In der Klanghöhle
August 29, 2023 § 2 Kommentare

Zwischendurch hebt er kurz den Kopf, blickt Richtung Saaldecke und spitzt den Mund, so als wollte er schnell Luft schnappen. Wie ein Fisch vorm erneuten Abtauchen in die Fluten. Klangfluten waren es bei Alexander Melnikov, besser noch: eine atemberaubend verzweigte Klanghöhle, gebaut dereinst vom Komponisten Rachmaninow und nun beleuchtet im umherirrenden Scheinwerferlicht vom Pianisten während seines Auftrittes beim diesjährigen Musikfest Berlin. Man versteht nicht so recht, wie zehn Finger eine sich in der Zeit entfaltende Architektonik stemmen können, wo ja nicht einfach jedem Finger ein Zimmer zuzuordnen wäre. Die Fluchten, Haupt- und Seitengewölbe mitsamt Treppen, Vorgarten und darüber gespanntem Nachthimmel hängen in der Schwebe an parrallel zu spinnenden Fäden, die alle in der Balance gehalten sein wollen. Und was für eine Entdeckung sensationeller Kompositionen des viel geschmähten Komponisten für mich, allen voran die „Etudes tableaux“. Und eine Wiederbegegnung mit dem russischen Pianisten, den ich anlässlich eines Events im Plattenladen Horenstein vor Jahren aus nächster Nähe erleben durfte. Hätte ich Melnikovs glänzenden Artikel in der FAZ vor einigen Tagen* nicht gelesen, wäre ich mit meinem Adornos unsäglichem Wirken geschuldeteten Scheuklappenblick weiter achtlos an Rachmaninow vorbeigegangen. So aber ergatterten wir nach spontanem Entschluss für das eigentlich ausverkaufte Konzert an der Abendkasse noch zwei Karten. Ich könnte nun endlos schwärmen von der Kraft, der Eleganz und Subtilität seines Spiels, von der traumwandlerischen Sicherheit im Erspüren noch der feinsten kompositorischen Details. Stattdessen sei erwähnt, was ich in dieser Vollendung noch nirgends hörte: die Verlängerung der Musik über den Schlußakkord hinaus. Die Brücke zwischen Klang und Stille. Das Spiegelbild der gekonnten Setzung eines Akkordes durch dynamisches Ausbalancieren der Töne in Tateinheit mit subtilster zeitlicher Staffelung im Anschlag – die Herausnahme des Schlussakkords durch mikroskopisches Lösen von den Tasten bei gleichzeitigem Einfaden des Dämpfungspedals. Melnikov erwähnt in seinem Artikel – ohne ihn beim Namen zu nennen – Alfred Brendels Diktum von Rachmaninows Musik als Zeitverschwendung. Verschwenden wir unsere Zeit nicht länger an pseudointellektuelle Überheblichkeit und spitzen stattdessen unsere Ohren.
*Ein Superhirn voller Bitterkeit, FAZ vom 25.8.23
Musikfest Berlin: Alexander Melnikov II, Rachmaninow: Werke für Klavier solo
Bild: digitale Collage aus Eitempera- und Acrylbildern
Im Inneren des Pianisten
Juni 14, 2023 § 2 Kommentare

