes
Juni 25, 2025 § 2 Kommentare
Robert Schumann schrieb diese kurzen Stücke in seiner ersten, auf Klaviermusik beschränkten Schaffensphase. Zu einer Zeit, da er um seine Geliebte Clara Wieck kämpfte, zwischen irren Glücksmomenten und depressiver Verzweiflung pendelnd. Zu Ruhm gelangte die „Träumerei“, auch das Eingangsstück, „Von fremden Ländern und Menschen“ wird häufig gespielt. Eingebrannt aber in meinen Gefühlshaushalt hat sich die vorletzte der insgesamt zwölf Nummern, Kind im Einschlummern. Ein Wiegenlied der anderen Art. Seine wiegenden Rythmen werden durch dissonant kanonartig versetzt abwärts geführte Linien gnadenlos konterkariert. Das Stück findet auch nicht zum Grundton zurück, sondern endet offen auf einem Vorhalt, der durch einen nachgeschobenen Basston vom Vorhalt zum Grundakkord auf der Subdominante umgedeutet wird. Ein unerhörter Vorgang, der bedeutet, dass die Spannung nicht regelgerecht aufgelöst, sondern zur Endstation umgedeutet wird. Hier berührt sich der beginnende Schlaf mit dem Tod. Eine Musikwissenschaftlerin* hat plausibel erläutert, dass sich Schumann für diese Stücke von den Szenen mit Kindern in Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther anregen ließ. Ein Dichter, den Schumann über alles verehrte, und dessen Werk er sehr genau kannte. Die Pianistin Pavlina Gusheva spielt und durchleidet in einem kurzen Video auf instagram das Stück. Die zwei Bilder – Acryl auf Buchdeckel – sind dadurch inspiriert.


*Marion Harder-Merkelbach, Die Leiden des jungen Robert Schumann. In: Robert und Clara Schumann – Romantische Entdeckungen. Petersberg 2010.
ein spalt weit
Juni 9, 2025 § Hinterlasse einen Kommentar

ein Spalt weit offenes Land
ein bisschen neben mir
nah bei dir
Olaf Hellbusch (1960-2025)
Das ist ganz nah an einem ganz Großen, Lou Reed:
… such a perfect day
I‘m glad I spent it with you…
Ich gestehe, Reeds Verse nicht gänzlich zu kennen, aber dieser, der Refrain eines perfekten Songs über einem perfekten Tag, berührte mich in seiner Doppelbödigkeit immer auf besondere Weise. Als ein Liebeslied fernab jeder Klischeehaftigkeit. Der Moment, der Tag ist perfekt. Aber nicht weil die Liebste da ist. Nicht sie ist die Ursache seines Glücks. Vielmehr sagt er: hey, schön, dass du da bist und an meinem Glück teilnimmst. Sicher gibt es andere Lesarten. Aber jedes gute Lied, jedes gelungene Gedicht resoniert im Spannungsfeld zweier Individuen, Schöpfer und Rezipient. Und das meist über Zeitenwenden hinweg. Hölderlin, Hälfte des Lebens. Sein berühmtestes Gedicht, meine persönlich unvergessene Initialzündung im Deutschunterricht.
…
Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
es Winter ist die Blumen, und wo
den Sonnenschein,
und Schatten der Erde?
…
Die erste Hälfte des Gedichts adressiert die Schwäne in einem Land voller Birnen und Rosen. Genuss (Birnen), Schönheit (Rosen) Liebe (Küsse), Erkenntnis (heilignüchtern). Diese perfekte Welt eines perfekten Momentes wird konterkariert durch das, was für den Winter steht, durch den sprachlosen Tod. Aber wer nimmt das Aufeinandertreffen dieser zwei Hälften wahr, wer besingt es? Das lyrische Ich, natürlich. Die Schwäne wissen nichts von ihrem Glück, sie sind die Projektion dieses Ichs. Und dennoch ist der Kontrast innerhalb des Gedichts, das Aufeinandertreffen beider Hälften ja ein doppelter: Sommer – Winter. Und zugleich: Schwan – ich. Und so lese ich die oben zitierten Verse mit zweifacher Betonung
Weh mir, wo nehme ich [nicht der Schwan] wenn / es Winter ist die Blumen…
Mein Mitschüler Olaf konnte Sprache. Ich erinnere nicht, ob er im Unterricht dabei war, als wir Hälfte des Lebens durchnahmen. Oder Am Brunnen vor dem Tore aus Schuberts Winterreise. Was ich in Literatur und Musik suchte, in der Mechanik sperriger Tasten, denen der lustvolle Klang erst abzuringen war, in ausgedehnter Lektüreerfahrung, abseits geselliger Kreise – all das holte sich Olaf aus der Mitte des Lebens, Funken schlagend aus robust ausgetragenen Kollisionen. Immer ein bisschen neben sich, nah bei ihr.
Olaf Hellbusch. Musiker, Poet, Unruhestifter. 26.07.1960 – 20.05.2025
Mai 20, 2025 § 7 Kommentare

