Kader Attia im Berner Kunstmuseum
Juli 20, 2024 § Hinterlasse einen Kommentar
Bei meinem heutigen Besuch des Kunstmuseum in Bern fiel mir sogleich eine Gruppe massiver, auf Stahlgestellen ruhender Köpfe auf, geschnitten, gefräst, modelliert aus Teakholz. Der Künstler: Kader Attia. Konzept: Repair. Die Verwundungen, Schäden, Ungerechtigkeiten des Lebens, vor allem angerichtet durch das sehr widersprüchliche Wirken westeuropäischer Kolonialmächte in vergangenen Zeiten, müssen repariert werden. Sie überhaupt erstmal sichtbar zu machen, an Individuen, eindrücklich, erschütternd, zum Nachdenken anregend – das gelingt Attia. Ich skizzierte die Köpfe. Dabei bemerkt mich ein wissenschaftlicher Museumsmitarbeiter, bekundete spontan sein Zustimmung zu meinem Tun und führt mich mit wenigen Sätzen in die Welt des Künstlers ein. Dieser lebt als algerischstämmiger Franzose teils in Berlin. Das passt. Ich werde mich weiter kundig machen.





Nike
März 9, 2024 § 9 Kommentare

Im Gegenwind voranstürmende, barbusig leicht gekleidete Damen wirken aphrodisierend auf kriegslüsterne junge Männer und verheißen Lohn für die Zeit nach entbehrungsreich geschlagener, hoffentlich gewonnener Schlacht. Ein unbekannter griechischer Bildhauer schuf in der als Nike von Samothrake bekannt gewordenen Skulptur die prototypische künstlerische Ausformung. Eine Replik der im Louvre aufgestellten rekronstruierten Plastik steht im Lichthof der TU in Berlin und wirkte dort auf mich immer schon seltsam deplaziert. Als ich Ende der 80er Jahre während des Studiums häufiger dort vorbeikam, setzte die beschwingte Erotik in ihrerer marmornen Anmutung wenig Energie frei. Zu sehr belasteten mich Planspiele einer sich nirgends abzeichnenden beruflichen Zukunft. Übrigens trieb ich dort nicht, wie es der Hochschulename nahelegt, technische Studien, sondern war am kleinen aber sehr feinen geisteswissenschaftlichen Fachbereich zugange. Illustre Persönlichkeiten wie Walter Höllerer, Norbert Miller, Peter Wapnewski, Carl Dahlhaus, Thomas Cramer, Harald Hartung gaben sich dort die Klinke in die Hand. Die Zeichnung der Nike entstand vor längerer Zeit auf chinesischem Papier.
Figur mit Weitblick
Mai 1, 2023 § 2 Kommentare
Erhaben steht sie da, ein schlankes Wesen, vielleicht als Giraffe konzipiert, aber doch dem Tierreich entlaufen in eine eigene Welt fabelhafter Wesen, in jedem Fall geschnitzt aus einem einzigen Stück Holz von einem mir unbekannten Künstler im Auftrag meines Großvaters und übereignet seiner ältesten Tochter anlässlich ihres bestandenen Abiturs. Seit Kindestagen gehörte die Figur zum Inventar der elterlichen Wohnung und wurde als solche wahrgenommen – nämlich gar nicht. Wie die Tapete an der Wand vielleicht, oder überhaupt alles, was es im Sinne postpubertärer Lebensgewinnung und -behauptung zu überwinden galt – auf dem Weg in das eigene Leben, in die Freiheit. Aber nun schließt sich der Kreis, und ich entdecke neu, was anfangs schon da war. Wie die Grazie, die sich in Kleists Erzählung Über das Marionettentheater wieder einstellt, „wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist“ – Auch wenn das „Unendliche“ hier doch auf überraschend schnell vorbeiziehende Lebensjahre herunterzubrechen ist. Überhöht aber noch durch den eigenen Schatten erschien die Figur in einem Moment seltener Magie heute vormittag, als das hereinströmende Sonnenlicht vom matt glänzenden Parkettfußboden reflektiert wurde.

