Studio 55
März 26, 2026 § Hinterlasse einen Kommentar
Unendliche Weiten an der Aue
März 22, 2026 § 6 Kommentare


Es wohnen schon auch Menschen hier. Entspannt begegnet man sich am Gartenzaun, oder grüßt Spaziergänger. An einem Sonntag aber dominieren Tiere die Szene. Ihr Sound ist omnipräsent. Hintergrundrauschen im Mix aus fernen Vogellauten und nahen Hühnern. Oder Tieren, die nie anders als akustisch in Erscheinung treten und deren Dasein aus Schallwellen zu bestehen scheint. Darüber, im akustischen Mittelgrund das Konzert der Singvögel. On top aber die Kraniche. Ihr Rufen beherrscht eindeutig die Auenlandschaft. Genauer gesagt, die Senke am Fuße eines Hügels, dessen obere Kante durch eine Wand aus Fichten gekrönt wird. Gegenüberliegend, am hinteren Ende der Auen fängt ein Laubwäldchen den Schall und wirft ihn zurück, desgleichen die Anhöhe rechter Hand am Ende des Sandweges. Zur linken läuft die Aue in eine Folge lockerer, von Pferden genutzter Weiden aus, bevor der beginnende Mischwald zunächst den kleinen See, unsere nächst gelegene Badestelle, umschließt, um sich dann Richtung entfernterer Ortschaft auszubreiten. Ein Örtchen im Brandenburgischen. Von unserer Stadtwohnung fahren wir eine Stunde mit dem Auto. Oder wenig mehr mit Bahn und Bus. Sind wir angekommen, fällt als erstes die Abwesenheit von Stein und Beton auf. Man könnte es naturnah nennen. Dabei ist „die Natur“ nichts weiter als eine Fantasie. Eine Projektionsfläche. Ein Sammelsurium für all das, was uns in unserem Alltag nicht gefällt, und wovon wir glauben, dass es uns entfremdet von unserem eigentlichen, „naturhaften“ Dasein. Trete ich in die Aue ein, begegnet mir aber nicht mehr Natur als in der Stadt. Es wechseln schlicht die Akteuere. Tiere dominieren die Szene. Ihre Bühne ist das Theater aus Wald, Wiese und Wasser. Sitze ich auf der Terasse, oder vor der Blockhütte, und schließe die Augen, dann bin ich in Notre Dame. Deren legendäre Akustik mit 9 Sekunden Nachhallzeit, viel gerühmt und zum Klingen gebracht durch menschliche Stimmen und Orgeltöne, kommt mir in den Sinn, wenn das Kranichpaar im Anflug auf die Aue ruft. Es bespielt das Theater an der Aue. D-Dur ist ihre Tonart. Seit Bachs Zeiten die Tonart für Glanz, Repräsentation und Macht. Für Pauken und Trompeten. Ich schlage das zweigestrichene D am Klavier an und nehme den Ruf auf. Die Übereinstimmung bis in die exakte Stimmung des Klaviers hinein ist verblüffend. Wenn Grenzen sich auflösen, Getrenntes zueinander findet, Vielheit in Eins kondensiert, der Kosmos zum Greifen nah ist – in der Kindheit hieß es Raumschiff Enterprise…
Zaucher Land
November 6, 2025 § 2 Kommentare
Ich legte im Besitz wünschenswertester Elastitizät mit gleichsam spielender Leichtigkeit vierzig Kilometer zu Fuß zurück und langte hier an.
Einer dieser Robert-Walser-Sätze. Man könnte nun die Lektüre des Prosastücks Der Herbst nach diesem Auftakt fortsetzen. Eigentlich ist aber schon alles gesagt. Wie in Clint-Eastwood-Western, die mal jemand auf die Formel brachte, ich reite ein in eine Stadt, und der Rest ergibt sich. Ein gutes Bild erzählt auch eine Geschichte. Das heißt, eigentlich nicht, denn die Geschichte ist zwar angelegt, aber nicht auserzählt. Das zeichnet ein gutes Bild aus. Und so zierte einmal ein saftig grüner Kunstleineneinband eine alte schwere Bibliografie. Bis ihre Tage gezählt waren und sie einer neuen Zeit weichen musste. Das in ihr gespeicherte Wissen zog sich zurück in verbliebene Exemplare, der Einband aber überlebte und wurde be- und übermalt.

Zaucher Land.
Acryl auf grünem Buchdeckel.
La cathédrale engloutie in der Blockhütte
Oktober 19, 2025 § 8 Kommentare
Für ein Klavier ist Platz in jeder Hütte. Auch in dieser:

Und so konnte ich mir einen Traum erfüllen. Ein richtiges Klavier im Herzen der Natur. Da offenbar heutezutage niemand mehr einen dieser Old-School-Kästen mit Platzbedarf in Wohnzimmern haben möchte, musste ich gar nicht lange nach einem Instrument suchen. Gestimmt musste es nicht sein, und wird auch nicht mehr gestimmt, denn klar war: es produziert den Sound eines Honkytonk-Klaviers. Wie im Wilden Westen, wo es ein Klavier in jeder Bar gab, aber Temperaturschwankungen regelmäßiges Stimmen sinnlos machten. Die Technik sollte in Ordnung sein, gut aussehen durfte es auch. Voila: Ein Klavier der Marke Lauritz Barth aus Berlin Schönenberg, etwa 100 Jahre auf dem Buckel und bisher nur in Berlin herumgekommen, trat seine Reise aufs Land an.







