Da brennt schon Licht

Dezember 2, 2025 § Hinterlasse einen Kommentar

Die verblüffendste Definition des Unterschiedes zwischen Klassik und Jazz, die mir je zu Ohren kam. Im Jazz aktzeptieren wir, dass das Licht an ist. In der Klassik hingegen versucht man, das Licht einzuschalten. (Keith Jarrett im Interview mit Down Beat, in meiner Übersetzung) Per aspera ad astra. Durch Nacht zum Licht. Das ist Klassik prototypisch. Der Titan alias Beethoven ringt mit dem Schicksal, seine Symphonien künden davon, die Menschheit ist erleuchtet. Kommt leider wenig später Adorno um die Ecke und knipst das Licht wieder aus. Das letzte Wort hat die Dialektik, derzufolge jede Wendung zum Guten die nächste zum noch Schlimmeren einleutet (Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang…und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören – wusste schon Rilke). Kein Wunder, dass Adorno den Jazz hasste. Da brennt ja Licht, es ist helllichter Tag, die Vögel singen und Menschen grooven nur so um die Wette dass die Geburtenraten in den Himmel schießen. Aus seinen Briefen lernen wir heute, dass Adorno der Sinneslust gegenüber keineswegs abgeneigt war. Vielleicht sogar ein verkappter Erotomane. Und womöglich sind ja These und Antithese nichts anderes als Männlein und Weiblein, die sich unentwegt gegenseitig ins Paradies der Lüste schaukeln.

Das Bild ist übrigens eine Spontanimprovisation in Acryl auf dunkelgrünem Buchdeckel. In der Art wie jetzt viele gegen Ende einer Malsession entstehen, wenn noch etwas überschüssige Farbe auf eine frische Leinwand oder vielmehr auf den nächsten bereit liegenden Buchdeckel gebracht werden will.

The Köln Concert

November 30, 2025 § 2 Kommentare

Am 24. Januar 1975 gab Keith Jarrett ein Solokonzert in der Kölner Oper. Es erschien wenig später als Doppelalbum bei ECM auf Schallplatte und stand dann jahrelang in Studentenbuden und bildete Gesprächsstoff in einschlägigen Kreisen. Ich erinnere mich gut an diesen Moment. Den Kopf voll klassischer Klaviermusik, mit der Querflöte als Küken in einer sich avantgardistisch dünkenden Schülerrockband unterwegs, Robert Fripps King Crimson als Emblem auf der Stirn und schon verkopft und -trocknet genug, um wenig später von Adorno von der Straße gepflückt zu werden. Das The Köln Concert lehnten wir ab. Ein kurzes Reinhören hatte genügt für das vernichtende Urteil. Banalverkitschte tonale Regression hinter alles bis dato musikalisch Erreichte. Für Klassik zu primitiv. Für Jazz zu weichgespült. Fürs Leben verloren. An die Massen. Eben. Zu erfolgreich. Wer den postschwarzpädagigsch verseuchten Nachkriegsklavierunterricht hatte erleben dürfen wie ich hatte nun aber von Noten zwar, auch bühnenreif wohlgekrümmten Fingern Ahnung, nicht aber vom gelebten Takt, vom Groove und dem Puls einer ausformulierten Zeit, die man auf den Tisch stellt und die dann dort abläuft, als wollte ein Newton der Welt ein für allemal erklären, was physikalische Gesetzmäßigkeit ist. Will sagen, ich hatte keine Ahnung. Damals. Gestern, am 29. November 2025, fünfzig Jahre später, hörte ich zum ersten Mal das Köln Concert in seiner vollen Länge. Ich habe zwei Schallplatten aufgelegt, zwei mal die Seite gewechselt, und am Ende geweint. Music is coming home. Die letzte Seite, IIc, ist eine einzige Kadenz in C-Dur. Sie feiert die Tonalität. Trägt sie nicht, prozessionsartig, wie eine Monstranz vor sich her. Sondern tanzt sie. Erdenschwer und -leicht zu gleich. Da glüht, lodert, gleist ein Feuer, das bärbeißig verkopfte intellektuelle Rattenfänger verzweifelt versucht hatten auszutreten. Jarretts Hände, die aussehen, als hätte er durch gnadenloses Einzeltraining jedem seiner Finger ein Sixpack angedeihen lassen, agieren als Groovemaschine, Melodymaker und Begleitcombo in Einem. Am Ende ist es das Einfache. Ja, Rührende. Bodenlos Ehrliche. Und es ist improvisiert. Klar. Bach hat seine Fugen auch improvisiert. Und auf genau dieser Ebene begegnen sie sich. Das Leben ist niemals ein vorgelebtes. Es bist nur du selber.

