Villa senar

Juli 23, 2024 § Hinterlasse einen Kommentar

An unserem letzten Tag in der Schweiz besuchten wir die Halbinsel Hertenstein am Vierwaldstättersee. Der Pianist und Komponist Sergej Rachmaninoff hatte dort 1930 ein Grundstück erworben und eine herrschaftliche Villa im Bauhausstil errichten lassen, in der er bis zu seinem Tod 1943 lebte und arbeitete. Bis 2012 bewohnte ein Enkel das Anwesen, anschließend verfiel das Haus im Streit der Erben. 2022 konnte der Kanton Luzern die Liegenschaft erwerben, renoviert seither das Ensemble und macht es der Öffentlichkeit zugänglich. Wir bekamen großzügige Einblicke ins Haus, bewunderten die vor allem das Herzstück, Rachmaninoffs weitläufig angelegtes Studio mit Konzertflügel, Arbeitstisch, Ruhe- und Kommunikationsmobilar und spektakulärem Ausblick über den See und die angrenzende Bergwelt. Sonntags zuvor hatte der begnadete Pianist Alexander Melnikov, den wir letztes Jahr mit einem Rachmaninoff-Programm in der Philharmonie gehört hatten, das Haus für eine CD-Einspielung in Beschlag genommen. Die Hüterin des Hauses berichtete von den hierfür notwendigen vorübergehenden Umbaumaßnahmen. Wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis.

In der Klanghöhle

August 29, 2023 § 2 Kommentare

Zwischendurch hebt er kurz den Kopf, blickt Richtung Saaldecke und spitzt den Mund, so als wollte er schnell Luft schnappen. Wie ein Fisch vorm erneuten Abtauchen in die Fluten. Klangfluten waren es bei Alexander Melnikov, besser noch: eine atemberaubend verzweigte Klanghöhle, gebaut dereinst vom Komponisten Rachmaninow und nun beleuchtet im umherirrenden Scheinwerferlicht vom Pianisten während seines Auftrittes beim diesjährigen Musikfest Berlin. Man versteht nicht so recht, wie zehn Finger eine sich in der Zeit entfaltende Architektonik stemmen können, wo ja nicht einfach jedem Finger ein Zimmer zuzuordnen wäre. Die Fluchten, Haupt- und Seitengewölbe mitsamt Treppen, Vorgarten und darüber gespanntem Nachthimmel hängen in der Schwebe an parrallel zu spinnenden Fäden, die alle in der Balance gehalten sein wollen. Und was für eine Entdeckung sensationeller Kompositionen des viel geschmähten Komponisten für mich, allen voran die „Etudes tableaux“. Und eine Wiederbegegnung mit dem russischen Pianisten, den ich anlässlich eines Events im Plattenladen Horenstein vor Jahren aus nächster Nähe erleben durfte. Hätte ich Melnikovs glänzenden Artikel in der FAZ vor einigen Tagen* nicht gelesen, wäre ich mit meinem Adornos unsäglichem Wirken geschuldeteten Scheuklappenblick weiter achtlos an Rachmaninow vorbeigegangen. So aber ergatterten wir nach spontanem Entschluss für das eigentlich ausverkaufte Konzert an der Abendkasse noch zwei Karten. Ich könnte nun endlos schwärmen von der Kraft, der Eleganz und Subtilität seines Spiels, von der traumwandlerischen Sicherheit im Erspüren noch der feinsten kompositorischen Details. Stattdessen sei erwähnt, was ich in dieser Vollendung noch nirgends hörte: die Verlängerung der Musik über den Schlußakkord hinaus. Die Brücke zwischen Klang und Stille. Das Spiegelbild der gekonnten Setzung eines Akkordes durch dynamisches Ausbalancieren der Töne in Tateinheit mit subtilster zeitlicher Staffelung im Anschlag – die Herausnahme des Schlussakkords durch mikroskopisches Lösen von den Tasten bei gleichzeitigem Einfaden des Dämpfungspedals. Melnikov  erwähnt in seinem Artikel – ohne ihn beim Namen zu nennen – Alfred Brendels Diktum von Rachmaninows Musik als Zeitverschwendung. Verschwenden wir unsere Zeit nicht länger an pseudointellektuelle Überheblichkeit und spitzen stattdessen unsere Ohren.

*Ein Superhirn voller Bitterkeit, FAZ vom 25.8.23

Musikfest Berlin: Alexander Melnikov II, Rachmaninow: Werke für Klavier solo

Bild: digitale Collage aus Eitempera- und Acrylbildern

Bezaubernder Abend im Horenstein

September 4, 2018 § 2 Kommentare

Mahler Sechste

 

Die Welt dreht sich immer weiter, und man erhascht nur Schnipsel vom Ganzen, hier und da fallen Brosamen auf den Tisch, sei er nun gedeckt oder nicht, der Brosamen wohlschmeckend oder detestabel, die Tischgesellschaft kommod oder zum Naserümpfen. Und manchmal landet da ein Juwel, man weiß nicht wieso und warum. So letzten Samstag. Saß ich da mit dem Weltklasse-Pianisten Alexander Melnikov in einem Raum so klein wie ein – ja, Schallplattenladen. Denn in einem solchen fand die überaus intime Festveranstaltung statt, deren Anlass freilich ein trauriger war, nämlich die Immobilienspekulationsbedingt bevorstehende Schließung des Klassikschallplattenladens Horenstein in der Fechnerstraße zu Berlin. Gefeiert wurde aber doch, schließlich galt es die Leistung des Ladeninhabers Wolf Zube und sein über zehnjähriges Wirken inmitten seiner immensen Sammlung hochkarätiger Klassikaufnahmen zu würdigen. Melnikov, der noch am Vorabend die Berliner Festwochen im Kammermusiksaal der Philharmonie eröffnet hatte, gestaltete also zusammen mit dem Pianisten Alexei Lubimov und dem Geiger Stefano Mollo den musikalischen Teil des Abends. Mitgebracht hatte er seinen Erard-Flügel, der gefühlt bereits die Hälfte des Raumes einnahm und durch seinen silbrig-satten Ton bezauberte. Anschließend wurde gefachsimpelt bei Wein und Gebäck. Großen Dank an den Klassikvinylgroßmeister Wolf Zube für diesen wunderbaren Abend.

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