Klavierzelebrieren
Oktober 30, 2025 § 2 Kommentare
Reden wir über Musik…, könnte man das Gespräch beginnen. Malen wir Musik… wäre auch denkbar, kommt aber eher nicht vor. Hier schon. Bereits an anderer Stelle erwähnte ich die wunderbare Pavlina Gusheva, eine aufstrebende junge Pianistin. Für das ein oder andere Bild nutzte ich ihren instagram-Kanal bereits als Vorlage. Hier nun geht’s weiter. Für das erste Bild, Acryl auf Buchdeckel, verwendete ich die Ritz-Technik. Mit dem Stiel des Pinsels Linien gekratzt in das frisch aufgetragene und noch nicht gehärtete Acryl (genuscheltes Weiß). Nach und nach behutsam Farbe dazu:



Ähnlich beim zweiten Bild:

Pavlina spielt nicht Klavier – im Sinne dessen, was uns allen, die mal Klavierunterricht hatten, beigegebracht wurde – sie zelebriert Klavier. Ein Gesamterlebnis also für alle Sinne, ganz im Sinne Goethes, der, den Vortrag einer jungen hübschen polnischen Pianistin genießend, anschließend seinem Freund Zelter brieflich beichtete, in der Zwickmühle gesteckt zu haben, ob er sich mehr freuen soll, wenn die Pianistin weiterspielt, oder wenn sie aufsteht und auf ihn zukommt.
In meiner Blockhütte an der Aue spiele ich jetzt die Mondscheinsonate – komponiert von Beethoven übrigens gleichfalls naturnah in einer Gartenlaube -, und in das unendlich langsame Verebben der Klänge mischen sich zunehmend Stimmen der umliegenden Vögel. Es sind in der Kunst immer die Übergänge, an denen alles hängt…
Kinderszenen – Szenen aus dem Leben eines Kindes
Juni 25, 2025 § 2 Kommentare
Robert Schumann schrieb diese kurzen Stücke in seiner ersten, auf Klaviermusik beschränkten Schaffensphase. Zu einer Zeit, da er um seine Geliebte Clara Wieck kämpfte, zwischen irren Glücksmomenten und depressiver Verzweiflung pendelnd. Zu Ruhm gelangte die „Träumerei“, auch das Eingangsstück, „Von fremden Ländern und Menschen“ wird häufig gespielt. Eingebrannt aber in meinen Gefühlshaushalt hat sich die vorletzte der insgesamt zwölf Nummern, Kind im Einschlummern. Ein Wiegenlied der anderen Art. Seine wiegenden Rythmen werden durch dissonant kanonartig versetzt abwärts geführte Linien gnadenlos konterkariert. Das Stück findet auch nicht zum Grundton zurück, sondern endet offen auf einem Vorhalt, der durch einen nachgeschobenen Basston vom Vorhalt zum Grundakkord auf der Subdominante umgedeutet wird. Ein unerhörter Vorgang, der bedeutet, dass die Spannung nicht regelgerecht aufgelöst, sondern zur Endstation umgedeutet wird. Hier berührt sich der beginnende Schlaf mit dem Tod. Eine Musikwissenschaftlerin* hat plausibel erläutert, dass sich Schumann für diese Stücke von den Szenen mit Kindern in Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther anregen ließ. Ein Dichter, den Schumann über alles verehrte, und dessen Werk er sehr genau kannte. Die Pianistin Pavlina Gusheva spielt und durchleidet in einem kurzen Video auf instagram das Stück. Die zwei Bilder – Acryl auf Buchdeckel – sind dadurch inspiriert.


*Marion Harder-Merkelbach, Die Leiden des jungen Robert Schumann. In: Robert und Clara Schumann – Romantische Entdeckungen. Petersberg 2010.