learning what I wasn‘t doing

November 14, 2020 § 5 Kommentare

Klavierspielen, sofern man es nicht rein perkussiv betreiben will, ist permanetes Ankämpfen gegen den Tod. Jeder Ton stirbt, kaum ist er angeschlagen. Die Saite bekommt nur diesen einen Impuls, dieses eine Lebenszeichen, danach ist sie zum Verklingen verureilt. Da hilft weder Hoffen noch Bangen, Drücken und Schieben schon mal gar nicht. Nachgetretenes rechtes Pedal schafft für einen Moment zusätzliche Resonanz und öffnet den Ton ein letztes Mal auf dem Weg in die Stille. Wie aber aus diesen reanimationsunfähigen Patienten eine Melodie formen? Wie den Bogen spannen, dem Wechsel im Ein- und Ausatmen den höheren Sinn verleihen? Wie nachahmen, was Sängerinnen, Geiger mühelos vormachen? Wie stets im Leben hilft Einbildungskraft gepaart mit ein paar Tricks die geeignet sind, das menschliche Ohr zu überlisten. Große Pianistinnen schaffen das. Keith Jarrett ist so einer. War so einer, muss man präsizieren, seit er kürzlich bekannt gab, nach zwei Schlaganfällen nie wieder mit beiden Händen Klavierspielen zu können. Die linke ist seither gelähmt. Unnötig zu betonen, dass Jarret mit dieser Linken allein ein ganzes Orchester zur Verfügung stand. Wie er dann seine Rechte vors Orchester zu stellen imstande war, ihr primadonnenhaft alle Freiheiten ließ und über allem doch eine höhere Instanz waltete  – pure Magie.

Der zum Sterben verurteilte Klavierton – wie also beginnt er zu leben? Um davon eine Ahnung zu bekommen, hilft ein Blick auf den klavierspielenden Jarrett. Es wird sofort klar, dass hier einer derart perfekt den Spielapparat beherrscht – und mit Spielapparat ist hier nicht wie im herkömmlichen Klavierunterricht der Finger/Arm/Schulterbereich gemeint, sondern alles zwischen kleinem Finger und großem Zeh – dass jeder einzeln angeschlagene Klavierton, jede noch so beiläufig gestreifte Taste in einem großen Ganzen aufgeht. Und da lebt, pulsiert, wogt und webt alles in einem Organismus, den schnöde mit „Musik“ zu bezeichnen fast schon Blasphemie wäre. Denn Klang ist es zwar, was man vernimmt, aber als Vorschein von etwas, das auf jeden Fall sehr groß ist, vielleicht universell. Und so ringt Jarrett mit dem Flügel, knetet die Finger in ihn hinein, windet sich und tanzt mit dem halbtonnen schweren Ungetüm den Ringkampf zweier Giganten. Zweier ineinander verliebter Giganten. Denn hier vereinigt sich ein Liebespaar auf offener Bühne. Das hat seinen Preis. Trotz athletischer Konstitution zwang totale Erschöpfung Jarrett bereits vor zwanzig Jahren zu einer zweijährigen Spielpause. Und nun das endgültige Aus. Von meiner Liste der Musiker, die ich hoffte einmal im Leben live erleben zu dürfen, muss nun, nach Bowie, auch er gestrichen werden. Es bleiben die Aufnahmen, und spektakuläre Videos und Filme. In der sehr zu empfehlenden Dokumentation „Keith Jarrett – The art of Improvisation“ (zu sehen auf youtube) spricht er darüber, wie er versuchte der Falle zu entgehen, sich improvisierend zu wiederholen: „Learning, what I wasn‘t doing.“ Welche Herausforderung für einen, der eigentlich alles kann. Und wie aktuell jetzt, wo er lernen muss, nicht mehr Klavier zu spielen. 

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