Angekommen setzte ich mich sogleich ans Instrument. Der Klang übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Er ist überwältigend. Eine Kathedrale aus Sound. Saiten, Stahlrahmen, Holzkasten setzen sich auf meinen Fingerzeig hin in Bewegung, schaukeln sich gegenseitig hoch, treffen auf das Holz der Wände. Die Hütte beginnt zu schwingen und ich sitze in einem Ozean aus Klang. La cathédrale engloutie – dieses Prelude von Debussy findet hier seine wahre Bestimmung. Tiefe, Wärme und Unmittelbarkeit des Klangs sind unbeschreiblich. Ein einfacher h-moll-Akkord, einmal angeschlagen, steht und mäandert über Minuten vor sich hin. Von rechts oben schweben Engelschöre herab. Dieser Klang blüht einen ganzen Sommer. Draußen vor der Hütte wird’s herbstlich, drinnen nehmen Klaviersaiten Kontakt mit dem Kosmos auf. Wechsel nach c-moll. Die Milchstraße beginnt zu glitzern. Unendliche Weiten. Bis der Akkord entschwebt, ist es draußen dunkel geworden.
Zurück zum Wald
Oktober 5, 2025 § 7 Kommentare

In mir ist Wald, sind Felsen, romantische Wiesentäler, Lagerfeuer, ferne Gipfel. Was der reale Wald direkt hinterm Haus am Rande meiner Heimatstadt nicht wirklich hergab – und das war schon viel, immerhin ein von Bombenkratern, aufgeschütteten Schießstandwällen und nach Westen hin durch eine gigantische Müllkippe begrenzter Wald – entnahm ich Abenteuerromanen und Wild-West-Geschichten. Beim Schneidern von echten Leggins half mir meine Mutter, fürs heimliche Feuermachen im Wald – gut zu riechen beim Heimkommen – gabs dann Schimpfe, die Birkenrinde fürs Kanu lag überall ber3it, die echte Baumhütte blieb ein Traum. Nach Einsetzten der Pubertät aber kehrte ich dem Wald den Rücken zu und begann mich Richtung Innenstadt zu orientieren. Ich wurde ein Großstadtbewohner, gelegentliche Ausflüge in die Natur mit eingerechnet. Und wenn es stimmt, dass man Menschen im Leben immer zweimal begegnet, dann auch der Natur. Der Wald, die Wiesen und Auen haben mich zurück, inklusive einer romantischen kleine Blockhütte, Markenzeichen aller Pioniere des Wilden Westens. In der Zauche, einem hochplateauartigen Landstrich südwestlich von Potsdam, beziehen wir nun, idyllisch an einer Aue gelegen, ein bescheidenes Refugium. Fürs Wochenende während der Sommer- und Übergangsmonate zunächst, später vielleicht für mehr.










An der Aue
September 26, 2025 § 2 Kommentare

Die raue Struktur des Buchdeckelkartons legt sich gitterförmig über das Bild, rote Stellen des originalen Buchdeckels drängen sich in den Vordergrund, sind jedenfalls kaum tot zu kriegen, die Aue wirkt angegriffen, kaum schützt der Wald dahinter. Wir haben einen Rückzugsort im Brandenburgischen erklommen, fernab der großen Stadt und so naturnah wie es nur geht. Morgens um halb sechs ist die Hölle los. Es grunzt, fiept, schnurrt, quackt, tiriliert, röchelt, schnarrt, heult, gurrt, plätschert, zwitschert, uhut und baldowert, dass sich die Balken biegen in der kleinen Blockhütte, ganz in die Ecke des Grundstücks als vorgezogener Horch- und Guckposten zur Aue hin platziert und von der Terrasse kaum sichtbar. Dort zieht nächstens ein Klavier ein, 1920 in Berlin-Schöneberg gebaut und noch so gut in Schuss, dass ich demnächst einstimmen werde in den wundersamen frühmorgendlichen Chor an diesem traumverlorenen Stückchen Erde.
Unterwegs
September 8, 2014 § Hinterlasse einen Kommentar
Es tut sich nicht viel auf meinem Zeichentisch dieser Tage. Verwaist. Ich war unterwegs, zuletzt eine Woche radeln durch Brandenburgs Felder, Wiesen, Seen, Teiche, Wälder und Lichtungen, Felder, Flüsse, Auen. Wenig Menschen, gute Luft, gutes, manchmal sehr gutes Essen, Kräuterschnäpse. Da ist schon mal ein wesentlicher Unterschied zu Nordamerika. Wie gut und günstig man hierzulande auf dem Land speisen und trinken kann. Frisch gepflückte Brombeeren zum Frühstück. Selbstgemachter Ziegenkäse, dazu ein Rose vom Weinberg nebenan (ja, in Brandenburg!) In Ratzdorf, wo die Neiße in die Oder mündet, speisten wir in der Gast- und Tanzwirtschaft Kajüte. Das geht Freitags bis Sonntags und ist sehr! zu empfehlen. (Muss aber auch Berliner Kreativvolk raus auf’s Land, alte vom Verfall bedrohte Gemäuer aufkaufen und erhalten, damit’s so wird…) In den Bergen Idahos fürchtete ich mich vor den Bären, in der Niederlausitz radelten wir durch renaturierten ehemaligen Tagebau, rechts alle zehn Meter ein Schild „Todesgefahr. Betreten verboten“, links alle zehn Meter ein Schild „Todesgefahr. Betreten verboten“. Nur auf dem teils gut ausgebauten Radweg war die Todesgefahr gebannt.






