Von Anton Rubinstein zu Yuja Wang
Juni 20, 2024 § 2 Kommentare

Der gestrige Auftritt der Pianistin Yuja Wang im Großen Saal der Berliner Philharmonie vermittelte einen Eindruck davon, welch ein Spektakel Auftritte eines Liszt, eines Anton Rubinstein oder anderer Tastenvirtuosen in den Konzertsälen und Salons des 19. Jahrhunderts entfachen konnten. Man täte Darbietungen dieser Art Unrecht, hielte man sie nur für die Zurschaustellung hypervirtuoser Tastenbeherrschung durch charismatische Persönlichkeiten, die ihr Startum zu zelebrieren wussten. Wirklich berühren kann man Menschen nur, wenn ihr Gefühl angesprochen wird. Und das gelang den Virtuosen damals. In pianistischer Hinsicht gründeten sie Schulen in der Nachfolge Liszts, aber auch durch das Wirken Rubinsteins in Russland. Die dortige Szene konnte sich seitdem einen legendären Ruf erarbeiten, der bis in unser Jahrhundert hineinwirkt. Sehr anschaulich schildert Rachmaninoff – übrigens einer der größten Klavierspieler überhaupt – das für ihn prägende Konzerterlebnis seiner Kindheit. 1886 trat Anton Rubinstein (1829 in der Ukraine geboren) in einer unter dem Namen „historische Konzerte“ legendär gewordenen Reihe von sieben aufeinanderfolgenden Konzerten in Moskau auf. Rachmaninoff erinnerte sich später an das Erlebnis des 13jährigen Konzertbesuchers: „Daran habe ich die wundervollsten Erinnerungen… Es war nicht so sehr seine Technik, die einen gefangen nahm, als vielmehr die profunde, ungeheuer geistreiche Musikalität, die aus jeder Note und jedem Takt sprach… Man hörte ihm wie in Trance zu, konnte Ton für Ton immer wieder hören, so unvergleichlich war die Tonschönheit, die sein gefühlvoller Anschlag den Tasten entlockte. Unnachahmlich ebenfalls das ‚Seelengeflirr‘ in den Kreisleriana. Die letzte Passage (g-moll) habe ich niemals von jemand anderem in solcher Art interpretiert gehört…“ Und hier schließt sich der Bogen zu meinem eigenen musikalischen „Erweckungserlebnis“ anno 1977. Der damals noch unbekannte rumänische Pianist Radu Lupu, seinerseits der russischen Schule (Neuhaus) entstammend, spielte genau jene Kreisleriana und berührte auch mich zutiefst durch seine Interpretation der g-moll-Schlusspassage. Und gestern nun also Yuja Wang. Ihr Erscheinen im super knappen Glitzerkleid auf halsbrecherisch hohen Absätzen wirkt wie das Stolzieren eines soeben holprig gelandeten Vögelchens auf dem Weg zum Flügel(!). Einmal dort Platz genommen, entfaltet ihr attraktiver, bis in die letzte Faser durchtrainierter Körper ein Fest der Sinne. Zu erleben sind Klänge, Klangballungen, Klangkaskaden, Klangeruptionen, aber auch allerfeinst Ziseliertes. Immer stimmt das Timing, da ist kein schwülstiges Rubatorumgeeire. Alles voll „geistreicher Musikalität“. Ein verzweifelter Schostakovich (aus den Präludien und Fugen), ein frei fließend beglückender Samuel Barber (Sonate es-moll) und alle vier Balladen Chopins, zurückhaltend, verinnerlicht, geradezu antivirtuos gespielt. Das alles entströmt einer seidig schimmernden Haut, unter deren Oberfläche eine mirakulöse Kraft ihren Lauf nimmt. Welch ein Kontrast zum an gleicher Stelle vor kurzem aufgetretenen Sokolov. Hier ikonische Eleganz, dort grauestes Priestertum, ein Richtung Klavierhocker geschobenes, buddhaartig ausformuliertes Gewebepaket. The times, they are a changing. Even in the Philharmonic.
Zitat: Ewald Reder, Sergej Rachmaninow. Leben und Werk. Gelnhausen 2007, S.369f.
Bild: digitale Überblendung einer Zeichnung, Permanent Marker auf Papier und eines Fotos.
Verwunschene Durchschimmerigkeit
Mai 24, 2024 § 6 Kommentare
Beim täglichen Radeln durch den Tiergarten umfängt mich frühmorgens eine ganz besondere Atmosphäre aus Licht, Wasser und frischem Grün, akustisch unterlegt vom Gezwitscher all der Vögel, die so herzzerreißend miteinander den Tag beginnen und dabei so unsichtbar bleiben, als sei es tiefste Nacht.



Als ich die spiegelnde Oberfläche des durch den Tiergarten mäandernden, beinahe stehenden Gewässers betrachtete, kam mir die Stelle eines Prosatextes von Robert Walser in den Sinn, die ich mir neulich notiert hatte: „…unten lag ein See wie Seide ausgespannt, wie ein Damengewand von anstandsvollster Durchschimmerigkeit…“.*


Drei Collagen
September 10, 2023 § 2 Kommentare
Digitale Alchemie IX
Juli 12, 2023 § 6 Kommentare
Bevor es Richtung Urlaub in heimische und naturnahe Gefilde geht, mit leichtem Gepäck fürs Bildnerische als da wären Tusche und Aquarellutensilien sowie Lektüre (Sheila Heti, Gerhard Roth und ein Band der exorbitanten Schumann-Briefedition, alles garantiert Pixelfrei) – bevor wir also die große Stadt verlassen und teils den gewohnt häuslichen Komfort ein wenig herunterdimmen, teils durchaus komfortable Herbergen aufsuchen werden, die ein oder andere Familiensause nicht verpassend, tauche ich mit diesem Beitrag nochmals ab ins Digitale, auf der Grundlage allerdings manuell erstellter Artefakte, die zur Verdeutlichung ihrer Haptik im Streiflicht abfotografiert wurden um schließlich in Procreate neue Verbindungen einzugehen. Und grüße herzlich in eine – hoffentlich! – urlaubende Runde.



Digitale Alchemie VII
Mai 31, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar
Als kreatives Werkzeug hat die procreate-app auf dem ipad eine Menge zu bieten. Es kommt freilich auf das Ausgangsmaterial an, das bei dieser Serie eingescannte Zeichnungen und Acryl- bzw. Eitemperaarbeiten sind. Strukturen und Farbverläufe interagieren auf das mysteriöseste miteinander, und manchmal beginnt das Bild zu schweben. Das liegt freilich im Auge des Betrachtenden…



Digitale Alchemie VI – Die Nacht
April 27, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar























