Palast der Republik
Januar 31, 2023 § 4 Kommentare

Friede den Hütten, Krieg den Palästen. Oder gleich den Palast fürs Volk. Die untergegangene DDR hatte schöne Ideen, leider auch die Stasi. Der Berliner Palast der Republik jedenfalls war beliebt, auch kein ganz unansehnliches Bauwerk. Dann kam die Wende, und der Palast wurde geschleift. Was Sieger halt so machen. Beseitigen die Symbole der Verlierer. Nicht dass die darauf folgende Leere irgendwie anstößig gewesen wäre. Aber sie bot doch Spielwiese für allerlei dumme Gedanken. Das Ergebnis ist nun betongewordene Realität. Ein Grund mehr, den untergegangenen Palast in der Fantasie etwas weiterzuspinnen…
Großstadtmelancholie
Dezember 17, 2020 § 10 Kommentare

Als ich vor vielen Jahren nach Berlin zog, waren die Winter kalt, der erste Schnee fiel bereits im November und die Luft war Kohleöfengeschwängert. Es stand noch kein sogenanntes Schloss in der Mitte der Stadt, sondern ein stahlbetongewordener Funktionärstraum, Kulturtempel für den neuen Menschen. Oder doch schon: Opium fürs ernüchterte Volk? Vorangestelltes Foto als Erinnerung an Schnee im Herzen Berlins, aber auch an den die DDR zunächst überlebenden Koloss, im beginnenden Todeskampf alsbald ausgeweidet und der Kunst geöffnet – bevor endgültig abgerissen wurde, was als Symbol einer überlebten Ideologie entsorgt werden musste. Nun, 15 Jahre später, steht da wieder ein Koloss. Symbol einer allgemeinen Konfusion in seiner wirren Mischung aus scheinbar Alt und längst veraltetem Neu. Eine Groteske. Mit eingemauerten Booten wo früher Hohenzollern herrschten. Wie mag es sich anfühlen, durch ein historisierendes Schlossportal einzutreten und drinnen vitrinifizierte kultische Artefakte vorzufinden, die mit Herrschergeste aus fernen Erdteilen einst nach Berlin geordert wurden? Eine Initiative fordert bereits den Wiederabriss – eine Formulierung, die in diesen orientierungslosen Zeiten das offenbar notwendig gewordene Pendant zum Begriff des Wiederaufbaus bildet.
Ich hatte Lust, ihn in die Schulter zu beißen …
November 23, 2016 § 2 Kommentare
„Das Herz ist mir schwer, wenn ich daran denke, dass wir morgen das Land verlassen werden, und doch bin ich auf eine überraschende Weise glücklich, furchtlos und ins Leben verliebt…“ Mit diesem Satz endet das Tagebuch einer Sibirienreise: „Das Licht der grünen Steppe“, geschrieben von Brigitte Reimann. Früh erfolgreich als Autorin in einem Land, das längst Geschichte ist. Geschichte ist auch die Sowjetunion, von deren Aufbautaten die Reise 1964 Zeugnis ablegen sollte. Man liest darin aber Sätze wie „Auf der Insel zwischen Birken und braunen Zelten, spielten unsere Männer Volleyball gegen eine Studentenmannschaft. Wie recht hatte der Sibirier, der einen Tost auf die ‚gewichtige Delegation‘ aufbrachte: was kamen da für Bäuche zum Vorschein, wie viele Zentner wogten da übers Feld, zwischen den schlanken braunen Knaben… Wir standen daneben und feixten: ich habe auch eine Theorie über dicke Leute, die sagte ich Nadja, und wir lachten so provokatorisch, daß wir vom Platz verwiesen wurden.“ Das liest sich programmatisch über ihr Leben, denn bei aller Hingabe an die Idee, die sozialistische Gesellschaft mit aufzubauen, und trotz diverser Auszeichnungen, rieb sie sich zunehmend an der Ignoranz der Funktionäre und dem Kunstunverständnis einer Arbeiterschaft, aus der doch der neue Mensch geformt werden sollte. Wie die privaten Turbulenzen stets ins Politische hinüberschwappten, und umgekehrt, kann man in ihren Tagebüchern nachlesen. Die endlosen Sitzungen, Beratungen der Kollektive, Parteigremien, die Arroganz der Macht (Ulbricht), die Speichellecker des Systems, die Avancen älterer Männer, aber auch das subversive Einverständnis mit Gleichgesinnten. Der Alkohol omnipräsent, Musik als Stimulans. Stete Zweifel am eigenen Vermögen, trotz früher Erfolge als Autorin, Abstürze in die Depression – und Liebe. Begehren, Verlangen. Der Weggefährte und Freund Dieter Dreßler fand diese Worte: „Ihr Lebenswille war blanke Lebensgier seit der Zeit der ersten schweren, ihr Leben bestimmenden Krankheit [Kinderlähmung 1947]. Der mögliche frühe Tod schien wie eine sehnsuchtsvolle Angst mit der Lust ihres Lebens verbunden.“ 1961, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Siegfried Pitschmann zusammenlebend, lernt sie Hans Kerschek kennen – „…ich hatte Lust, ihn in die Schulter zu beißen… Wir analysierten sehr kalt und vernünftig unsere Beziehung und legten die Spielregeln fest – wir wußten schon, daß etwas wuchs, was den Verstand überschwemmte“ – und beginnt eine jahrelange Affäre, bevor beide ihre jeweiligen Partner verlassen und heiraten. Doch die Ehe endet im Zerwürfnis, mehr noch: Reimann sieht sich nun von Anbeginn an hinters Licht geführt. Für Dieter Dreßler war Kerschek ein von der Stasi auf Brigitte Reimann angesetzter Ehebrecher. Wenige Jahre bleiben ihr bis zum frühen Krepstod, Jahre in denen sie mit ihrem Hauptwerk Franziska Linkerhand kämpft und hadert, ohne es vollenden zu können.
Literatur:
Brigitte Reimann: Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955 – 1963. Berlin 1997.
-: Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964 – 1970. Berlin 1998.
-: Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise. Berlin 1965.
-: Frankziska Linkerhand. Roman. Ungekürzte Neuausgabe. Berlin 1998.
– / Dieter Dreßler: Eine winzige Chance. Blätter, Bilder und Briefe. Berlin 1999.
Brigitte Reimann. Eine Biographie in Bildern. Hg. Margit Bircken und Heide Hampel. Berlin 2004
