Unendliche Weiten an der Aue

März 22, 2026 § 6 Kommentare

Es wohnen schon auch Menschen hier. Entspannt begegnet man sich am Gartenzaun, oder grüßt Spaziergänger. An einem Sonntag aber dominieren Tiere die Szene. Ihr Sound ist omnipräsent. Hintergrundrauschen im Mix aus fernen Vogellauten und nahen Hühnern. Oder Tieren, die nie anders als akustisch in Erscheinung treten und deren Dasein aus Schallwellen zu bestehen scheint. Darüber, im akustischen Mittelgrund das Konzert der Singvögel. On top aber die Kraniche. Ihr Rufen beherrscht eindeutig die Auenlandschaft. Genauer gesagt, die Senke am Fuße eines Hügels, dessen obere Kante durch eine Wand aus Fichten gekrönt wird. Gegenüberliegend, am hinteren Ende der Auen fängt ein Laubwäldchen den Schall und wirft ihn zurück, desgleichen die Anhöhe rechter Hand am Ende des Sandweges. Zur linken läuft die Aue in eine Folge lockerer, von Pferden genutzter Weiden aus, bevor der beginnende Mischwald zunächst den kleinen See, unsere nächst gelegene Badestelle, umschließt, um sich dann Richtung entfernterer Ortschaft auszubreiten. Ein Örtchen im Brandenburgischen. Von unserer Stadtwohnung fahren wir eine Stunde mit dem Auto. Oder wenig mehr mit Bahn und Bus. Sind wir angekommen, fällt als erstes die Abwesenheit von Stein und Beton auf. Man könnte es naturnah nennen. Dabei ist „die Natur“ nichts weiter als eine Fantasie. Eine Projektionsfläche. Ein Sammelsurium für all das, was uns in unserem Alltag nicht gefällt, und wovon wir glauben, dass es uns entfremdet von unserem eigentlichen, „naturhaften“ Dasein. Trete ich in die Aue ein, begegnet mir aber nicht mehr Natur als in der Stadt. Es wechseln schlicht die Akteuere. Tiere dominieren die Szene. Ihre Bühne ist das Theater aus Wald, Wiese und Wasser. Sitze ich auf der Terasse, oder vor der Blockhütte, und schließe die Augen, dann bin ich in Notre Dame. Deren legendäre Akustik mit 9 Sekunden Nachhallzeit, viel gerühmt und zum Klingen gebracht durch menschliche Stimmen und Orgeltöne, kommt mir in den Sinn, wenn das Kranichpaar im Anflug auf die Aue ruft. Es bespielt das Theater an der Aue. D-Dur ist ihre Tonart. Seit Bachs Zeiten die Tonart für Glanz, Repräsentation und Macht. Für Pauken und Trompeten. Ich schlage das zweigestrichene D am Klavier an und nehme den Ruf auf. Die Übereinstimmung bis in die exakte Stimmung des Klaviers hinein ist verblüffend. Wenn Grenzen sich auflösen, Getrenntes zueinander findet, Vielheit in Eins kondensiert, der Kosmos zum Greifen nah ist – in der Kindheit hieß es Raumschiff Enterprise…

Sehende Ohren

November 3, 2025 § Ein Kommentar

Wenn ich mich morgends in der Hütte ans Klavier setze, die ersten Töne anschlage, vielleicht das Andante favori von Beethoven, das seine „unsterbliche“ Geliebte Josephine von Brunsvick so liebte, sie aber dennoch nicht dazu brachte, ihn zu heiraten, was er sich so sehr gewünscht hatte, wohlwissend, dass die Gottgegebenen verfluchten Standesgrenzen trotz Revolution in Frankreich zu seinen Lebzeiten nicht weichen würden, weshalb er ein ewig nörgelnder, hadernder, verkannter und seinen adeligen Gönnern zeitvertreibender Lakai blieb, Vater- und Patriarchen-Gelüste schließlich seinem Neffen aufdrängend und diesen damit in den versuchten Suizid treibend – lasse ich also das allerliebst favorisierte Andante in die morgendlich frühnovembrig verschleierte Brandenburgische Zauche hinein ausklingen, die subdominantisch beglückend aufblühende Episode in B-Dur noch in alle Fasern nachklingend, so dringen durch die offene Türe Vogelstimmen an mein Ohr, die, so könnte ich schwören, beim Eintritt in die Hütte noch nicht da waren. Beethoven liebte die Natur, seine sechste Symphonie ist voll davon, und die Mondscheinsonate komponierte er in einer Gartenlaube auf dem Anwesen eben jener Familie Brunswick in Böhmen, die dem Genie zeitlebends verbunden blieb. Sonntags früh, bei Tagesanbruch, auf der Terasse sitzend, erlebe ich die Natur als vollkommene Klangkathedrale, als einen riesigen Raum, dessen Akustik angefüllt ist mit den seltsamensten Tieflauten, auch durchsetzungsstarken Kranichrufen, deren Klänge über Wiesen und Auen hallen uns sich als Echo an Waldrändern brechen. Zieht ein entfernter Nachbar sein Rollo hoch, so mischt sich das rhythmische Knarzen perfekt in die Tiersymphonie. Alles Leben verbindet sich akustisch, ohne dass auch nur entferntest Bewegung auszumachen wäre. Die Ohren sehen.

Zurück zum Wald

Oktober 5, 2025 § 7 Kommentare

In mir ist Wald, sind Felsen, romantische Wiesentäler, Lagerfeuer, ferne Gipfel. Was der reale Wald direkt hinterm Haus am Rande meiner Heimatstadt nicht wirklich hergab – und das war schon viel, immerhin ein von Bombenkratern, aufgeschütteten Schießstandwällen und nach Westen hin durch eine gigantische Müllkippe begrenzter Wald – entnahm ich Abenteuerromanen und Wild-West-Geschichten. Beim Schneidern von echten Leggins half mir meine Mutter, fürs heimliche Feuermachen im Wald – gut zu riechen beim Heimkommen – gabs dann Schimpfe, die Birkenrinde fürs Kanu lag überall ber3it, die echte Baumhütte blieb ein Traum. Nach Einsetzten der Pubertät aber kehrte ich dem Wald den Rücken zu und begann mich Richtung Innenstadt zu orientieren. Ich wurde ein Großstadtbewohner, gelegentliche Ausflüge in die Natur mit eingerechnet. Und wenn es stimmt, dass man Menschen im Leben immer zweimal begegnet, dann auch der Natur. Der Wald, die Wiesen und Auen haben mich zurück, inklusive einer romantischen kleine Blockhütte, Markenzeichen aller Pioniere des Wilden Westens. In der Zauche, einem hochplateauartigen Landstrich südwestlich von Potsdam, beziehen wir nun, idyllisch an einer Aue gelegen, ein bescheidenes Refugium. Fürs Wochenende während der Sommer- und Übergangsmonate zunächst, später vielleicht für mehr.

Wo bin ich?

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