Pavlina Gusheva
Juni 21, 2025 § Hinterlasse einen Kommentar
Auf instagram entdeckte ich die Pianistin Pavlina Gusheva. Sie lebt in Dresden und veröffentlicht kurze Videos, die sie am Klavier zeigen. Sie performt, muss man wohl sagen. Denn zu erleben ist sie in der Auseinandersetzung mit der Musik, den pianistischen, technischen aber auch expressive Aspekten, wie sie sich in Klang, Körpersprache, Gestik und Mimik eindrucksvoll widerspiegeln. Sound und Optik sind gleichermaßen allerliebst. Spontan kommt Goethes Schilderung der Begegnung mit der polnischen Pianistin Maria Szymanowska in den Sinn angesichts derer er sich nicht entscheiden konnte ob er es vorzöge, weiter ihrem Spiel zu lauschen oder dass sie aufstünde und näher käme. Ich ließ mich zu einer Serie von Tuschezeichnungen anregen, an denen Pavlina erfreulicherweise Gefallen fand.









auf youtube hier
Lenz
Juli 25, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar
So soll ich dich verlassen, liebes Zimmer,
Wo in mein Herz der Himmel niedersank,
Den ich aus ihrem Blick, wie selig, aus dem Schimmer
Der Gottheit auf der Wange trank.
…
Ich aber werde dunkel sein
und gehe meinen Weg allein.


Nach einer Woche Gartenarbeit im Vogelsberg haben wir Quartier im Pfälzer Wald bezogen, gönnen uns nach naturnaher Spartanik Wellness und Spitzenkulinarik. Im Geiste begleitet mich Jakob Michael Reinhold Lenz, dessen Biografie ich gerade lese*. Das Thema nimmt in gewisser Hinsicht den Faden meiner vorangegangenen Lektüre auf. Wirkmacht und Implikation des menschlichen Gehirns und Auswirkung auf Psyche, Verhalten, Denken mitsamt aller Grenzphänomene ins Pathologische hinein. Die Tragik des Dichters Lenz, der, obschon berühmt in intellektuell-künstlerischen Kreisen als Autor der sozialrevolutionären Dramen Der Hofmeister und Die Soldaten, in eine bürgerliche Existenzform nicht findet, an den Anforderungen des Lebens zugrunde geht. Ein Freigeist, hoch sensibel, aber unter der Knute eines despotisch-bigotten Vaters denkbar schlecht ins Leben gestartet, gelingt ihm zunächst der Ausbruch aus der elterlichen Enge. Er schließt sich Gleichgesinnten, Dichtern, Intellektuellen an, nimmt am kulturellen Leben in dieser spannenden, vorrevolutionären Zeit teil. Die Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen Goethe befeuert zunächst beide, geht schließlich für Lenz tragisch aus. Göthe, frisch installiert am Weimarer Hof, genießt Lenzens Gesellschaft eine zeitlang, treibt vielleicht seinen Schabernack auf Kosten des gesellschaftlich Unerfahrenen, und sorgt schließlich mit brutaler Konsequenz für die Verbannung des Mittellosen aus dem Fürstentum. An den aufeinander stoßenden Schicksalen Goethe-Lenz zeigt sich vielleicht exemplarisch, was auf dem Spiel steht, wenn besonders Begabte weit jenseits jeder Norm in die gesellschaftlichen Realitäten ihrer jeweiligen Zeit hineinfinden müssen, um ihr Leben meistern zu können. Goethe ist durch seine privilegierte Herkunft in der Lage, sich mit der Macht zu verbünden, ohne eine Existenz als Künstler aufgeben zu müssen. Lenz lebt den Traum einer unkompromittierten Künstlerexistenz in einer Zeit, da das aufstrebende Bürgertum diese Rolle noch nicht vorsah. Er konnte nur scheitern. Auf eine Weise, in der Sozialisation und psychische Disposition eine Gemengelage nach sich ziehen, die zu entwirren alle Beteiligten, obgleich wohlgesonnen, überfordert. Goethe spürte, erkannte, die Untiefen Lenzens Persönlichkeit vielleicht nur zu genau und entledigte sich mit ihm zugleich seines eigenen schlechten Gewissens. Denn die ihm abverlangte Härte gegenüber sozial erniedrigten, geknechteten Untertanen war der Preis für seine glanzvolle Karriere bei Hof, der Preis für die Ausübung von Macht. Aber wo das Politische seine Zwänge fordert, ist das Private nie fern. Die oben zitierten Verse von Lenz schrieb dieser am Ende eines mehrwöchigen Aufenthaltes bei Charlotte von Stein auf Schloss Kochberg. Sie hatte ihn eingeladen und damit wohl Goethe brüskiert, den eine langjährige Liebe an sie fesselte (sofern sie nicht doch als Alibi für seine eigentliche Liebe, die Herzogin Anna Amalie herhalten musste, wie manche vermuten). Bei ihr fühlte sich Lenz geborgen und beschützt. Die Fragilität seiner Existenz spricht aus jedem der Verse. Herzergreifend.