Kürzlich las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass die Münchener Musikhochschule eine (halbe) Professur für künstliche Intelligenz und musikalische Kreation eingerichtet hat. Da hab ich mich gefragt, warum und wofür eigentlich. Erhofft man sich von der KI spannende neue Musik, bisher Ungehörtes, -geahntes gar? Gibt es nicht mehr genügend komponierende Menschen? Gehen ihnen die Ideen aus? Lechzt das Publikum nach Singbots (chatten reicht vielleicht nicht)? Schon klar, dass Dinge öfter mal gemacht werden, weil sie möglich sind, nicht weil sie gebraucht werden. Aber der Treibstoff für die KI kommt aus der Ökonomie, sie scheint Lizenzen zum Gelddrucken zu verteilen. Braucht‘s da unser aller Subventionen? Könnte die Professorenknete nicht an ein paar (bedürftige) Musikerinnen und Kleinkünstler fließen? Und selbst wenn die Maschine dereinst die Fähigkeit zu Neid entwickelt, kann sie lieber heute als morgen lernen, dass sie an einen Sokolov ohnehin nicht heranreicht.
Das Phänomen Sokolov
Juni 5, 2023 § 2 Kommentare
Wie visualisiert man Musik? Klang? Nachdem wir neulich völlig geflasht aus Sokolovs Klavierabend in der Berliner Philharmonie kamen, und ich mir daraufhin gelegentlich die Physiognomie dieses Ausnahmepianisten, wie man sie in Fotografien auf Google und Instagram findet, anschaute, versuchte ich mich heute an einigen Zeichnungen.





Zweifellos ruht der Mann in sich und hat nichts von der beispielsweise exaltierten Nervosität eines Glenn Gould. Eher schon etwas von Buddha. Eines Buddhas auf dem Vulkan freilich. Denn die Eruptionen muss man erst einmal unter Kontrolle halten. Das feuerspeiende Flügel-Monster bändigen, ohne die Glut zu ersticken. Da brauchts für die Visualisierung wohl doch Farbe. Kommt im nächsten Schritt.
Sokolov
Mai 5, 2023 § 5 Kommentare

Es gibt Pianisten in Hülle und Fülle, so viele so gute Leute. Und dann geht man eines Abends in die Philharmonie und hört Sokolov. Das heißt, erst sieht man ihn. Stoischen Schrittes geht er zum Flügel, nimmt Platz und beginnt zu zaubern. Einfach so. Natürlich kann man sich hinterher endlos fragen, was er macht, wie er es macht, warum dieses oder jenes so oder anders klingt. Dass das Tempo ein stringent sich entfaltendes ist, ohne rubatorische Verrenkungen, exaltierte Stauchungen und dergleichen mehr, dass der vertikal und horizontal aufgefächerte Klangraum von einzigartiger Kontrolle des Spielapparates zeugt, dass einfach alles seine Richtigkeit hat und man nur noch möchte, dass es nicht aufhört. Dass ein so abgehangenes Werk wie das Regentropfen-Prelude von Chopin klingt, als (er)finde der Pianist in just diesem Moment Musik, anstatt Noten zu spielen, die ihren Weg seit annähernd zwei Jahrhunderten durch abertausende Gehörwindungen gehen. Vielleicht hilft ein Bild: ich stelle mir vor, jemand nimmt eine kostbare Keramik in die Hand und hält sie ans Licht, betrachtet sie von allen Seiten und setzt sie vorsichtig wieder ab. So spielt Sokolov. Er gestaltet die musikalische Linie, als betrachte er das Gefäß. In immer neuen Facetten entfaltet die matt lasierte Oberfläche ein unendliches Farbspektrum, Lichtreflexe tanzen – dabei bleibt es doch die stets gleiche Keramik. Ein und dasselbe Objekt. Es existiert in und außerhalb der Zeit. Die musikalische Phrase hebt an und ist schon da. Hier berührt ein Künstler Menschen. Sie danken es ihm durch nicht enden wollenden Beifall.
Musik entfaltet sich in der Zeit. Und ist doch ganz erst bei sich, wenn sie stehenbleibt. Wie umgekehr ein Bild, wenn man sich hineinziehen lässt, anfängt zu erzählen.
P. S. Das Aquarell entstand in vager Anlehnung an eine Vase aus dem elterlichen Haushalt.
Radu Lupu
April 20, 2022 § Ein Kommentar