In der achten Klasse kam Olaf dazu. Meine Mutter geriet in Alarmstellung, erzählte ihr doch die Mutter meines Schulfreundes, da sei ein neuer Mitschüler, der mache die ganze Klasse verrückt. Auf Olafs Radarschirm geriet ich nur über die Musik, weiter gab es – zunächst – keine Berührungspunkte zwischen uns. Ich erfüllte die an mich gerichteten Erwartungen seitens der Schule, Olaf spielte in einer anderen Liga. Einer Liga, in der man sich als Schüler des Jungengymnasiums, dem uns irregeleitete Erziehungsberechtigte anvertraut hatten, erfolgreich in Richtung benachbartes Mädchengymnasium orientierte. Der Klassenlehrer beruhigte meine besorgte Mutter mit der Versicherung, uns beide, also Olaf und mich, verbände nur die Musik, und das gäbe sich schnell wieder. Zweifellos war Olaf die Idealbesetzung wenn es galt, mich auf die schiefe Bahn zu werfen. Fortan übte ich den Spagat zwischen Anpassung und Ausscherertum. Die übertriebene Sorge meiner Mutter, gepaart mit meiner Unfähigkeit, selber aufzubegehren, war dem Unfalltod meines jüngeren Bruders geschuldet, den ich, vier Jahre zuvor, beim Sprint in den Tod nicht hatte festhalten können. Olaf verweigerte sich trotz Begabung allen schulischen Autoritäten und verblieb konsequenterweise nach Ablauf des Schuljahres in der achten Klasse. Musikalisch hatte es zu funken begonnen zwischen uns, sodass der Kontakt blieb und sich vermehrt auf außerschulische Aktivitäten konzentrierte. Wir gründeten eine Band, spielten zu Vernissagen, im Darmstädter Schlosskeller und im Foyer des Staatstheaters. King Crimson in ihrer legendären ersten Phase hatten an gleichem Ort nur wenige Jahre zuvor gespielt. Wir durften von einer Karriere als elaborierte Prog-Rock-Musiker träumen. Diesen Träumen blieb Olaf Zeit seines Lebens treu. Ich hingegen trottete weiter auf bürgerlich ausgetretenen Pfaden. Konflikte über angemessene, gute und erfolgversprechende Lebensmodelle blieben nicht aus. Schließlich ist da die Sache mit dem Geldverdienen. Olaf hat das hinbekommen, und sich dabei nicht geschont. Sein Stiefvater – der ihn förderte, wie es sein leiblicher Vater nicht konnte oder wollte, starb früh an Krebs. Seine Mutter wurde, zusammen mit seiner liebevollen Großmutter, bei dem Absturz eines Sportflugzeugs, das in jene Wohnung krachte, die ich zu Schulzeiten so oft aufgesucht hatte, getötet. Meiner Mutter, 95jährig in einem Pflegeheim lebend, kamen vergangenen Samstag die Tränen, als ich von Olafs rapide fortschreitendem krankheitsbedingten Verfall berichtete. Die Startschwierigkeiten in ihrer Beziehung zu Olaf waren bald nach der Schulzeit einer herzlichen Zuneigung gewichen. Über die Jahre und Jahrzehnte blieb seine Existenz Thema unserer Gespräche. In vier Wochen erscheint, nach vielen selbstproduzierten CDs, seine erste Schallplatte. Er wird dann schon Teil dessen sein, was kein Sterblicher begreift.
Bild: Aquarell auf Papier.
Alternder Koloss
Dezember 13, 2023 § 3 Kommentare
Im Licht der Zeit
Februar 7, 2023 § 6 Kommentare

Die Wege des Lichts sind so diffus wie die des Lebens. Momente von Klarheit und Durchblick wechseln mit Irritationen und Eintrübungen. Verhangenen Blickes wartet das Schicksal auf uns. Beim Auflösen der elterlichen Wohnung sind Schätze zu bergen und Abgründe zu meiden. Aufschreiben, Dokumentieren und Bewahren hatte Tradition in unserer Familie. Und was die Zeit überdauert, hat Substanz, häufig Anmut und eine Qualität, die erratisch in die vorwärts jagende Gegenwart hineinragt. Seit Wochen arbeite ich mich durch Nach- und Vorlass von vier Generationen, versenke mich in Menschen, die mir persönlich begegnet oder aus Erzählungen bekannt sind und nun in Fotografien, Briefen, Erlebnisberichten und weitergereichten Dingen vor Augen treten. Womit ich nicht gerechnet hatte, war ein Schrankfach hoch oben über dem Bett meiner Mutter. Ich öffnete es und wurde gewahr, was meinen Eltern von ihrem 1972 tödlich verunglückten Kind geblieben war. Alles lag begraben in diesem Fach. Basteleien, Schulhefte, das selbst genähte Micky-Maus-Karnevalskostüm, gemalte Bilder. Dazu elterliche Aufzeichnungen, Notate, ärztliche Bescheinigung zu Todeszeitpunkt und -ursache, Kondolenzbriefe, Dias, Kostenrechnung der Bestattung. Die Spuren eines zerstörten Lebens verkapselt für immer, den Schmerz aufgehoben und jetzt doch ans Licht gezerrt im Zuge dieser Wohnungsauflösung. Damals blieb ich stehen, während mein Bruder in sein Unglück rannte. Und eine große Finsternis sich über unsere Familie legte. Jetzt gehe ich weiter denn alles ist immer da. Auch das Licht.

Bild: Michael Weber (1962 – 1972), Altarstein im Felsenmeer
Foto: im Berliner Tiergarten, 06.02.2023
Über das Leben im knisternden Scheiterhaufen
Januar 29, 2019 § 15 Kommentare
Walter Benjamin zufolge wohnt jedem Portrait Trauer inne, da es den Tod des Portraitierten antizipiert. Das Portrait verlängert die abgebildete Person über den Tod hinaus und zeigt daher mit dem Finger auf das Ende. Ist das Portrait gealtert, weit über den Tod des Abgebildeten hinaus, kehrt sich die Trauer in Trost: das Leben war nicht vergeblich, das fortdauernde Bild kündet späteren Generationen vom Wirken eines Menschen, es dokumentiert: hier hat Einer gerungen, hier hat Eine gelitten. Auch in der verbreitetsten Ausprägung des Portraits der Jetztzeit, dem Selfie, steckt Trauer. Im naiven Bemühen um Eingang ins Digital-Ewige hinein, im Wunsch, dort eine neue Heimat zu finden, wo die Vergänglichkeit alles Materiellen aufgehoben scheint. Schaut man in die Instagram-Welt, glotzt die globale Vanitas-Fratze zurück. Alles eitel und nichtig. Und ein Fest. Ja, ein großes Fest. Und dazu legen wir unsere Lieblingsplatte auf, spielen die immer gleiche Stelle, bis sie knistert wie ein Scheiterhaufen. So ist’s drüben im Studio Glumm nachzulesen, in diesem fulminanten Text über das schöne, gefährliche Leben.











An der Schwelle
März 11, 2017 § 7 Kommentare