* Sigrid Damm, Vögel, die verkünden Land. Das Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz. Berlin und Weimar 1989.
(Die Fotos: Pfälzer Wald, Felsen bei Dahn, Blick von unserer Terasse auf St. Martin und Rheinebene, Vogelsberg: Vegetation, Himmel und Stufen zu unserem Häuschen)
beethoven, die Vierte
Januar 22, 2018 § 4 Kommentare
Zusammengefasster, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen. Ich begreife recht gut, wie er gegen die Welt wunderlich stehn muß.
Goethe über beethoven
Freyheit, weiter gehn ist in der Kunstwelt, wie in der ganzen großen schöpfung, zweck.
beethoven über die Welt
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.
Nietzsches Zarathustra zum Volk
Das Auge hört mit, zugleich dritter Versuch über beethoven unter Zuhilfenahme von Goethe
Januar 21, 2018 § 4 Kommentare
Eine Psychologin glaubt herausgefunden zu haben, dass bei großen Klavierwettbewerben – immerhin Voraussetzung für den Beginn einer internationalen Karriere – die Optik entscheidet, also der für das Auge wahrnehmbare Anteil der Performance. Klingt zunächst erschütternd, würde doch keiner der Juroren „zugeben“, nicht einzig nach dem Klavierspiel, also der erklingenden Musik, geurteilt zu haben. Denkt man aber länger darüber nach, begreift man schnell, dass es kaum anders sein kann (Voraussetzung ist natürlich ein insgesamt gegebenes hohes spieltechnisches Niveau). Nicht umsonst finden beispielsweise Probevorspiele für die Besetzung einer Orchesterstelle hinterm Vorhang statt. Für die optischen Reize musikalischer Darbietungen war auch der große Goethe empfänglich. An seinen Intimus der späten Jahre Friedrich Zelter schrieb er 1823 aus Marienbad:
„…In völlig anderem Sinne und doch für mich von gleicher Wirkung hört ich Madame Szymanowska, eine unglaubliche Pianospielerin; sie darf wohl neben unsern Hummel gesetzt werden, nur daß sie eine schöne, liebenswürdige, polnische Frau ist. Wenn Hummel aufhört, so steht gleichsam ein Gnome da, der mit Hülfe bedeutender Dämonen solche Wunder verrichtete, für die man ihm kaum zu danken sich getraut; hört s i e aber auf und kommt und sieht einen an, so weiß man nicht, ob man sich nicht glücklich nennen soll, daß sie aufgehört hat?“ *
In diesen Marienbader Wochen war der arme Goethe allerdings ohnehin völlig durch den Wind, warb er doch allen Ernstes um die fünfundfünzig (!) Jahre jüngere Ulrike von Levetzow. Die Erschütterung der Sinne quält den alten Mann so sehr, dass seine Lebenslang gepflegte Life/Art-Balance noch einmal ins Wanken gerät und er in einen Abgrund schaut, bei dessen Bewältigung ihm nun die Musik hilft. „Die ungeheure Wirkung der Musik auf mich in diesen Tagen!“, schreibt er an Zelter. Die berühmte Sängerin Mildner, die bereits erwähnte polnische Klaviervirtuosin und sogar ein Jägerkorps „falten mich auseinander, wie man eine geballte Faust freundlich flach lässt“. Gut zehn Jahre zuvor war er, ebenfalls kurend in einem der bömischen Bäder, beethoven begegnet. Dessen Bedeutung als Komponist ist ihm bewusst, der Mensch aber erschreckt ihn. Seine bis ans Lebensende gepflegte Reserviertheit den Avancen beethovens gegenüber dürfte darin begründet sein, dass Goethes Lebensmodell die Integration der Kunst ins „tätige Leben“ war, beethovens jedoch die Veränderung der Welt durch Kunst (=Musik). Dass beethoven infolgedessen Zeit seines Lebens an der Welt litt, erkannte Goethe sofort. Wiederum an Zelter: „…sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar garnicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andere genußreicher macht.“ (Brief aus Karlsbad vom 2.9.1812)
Im Rahmen meiner Bildnerischen Annäherung an beethoven bin ich nunmehr von Tusche und Aquarell zu Acryl übergegangen:
*Alle Zitate aus: Goethe, Briefe. Hamburger Ausgabe. dtv Dünndruck.
In eigener Sache
Januar 6, 2018 § 8 Kommentare
Goethe und Schiller beschäftigten sich gemeinsam mit dem Thema Dilettantismus und planten eine größere Arbeit hierzu. Sie empfanden dilettierende Zeitgenossen als Bedrohung für ihr dichterisches Wirken und die Kunst allgemein. Goethe freilich hatte ein Problem. Er dilettierte selbst, und zwar auf dem Gebiet der Zeichenkunst. So betrachtete er den Dilettanten durchaus mit Wohlwollen. Zu dem gemeinsamen Werk kam es schließlich nicht, es hat sich aber aus der Feder Schillers ein Konzept erhalten:
Schema über den Dilettantismus
Zufällig stieß ich darauf, als ich bei Schiller einen Passus nachlesen wollte, der in dem sehr interessanten Buch „Analoge Nostalgie in der digitalen Medienkultur“ zitiert wird. (Das ist, nebenbei bemerkt, ein Beispiel dafür, wie ich mich – typisch Dilettant eben – permanent verzettele) Ich hatte also kaum begonnen, mich dem Thema analog/digital zuzuwenden, da geriet ich schon auf Abwege und landete über Schillers Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung bei dessen Dilettantismusschema. Natürlich interessierte mich brennend, was der große Schiller über meinesgleichen geschrieben hatte. Das Schema ist überschaubar, beeindruckt aber durch seine Akribie. In streng wissenschaftlicher Methodik wird das Phänomen zergliedert und die Bereiche Poesie, Zeichnung, Malerei, Skulptur, Architektur, Gartenkunst, Musik, Tanz und Theater jeweils nach Nutzen und Schaden „fürs Subjekt“ und „fürs Ganze“, sowie für Deutschland und das Ausland befragt. Interessant für mich natürlich die bildenden Künste, und große Erleichterung meinerseits, dass fürs Subjekt hier kein möglicher Schaden vermerkt ist, während im Hinblick aufs Ganze „falsche Kennerschaft“ als Schaden festgestellt ist. Das ist natürlich hochaktuell, denn in der Tat droht durch die Möglichkeiten elektronischer Netzwerke hier heutigen Tages maximaler Schaden. Einfach jeder/jede glaubt mitreden zu können und erschleicht sich durchs elektronische Publizieren den Anschein von Kennerschaft. Die weitere Lektüre des Schemas offenbart jedoch auch für mich als Subjekt die Gefährlichkeit meiner dilettierenden Bemühungen. „Mit dem Ernsten und Wichtigen spielen verderbt den Menschen“*. Und es kommt noch schlimmer: „Er überspringt die Stufen, beharrt auf gewissen Stufen, die er als Ziel ansieht, und hält sich berechtigt, von da aus das Ganze zu beurteilen, hindert also seine Perfektibilität… Er kommt immer mehr von der Wahrheit der Gegenstände ab und verliert sich auf subjektiven Irrwegen.“ Und hier fühle ich mich vollends ertappt: „Der Dilettant scheut allemal das Gründliche, überspringt die Erlernung notwendiger Kenntnisse, um zur Ausübung zu gelangen, verwechselt die Kunst mit dem Stoff.“ Puh. Das muss man ja nun erstmal verdauen…
… auf subjektiven Irrrwegen:
* Alle Schiller Zitate aus: Sämtliche Werke Band V: Philosophische Schriften. München 1975. S. 565 ff.
Im Park
Mai 14, 2017 § 4 Kommentare
(Stagnation grad. Ich tröste mich aber mit Jakop Philipp Hackert, dem von Goethe sehr geschätzten Landschaftsmaler. Gebürtiger Uckermärker, in Italien zu Ruhm gekommen, notierte er einige Überlegungen zur praktischen Kunsttheorie, aus der ich in einen Satz zitiere möchte, und zwar in aller ungehobelt hemdsärmeligen Pracht – dankenswerterweise gedruckt ohne die sonst übliche Anpassung an moderne Rechtschreibung und Grammatik*:
(– Luftholen, und los: )
Daß beste Mittel Anzurathen welches ich pracktisirt habe ist, daß wen man an einer Sache die man Angefangen hat, merket das man Müde davon ist, es platterdings Gleich ligen laßen, und so gleich nach einer kleinen promenade, nach der Natur die da Reizet waß Andres Anzufangen, die Neuheit des Objeckts Reitzet sehr und macht neue Lust und Liebe die Natur nach zu Ahmen, und die Veränderungen der Dinge macht uns den Verdruß daß wir es nicht so gleich erreicht haben, vergeßen, so daß wir des Andern Tages Nach Ruhe und Uberlegung daß Werck mit Neuen Muthe wider Angreifen bis wir entlich dahin kommen die ersten Schwürigkeiten Uberwunden zu haben, und nach und nach zu der Großen Fertigkeit gelangen, daß wir keine Große Schwürigkeit mehr Spüren, bis man Endlich Auf den Pfleck komt, daß man Alles waß uns die Natur darstellet, mit Kunst und Geschmack ohne Anstand nach Zeichnen konnen, und daß mit einer solchen Fertigkeit und Geschicklichkeit, als jemand der mit wohl gebildeten Buchstaben so gleich einen Brief schreibet.
(herrlich: Schwürigkeit. Und: das Werk mit neuem Mut angreifen)
Also: auf zur kleinen promenade!
* Nachzulesen hier: Lehrreiche Nähe. Goethe und Hackert. München und Wien 1997, S. 114
Mehr Finsternis!
Mai 5, 2017 § 8 Kommentare
Licht – eine Form von Energie. Finsternis – die Abwesenheit von Licht. Oder? Warum nicht andersherum: Finsternis – eine Form von Energie. Licht – die Abwesenheit von Finsternis. Wir alle glauben, Licht zu sehen. Dabei sehen wir nur Körper. Licht kann man nicht sehen, denn wo sich dem Licht kein Widerstand bietet, da bleibt es unsichtbar. Alles dunkel, im (lichtdurchfluteten) Universum. Und erst die Farben. Newton, Goethe. Unzählige Physiker und Geistesgrößen in beider Gefolge. Jetzt Olaf L. Müller, Professor für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Humboldt-Uni Berlin (immerhin!), mit einem 500 Seiten starken Buch und dem Versuch, den von der Naturwissenschaftlichen Forschung längst erledigten Farblehrer Goethe zu reanimieren und nebenbei ein paar interessante wissenschaftstheoretische Fragen aufzuwerfen.* Denkt der Laie. Rezensionen in Fachkreisen haben das Buch mittlerweile zurückgewiesen. Nochmal kurz das Wichtigste soweit ich es bisher verstand: Newton hatte festgestellt, dass das „weiße“ Licht aus Kräften zusammengesetzt ist, die (durchs Prisma geschickt) unterschiedlich stark brechen und der Einfachheit halber als Strahlen bezeichnet werden können, die unterschiedliche Farbempfindungen hervorrufen. Goethe war empört über die Vorstellung, Licht sei etwas Zusammengesetztes und entwickelte demgegenüber die Vorstellung, Farben entstünden erst im Aufeinandertreffen von Licht und Finsternis, seien also nicht einfach im Licht bereits „enthalten“. Müller setzt nun dem von ihm so genannten „Newton-Spektrum“ (die Regenbogenfarben) das „Goethe-Spektrum“ gegenüber. Schickt man nämlich anstelle eines Lichtstrahls in einem dunklen Raum (Newton) einen „Finsternisstrahl“ in einem hellen Raum (Goethe) durchs Prisma, so zeigen sich in abgeänderter Reihenfolge alle Regenbogenfarben, außer dass das mittige Grün durch das mittige Purpur ersetzt ist. Dies machte mich hellhörig, denn ich hatte gerade erst für mich festgehalten, dass sich der herkömmliche Farbenkreis entlang der Regenbogenfarben ja nur rundet, indem man das „in der Natur“ nicht vorkommende Purpur hinzumischt und so die Lücke vom dunkelblau/violett zum rot schließt. Um’s kurz zu machen: Je mehr ich versuche, zu verstehen, desto mehr entgleitet mir das Phänomen. Ein Schicksal, das ich tröstlicherweise sicher mit dem ein oder anderen Laien teile. Der Verdacht allerdings, dass auch die Fachwelt, wenngleich auf viel höherem Niveau, im Dunkel herumstochert, kann auch nicht ganz ausgeräumt werden. Aus alledem folgt eigentlich nur, dass sich glücklich schätzen darf, wer nichts weiß, insbesondere nicht, dass er nichts weiß. Erfreue ich mich doch einfach an selbst angerührtem Cadmiumgelb (über grau):
und an einer Schlafenden, deren Träume in einer Welt jenseits der Farben angesiedelt sein mögen:
* Olaf L. Müller, Mehr Licht. Goethe mit Newton im Streit um die Farben. Frankfurt 2015
Die Angst der Unfähigkeit vor dem Prüfstein eines weißen Grundes
März 22, 2017 § 6 Kommentare
Nachdem, wie berichtet, auf meinem Küchentisch Goethe für seinen Malerkollegen Neo Rauch ein wenig zur Seite Rücken musste, ist es unterdessen, vermittelt durch den Kunsthistoriker Werner Spies, zu einer direkten Begegnung beider gekommen. Das ging so: In einem Buch über Neo Rauch* berichtet Spies von einem Gespräch mit dem Maler, und die Frage ist: wie beginnen, wie den Einstieg ins Bild finden. Rauch habe sich dergestalt geäußert, dass er zu Beginn einen Einstieg ins Bild, etwa in Form kleiner Farbflecken, als einer „Verletzung der reinen weißen Leinwand“ bräuchte. Spies nun bringt Goethe ins Spiel und zitiert aus Dichtung und Wahrheit: „Denn es war mir fast unmöglich, bei meinen Zeichnungen ein gutes, weißes, völlig reines Papier zu gebrauchen; graue veraltete, ja schon von einer Seite beschriebene Blätter reizten mich am meisten, eben als wenn meine Unfähigkeit sich vor dem Prüfstein eines weißen Grundes gefürchtet hätte.“** Wie tröstlich, dachte ich da, dass selbst Olympier wie Goethe das Weiß des Papiers als angsteinflößenden Prüfstein empfinden. Ähnliches las ich mal in Bezug auf Horst Janssen, der für seine Tuschen gerne altes, abgelagertes Papier verwendete, sich allerdings zierte, Alterungsspuren künstlich, etwa durch Klecksereien, herzustellen – aus Angst, die Sache bekäme dadurch etwas „Gesuchtes“, „Geschmäcklerisches“. Ich nun gestehe freimütig meine Bereitschaft, jeden Trick anzuwenden, wenn er denn nur hülfe, die erste, „weiße“ Hürde zu nehmen. Dazu gehört übrigens eine fast schon abergläubig zu nennende Scheu, hochwertiges Papier eigens fürs Malen und Zeichnen zu erwerben. Viel lieber sammle ich abgelaufene Bildkalender aller Größen, deren festes, sehr strapazierfähiges Papier sich, einmal nass aufgezogen, hervorragend für Techniken wie Eitempera oder Acryl eignet.
- * Neo Rauch. Herausgegeben von der Stiftung Frieder Burda und Werner Spies. Ostfildern 2011
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