Vom Boden der Hölle hinauf zum Blauen

Februar 8, 2026 § Hinterlasse einen Kommentar

Nach der emotional kräftezehrenden Besprechung in der Einrichtung kann die Seele baumeln, sogar beachtliche Höhe erklimmen und von oben einen Blick schweifen lassen über die Rheinebene hinüber zu den Vogesen, weiter südlich Richtung Alpen. Den Blauen, höchster Berg des Markgräflerlandes im südlichen Hochschwarzwald und mit 1165 Meter nicht auf Augenhöhe aber doch vis a vis zum Montblanc, krönt ein filigraner Stahlturm, der einen noch ein Stückchen weiter in den Äther hineinhebt. Gewissermaßen auf metallenen Stelzen bleibt vom sonst so nötigen Bodenkontakt gerade noch das Allernotwenigste. Maximal entfernt vom Boden der Hölle, der in einer Geste finsterster Verzweiflung in Frederic Chopins letztem Prelude in d-moll mit drei finalen Fortissimo-Schlägen berührt wird. So jedenfalls Andre Gide in seinen Anmerkungen zu Chopin, die man uns Klavierstudenten mal zur Einführung in die Preludes hätte ins Übepensum packen sollen – so einfühlsam näherte sich der große Literat dieser großartigen Musik – und die mich auf meiner gegenwärtigen Reise begleiten.

Letzte Vorbereitungen

Juni 9, 2024 § 5 Kommentare

für die nächste Ausstellung. Am kommenden Donnerstag baue ich die Präsentation meiner fotografischen Arbeiten in der Kantine der Staatsbibliothek zu Berlin, Gebäude Unter den Linden, auf. Zu den täglichen Kantinen-Öffnungszeiten werden dann dort bis 1. August dreizehn Fotografien aus der Serie „Kopf hoch“ zu sehen sein.

Alle Fotografien entstanden in der Staatsbibliothek Berlin, Scharoun-Gebäude Postdamer Straße. Beiläufig, ohne Aufwand, mit dem Handy. Sie zeigen ausnahmslos den Blick Richtung Decke, aufgenommen mit dem auf einer Tischkante, einer Balustrade o. ä. plazierten Handy ohne Blick durch den Sucher. Das so zufällig Zustandegekommene wurde im Nachgang gesichtet und ausgewählt.

Aus dem Begleittext:

Der Blick geht nach oben, Richtung Decke. Sie schützt, schirmt ab, begrenzt den Raum auf ein vertikal erfahrbares Maß. Sakrale Bauten kennen die Deckenmalerei. Als Pforte zum Firmament das die Schöpfung abrundet, vielleicht jenseitiges Glück verheißt. Nun liegt das Handy auf der Kante eines Tisches, einer Balustrade, einem Geländer. Der Auslöser der Kamerafunktion bleibt erreichbar. Die Aufnahmen, die so entstehen, zeigen eine Perspektive, die wir üblicherweise liegend wahrnehmen. Vielmehr – nicht wahrnehmen. Denn wir schließen gerne die Augen, starren allenfalls in Momenten der Schlaflosigkeit an die Decke. Frédéric Chopin erlebte so sein Zimmer in der Kartause von Valldemossa während seines in die Literatur eingegangenen Aufenthalts auf Mallorca als Gruft. Die Konstruktion des Deckengewölbes erinnerte ihn an einen Sargdeckel. Dieser empfundenen Todesnähe verdanken sich Stimmungen und Motive einiger seiner berühmten Preludes. Vorahnungen des Todes. Aber da oben wartet noch anderes. Der Blick des zufällig platzierten Handyauges ist kalt und unbestechlich. Es bannt auf den Chip, was von der Decke, oder von Konstruktionsteilen darunter an Lichtstrahlen reflektiert wird. Dass das Schöne, Überraschende mitunter wartet, wo es nicht erwartet wird, zeigen vielleicht diese Fotografien. Und, dass ein Perspektivwechsel immer lohnt.

Peter Schmalfuss

November 6, 2023 § 4 Kommentare

„Ich weiß nicht, wie der Bursche heißt, der das Glück hat, von einer so schönen und hoheitsvollen Klavierlehrerin Unterricht auf dem Flügel zu genießen.“ Nun, ich war’s nicht, wenngleich sich von meinen Klavierstunden gleich die allererste ins Gedächtnis eingebrannt hat. Nicht, weil die Stunde, wie bei Robert Walser, dessen dritte der „Kleinen Geschichten“ mit dem einleitenden Satz beginnt, in einer gegenseitigen Umarmung von Schüler und Lehrerin auf dem Fußboden unterhalb des Flügels geendet hätte. Sondern weil die feine, ältere Dame, die mich in den ersten Jahren unterrichtete, mir als erstes eine wertvolle Kupferkugel in die Hand gab. Keinesfalls dürfe ich sie fallen lassen, sollte mir vielmehr anhand der Wölbung meiner Finger um die Kugel die richtige Fingerhaltung einprägen. Die Weihe des Moments legte den Grundstock für mein Klavierspiel und flößte mir dasjenige Maß an Ehrfurcht ein, durch das der Boden für allerlei angstvolle Erfahrungen bereitet war. Einige Jahre später, ich war unterdessen altersbedingt von der Jugendmusikschule auf’s Konservatorium gewechselt, legte mir mein neuer Klavierlehrer ein Fünfmarkstück auf den Handrücken. Würde es mir beim Spielen herunterrutschen und auf den Boden fallen, hätte ich verloren. Die robusteren unter seinen Schülern, von denen es einige gab, reiften unter dieser Maßnahme zu beachtlichen Instrumentalisten heran. Bei mir trat zu der ohnehin vorhandenen inneren Anspannung äußere Verkrampfung, der ich nur deshalb etwas abzugewinnen vermochte, weil sie sich schützend wie ein Panzer um meine verletzte Seele legte. Aber wieso erinnere ich mich überhaupt meines alten Klavierlehrers? Um Herauszufinden, welcher Pianist etwas von der der dritten Etüde E-Dur op. 10 von Chopin innewohnenden Spannung zwischen 2/4-Takt und gegenläufig gesetzter Melodieführung bemerkt hat, hörte ich auf Naxos, diesem sehr praktischen Klassig-Streaming-Dienst, verschiedene Einspielungen des Stücks. Und stieß so auf meinen Klavierlehrer, dessen Spiel mich nun doch berührte. Von den Jahren seines pädagogischen Wirkens war mir vor allem seine massige, um nicht zu sagen kugelrunde, mächtige Gestalt, die er vorzugsweise in quietschgrüngelbe Rollkragenpullis zu quetschen pflegte, in Erinnerung geblieben. Er war ein Naturtalent, hatte Meisterkurse bei Gieseking besucht und konzertierte eifrig in den entlegensten Gegenden der Welt, beklagte sich jedoch gebetsmühlenartig über das Schicksal, das ihm trotz wiederholter Versuche – für deren Durchführung er die älteren unter uns Schülern als Kartenabreißer einspannte -, durch Konzerte in Frankfurt den Ruf an die dortige Musikhochschule zu erlangen, die Demütigung einer minderen Wirkungsstätte, wie es das Konservatorium war, zumutete. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land – mit dieser regelmäßig geäußerten Erkenntnis tröstete er sich dann über sein Schicksal hinweg. Mein horribles Lampenfieber glaubte er bekämpfen zu können durch immer neue Verpflichtungen zur Teilnahme an den regelmäßigen Schülervorspielen, wodurch alles noch viel schlimmer wurde. Höre ich ihn heute, mit dem Abstand von 50 Jahren, kommt ein wenig Wehmut auf. Die Angst vorm Versagen, intellektuell längst bewältigt, haust aber noch in den Fingern. Der Körper merkt sich alles.

Spontan fertigte ich eine kleine Skizze an. Das auf dem CD-Cover abgebildete Foto diente als Vorlage. Es zeigt ihn noch deutlich schlanker, als er dann wurde. Die Pose des selbstbewußten, aufstrebenden Pianisten, der nicht ohne Stolz seine Werkzeuge vorzeigt.

Sokolov

Mai 5, 2023 § 5 Kommentare

Es gibt Pianisten in Hülle und Fülle, so viele so gute Leute. Und dann geht man eines Abends in die Philharmonie und hört Sokolov. Das heißt, erst sieht man ihn. Stoischen Schrittes geht er zum Flügel, nimmt Platz und beginnt zu zaubern. Einfach so. Natürlich kann man sich hinterher endlos fragen, was er macht, wie er es macht, warum dieses oder jenes so oder anders klingt. Dass das Tempo ein stringent sich entfaltendes ist, ohne rubatorische Verrenkungen, exaltierte Stauchungen und dergleichen mehr, dass der vertikal und horizontal aufgefächerte Klangraum von einzigartiger Kontrolle des Spielapparates zeugt, dass einfach alles seine Richtigkeit hat und man nur noch möchte, dass es nicht aufhört. Dass ein so abgehangenes Werk wie das Regentropfen-Prelude von Chopin klingt, als (er)finde der Pianist in just diesem Moment Musik, anstatt Noten zu spielen, die ihren Weg seit annähernd zwei Jahrhunderten durch abertausende Gehörwindungen gehen. Vielleicht hilft ein Bild: ich stelle mir vor, jemand nimmt eine kostbare Keramik in die Hand und hält sie ans Licht, betrachtet sie von allen Seiten und setzt sie vorsichtig wieder ab. So spielt Sokolov. Er gestaltet die musikalische Linie, als betrachte er das Gefäß. In immer neuen Facetten entfaltet die matt lasierte Oberfläche ein unendliches Farbspektrum, Lichtreflexe tanzen – dabei bleibt es doch die stets gleiche Keramik. Ein und dasselbe Objekt. Es existiert in und außerhalb der Zeit. Die musikalische Phrase hebt an und ist schon da. Hier berührt ein Künstler Menschen. Sie danken es ihm durch nicht enden wollenden Beifall.

Musik entfaltet sich in der Zeit. Und ist doch ganz erst bei sich, wenn sie stehenbleibt. Wie umgekehr ein Bild, wenn man sich hineinziehen lässt, anfängt zu erzählen.

P. S. Das Aquarell entstand in vager Anlehnung an eine Vase aus dem elterlichen Haushalt.

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