Sieben Versuche über ein stummes Rätsel
Mai 15, 2020 § 2 Kommentare
Die Sache mit dem Ruhm und dem Geld
November 26, 2017 § 6 Kommentare
Mit Ruhm und Geld ist das doch so: Man will das gerne haben, einerseits, man weiß aber auch, dass das nicht viel bedeutet, andererseits. Sobald man ins Atelier geht, hilft einem nicht weiter, dass man berühmt ist – da ist man wieder dasselbe kleine Arschloch, das da steht, sich am Kopf kratzt und auf eine gute Idee hofft.
Per Kirkeby*
Man sieht: wer etwas geschafft hat, bleibt eben immer noch der, der er war, als er es noch nicht geschafft hatte. Oder die, die sie war, als sie es noch nicht geschafft hatte. Diese Erfahrung zu machen, ist sicher so frappierend wie erhellend, und schnell ist man da mit der Beobachtung bei der Hand, dass Geld nur dem nichts bedeutet, der im Übermaß darüber verfügt. Es steckt aber doch eine tiefere, und in diesem Falle durchaus beruhigende Erkenntnis dahinter. Freilich gilt’s auch umgekehrt: es hilft einem auch nicht, n i c h t berühmt zu sein, sondern ein bloggender Dilettant. Statt mir den Kopf blutig zu kratzen hab ich mir gesagt, geh doch mal raus aus dem Atelier Dilettantenstüberl, dorthin, wo den kleinen Arschlöchern vergangener Zeiten ein ehrendes Andenken bereitet wird, ins Museum. Diesmal das Bode-Museum. Natürlich mit Tuschefüller und Notitzbüchlein. Später bisschen Farbe drauf, als Trost- und Heilpflaster, gewissermaßen.
* in: Süddeutsche Zeitung Magazin, 20 Jahre Edition 46, S. 29
Das Ziel ist im Weg
Mai 31, 2017 § 10 Kommentare
…
Wärend die meisten Menschen damit beschäftigt sind, Hürden aus dem Weg zu räumen, tut eine Minderheit das genaue Gegenteil. Sie räumt Steine in den Weg und legt dadurch ein erstaunliches schöpferisches Potential frei. Von der Band Talk Talk [Mark Hollis, zum Teufel, wo steckst du eigentlich?] ist überliefert, wie sie einmal mit dem Spiel ihres Keyboarders unzufrieden war und daraufhin beschloss, seine Finger zu tapen. Tapen im Sinne von: die Finger der rechten Hand mit Klebeband zusammenbinden. Das verleitete (Haha, Euphemismus: er konnte ja nicht anders!) den Keyboarder zu einer wunderbar reduzierten, inspirierteren Melodieführung. Woraus folgt, dass man sich mitunter ein Bein stellen muss, um voran zu kommen. Das Nächstliegende, Einfache weil Gewohnte, Schnell Belohnung Versprechende etc. will gewaltsam ausgehebelt werden. Das bedeutet auch: die Angst vor Fehlern, vor dem Scheitern darf ins Positive gewendet werden, ja sogar: der Fehler ist willkommen. Nie vergesse ich den Rat meines (Lieblings)(Jazz)Klavierlehrers Andreas Schmidt: wenn du beim Improvisieren einen Fehler machst, eine „falsche“ Note spielst, wiederhole sie an jeweils gleicher Stelle, und sie wird „richtig“. Für mein Erforschen menschlicher Physis und Physiognomie nach Maßgabe skulpturaler Schöpfungen nehme ich gern „benutztes“ Papier und arbeite z. B. gegen Schrift, oder auch gegen eigene Setzungen (davon später mehr).

Herkules erschlägt Kakus
Februar 2, 2017 § 2 Kommentare
…
An vielen Orten der Welt herrschen Krieg, Gewalt, Unterdrückung. Aber die Welt ist auch das, was wir zivilisiert nennen. Jedenfalls in den reichen Industrieländern und vielen, auch ärmeren Länder der Erde. Wenn man will, kann man die Geschichte des westlichen Abendlandes der letzten 2000 Jahre als eine Entwicklung hin zur Zivilisation verstehen. Als das allmähliche Herausbilden und Durchsetzen geordneter Regeln im Umgang mit Konflikten, die aus dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Interessen resultieren. Verhandeln statt zuschlagen, salopp vereinfacht. Die diesen Prozess begleitende Kulturgeschichte hält in ihren Themen aber an einer gewalttäigen, ja blutrünstigen mythologischen Welt fest. Mehr noch: sie feiert sie geradezu und malt sie in den schillerndsten Farben aus. Als fände hier eine Verlagerung statt, ein Bannen des Fluches. Motto: Kann ich mir ein Bild davon machen, beherscht es mich nicht mehr. Oder wie Nitzsche es formulierte: In der Kunst bewundern wir, was wir im Leben nicht aushalten würden. So wird aus einem Gang durch eine Gemäldesammlung schnell ein Trip durch’s Horrorkabinett. Freilich nehmen wir das meist nicht so wahr, denn was es ins Museum geschafft hat, und über teils Jahrhunderte dort hängengeblieben ist, siedelt in einer Sphäre geistiger Hochkultur, der wir beinahe reflexartig unterwürfig begegnen. (Lieber nicht nachdenken möchte man darüber, was es eigentlich bedeutet, wenn regelmäßig von Vergewaltigung bedrohte Frauen, notdürftig kaschiert als mythologische Gestalten, in verführerischsten Posen unseren (männlichen) lüsternen Augen dargeboten werden.) Die Staatlichen Museen Berlins besitzen eine Figurengruppe von Pierre Puget, die in geradezu angsteinflößender Expressivität darstellt, wie Herkules den Viehdieb und Outlaw Cacus erschlägt. Die Komposition bietet von allen Seiten unerschöpfliche Nahrung fürs Auge. Einige Ansichten habe ich mit dem Pinsel in Tusche nachgezeichnet:
(P. S. Ein verbaler Draufschläger, mit übermenschlichen Kräften prahlend, hat gerade das Weiße Haus bezogen. Behaupte mal einer, geschichtliche Prozesse seine irreversibel)
Huong-quê, Fassung eins
August 9, 2015 § 2 Kommentare
Vorlage für dieses Bild war die Schwarzweißfotografie einer Skulptur aus dem Vietnamesischen Nationalmuseum, entstanden Anfang des 10. Jahrhunderts. Das Bemerkenswerte an vielen dieser Ostasiatischen Gottheiten ist ja, dass sie entspannt lächeln. In unserem Kulturkreis galt bereits der Anflug eines Lächelns auf einem Gemälde als Sensation.
Zacharias Hegewald im Bode-Museum
März 14, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar
Im Bode-Museum zu Berlin sind viele schöne, bekannte Skulpturen zu sehen. Und es ist so manche Preziose zu entdecken. Zum Beispiel ein kleines Figurenpaar von Zacharias Hegewald, einem barocken Bildhauer mit Atelier im Dresdner Schloss. Titel: Adam und Eva als Liebespaar. Da begehren sich zwei, das sieht man sofort. Und obwohl beide frontal dargestellt sind, ist ihre Hinwendung zueinander vom Künstler virtuos inszeniert. Nach kurzer Betrachtung fielen mir zwei Knubbel auf, die aus dem Schleier, der die Scham verhüllt, herausragen. Das Rätsel löste sich schnell: hier wird ein abnehmbares Stück „Stoff“ von zwei Stiften festgehalten. Und obwohl der kunstinteressierte Museumsbesucher des 21. Jahrhunderts, anders als der ursprüngliche Auftraggeber der Figurengruppe, das abnehmbare Teil nicht entfernen darf – durch das Vorhandensein einer Glasvitrine sogar ausdrücklich daran gehindert wird – verrät ein Blick von schräg oben unmissverständliche Erkenntnisse über die sinnenfrohe Gestimmtheit des Bildhauers bzw. des Auftraggebers. Nur so viel sei verraten: Zacharias Hegewald war eine ausgewiesener Schlawiner vor dem Herrn.








