Es muss 1978 gewesen sein, da spielte Radu Lupu im Staatstheater Darmstadt, eingesprungen für den erkrankten Alfred Brendel. Er spielte die Kreisleriana, und als er beim Schlussstück, der achten Nummer – „Die Bässe durchaus leicht und frei“ – ankam, blieb die Zeit stehen. Die Miene stoisch, den Oberkörper unbewegt, glitten seine Finger mühelos über die Tasten und ließen Töne aufscheinen, die schon immer da waren. Einer Radarnadel gleich, die über den Monitor kreist und für einen Moment sichtbar macht, was die Dunkelheit da draußen verbirgt. Im Boulez-Saal wollte er sie neulich noch einmal spielen, die Karten waren schon gekauft, doch er musste absagen. Jetzt ist er tot. Die Töne aber, sie sind noch da.
(Das Bild malte ich 2015)
Fünfmarkstück
Dezember 1, 2017 § 2 Kommentare
Mein Klavierlehrer am Konservatorium pflegte ein Fünfmarkstück auf meinen Handrücken zu legen. Wenn es herunterrutschte, hatte ich verloren. Er war ein massiger Mann, ein Koloss, aber ohne alles Muskulöse, Stählerne. Seine Konturen flossen dahin wie seine wulstigen Finger, wenn sie über die Tastatur glitten. Spielte ich, lauerte er neben mir und wartete auf den richtigen Moment. Der kam schnell, denn etwas auszusetzen an meinem Spiel gab es immer. Dann setzte er sich mit unvermuteter Behendigkeit auf den Klavierstuhl, auf dem ich gerade noch gesessen zu haben glaubte. Zu behaupten, er habe mich beiseite geschoben hieße, den Kraftaufwand übertrieben darzustellen, dessen der ganze Vorgang, der sich im übrigen im Bruchteil einer Sekunde abspielte, bedurfte. Die stupende Klaviertechnik, die ihm wahrscheinlich von Geburt an zur Verfügung gestanden hatte, beschämte mein hölzernes Gestümper. In unserer Heimatstadt verfügte er über eine ansehnliche Fangemeinde, litt jedoch Zeit seines Lebens unter der Kränkung, dass ihm die Professur an der Musikhochschule der nächst größeren Stadt verweigert wurde. So unternahm er regelmäßig Tourneen in ferne Länder. In Fernostasien galt er wahrscheinlich als der authentische Nachkomme Beethovens und Schumanns. Auch Schallplatten spielte er gelegentlich ein, nicht ohne uns Schülern den Erwerb dieser Platten auf das Dringlichste ans Herz zu legen. Einmal hatte ich bei ihm zuhause Unterricht. Während wir am Klavier saßen – der Flügel durfte zu Unterrichtszwecken keinesfalls mißbraucht werden – huschte im Hintergrund ein federleicht winziges Persönchen auf der Suche nach dem gemeinsamen weißen Hasen durch die Szene. Nachdem ich auf die Hochschule gewechselt hatte, verlor sich der Kontakt. Es blieb eine grundsätzliche Blockade im Spielapparat, die Energie konnte nie fließen. Nachdem ich mich noch eine Weile daran abgearbeitet hatte, gab ich auf. Doch in konzetrischen Kreisen kehrte das Klavierspiel immer wieder zurück. Und über die Jahre, Jahrzehnte mittlerweile, nach Anregungen vielfältigster Art, lockerte sich der Knoten. Heute weiß ich, wie sich Arm, Hand und Finger anfühlen müssen, damit die Energie fließen kann. Und es gelingt mitunter. Dann ist es ein Fest, der Körper im Rausch, fünf Finger buhlen um die Taste, eine nach der anderen formen sie die Phrase, die singend über dem Bass emporsteigt. Und dann spielen die Finger von alleine, ich stehe bewundernd daneben, vergesse darüber fast die Musik… So unterhalten sich Körper und Geist. Wie beim Sport. Wie in der Liebe. Ganz ohne Fünfmarkstück.
Radu Lupu
August 24, 2015 § Hinterlasse einen Kommentar


