ein spalt weit

Juni 9, 2025 § Hinterlasse einen Kommentar

ein Spalt weit offenes Land

ein bisschen neben mir

nah bei dir

Olaf Hellbusch (1960-2025)

Das ist ganz nah an einem ganz Großen, Lou Reed:

such a perfect day

I‘m glad I spent it with you

Ich gestehe, Reeds Verse nicht gänzlich zu kennen, aber dieser, der Refrain eines perfekten Songs über einem perfekten Tag, berührte mich in seiner Doppelbödigkeit immer auf besondere Weise. Als ein Liebeslied fernab jeder Klischeehaftigkeit. Der Moment, der Tag ist perfekt. Aber nicht weil die Liebste da ist. Nicht sie ist die Ursache seines Glücks. Vielmehr sagt er: hey, schön, dass du da bist und an meinem Glück teilnimmst. Sicher gibt es andere Lesarten. Aber jedes gute Lied, jedes gelungene Gedicht resoniert im Spannungsfeld zweier Individuen, Schöpfer und Rezipient. Und das meist über Zeitenwenden hinweg. Hölderlin, Hälfte des Lebens. Sein berühmtestes Gedicht, meine persönlich unvergessene Initialzündung im Deutschunterricht. 

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn

es Winter ist die Blumen, und wo

den Sonnenschein,

und Schatten der Erde? 

Die erste Hälfte des Gedichts adressiert die Schwäne in einem Land voller Birnen und Rosen. Genuss (Birnen), Schönheit (Rosen) Liebe (Küsse), Erkenntnis (heilignüchtern). Diese perfekte Welt eines perfekten Momentes wird konterkariert durch das, was für den Winter steht, durch den sprachlosen Tod. Aber wer nimmt das Aufeinandertreffen dieser zwei Hälften wahr, wer besingt es? Das lyrische Ich, natürlich. Die Schwäne wissen nichts von ihrem Glück, sie sind die Projektion dieses Ichs. Und dennoch ist der Kontrast innerhalb des Gedichts, das Aufeinandertreffen beider Hälften ja ein doppelter: Sommer – Winter. Und zugleich: Schwan – ich. Und so lese ich die oben zitierten Verse mit zweifacher Betonung

Weh mir, wo nehme ich [nicht der Schwan] wenn / es Winter ist die Blumen…

Mein Mitschüler Olaf konnte Sprache. Ich erinnere nicht, ob er im Unterricht dabei war, als wir Hälfte des Lebens durchnahmen. Oder Am Brunnen vor dem Tore aus Schuberts Winterreise. Was ich in Literatur und Musik suchte, in der Mechanik sperriger Tasten, denen der lustvolle Klang erst abzuringen war, in ausgedehnter Lektüreerfahrung, abseits geselliger Kreise – all das holte sich Olaf aus der Mitte des Lebens, Funken schlagend aus robust ausgetragenen Kollisionen. Immer ein bisschen neben sich, nah bei ihr.

Leben – what is it good for? Es ging doch bisher auch so.

Dezember 24, 2023 § 4 Kommentare

Der Kulturkritiker in uns steht jeder Neuerung gegenüber feindlich. Mit obigem Zitat bringt es Katrin Passig in ihrem noch immer aktuellem Buch von 2013, Standardsitualtionen der Kulturkritik, auf den Punkt. Die Aufstellung der ersten Straßenbeleuchtung im Paris des 17. Jahrhunderts führte zu Protest und Vandalismus, die Etablierung von Wegweisern in Schwaben infolge eines landesherrlichen Edicts am beginnenden 19. Jahrhundert kritisierte ein Student mit dem Hinweis auf die Nutzlosigkeit dieser Maßnahme, da der „ausgelassenen Pöbel“ ohnehin auch betrunken ans Ziel komme und währenddessen diese Wegweiser zerstörte, der amerikanische Präsident Rutherford B. Haynes lobte 1876 das gerade erfundene Telefon, kommentierte jedoch „but who would ever want to use one of them?“, ein Filmstudioboss fragte angesichts des beginnenden Tonfilms besorgt „who the hell wants to hear actors talk?“, Henryk M. Broder wusste 2007 „Das Internet macht doof“ und vertraute dies dem Tagesspiegel an. Undsoweiterundsofort. Natürlich macht das Internet (heute: soziale Netzwerke) doof, aber Essen macht krank, Autos töten. Will sagen: ein jedes Ding auf dieser Welt hat zwei Seiten. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ wusste Hölderlin, und sein Leben war voller Untiefen. Vertrauen wir einmal darauf, dass, für alles, was uns Angst macht, etwas uns zuversichtlich stimmt, und schenken wir dem Aufmerksamkeit.

Frohe Weihnachten!

Alle Beispiele aus: Katrin Passig, Standardsituationen der Technologiekritik, Berlin 2013

Alle Fotos und Perspektiven in diesen Tagen, in Berlin und anderswo.)

Digitale Alchemie VI – Die Nacht

April 27, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar

…die schwärmerische, die Nacht kommt,

Voll mit Sternen, und wohl wenig bekümmert um uns

Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlinging unter den Menschen

Über Gebirgsanhöhn traurig und prächtig herauf.

Friedrich Hölderlin

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