Von der autogerechten Stadt zum Komfortradeln
September 3, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar

Kurzbesuch in Darmstadt beendet. Ein wenig durch die Stadt meiner Kindheit und Jugend geradelt und dabei festgestellt, wieviel schöner vieles ist. Und es ist ein Komfortradeln geradezu verglichen mit dem Radfahren zu Schulzeiten. Damals (in den Siebzigern) war Radfahren ein permanenter Kampf um Daseinsberechtigung im Straßenverkehr (schlimmer wars nur für Fußgänger). Heute schwebt man über rote Teppiche. Im Fachgeschäft für Kreative an der Heidelberger Landstraße Rapidograph-Restbestände aufgekauft, die dort noch (anders als im Berliner Fachhandel) üppig vorhanden waren (rotring hat die Produktion von Rapido- und Isograph leider eingestellt). Im Hessischen Landesmuseum eine kleine Ausstellung besucht und beim Herabsteigen der Freitreppe Richtung Foyer und Ausgang Kunst (siehe Foto oben) und Stadtvolk im Gegenlicht einer gleißend frühmittäglichen Sonne gesehen:

Abends bei Freunden auf der Heppenheimer Terasse gesessen und die untergehende Sonne mit Fußball, Adorno, russischen Pianisten, Frank Witzel, Judith Butler, Progrock und so manch anderem Gesprächsstoff verabschiedet.

Fernes Land
Januar 12, 2021 § 2 Kommentare

Die Kindheit ist das ferne Land. Steinzeitliche Jäger durchwandern prähistorische Gründe. Tundren, schroffes Land, zerklüftet, unermesslich weit, erschreckend rauh, grenzenlos. Abenteuerbücher deren Namen ich vergessen habe befeuerten diese Fantasien. Die Männer trugen Felle und Speere, Frauen gab es noch nicht. Heute fahren durch diese Landschaften Autos auf der Suche nach Käufern. Die Sehnsucht bleibt.
Bielefeld
Mai 14, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar
Bielefeld ist die Stadt meiner Großeltern. Zweimal im Jahr besuchten wir sie. Das Abenteuer begann mit der Taxifahrt vom Bahnhof in die Bossestraße. Ein unerhörter Luxus, der unmissverständlich von Wichtigem kündete. Vom Fenster der Parterrewohnung aus wurde unsere Ankunft sehnsüchtig erwartet. Dann die Rituale. Balanceakt auf der gemauerten Umfriedung des Vorgartens als Mutprobe und Inbesitznahme des Territoriums. Erkundungsgänge an der Hand des Großvaters. Gefährliche Überquerung der Stapenhorststraße, auf der der Verkehr Richtung Stadt brandete. An der Ecke war eine Kneipe, hinter deren Gardinenbehangenen Scheiben ich mir das geheimnisvolle, abenteuerliche Leben der Erwachsenen vorstellte. Wie gerne hätte ich einen Blick hineingeworfen. Weiter zum Bürgerpark Enten füttern mit Brotkrumen, die Oma uns in der Küche in ein Tütchen gepackt hatte. Zur Oetker-Halle, zu den Löwen, später zur Baustelle der Uni. Das war Opas Revier. Mit Oma ging’s Richtung Stadt zum Siegfriedplatz auf den Markt. Mit der ganzen Familie die Stapenhorststraße entlang zu Großonkel und -Tante, Eis essen im Garten. Drinnen beugte sich der Großonkel über Landkarten und erzählte vom Krieg. Sein Finger wanderte bunte Linien entlang. Heute weiß ich, dass vom Ersten Weltkrieg die Rede war und sein Finger Galizien suchte, wo er von Kosaken mit einem Bauchschuss niedergestreckt worden war. Meinen Großeltern gegenüber wohnte Familie N. Die Tochter in meinem Alter. Ich aber war schüchtern. Hinterm Haus spielten wir ein oder zweimal Federball. Mehr war nicht drin. Wenn die Arminia spielte, wehte der Wind den Torjubel von der nahe gelegenen Alm herüber. Ging Opa nicht mit uns spazieren, saß er an seinem uralten Schreibtisch und beklebte Alben, die er uns Kindern schenkte. Oft kam Besuch und alle drängten sich um den Wohnzimmertisch. Die Couch eignete sich hervorragend als Trampolin. Vorm Schlafengehen gruselte mich, denn es musste der große dunkle Flur durchquert werden. Im Badezimmer machte die Gastherme unheimliche Geräusche.
Kindheit. Die Kindheit eines Erwachsenen. Hier und Jetzt.
Heute kein Bild.